Inhaltsverzeichnis
Das Regiment der Unbestimmtheit
Die theoretische Inhaltslosigkeit der persönlichen Beziehungsebene
Inhaltliche Schwindsucht und ein begründungstheoretisches Dilemma
Dekonstruktivistischer Schnappschuss
Politisch-korrektes Duckmäusertum auf der „Reise nach Jerusalem“
Kollektiver Vatermord – Der nonkonformistische Aufstand der präödipalen Geschwisterhorde
Nachwort: Zur Zukunft eines „kategorial-kritischen“ Zusammenhangs
Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik – oder: Die Zombifizierung radikaler Gesellschaftkritik
Einleitung: Die Exit-Spaltung und die Frage nach der Legitimität wert-abspaltungs-kritischer Theoriebildung
Erster Teil: Die identitätslogische Keule – oder: Der formallogische Regress
Intellektuelles Wiederkäuen: „Copy-and-paste“ als theoretische Vermittlung
Der abstrakte Erkenntnisklopfer – zum Exorzismus am Prozessmoment der Reflexion
Der tautologische Remixer: Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung
Eklektizistischer Staubsauger und der anachronistische Zug der Theorieleichen
Zweiter Teil: Die theologische Moralisierung der „Kritik“ als akademische Raserei – oder: Der inhaltliche Regress
Der frühe Streit um die Geschichtstheorie
Der Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie
Ethischer Reduktionismus: Leidensphilosophie und die Moralisierung der Kritik
Dritter Teil: Subjektivistische Metaphysik – oder: Der formallogisch-inhaltliche Regress
Die realfetischistische Dialektik von Objektivität und Subjektivität
Ökonomietheoretischer Reduktionismus
Die „postmodern-immanente Wende“ und der neue Praxisfetisch
Fetischkritischer Reduktionismus und die Apotheose der Staatlichkeit
Epilog: Des Kaisers neue Kleider – oder: Die Stunde der SeelenverkäuferInnen
Anhang
„Denn der Mensch ist ewig der gleiche“ Zum Verhältnis von Dialektik und Geschichte: Eine Kritik an dem Text „Geld – ist doch klar, oder?“
Geschichtsphilosophie als verlängerte Erkenntnistheorie und der Status des „kategorialen Bruchs“
Ontologie und Teleologie als letzter Schrei der Geldgeschichte
Der krisentheoretische Paukenschlag.
Zum Scheitern verurteilt
„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“
„Krisis“ am Ende – oder: Das Ende der wertkritischen Krisentheorie
Das Regiment der Unbestimmtheit
Vorwort
Auf einmal macht es „Bum!“. Scheinbar ohne Vorlauf hat ein Eklat Platz gegriffen, in dem nichts mehr ist, wie es noch vor kurzem gewesen war. Ein über lange Zeit reibungslos miteinander arbeitender Zusammenhang liegt in Scherben und über Jahrzehnte gewachsene Beziehungsverhältnisse hinterlassen nur noch einen Trümmerhaufen. Einer Naturgewalt gleich rollt der Konflikt über die Beteiligten hinweg, sodass sich die meisten von ihnen noch nach seiner Exekution konsterniert die Frage stellen: „Was ist hier eigentlich passiert?“
Diese Konfliktdynamik erfasst in Zeiten der postmodernen Fundamentalkrise potentiell jeden sozialen Kontext. Ob nun der örtliche Ruderverein, der schulische Elternrat oder die ehrenamtliche Organisation des Stadtfestes, der Zerfall der Subjektform lässt noch die gewöhnlichsten Vereinsaktivitäten bisweilen zu einem Drahtseilakt werden, unter dessen Oberfläche eine unstillbare Geltungssucht, entgrenzte persönliche Animositäten und Affekte tief empfundener Depravierung brodeln.
Im Zusammenhang radikaler Gesellschaftskritik potenziert sich dieses Problem zusätzlich. Weil „kategoriale Kritik“ in der radikalen Infragestellung bürgerlicher Identität gründet, die postmoderne Zerfallssubjektivität aber gerade an einer tiefsitzenden Identitätskrise laboriert, fallen die Affekte hier ungleich schärfer aus. Es ist der radikale Inhalt der Wert-Abspaltungs-Kritik selbst, der mitunter noch von denjenigen als eine Zumutung empfunden wird, die sich zur Ausarbeitung seiner einst freiwillig zusammenschlossen.
Das unterscheidet den sozialen Zusammenhang radikaler Gesellschaftskritik von allen anderen Organisationen. Dass die Individuen des Rudervereins beispielsweise aus der Passion fürs Rudern einen sozialen und vereinsrechtlichen Kontext gegründet haben, darf man aller Identitätsprobleme des postmodernen Zerfallssubjekts zum Trotz voraussetzen. Für den sozialen Zusammenhang „kategorialer Kritik“ lässt sich dies jedoch keineswegs in derselben Weise stipulieren.
Wie die Erfahrung lehrt, tritt ein Gros der Individuen nicht etwa vorbehaltlos an die Theoriebildung heran. Im Gegenteil kochen sie zumeist ihr eigenes Süppchen. Es steht dabei entweder in einer nur losen Verbindung zur Kritik oder zeichnet sich gleich ganz durch eine dezidierte Theorieferne aus. Dabei gilt die Faustregel: Je inkompatibler die eigene Schoße sich mit dem radikalen Inhalt „kategorialer Kritik“ ausnimmt, mit desto mehr Nachdruck pochen ihre ProponentInnen darauf, sie endlich doch noch in ihn hinein zu kippen.
In der kleinen Minderheit sind heute diejenigen, die sich „kategorialer Kritik“ deshalb angeschlossen haben, um – bei allen Unklarheiten und Leerstellen im Einzelnen – tatsächlich an ihrer Weiterentwicklung mitzuwirken. Ein realistischer Blick auf die Dinge muss präsumieren, dass die überwiegende Mehrzahl der Beteiligten im sozialen Kontext „kategorialer Kritik“ und ihres Umfelds die Wert-Abspaltungs-Kritik zwar ganz passabel findet; aber eben zugleich auch die antideutsche Ideologie, den Dekonstruktivismus oder aber den Katholizismus.
Bei diesem Phänomen handelt es sich um wesentlich mehr als nur eine Begleiterscheinung kritischer Theoriebildung. Wie die Theoriegeschichte „kategorialer Kritik“ in den letzten drei Dekaden demonstriert, bringt diese sonderbare Ambivalenz drastische Nachwirkungen mit sich. Von der krisis-Spaltung über die verschiedenen Scharmützel innerhalb der Exit-Gruppe bis hin zur Exit-Spaltung: Führten die verschiedenen Eklats nicht gleich ganz zur Spaltung und dem Neuaufbau einer Theoriegruppe – mit all der dafür notwendigen Zeit und Anstrengung –, so legten auch die kleineren Gefechte die vorhandenen und ohnehin rar gesäten theoretischen Kapazitäten lahm. Der wirkliche Zeitfresser für kritische Theoriebildung besteht heute nicht mehr im Zwang zur Lohnarbeit oder dem zerfallsfamiliärer Sozialisationsform, sondern in der Profilierungssucht von chronisch Aufmerksamkeit erheischenden TheoretikerInnen in spe.
In dieser Gemengelage macht sich die konkret gesellschaftliche Krisensituation bemerkbar. Der Zerfallssubjektivität spätpostmoderner Notstandsverwaltung ist die Puste ausgegangen; ihre eingefleischte Haltung, die eher einem Bauchgefühl gleichkommt, ist die leibhaft gewordene Halbherzigkeit. Deshalb ist das Zerfallssubjekt nicht primär für eine Sache, sondern hat ihr gegenüber immer schon weitreichende Bedenken – es ist aber auch nicht in erster Linie gegen sie, weil an ihr durchaus „interessante Aspekte“ und „kreative Ideen“ gefallen.
Das entgrenzte Zerfallssubjekt ist, wie Robert Kurz in seiner „Faulen Dissidenz“ spottet, deshalb gleichzeitig „dabei und dagegen“. Weil die Wert-Abspaltungs-Kritik in ihrer negativen Bestimmtheit sowie inhärenten Konsistenz das glatte Gegenteil zu diesem versteinerten Wankelmut abgibt, schlägt das Pendel am Ende dann doch zuverlässig in Richtung „dagegen“ aus. Es folgt der Knall – und dem inhaltlichen Bruch sogleich der persönliche. Am Ende kann man nur heilfroh sein, wenn der entsprechende Kontext trotz alledem zusammengehalten werden kann.
Da sich die „faule Dissidenz“ (Robert Kurz) im Kontext radikaler Gesellschaftskritik inzwischen tummelt, wird er gleichsam naturwüchsig von einem prekären Ungleichgewicht durchzogen. Die Analogie mit den bürgerlichen Vereinsformen wirft auf dieses Gefälle im „kategorial-kritischen“ Kontext ein Schlaglicht. Es ist, als müsse man in einem Ruderverein ständig darüber diskutieren, warum man nicht endlich ein Tennisfeld baue, wohingegen andere Zeitgenossen in jeder zweiten Vollversammlung den Antrag darauf stellen, sich in ein Kleintierzüchterheim umzuwandeln. Aus naheliegenden Gründen muss eine solche Konstellation unhaltbar sein.
Was jeden inneren Konflikt und erst recht die Spaltungen „kategorialer Kritik“ charakterisierte, war jene Unhaltbarkeit einer sich verselbständigenden Gruppendynamik, deren irrationaler Überschuss jedoch völlig begriffslos blieb. Zwar waren sowohl die krisis- als auch die Exit-Spaltung primär durch einen inhaltlich-theoretischen Konflikt bedingt; zugleich machte sich jedoch das Unvermögen breit, den Widerspruch auf dieser Ebene auszutragen. Die „dabei-und-dagegen“-Haltung postmoderner Zerfallssubjektivität brilliert durch eine prinzipielle Unbestimmtheit, die den inhaltlich-theoretischen Disput meidet und sich stattdessen auf die persönliche Ebene kapriziert.
Es liegt in der eigentümlichen Paradoxie des Regiments der Unbestimmtheit, dass es einen theoretischen Inhalt angreift, ohne selbst auf dieser theoretisch-inhaltlichen Ebene zu argumentieren. Damit ist für die radikale Kritik jedoch eine epistemische Leerstelle der Konfliktaustragung gesetzt: Ihr Versuch, den Widerspruch im Medium der objektiven Wahrheit inhaltlicher Kritik auszutragen, gerät in eine Sackgasse, wenn sich die andere Seite beständig unter der theoretisch-inhaltlichen Auseinandersetzungslinie wegduckt.
Diese epistemische Leerstelle ist allerdings folgenschwer. Sie sieht sich außerstande, die der inhaltlichen Regression korrespondierende Regression auf der persönlichen Beziehungsebene zu bestimmen. Nun substituiert aber in der akuten Konfliktsituation diese Regression auf der persönlichen Ebene in zunehmendem Maße den theoretischen Inhalt, der von der „faulen Dissidenz“ nicht mehr auf der Höhe der Zeit ausgewiesen werden kann – und deshalb dem gesamten Disput einfach entzogen wird.
Diese epistemische Leerstelle muss um der Schlagkraft der eigenen Theorie willen erschlossen werden. Ansonsten bleibt die kritische Reflexion sowohl auf die krisis-Spaltung als auch auf die periodisch wiederkehrenden Scharmützel innerhalb von Exit sowie auf die Exit-Spaltung selbst nur unvollkommen und in bestimmter Hinsicht lückenhaft. Und muss sich schließlich mit der kolossal ignoranten Frage zufrieden geben, die sich bei nicht wenigen Leuten im Zuge derlei Konflikte einstellt: „Was ist hier eigentlich passiert?“
Zur Debatte steht deshalb die gruppendynamische Verselbständigung, wie sie nicht nur die Spaltungen „kategorialer Kritik“, sondern auch die Grabenkämpfe der linken Szene kennzeichnet. In ihr kommt eine weithin unterbelichtete Kategorie zum Tragen: Der irrationale Überschuss verweist auf eine Eigenlogik, die über die Intention der beteiligten Individuen hinausreicht. Die sich angesichts ihrer regelmäßig einstellende Begriffslosigkeit verweist auf die starken Anteile an Unbewusstem, die sich in diesem gruppendynamischen Überschuss bündeln.
Was sich nun unter dem Regiment der Unbestimmtheit während der Exit-Spaltung als verselbständigte Gruppendynamik zugetragen hat, ist in dem Grad an Irrationaltät kaum zu vermitteln. Aus der Unfähigkeit, den objektiven Inhalt der negativen Wahrheit noch auf der Höhe der Theoriebildung zu besetzen, erwächst eine Disposition, die den niedrigsten Impulsen des bürgerlichen Gefühlshaushalts freie Bahn bricht. Die am kategorialen Abstraktionsniveau des radikalen Inhalts abgleitenden Sekundär-TheoretikerInnen, deren Geltungsdrang von dem ständigen Eindruck befallen ist, zu kurz gekommen zu sein, repräsentieren die Affektschleuder schlechthin des krisenbürgerlichen Seelenhaushalts.
Die hier entfaltete Inhaltsdimension der persönlichen Beziehungsebene ist uns also aufgedrängt worden – durch die nie enden wollende Serie an Konflikten im sozialen Zusammenhang radikaler Gesellschaftskritik; durch die dabei sich herausbildende Gruppendynamik, welche noch die minimalen theoretischen Kapazitäten strukturell lahmlegt; und, was den konkreten theoriegeschichtlichen Gang in sich anbelangt, durch die Exit-Spaltung, in welcher der objektiv-inhaltliche Begründungsanspruch über Bord geworfen wurde, um der Trivialisierung der eigenen Allerwelttheorie den Weg zu ebnen.
Wiewohl uns die kritische Darstellung aufgedrungen wurde, ermöglicht sie es wenigstens, eine jener besonders bizarren Selbsttäuschungen „fauler Dissidenz“ zu dechiffrieren. Es gehört nämlich zur Ironie der „kategorial-kritischen“ Theoriegeschichte, dass just jene Personen, welche die persönliche Beziehungsdimension und die charakterliche Disposition der Individuen beinahe zwanghaft in den Vordergrund rückten, sich auf dieser Ebene immerzu wie der Elefant im Porzellanladen aufführten. Ihr Gebaren lässt eine Ahnung davon aufschimmern, was es bedeutet, wenn der „molekulare Bürgerkrieg“ (Hans Magnus Enzensberger) des erodierenden Weltkapitals im sozialen Zusammenhang radikaler Gesellschaftskritik Einzug erhält.
Einleitung
Im Mai 2019 ging eine Mail durch den Redaktionsverteiler der damaligen Exit-Gruppe. In ihr kündigten Roswitha Scholz, Leni Wissen und Herbert Böttcher dem Redaktionsmitglied Daniel Späth die Zusammenarbeit auf. Dieser Rauswurf meiner Person aus der Redaktion war verbunden mit den Austritten des Redaktionsmitglieds Patrice Schlauch, des Vorstandsmitglieds Heiko Gebauer sowie eines langjährigen Sympathisantenstamms von Exit. Sie gründeten mit fractura – Gruppe für kategoriale Kritik einen neuen Zusammenhang.
Gegenwärtig liegt der theoretische Absturz von Exit auf der Hand. Die Schmalspurkommentare im Heft wie auf der Homepage werden seither immer seltener von Redaktionsmitgliedern verfasst und die Erschließung neuer kategorialer Gegenstandsbereiche ist vollständig ausgeblieben. Spätestens mit der schamlosen Affirmation des Ausnahmezustands während „Corona“ kann das Ankommen der ehemaligen Wert-Abspaltungs-Kritik im politisch-medialen Mainstream nicht mehr übersehen werden.
Hier soll es zunächst jedoch um etwas Anderes gehen. Nun erwiese sich bereits der bloße Sachverhalt als erklärungsbedürftig, wie die beinahe zwei Jahrzehnte lang gewachsene Speerspitze radikaler Gesellschaftskritik, der Exit-Kontext, in nur wenigen Monaten institutionell wie intellektuell mal eben so an die Wand gefahren werden konnte. Ihre Zukunft wurde durch die Exit-Spaltung willentlich infrage gestellt: während sich Exit von „kategorialer Kritik“ verabschiedet hat, muss sich die aus der Spaltung entstandene Neugründung fractura – Gruppe für kategoriale Kritik erst noch als legitime Vertreterin der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung behaupten. Insofern steht die mögliche Fortexistenz „kategorialer Kritik“ nach wie vor zur Disposition.
Mehr noch verlangt jedoch ein anderer, bezeichnender Umstand der Exit-Spaltung eine Begründung dessen, was sich dabei überhaupt zugetragen hat. Denn so offenkundig sich in ihr objektiv-inhaltliche Widersprüche manifestierten, die eine Differenz ums kategoriale Ganze ausmachen, fanden sie grosso modo keinen Eingang in das subjektive Bewusstsein der Beteiligten. Tatsächlich hat die inhaltliche Austragung dieser Widersprüche niemals stattgefunden. Dass ausgerechnet auf dem Boden „kategorialer Kritik“, die sich den inhaltlichen Begründunganspruch als primäres Kriterium auf die Fahnen geschrieben hatte, ein solch weitreichender Bruch bar jeder Reflexion auf seine inhaltlich-theoretische Substanz über die Bühne gehen konnte, signalisiert den fortgeschrittenen Zerfall linker Gesellschaftskritik.
Die damit verbundene gruppendynamische Irrationalität im sozialen Zusammenhang der Theoriebildung selbst ist kein Novum. Sie steht eindeutig in der Tradition des krisis-Konflikts, der schon einmal, wenn auch nicht mit derselben existenziellen Wucht, den Fortbestand „kategorialer Kritik“ infrage stellte. Wenn gegenwärtig das wertkritische Spektrum im weitesten Sinne von Leuten bevölkert wird, die in der krisis- und der Exit-Spaltung nicht fundamentale theoretische Dissense als Ursache der Zerwürfnisse identifizieren, sondern nur mehr die problematischen Umgangsformen der ProtagonistInnen untereinander, hat sich die gruppendynamische Eigenqualität gegenüber jedem inhaltlichen Wahrheitsanspruch verselbständigt. Von dieser Verselbständigung, die weit über die Exit-Spaltung hinausreicht, soll im Folgenden die Rede sein.
Versuchten die ProtagonistInnen von Rest-Exit von Anfang an, Bedeutung und Ausmaß der Spaltung herunterzuspielen und möglichst von dem weiteren Umfeld abzuschotten, ist es unerlässlich, die Tragweite des damaligen Bruchs innerhalb der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung zu dokumentieren. Alles andere würde auf das Scheitern an der kritischen Begründungspflicht hinauslaufen, die erklären können muss, wie und warum der Fortbestand „kategorialer Kritik“ von heute auf morgen in den Sternen steht. Dazu bedarf es eines Rekurses auf interne Dokumente, der sich aus der Sache selbst heraus begründen muss; zumal die meisten Stellungnahmen im halböffentlichen Rahmen des Beirats versendet wurden und somit einem größeren Umfeld bekannt sind.
Dass die Spaltung über den wert-abspaltungs-kritischen Zusammenhang hinaus keine Wellen geschlagen hat, war von Anfang an intendiert. Die Revision der Wert-Abspaltungs-Kritik bei Exit sollte im stillen Kämmerlein abgehandelt werden. Das hat sie mit Sicherheit nicht verdient. Dagegen ist kritisch Einspruch zu erheben, um „kategoriale Kritik“ wieder in ihr Recht zu setzen. Es gilt daher jene Modi öffentlich zu machen, die in der Preisgabe wert-abspaltungs-kritischer Theorie resultierten. Gemäß dem Marxschen Credo ist die dabei zutage tretende „Schmach noch schmachvoller“ zu machen, „indem man sie publiziert“.
Die theoretische Inhaltslosigkeit der persönlichen Beziehungsebene
Am Anfang der Exit-Spaltung stand der inhaltliche Bruch. Bereits der personelle Aderlass der Spaltung unterstreicht diesen Befund. Entwickelte sich zunächst eine Scheidelinie quer durch die innersten Gremien des Zusammenhangs, an der sich zwei Fraktionen jeweils zu pari gegenüberstanden, resultierte der Konflikt in einer veritablen Spaltung. An dessen Ende hatten nicht nur die Hälfte der Redaktions- und Vorstandsmitglieder sowie ein langjähriger Sympathisantenstamm dem Exit-Kontext den Rücken gekehrt, sondern mit fractura – Gruppe für kategoriale Kritik einen neuen Zusammenhang gegründet. Dass ein solch weitgehendes personelles und institutionelles Ausmaß des Konflikts ohne eine inhaltliche Grundsatzdifferenz schlechterdings nicht vorstellbar ist, müsste eigentlich eine Binsenweisheit sein.
Überblickt man die Theoriegeschichte der Wert-Abspaltungs-Kritik, ist ein vergleichbarer Bruch bisher nur im Gefolge der Krisis-Spaltung von 2004 zu verzeichnen gewesen. Schon auf den ersten Blick sind die Parallelitäten beider Vorgänge in verschiedenen Bereichen offenkundig. Hier wie dort ging der Riss mitten durch Redaktion und Vorstand; hier wie dort wurden unliebsam gewordene Personen aus dem Zusammenhang geschmissen. In beiden Fällen okkupierte der Konflikt den gesamten Kontext. Erfolgte damals mit Exit der Neuaufbau eines wert-abspaltungs-kritischen Kontextes, zog die Exit-Spaltung die Gründung von fractura nach sich. Dieser Zusammenhang wurde von den vormaligen Redaktions- bzw. Vorstandsmitgliedern und ehemaligen Sympathisanten von Exit aufgebaut und wird sich in Zukunft intellektuell und personell erst noch beweisen müssen.
Im grellen Gegensatz zur institutionellen Tragweite der Spaltung sucht man bei Exit eine Einordnung des Konflikts vergeblich. Das ist umso erstaunlicher, da er etwa zwei Jahre lang Redaktion und Vorstand in Beschlag genommen hatte und mit heftigen Kontroversen einhergegangen war. Der einzige Vermerk zum internen Bruch findet sich in dem Editorial eines Heftes und lautet: „Daniel Späth und Patrice Schlauch sind aus der Redaktion ausgeschieden.“[1] Die Exit-Spaltung wird in einem einzigen Satz abgehandelt, wobei schon dieser den realen Verlauf grotesk verzerrt.
Natürlich drückt sich in dem krampfhaft wirkenden Versuch, die Spaltung nach außen hin zu kaschieren, die taktische Borniertheit des politizistischen Alltagsverstands aus. Allerdings geht diese Ausblendung der Spaltung nicht in einer willentlichen Strategie auf, die sich des Arsenals taktischer Camouflage bediente. Es muss konstatiert werden, dass ihre objektiv-inhaltliche Essenz in großen Stücken keinen Eingang in das Bewusstsein der Beteiligten gefunden hat. Eine Stichprobe im Umfeld von Rest-Exit würde das Ergebnis zeitigen, dass das große Ungefähr die Erklärung des Konflikts dominiert.
Irgendwie sei es damals nicht gut gelaufen. Und sicherlich spielten in den Konflikt inhaltliche Aspekte mit hinein. Aber deshalb hätte die Auseinandersetzung nicht so unversöhnlich ausfallen müssen. Aus dem Dunst des Indefiniten blitzt einzig die nervöse Unbeirrbarkeit hervor, dass dieser Zwist, hätte man nur einen anderen Umgang mit ihm gefunden, intern und ohne Spaltung zu lösen gewesen sei. So oder ähnlich würden sich die zögernden Erklärungsversuche ausnehmen, die bezeichnenderweise den Deutungen des krisis-Crashs bis auf die Haarspitzen ähnelten.
Exekutiert wurde die Exit-Spaltung durch eine Mail von Roswitha Scholz, Leni Wissen und Herbert Böttcher. In ihr kündigten sie die Zusammenarbeit mit mir auf, was faktisch einem Rauswurf entsprach und billigend den Austritt von Patrice Schlauch und Heiko Gebauer wie auch den Verlust eines langjährigen Sympathisantenstamms einpreiste. Zum ersten Mal tauchen in der Mail jene Deutungsversuche auf, welche die Wahrnehmung der Spaltung innerhalb von Exit nicht unwesentlich orchestrieren sollten.
Diese als „Verhalten Daniel“ titulierte Mail vom 01.05.2019 umfasst nur wenige Zeilen. Sie moniert, „Daniels Auseinandersetzungsstil‘“ habe „auch in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass keine gedeihliche Kommunikation und Kompromisse innerhalb eines Grundkonsenses möglich sind.“[2] Nun ist es zutreffend, dass ab einem gewissen Zeitpunkt keine „Kompromisse“ mehr zu erzielen waren. Ob für eine solch tiefgehende Zäsur in der redaktionsimmanenten Zusammenarbeit der „Auseinandersetzungsstil“ eines Individuums eine ausreichende Begründung abgibt, ist, gelinde gesagt, mehr als zweifelhaft.
Für Scholz, Wissen und Böttcher stand der Hauptschuldige in meiner Person und meinem „Auseinandersetzungsstil“ gleichwohl fest. Dieser Stil wird des Weiteren als „aggressiver Gestus“ bezeichnet, der sich „keineswegs nur auf den Umgang“ mit einzelnen Personen „beschränkt“[3]. In dieses Licht ist auch die entscheidende Botschaft gehüllt, die meinen Rausschmiss ausdrücklich einfordert. Scholz, Wissen und Böttcher proklamieren, sie sähen „persönlich (!) angesichts der mit unseren Personen verbundenen Unterstellungen und Zuschreibungen (…) keine Grundlage mehr für die Zusammenarbeit mit Daniel in Exit-Gremien, in denen Inhalte diskutiert werden müssen.“[4]
Vergegenwärtigt man sich den Grundtenor dieser ohnehin in nur mageren Absätzen dahingeschmierten Mail, aspiriert sie den Geruch eines banalen Beziehungskonflikts mit Sitcom-Aroma. Jemand habe die gediegen anmutenden Umgangsformen „gedeihlicher Kommunikation“ und Kompromisssuche durch seinen „aggressiven Auseinandersetzungsstil“ gestört, was bei manchen Anwesenden eine solche „persönliche“ Betroffenheit provozierte, dass der Zusammenarbeit die Grundlage entzogen werden müsse. Die Kausalität, mit der diese „Begründung“ vorgetragen wird, ist evident: Die primäre Ursache des Konflikts liege in den Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen Daniels. Die sekundäre Folge davon sei, dass keine „Inhalte“ mehr „diskutiert werden“ könnten.
Nur mehr zaghaft wird jene entscheidende Sphäre angedeutet, um derentwillen sich alle Redaktions- und Vorstandsmitglieder unter dem Dach von Exit zusammengefunden haben (sollten), das inkriminierte Redaktionsmitglied Daniel eingeschlossen: der theoretisch-inhaltliche Kern der Wert-Abspaltungs-Kritik. Dass sich die Fronten in Redaktion und Vorstand so stark verhärteten, dass keine „Inhalte“ mehr „diskutiert werden“ konnten, stellte den inhaltlichen Konsens der Theoriebildung infrage. In der Mail von Scholz, Wissen und Böttcher erlischt diese Genesis eines lange währenden und aufreibenden Streits, der aus widersprüchlichen Positionierungen zu bestimmten Inhalten entstanden war. Die theoretische Inhaltslosigkeit richtete den Fokus zusehends auf die persönliche Beziehungsebene.
Erhoffte man sich, die Sache mit dem ephemeren Hinweis auf die „inhaltlichen Diskussionen“ über die Bühne gebracht zu haben, blieb es Scholz, Wissen und Böttcher nicht vergönnt, ganz ohne einen Rekurs auf die inhaltliche Bedeutsamkeit ihres Rauswurfs auszukommen. Zwar bemühte Claus Peter Ortlieb in seiner Reaktion auf meinen Rauswurf ebenfalls die persönliche Beziehungsebene – „Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems, lieber Daniel, scheint mir allerdings ausschließlich bei dir zu liegen“ –, wobei er es darauf nicht beruhen ließ. „(A)uf der anderen Seite“, gab er zu bedenken, „stimme ich Heiko darin zu, dass die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit Daniel inhaltlich für uns ein schwerer Verlust wäre, der nach Möglichkeit vermieden werden sollte.“[5] Mit seinem die inhaltliche Dimension in den Vordergrund stellenden Hinweis blieb Claus Peter Ortlieb eine von wenigen Ausnahmen.
Obwohl Ortlieb zumindest die inhaltlichen Konsequenzen des Dissenses benennt, soweit sie meinen Rauswurf aus der Redaktion beträfen, verzichtete er auf eine umfassendere Einordnung des internen Disputs. Dessen inhaltlich-theoretische Tragweite reichte nämlich weit über den Rausschmiss eines Redaktionsmitglieds hinaus. Diese grundsätzlich theoretisch-inhaltliche Dimension wird von ihm nicht berührt und sollte auch in der weiteren Folge der Auseinandersetzung im Hintergrund verblassen.
Nun kam der umstrittene Zustand der Theoriebildung nicht von ungefähr. Jeder Spaltung vergleichbarer Couleur geht eine konfliktauslösende Begebenheit voran, die den Stein ins Rollen bringt. In ihr kumulieren sich zuvor noch unterschwellig zirkulierende Strömungen zu einem greifbaren Anlass, der einen irreversiblen Prozess in Gang setzt, in dem scheinbar nichts mehr ist, wie es kurz vorher noch gewesen war.
Für die Exit-Spaltung gab die Publikation des Textes „Geld – ist doch klar, oder?“ von Richard Aabromeit im Exit-Heft 14 den revisionistischen Sündenfall ab. Er wirkte als Initialzündung eines inhaltlichen Konflikts, der von da an nicht mehr abebbte und im Bruch endete. War es einst noch möglich, ein Jahrzehnt reibungslos und mitunter sogar in einem vertrauten Klima die Theoriebildung weiterzutreiben, entzweite der Schnitt nun auch die persönlichen Beziehungsverhältnisse. Kurzum: Nach dem Fanal des geschichts- und geldtheoretischen Traktats war nichts mehr wie zuvor.
Seit der Veröffentlichung von „Geld – ist doch klar, oder?“ standen sich zwei Gruppierungen innerhalb von Redaktion und Vorstand gegenüber. Auf der einen Seite sprachen sich Roswitha Scholz, Leni Wissen, Thomas Meyer und Herbert Böttcher auf dem entsprechenden Redaktionstreffen für die Publikation des Textes aus. Auf der anderen Seite standen Patrice Schlauch, Heiko Gebauer und ich, die in dem Artikel eine revisionistische Abkehr von der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ (Robert Kurz) erblickten. Es wäre daher zu erwarten gestanden, dass dieser sich zur Kenntlichkeit herauskristallisierende inhaltliche Widerspruch um die Geschichtstheorie im Medium des theoretischen Begründungsanspruchs ausgetragen würde.
Dem war jedoch mitnichten so. Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher hielten sich mit eigenen Beiträgen vornehm zurück. Der Text habe, so ließe sich ihre Haltung zusammenfassen, gewisse Vorzüge gegenüber der bisherigen Geschichtstheorie; wenn auch nicht ganz klar welche. Andererseits komme er aber ohne die eine oder andere Schwäche auch nicht aus. Außerdem sei Aabromeit ohnehin nur ein „Jahrmarkt-Herkules“[6], wie Roswitha Scholz in einer späteren Beiratsmail anmerkte. Wer werde also seinen Artikel schon ernst nehmen? Alles in allem, lautete die Konklusion, handle es sich lediglich um einen „harmlosen Artikel einer unschuldigen Position“. Zum ersten Mal wurde die zur ewigen Beantwortungslosigkeit verdammte Frage mit einem schiefen Grinsen im Raum platziert: Was ist eigentlich euer Problem?
Inhaltliche Schwindsucht und ein begründungstheoretisches Dilemma
Die abwiegelnde Naivität von Scholz, Wissen und Böttcher war indes völlig deplatziert. Gerade die Theoriegeschichte der Wert-Abspaltungs-Kritik zeigt, dass seit der Gründung von Exit die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ zu den umstrittensten Gebieten „kategorialer Kritik“ gehört. Kurz nach der krisis-Spaltung und der Institutionalisierung der neuen Exit-Gruppe entbrannte schon einmal ein Dissens um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie.[7] Es kann kein Zufall sein, dass die Frage nach der Historizität von Fetischverhältnissen erneut als Zankapfel innerhalb der Exit-Gruppe in Erscheinung trat. Dieser nicht zu leugnende Dissens hätte eine Vorgehensweise evoziert, die sich an den Kriterien „kategorialer Kritik“ orientiert. Er hätte entsprechend des objektiv-inhaltlichen Begründungsanspruchs der Wert-Abspaltungs-Kritik einer theoretischen Austragung zugeführt werden müssen. Von unserer Seite aus konnte das nur die Konsequenz zeitigen, die theoretische Begründungsebene einzunehmen. Daraus entstand die kritische Stellungnahme „Dialektik und Geschichte“[8], an deren Abfassung ich mich umgehend machte, sobald ich mir das Traktat zum ersten Mal zu Gemüte geführt hatte. Das versetzte die Kritiker am hermeneutischen Text Aabromeits in eine sonderbare Situation.
Als wir im anhebenden Konflikt, bewaffnet mit einem ausführlich argumentierenden Text, den geschichtstheoretischen Kampfplatz betreten hatten, standen wir plötzlich seelenallein auf weiter Flur dar. Kurz nachdem sie das faule Ei unter falscher Flagge im Heft platziert hatten, nahmen die ProtektorInnen von „Geld – ist doch klar, oder?“ plötzlich wieder Reißaus. Obwohl intern eine heftige Kontroverse um das Traktat Aabromeits entbrannte, bezogen weder Scholz und Wissen noch Böttcher sowie Thomas Meyer eine eigenständig und schriftlich ausgearbeitete Position zu diesem Sachverhalt. Es machte sich eine inhaltliche Schwindsucht breit, die es gar nicht mehr für nötig erachtete, sich theoretisch auszuweisen.
Diese inhaltliche Zurückhaltung mutet in einem wert-abspaltungs-kritischen Kontext an sich schon seltsam an. Bei Roswitha Scholz verwunderte sie im Speziellen. Schmückte sie sich bisweilen mit dem Nimbus des „Flintenweibs“, der ihr im krisis-Konflikt von Lohoff, Trenkle und Co. zugeschrieben wurde, wartete man auf eine theoretische Klärung ihrerseits vergeblich. Scholz blieb bis zur Spaltung eine eigene Stellungnahme zum geschichtstheoretischen Komplex schuldig. Insofern fiel das „Flintenweib“ vornehmlich durch eine ausgemachte Konfliktscheue auf, welche den eigenen Standpunkt in Watte packte.
Kursorische Anhaltspunkte boten maximal Andeutungen zur „objektiven Hermeneutik“ eines Ulrich Oevermanns am Biertisch – allenfalls ein Tropfen von Scholz auf den heißen Stein des geschichtstheoretischen Disputs. Dass für sie das „hermeneutische Verfahren“ in Wahrheit die Wert-Abspaltungs-Kritik auch über die geschichtstheoretische Dimension hinaus verdrängt hat, wurde eher beiläufig und in einem ganz anderen Kontext angedeutet[9], als die Spaltung de facto bereits vollzogen worden war.
Mit dieser Absenz eines eigenen theoretischen Begründungsanspruchs eröffnete sich für „kategoriale Kritik“ jedoch ein epistemisches Gefälle. Statt den inhaltlichen Konflikt theoretisch zu bearbeiten, schälte sich eine Vorgehensweise heraus, die den objektiven Dissens durch ihre hermetische Indifferenz von vornherein zu mediieren suchte: ein „harmloser Artikel“ eben, der eine „unschuldige Position“ vertrete. Wie aber mit diesem begründungstheoretischen Dilemma umgehen?
Der Verweigerung gegenüber einer theoretisch-inhaltlichen Standortbestimmung kann nur schwer mit einer Insistenz auf eben dieser inhaltlichen Dimension des Konflikts entgegengetreten werden. Diese Ausgangssituation erinnert an den berühmten Kampf gegen Windmühlen, der jedes Bemühen, die internen Differenzen auf der Ebene des theoretischen Inhalts auszutragen, ins Leere laufen lässt. Damit eröffnet sich für die Wert-Abspaltungs-Kritik jedoch ein gravierendes theoretisches Begründungs- und Darstellungsproblem: Der Wegfall der objektiv-inhaltlichen Ebene kann nicht wieder auf derselben Ebene objektiv-inhaltlich begründet werden. Bestenfalls vermag konstatiert zu werden, dass sich Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher gar nicht auf die theoretische Dimension eingelassen haben; erklärt ist damit aber noch lange nichts. „Kategoriale Kritik“ kommt aber nicht umhin, kritisch darzulegen, was sich in der Exit-Spaltung überhaupt zugetragen hat.
Als instruktiv stellt sich abermals der Blick auf die Theoriegeschichte heraus. Sofern eine Kollision vergleichbaren Ausmaßes bisher nur in der krisis-Spaltung zu beobachten war, stellt sich die Frage, ob in ihr analoge Mechanismen prävalierten. In der Tat finden sich in der Aufarbeitung der krisis-Spaltung von Robert Kurz wertvolle Anhaltspunkte für das erwähnte theoretische Begründungsproblem. So apostrophiert er in Bezug auf diese Spaltung: „Es gibt nun ein Problem der Darstellung dessen, was hier eigentlich passiert ist.“[10]
Robert Kurz benennt den Prototyp des Regiments der Unbestimmtheit, an dessen Ende sich für fast alle Beteiligten sehr wohl die Frage stellt, „was hier eigentlich passiert ist“. „Denn“, entwickelt er dieses „Darstellungsproblem“ weiter, „der zur Verfügung stehende Begriffsapparat, die Deutungsmuster, Rezeptions- und Lesegewohnheiten sperren sich der realen Einheit von Inhalts- und Beziehungsebene.“ Kurz hebt einen entscheidenden Aspekt hervor: In jedem theoretischen Kontext existiert ein dialektisches Vermittlungsverhältnis von „Inhalts- und Beziehungsebene“, das eine widersprüchliche Einheit abgibt.
Die in diesem Vermittlungsverhältnis gelegenen Tücken werden von Robert Kurz in seiner Analyse des krisis-Crashs weiter entwickelt. „Bei der Darstellung sachlicher, inhaltlicher Gegensätze und Auseinandersetzungen“, kommt er auf das Problem zu sprechen, werde „die (persönliche) Beziehungsebene normalerweise systematisch ausgeblendet.“ Andererseits können „Beziehungsverhältnisse und Beziehungskonflikte (…) nur etwa als Roman oder als psychologische Fallstudie dargestellt werden.“ Dem fetischistisch geprägten Bewusstsein fallen „Inhalts- und Beziehungsebene“ systematisch auseinander, womit „unter anderem auch eine strenge Trennung von Inhalts- und Beziehungsebene impliziert“ ist.
Die Argumentationslinie von Kurz lässt sich erst richtig bemessen, wenn man des Umgangs mit der krisis-Spaltung gewahr wird. Der Rausschmiss von Robert Kurz und Roswitha Scholz aus der Redaktion wurde von Seiten Lohoffs, Trenkles und Co. nämlich hauptsächlich auf der Ebene persönlichen Verhaltens dingfest gemacht. Es sei der untragbare Charakter von beiden, der schließlich zum Bruch habe führen müssen. Dagegen wendet Kurz ein, dass „(a)ller Inhalt eine Form“ habe, was nicht allein die objektive Ebene des theoretischen Inhalts betreffe. Deswegen sei „Inhaltskritik (…) nicht möglich, wenn nicht die Form selber zum Inhalt der Kritik wird; nicht nur die objektivierte Reproduktionsform der Wertvergesellschaftung, sondern auch die damit verbundenen Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz.“[11]
Diese Einsicht bildet eine wichtige Brücke, um dem begründungstheoretischen Dilemma auf die Schliche zu kommen. Die ideologische Gespaltenheit von „objektiv-neutraler“ Sache und „subjektiv-persönlicher“ Beziehungsebene reduziert die persönlichen Umgangsweisen auf eine individuelle Geltung, die maximal als „psychologische Fallstudie“ an das Subjekt heranzutreten vermag. In der Tat enthält aber nicht nur die Wert-Abspaltung ein objektives Formprinzip, dem der realabstrakte Inhalt „abstrakter Arbeit“ wie auch die weiblich konnotierten Reproduktionstätigkeiten entsprechen, auch die persönliche Beziehungsebene stellt eine gesellschaftlich objektivierte „Umgangs- und Verkehrsform falscher Immanenz“ dar, der im Beziehungsinhalt ein eigener Inhalt sui generis zukommt.
Ein erster Schritt in der Aufarbeitung der Exit-Spaltung ist somit vorgezeichnet. Wenn am Anfang der inhaltliche Bruch stand, der aber bis heute seiner theoretischen Aufarbeitung harrt, dann muss sich die inhaltliche Schwindsucht durch die spezifische Qualität der persönlichen Beziehungsebene hindurch herstellen. Die Abwesenheit des theoretischen Inhalts wird durch einen Inhalt sui generis vollstreckt, der auf einer anderen Abstraktionsebene der „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ situiert ist. Wie aber ist diese gruppendynamische Formierung begrifflich zu bestimmen?
Verweilen wir für den Moment beim krisis-Eklat und seiner Aufarbeitung. Interessanterweise räumt Robert Kurz zu diesem Zwecke der Freudschen Psychoanalyse einen prominenten Platz ein, auf den man in seinen sonstigen Texten nicht oft stoßen wird. Darin spiegelt sich natürlich das Problem der persönlichen Beziehungsebene wider, auf der schon die krisis-Spaltung ausgetragen wurde. Diese gruppendynamischen Beziehungsformen fokussierend, schreibt er: „Dabei muß man nicht besonders psychoanalytisch durchgebildet sein, um zu wissen, daß die ödipale Konstellation ebenso wie männerbündische Strukturen einen ganz gewöhnlichen Bestandteil bürgerlicher Beziehungsverhältnisse bildet. Es handelt sich nicht bloß um eine Familienkonstellation im engen Sinne, sondern um ein universelles Beziehungsmuster im historischen Kontext der männlich-weißen westlichen Subjektform.“[12]
In der Tat führt von hier an eine verheißungsvolle Spur zur Lösung des begründungstheoretischen Dilemmas. Indem Robert Kurz auf ein „universelle(s) Beziehungsmuster“ hinweist, das die bloße „Familienkonstellation“ transgrediere, benennt er die objektivierte Qualität der „ödipalen Konstellation“. Dieses sozialpsychische Formierungsprinzip wird zwar im Binnenuniversum privater (Zerfalls)Familiarität erworben, aggregiert sich dabei jedoch zu einem „universellen Beziehungsmuster“, das jedwede soziale Interaktion präformiert. Als Bindungsglied der im privat-familiären Raum akquirierten, sich aber zum objektivierten Beziehungsmuster erweiternden „Umgangsform“ fungiert die „Identifizierung“. Sie wird von Freud „als früheste Äußerung einer Gefühlsbindung an eine andere Person“[13] bestimmt, die ebenso in den späteren Beziehungsmustern persistiere.
Nun hat sich eine wert-abspaltungs-kritische „Kritik durch Deutung“ erst ein Jahrzehnt nach der krisis-Spaltung entwickelt. Zudem steckt sie bis heute in den Kinderschuhen. Es kann Robert Kurz daher nicht zum Vorwurf gemacht werden, dass er mit dem ödipalen Formprinzip eine anachronistische Kategorie in seine Darstellung integriert. Die von fractura – Gruppe für kategoriale Kritik entwickelten ersten Ansätze zu einer psychoanalytischen Kritik haben nachgewiesen, dass das postmoderne Krisensubjekt unter dem Bann der „inneren Schranke“ des Weltkapitals vielmehr in ein präödipales Formprinzip regrediert.
Mit diesem Wandel hat sich auch die spezifische Eigenständigkeit der „Verkehrsformen falscher Immanenz“ modifiziert. Die von Freud in seinem Buch „Massenpsychologie und Ich-Psychologie“ abgehandelte Identifizierung beschränkt diese „früheste Gefühlsbindung“ auf das ödipale Formprinzip. Diese Fokussierung ergab sich gleichsam naturwüchsig aus dem realen Erfahrungsgehalt von Freud, entwickelte er seine Psychoanalyse schließlich am neurotischen Sozialcharakter, dessen Symptome ihn zu einer Erklärung des darin zum Vorschein kommenden Leids drängten. Folgerichtig präzisiert er die „Identifikation“ dadurch, dass er sie in die „Vorgeschichte des Ödipuskomplexes“ einordnet. „Der kleine Knabe“, veranschaulicht Freud ihre Eigenheit, „legt ein besonderes Interesse für seinen Vater an den Tag, er möchte so werden und so sein wie er (…) Sagen wir ruhig: er nimmt den Vater zu seinem Ideal.“[14]
Durch die Metamorphose vom neurotisch-ödipalen zum narzisstisch-präödipalen Sozialcharakter hat jedoch die neurotische Identifikation an Geltung für die psychische Realität eingebüßt. Sie hängt ihrer psychodynamischen Genese nach an der symbolisch präsenten Macht des Vaters. Die insbesondere im Zuge der postmodernen Krisenvergesellschaftung sich ausbreitende „vaterlose Gesellschaft“ (Mitscherlich) ist der Erosion bürgerlicher Zwangsfamiliarität jedoch immanent. Sie verunmöglicht die neurotisch-ödipale Identifikation mit dem Vater. Die ödipale Identifikation ist der präödipalen Form der Objektzueignung gewichen: der präödipalen Identitätsbildung bzw. dem narzisstischen Identitätszwang.
Diese narzisstische Identitätsbildung hat zur Konsequenz, dass ihr unbewusster Zwang die äußeren Objekte – menschliche wie nicht-menschliche – nur mehr als Element des eigenen Persönlichkeitsentwurfs gelten lässt. Die strukturell inzestuöse „Ungeschiedenheit“ von den Objekten hat ihnen jene Ambivalenz von psychischer Realität und äußerer Realität ausgetrieben, die der neurotisch-ödipalen Identifikation noch eigen war. Sie scheinen ganz in das diffuse Universum präödipaler Wunschvorstellungen hineingezogen worden zu sein; bis sich ihre verleugnete äußere Realität zu Wort meldet, woraufhin sie in einer Art psychischem Ausnahmezustand vernichtet werden müssen.
Es versteht sich von selbst, dass die narzisstische Identitätsbildung auch die libidinösen Besetzungen und gruppeninternen Beziehungsverhältnisse weitgehend transformiert hat. Sofern die dem besetzten Objekt einst innewohnende Widersprüchlichkeit von psychisch-innerer und äußerer Realität sukzessive verschwindet, stellt sich das interpersonale Gefüge im Zusammenhang kritischer Theorie zunehmend als eine wechselseitige Beziehung von Identitätspositionen dar.
Weil fast alle aneinander nur das aneignen, was dem fiktiven Zwang des eigenen Ich-Ideals zupass kommt, dadurch jedoch der projektive Raum des Identitätszwangs die realen äußeren Objekte – nicht zuletzt dasjenige des theoretischen Inhalts – immer stärker überformt, konstituieren die aus ihm sich ergebende Objekt-„Besetzungen“ im Konfliktfall jene verselbständigte Gruppendynamik, deren irrationaler und imaginärer Überschuss immer größere Teile der äußeren Wirklichkeit und ihrer inhaltlichen Realität in sich verschluckt. Außerstande dazu, sich in seiner psychischen Entgrenzung von der externen Realität korrigieren zu lassen, manipuliert dieser Überschuss die äußere Wirklichkeit zugunsten der unbewussten Forderungen des Ich-Ideals, die auf die Anerkennung der eigenen Größenphantasien von dieser verleugneten Umwelt zielen. In der Verselbständigung gruppendynamischer Irrationalität findet sozusagen das imaginäre Leerlaufen des narzisstischen Identitätszwangs statt.
Doch noch die psychische Entgrenzung des zur objektverleugnenden Desexualisierung verdammten „Lustprinzips“ ist in ihrer imaginären Transgression von dem objektiven Inhalt bedingt. Gegen den individualpsychologischen Blick der Postmoderne ist in Anbetracht der Theoriegeschichte „kategorialer Kritik“ einzuwenden, dass jeder Spaltung ein theoretisch-inhaltlicher Konflikt vorausgegangen ist. Nicht das „Verhalten“ oder der „Charakter“ von bestimmten Individuen induziert die irrationale Verselbständigung, es ist der objektiv-inhaltliche Dissens, der sich ohne Ausnahme als ursächlich für die verschiedenen Spaltungen erweist.
Eine wert-abspaltungs-kritische „Kritik durch Deutung“ muss diesem Sachverhalt Rechnung tragen. Sie muss die in sich gebrochene Einheit von Inhaltsebene (objektiver Inhalt der theoretischen Kritik) und Beziehungsebene (verselbständigte Gruppendynamik) zur Darstellung bringen. Sie kann die gruppendynamischen Prozesse nicht psychologistisch für sich nehmen, sondern muss sich ihrer objektiven Bedingtheit von dem weithin ausgeblendeten theoretischen Konflikt bewusst sein. Es gehört demnach zu ihrer spezifischen, damit aber auch beschränkten Geltung, dass eine wert-abspaltungs-kritische „Kritik durch Deutung“ erst dort ansetzen kann, wo mit dem objektiven Konflikt auch der objektive theoretische Inhalt als Maßstab weggebrochen ist. Von dort an vermag sie unterdessen neben dem theoretisch-inhaltlichen Absturz von Rest-Exit auch deren Verwahrlosung auf der persönlichen Beziehungsebene zu dechiffrieren.
Dekonstruktivistischer Schnappschuss
Jedem gesellschaftskritischen Zusammenhang wohnen theoretische Voraussetzungen inne. Auf „kategoriale Kritik“ trifft das noch mehr zu als auf andere Theoreme. Sie ist, wie Robert Kurz formuliert, „mehr als ihr bloßer Name und kann nicht auf eine (…) Art Grundthese eingedampft werden.“[15] Als „kategoriale Kritik“ richtet sich ihr Impetus auf die gesellschaftliche Totalität, deren Negation sich nicht auf einen Spruch bringen lässt. Denn diese Totalität ist nicht nur eine historisch in sich prozessierende, sondern erweist sich als ein multipler Vermittlungszusammenhang, in den verschiedene Dimensionen gesellschaftlicher Konstitution eingehen.
Auf der höchsten Abstraktionsebene erfährt der moderne Fetischismus durch die Wert-Abspaltungs-Form eine paradoxale Vermittlung. Als konkrete Totalität setzt sie aus ihrem eigenen Prozess heraus jedoch weitere Mesoebenen ihrer Konstitution, die auch die kulturell-symbolische, sozialpsychische und soziale Dimension enthält. Erst in ihrer historisch spezifischen Vermitteltheit untereinander und in ihrem Bezug auf die Wert-Abspaltung lässt sich die „kategoriale Kritik“ des prozessierenden Ganzen entfalten: „Eine Theorie muss immer auf die konkrete Totalität der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung zielen, auch wenn diese niemals vollständig gedanklich reproduzierbar ist.“[16]
Um das gebrochene Ganze in seinen multiplen Vermittlungszusammenhängen auf den Begriff bringen zu können, erfordert die Wert-Abspaltungs-Kritik eine theoretische Voraussetzung, die Adorno einmal als „Denken in Konstellationen“ bezeichnet hat. Durch die Kritik des in sich dynamischen Ganzen hebt sich negative Dialektik vom wissenschaftlichen Positivismus ab, der die Totalität in „abstrakt-definitorischen Bestimmungen“ verdinglicht und ihren realfetischistischen Prozess durch „isoliert-allgemeine( ) Resultate( )“[17] sistiert.
So weit, so gut. Dieser Darstellung hätten alle Redaktions- und Vorstandsmitglieder vor dem Ausbruch des Konflikts bedenkenlos zugestimmt. Doch kaum als die kontroverse Debatte um das faule Ei „Geld – ist doch klar, oder?“ begonnen hatte, zerrann diese theoretische Prämisse wie Sand zwischen den Fingern. Mit zunehmender Fortdauer der Auseinandersetzung kristallisierte sich bei Exit eine objektivierte Wahrnehmungsform heraus, die den geschichtstheoretischen Streitgegenstand seinen verschiedenen Zusammenhängen konsequent entrückte. Ihre reductio ad absurdum dampfte ihn auf eine abstrakte Unmittelbarkeit ein, die ihm jeden Bezug auf die anderen Bereiche der Theorie austrieb.
Zuerst fiel diesem manierierten Isolationsdrang der geschichtstheoretische Inhalt zum Opfer. Es wurde so getan, als hätten die konkretistischen Lapsus der „sich ereignenden Ereignisse“ und des „Passierens historischer Ereignisse“ im Geld-Traktat nichts mit einer historistischen Geschichtsphilosophie und der abstrakten Einzelheit ihres hermeneutischen Ansatzes am Hut. Ebenso wenig könne die Negation des Fetischbegriffs für die Vormoderne mit der historistischen Verabsolutierung der Differenz in Verbindung gebracht werden, die kein Gemeinsames der menschlichen Gewaltgeschichte kennt, weil ihr „jede Epoche unmittelbar zu Gott“ (Ranke) ist.
Als nächstes wurde der Konflikt um das Geld-Traktat seinem theoriegeschichtlichen Vorlauf enthoben. Denn anhand derselben Frage – kann der Fetischbegriff auch für vormoderne Gesellschaften gelten? – entzündete sich kurz nach der Neugründung von Exit schon einmal ein früher Streit um die Geschichtstheorie.[18] Er wurde im zweiten und dritten Heft ausgetragen, wobei Roswitha Scholz und Claus Peter Ortlieb bereits damals als Redaktionsmitglieder diesen Dissens hautnah miterlebten. Kein Wort jedoch davon, dass das faule Ei von Aabromeit unter falscher Flagge einen Faden wieder aufnahm, der in direkter Fortsetzung eines bereits erledigten Hahnenaufstands stand; kein Laut darüber, dass es damals deshalb zu einem internen Zerwürfnis gekommen war.
Das nachgerade mechanische Einschnappen dieser Perzeptionsform kappte reflexhaft jeden übergeordneten oder weitergehenden Vermittlungszusammenhang des Geld-Traktats. Es sollte fortan nur mehr in sich durch sich selbst erklärbar sein. Als erstes Element des Regiments der Unbestimmtheit schälte sich eine objektivierte Wahrnehmungsform heraus, die als dekonstruktivistischer Schnappschuss funktionierte. Er löste das Geld-Traktat aus allen ihm inhärenten Kontexten heraus, wodurch es zum Alien unter den Theoriefragmenten mutierte, dessen überirdische Abkunft ihm als undefinierbares und unförmiges Etwas ins Gesicht geschrieben stand.
Wie sich in der Folge des Dissenses herausstellen sollte, strahlte der dekonstruktivistische Schnappschuss über die Sphäre der Historie hinaus auf die Reflexionsform als solche aus. Sachverhalte in ihre Kontexte einzuordnen erregte fortan beträchtliche Schwierigkeiten. „Mir scheint“, proklamierte das Vorstandsmitglied Böttcher in Anbetracht des Konflikts, „dass es kaum mehr möglich ist, alle die Bezüge auf einzelne Diskussionen und Zusammenhänge zu rekonstruieren.“[19] Eindeutig eine Untertreibung Böttchers, dessen dekonstruktivistischem Wahrnehmungsmodus es fortan unmöglich war, überhaupt noch irgendwelche „Bezüge“ und „Zusammenhänge zu rekonstruieren.“
Nachdem der Schnappschuss das faule Ei des Geld-Textes zuerst seinem geschichtstheoretisch-inhaltlichen und anschließend seinem theoriegeschichtlichen Zusammenhang entrissen hatte, um fortan ganz auf die „Rekonstruktion“ irgendwelcher „Zusammenhänge“ zu pfeifen, machte er sich schließlich über die theoretische Vermittlungsleistung als solche her. Die Absage an ein „Denken in Konstellationen“ verblieb keineswegs im Internum der Beiratsdiskussion. Sie erhob geradezu programmatischen Anspruch.
Als sich Roswitha Scholz Monate später in einem Kommentar zu meinem Querfront-Text auf den „nichtssagenden Begriffs eines ‚Bedingungszusammenhangs’“[20] einschoss, der in dem Text nur beiläufig fällt, kam diese erratisch wirkende Einlassung keineswegs von ungefähr. Nun wäre ihr bei derlei Wortfindungsstörungen zu raten, ein Wörterbuch zur Hand zu nehmen. Derweilen vielleicht der Ratschlag von Nöten sein könnte, dass es sich um ein zusammengesetztes Nomen aus „Bedingung“ und „Zusammenhang“ handelt. Aber offensichtlich geht es hier nicht (nur) um linguistische Fragestellungen auf Grundschulniveau, sondern um die Tabuisierung von Vermittlungskategorien, die auf übergreifende Zusammenhänge und übergeordnete Kontexte rekurrieren.
Es ist allerdings aussagekräftig, dass Robert Kurz diese Dekontextualisierung von Inhalten schon in der krisis-Spaltung am Werke sah. Nach ihm erwies es sich bereits damals als ein signifikanter Zug der Auseinandersetzung, dass Sachverhalte „dekontextualisiert“ und „von ihrem konkreten Bedingungszusammenhang (abgelöst)“ wurden, um eine „abstrakt-allgemeine“[21] Perspektive einzunehmen, der es letztlich gar nicht um eine inhaltliche Kritik bestellt sei. Das sollte hellhörig machen.
In der Tat hat sich das Unvermögen, über die abstrakte Gegebenheit hinaus weitere Reflexionsebenen aufzuspannen, in der „cancel culture“ zu einem eigenen politisch-medialen Diskurs formiert. Die Fixierungen, mithilfe derer gewisse diskriminierende Wörter in der politisch-medialen Öffentlichkeit aus ihrem Zusammenhang gerissen und für sich genommen werden, reproduzierten sich eins zu eins in krisis– und Exit-Spaltung. Auch wenn die dingliche Fixierung im Falle des Exit-Konflikts den Zweck der Affirmation (eines Textes) erfüllte und nicht den einer Negation (von Wörtern).
In der zwanghaften Dekontextualisierung machte sich ein irrationaler Überschuss bemerkbar. Er koppelt die Wahrnehmung, psychoanalytisch ausgedrückt, auffällig eng an die unbewussten Primärprozesse. Was Freud in seiner Sprachtheorie paradigmatisch am zeitgenössischen Spezialfall der Schizophrenie bzw. der Psychosen entwickelt hat, nämlich den dinglichen Konkretismus ihrer auf die abstrakte Einzelheit restringierten Vorstellungswelt, ist heute zu einer hegemonialen Wahrnehmungsmatrix avanciert. Die Fähigkeit zu „konstellativem Denken“ hängt nach Freud an der Leistung des Ichs, die unbewussten „Sachvorstellungen“ in bewusste „Wortvorstellungen“ zu übersetzen, die erst die Besetzung der äußeren Objekte und der sie umgreifenden Zusammenhänge hervorbringt. „Solche erst durch Worte faßbar gewordene Relationen“ konnte Freud zu seiner Zeit noch als „Hauptbestandteil unserer Denkvorgänge“[22] postulieren.
Unter dem Zwang der präödipalen Form der Psyche gleicht sich der postmoderne Sozialcharakter der psychotischen Matrix immer weiter an. Denn die präödipale Identitätsbildung beruht auf einer doppelten Verleugnung der Objekte. Zum einen ist das narzisstische Begehrt-Werden-Wollen, dessen Ich-Ideal den spiegelnden Blick der Mutter einfordert, das Resultat einer desexualisierenden Verleugnung nach innen, also einer Desexualisierung des begehrenden Triebs. Damit verbunden ist aber auch die desexualisierende Verleugnung nach außen: Die Verleugnung der Objekte fasst sich in der Verleugnung der diese Objekte in sich begreifenden Vermittlungszusammenhänge äußerer Realität zusammen. Dadurch regrediert der narzisstische Sozialcharakter auf die unbewussten Primärvorgänge von „Sachvorstellungen“ in ihrer vermittlungslosen Einzelheit, die nicht mehr zur reflexiven und sprachlichen Durchdringung des Objekts im Sinne der Konstellationen stiftenden „Wortvorstellung“ in der Lage ist.
Die Konsequenzen dieses dinglichen Wahrnehmungsrasters wurden bei Exit nirgends so kenntlich wie in den Umtrieben Aabromeits und seiner eigentümlichen „Wertkritik“. Indem sein Geld-Text die falsch verstandene Arbeitskategorie ontologisiert und damit den auf der Realabstraktion Arbeit beruhenden Substanzbegriff eliminiert[23], fungiert das Traktat als direkter Angriff auf das Zentrum „kategorialer Kritik“: auf die radikale Krisentheorie. Die fast schon homolog zu Lohoff und Trenkle argumentierende Stoßrichtung wurde von Aabromeit nebenbei auch in zwei Beiratsreferaten mit arbeitsontologischen und naturbeherrschenden Prämissen unterstrichen. Dass er noch unmittelbar vor seinem ersten Kontakt mit dem Exit-Kontext regelmäßig krisis-Seminare frequentiert hatte, ließ keinen Zweifel daran, wessen Geistes Kind sich hier Raum verschaffte. So kehrte er nach seinem Intermezzo als Vorstandsmitglied bei Exit wieder in seine geistige krisis-Heimat zurück, für die er sofort als Autor in Erscheinung trat.
Unter normalen Umständen wäre dieses Auftreten allenfalls als Kuriosum eines jener „Wertkritiker“ zu verbuchen, der die krisis-Spaltung einfach nicht verdauen kann. Im Falle von Aabromeit agierte jedoch ein Individuum als Vorstandsmitglied aus dem Inneren des Zusammenhangs heraus, um der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung völlig neue respektive alte und abgestorbene Inhalte zu injizieren. Damit wirkte der Schnappschuss jedoch entscheidend auf die theoretische Dimension zurück, koinzidierte seiner zwanghaften Dekontextualisierung eine neue Toleranz gegenüber bestenfalls theoriefremden Inhalten.
Fassen wir Aabromeits Position zusammen, so ergibt sich ein konsistentes Bild: Er kam von krisis und hat diese Position mit einem naturbeherrschenden und einem arbeitsontologischen Referat unterstrichen. Anschließend negierte er à la Lohoff und Trenkle neben der Geschichtstheorie die auf dem Substanzbegriff basierende Krisentheorie in seinem Geld-Traktat. Schließlich schloss er sich wieder seiner geistigen Heimat, dem krisis-Kontext, als Autor an – von allen sonst gefallenen hanebüchenen Äußerungen einmal abgesehen. Ostentativer hätte dieser inhaltliche Standpunkt nur noch dadurch offeriert werden können, dass Aabromeit auf Exit-Seminaren und Beiratstreffen T-Shirts mit den Slogans „I love krisis“ oder „FCK kategoriale Krisentheorie“ getragen hätte.
Nicht so bei Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher. Sie haben den dekonstruktivistischen Schnappschuss zur Perfektion gebracht. Auf den Werdegang von Aabromeits Standpunkt warfen sie einen ganz eigenen Blick: Er besuchte direkt vor seiner Mitwirkung bei Exit noch krisis-Seminare – Schnappschuss: „Eine unschuldige Position“. Er hält zwei arbeitsontologische und naturbeherrschende Beiratsreferate – Schnappschuss 2: „Harmlose Inhalte“. Sein Text verwirft die Geschichtstheorie sowie die kategoriale Krisentheorie – Schnappschuss 3: „Ein harmloser Artikel einer unschuldigen Position“. Schließlich kehre er zu krisis als Autor zurück – Schnappschuss 4: „Jahrmarkt-Herkules“.
Das Wendehals-Syndrom
Mit dem „konstellativen Denken“ verzahnt ist eine weitere theoretische Voraussetzung „kategorialer Kritik“. Die verschiedenen Vermittlungszusammenhänge fallen ihr gerade nicht wie dem postmodernen Eklektizismus in divergente Sphären auseinander, die es in interdisziplinärer Äußerlichkeit wieder zusammenzupfropfen gelte. Weil die verschiedenen Gegenstandsbereiche aus der Konkretisierung der Theorie an der fetischistischen Wirklichkeit entsprungen sind, manifestiert sich an ihnen und durch sie hindurch die innere Kohärenz des ganzen Ansatzes.
Robert Kurz hat diese Voraussetzung „kategorialer Kritik“ in seiner „faulen Dissidenz“ dargelegt. „Kein einziger dieser Inhalte“, betont er, „ist aber aus rein subjektivem Räsonnement heraus dem Label nur äußerlich angehängt worden und deshalb wieder leichthin abtrennbar. Vielmehr handelt es sich um Entwicklungen des grundlegenden theoretischen Ansatzes selbst, die in oft jahrelangen äußeren und inneren Konflikten herangreift sind. Nichts davon ist zufällig oder bloß von Einfällen und oberflächlichem, affektgesteuertem Gutdünken bestimmt.“[24]
Wenige Wochen nach der Veröffentlichung von „Geld – ist doch klar, oder?“ klangen diese Zeilen bereits wie eine Reminiszenz an längst vergangene Vorzeiten. Hatten Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher den Artikel Aabromeits durch die eigene Zustimmung zu seiner Publikation als neuen geschichtstheoretischen Ansatz designiert, wendete sich das Blatt nur wenige Wochen danach. Mit Thomas Meyer sprang ein erster Kombattant recht zügig vom sinkenden Schiff ab. Innerhalb kürzester Zeit wechselte er die Fronten, um sich vom Artikel Aabromeits abzusetzen.
Obwohl Roswitha Scholz sich als entscheidende Promotorin von „Geld – ist doch klar, oder?“ hervortat, wurde auch sie vom grassierenden Wankelmut erfasst. Setzte sie sich ehedem offensiv für die Publikation von „Geld – ist doch klar, oder?“ ein, hieß es, nachdem Aabromeit Exit schließlich in Richtung krisis verlassen hatte, nun lapidar: „Es war sicherlich ein Fehler den Geld-Text von Ernst zu veröffentlichen…“[25] Eine wohlfeile Distanzierung freilich, denn mit dem Durchboxen von „Geld – ist doch klar, oder?“ waren bereits Fakten geschaffen worden.
Den größten Schwankungen war die geschichtstheoretische Standortbestimmung jedoch bei Leni Wissen und Herbert Böttcher ausgesetzt. Insbesondere das Redaktionsmitglied Wissen fiel durch ein exzessives „Tindern“ durch die verschiedenen Positionen auf. Ihr Zugang zum geschichtstheoretischen Konflikt definierte sich nicht über den objektiven Inhalt, sondern über die subjektiven Motiv- und Gefühlslagen der Beteiligten. Ungeachtet des konkreten Inhalts begegnete sie jedem geschichtstheoretischen Standpunkt daher erst einmal mit einem ausgreifenden Verständnis.
Da sich der objektive Inhalt jedoch nicht in den therapeutischen Zugang auflösen lässt, durchlief Wissen eine wahrhafte Odyssee, die sie durch alle denkbaren Standpunkte zur Geschichtstheorie mäandern ließ. Vertrat die ewige Therapeutin lange Jahre die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ ohne erkennbare Vorbehalte, setzte sie sich sodann für die Veröffentlichung des Geld-Traktats ein. Nach der Lektüre meines Textes „Dialektik und Geschichte“ pflichtete sie der Kritik an Aabromeits Artikel zu, um sich nur wenige Wochen darauf wiederum von meiner kritischen Stellungnahme zu distanzieren und sich gegen ihre Veröffentlichung auszusprechen.
Wie lässt sich dieses Couchsurfing durch die unterschiedlichen Standpunkte zur Geschichtstheorie erklären? Aktiviert wurde es im Fall der Exit-Spaltung von der gruppendynamischen Resonanz auf den Artikel Aabromeits, die sich spürbar verändert hatte. Nicht nur, aber auch durch die interne Veröffentlichung meiner kritischen Stellungnahme „Dialektik und Geschichte“ angeregt, nahm die Kritik an „Geld – ist doch klar, oder?“ über die redaktions- und vorstandsinternen Kreise hinaus zu. Die objektivierte Verhaltensform einer ungebremsten Flexibilisierung der eigenen Positionen kam dadurch zustande, dass sich die DekonstruktivistInnen der je aktuellen gruppendynamischen Stimmungslage akkomodierten. Als zweites Element des Regiments der Unbestimmtheit verkörpert das Wendehals-Syndrom die Erosion der theoretischen Voraussetzungen „kategorialer Kritik“ wie kein anderes.
Diese inhaltliche Beliebigkeit hat in der Theoriegeschichte abermals eine Parallele. Die Zuspitzung im frühen Streit um die Geschichtstheorie erfolgte schon damals durch die scheinbar friktionslose Preisgabe früherer Standpunkte. Gingen Ulrich und Haarmann ursprünglich von einer objektivistisch-hegelianischen Vernunftmetaphysik aus, schwenkten sie sodann in den gegensätzlichen Pol des hermeneutischen Subjektivismus’ von Wallner ein, um auf dieser Basis gemeinsame Front gegen die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ zu machen.[26] Wie schon im dekonstruktivistischen Schnappschuss sedimentieren sich auch im Wendehals-Syndrom gesellschaftliche Tendenzen, die im sozialen Zusammenhang der Theoriebildung beständig wiederkehren.
Die unbewusste Ausrichtung des eigenen Standpunkts auf die je akute Großwetterlage ist das vielleicht signifikanteste Merkmal des postmodernen Sozialcharakters. Es wurde schon 1950 von dem amerikanischen Soziologen David Riesman phänomenologisch als kenntlicher Zug eines neuen Charakters interpretiert. In den amerikanischen Mittelschichten, so der Soziologe, habe sich ein bis dahin unbekannter Typus herausgebildet, den er den „außen-geleiteten Charakter“ nennt. „Das gemeinsame Merkmal der außen-geleiteten Menschen“, definiert Riesman diesen Typus, „besteht darin, dass das Verhalten des Einzelnen durch die Zeitgenossen gesteuert wird (…) Die von dem außen-geleiteten Menschen angestrebten Ziele verändern sich jeweils mit der sich verändernden Steuerung durch die von außen empfangenen Signale.“[27]
Um diese „Außenleitung“ kritisch bestimmen zu können, ist noch einmal am dynamischen Aspekt des präödipalen Formprinzips anzusetzen. Der narzisstische Identitätszwang verweist auf eine prekäre Stellung zur Außenwelt, da seiner Unfähigkeit zur Objektbesetzung eine Verleugnung der äußeren Realität korrespondiert. Weil aber die äußere Realität trotz ihrer Verleugnung weiterhin persistiert und sich gegenüber der Identitätsbildung Geltung verschafft, bleibt der narzisstische Sozialcharakter zugleich auf diese verleugnete Wirklichkeit verwiesen.
Die Wurzel dieser Abhängigkeit von der verleugneten Außenwelt geht auf das präödipale Begehrt-Werden-Wollen durch den spiegelnden Blick der Mutter zurück. Das Ich-Ideal bleibt unbewusst auf die Anerkennung seiner eigenen Grandiositätsvorstellungen ausgerichtet und wächst sich zur narzisstischen Anerkennungssucht aus. Sie ist auf die permanente Bestätigung durch die projektiv besetzte Wirklichkeit geeicht. Dieses psychisch existenzielle Sich-Abhängig-Machen der narzisstischen Anerkennungssucht von der äußeren Umwelt ist ein zentrales Kennzeichen des postmodernen Sozialcharakters. Es stellt den psychosozialen Treibsand der politisch-medialen „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, aber inzwischen eben auch der gruppendynamischen Prozesse gesellschaftskritischer Theoriezusammenhänge dar.
Kommen wir auf die Exit-Spaltung zurück, sorgte der irrationale Überschuss des Wendehals-Syndroms dafür, dass sich die Perioden zwischen den mannigfachen Positionswechseln ständig verkürzten und verstärkt auf andere Bereiche der Theorie ausstrahlten. So versuchte Scholz einige Monate später plötzlich, meinen Artikel „Querfront allerorten!“ nachträglich zu diskreditieren[28], dem sie jedoch zuvor auf dem damaligen Redaktionstreffen wie alle Anwesenden ihre Zustimmung zur Publikation gegeben hatte.
Damit wurde in der Außenwirkung von Exit die intellektuelle Glaubwürdigkeit der gesamten Redaktion aus der Redaktion heraus untergraben: Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher griffen nachträglich einen Artikel an, für dessen Veröffentlichung sie zuvor allesamt votiert hatten. Dass sie hierbei gar nicht realisierten, wie sehr sie durch diesen abrupten Kurswechsel an theoretischer Glaubwürdigkeit eingebüßt haben, zeigt das Unbewusste und Irrationale an der damals obwaltenden Gruppendynamik.
Die sprunghaften 180-Grad-Wendungen wurden also sogar noch forciert und auf Gegenstandsbereiche übertragen, die gar nicht mehr in den Rahmen des geschichtstheoretischen Konflikts fielen. Damit bewahrheitet sich die von Robert Kurz prätendierte „reale Einheit von Inhalts- und Beziehungsebene“: Während die Individuen, die später die fractura-Gruppe gründeten, in ihrer Kritik konstant einen Standpunkt vertraten und geltend machten, wechselte Rest-Exit die eigenen Positionen häufiger als ihre Unterhosen. Womit endlich ersichtlich wird, woher das Unvermögen stammt, die objektiv-inhaltliche Begründungsebene partout nicht mehr einnehmen zu können.
Macht man sich den Spaß und nimmt eine quantitative Summierung der Urteile nur über den Komplex der Geschichtstheorie vor, so haben es die vier RedakteurInnen und Vorstandsvorsitzende zusammen auf neun Standpunktwechsel gebracht. Das ergibt im Schnitt das stolze Ergebnis von mehr als zwei Standpunktänderungen pro Wendehals. Immer allergischer reagierte man auf jedwede inhaltliche Bestimmtheit, sodass sich am Ende sowohl Scholz und Wissen als auch Meyer und Böttcher schlicht weigerten, überhaupt noch eine kohärente Position einzunehmen.
Dem Wendehals-Syndrom kommt augenscheinlich eine innere Gesetzmäßigkeit zu. Je umkämpfter die gruppendynamische Verlaufsform des Konflikts, desto stärker steigt die Erhöhung der Umdrehungsrate und damit die Quote an Standpunktwechseln. Gegenüber ihrer Umdrehungsfrequenz würden, vor Ehrfurcht erstarrend, noch die modernsten Windräder ihren Betrieb einstellen. Dieses Gesetz eines tendenziellen Anstiegs der Umdrehungsrate wird auch in Zukunft noch für viel Wirbel um die Wendehälse sorgen. Bis dahin lässt sich aus ihm immerhin eine treffsichere Zukunftsprognose für ihre weitere Theoriearbeit ableiten: Und wenn sie nicht gestorben sind, so rotieren sie noch heute…
Politisch-korrektes Duckmäusertum auf der „Reise nach Jerusalem“
Wo die postmoderne Beliebigkeit den kritischen Inhalt in Beschlag genommen hat, gerät eine weitere Voraussetzung „kategorialer Kritik“ ins Wanken. Das Regiment der Unbestimmtheit löste die negative Bestimmtheit der Kritik sukzessive durch die „Verunklarung“ der inhaltlichen Bruchlinien auf, wodurch auch der theoretische Konflikt in Redaktion und Vorstand von der gruppendynamischen Verselbständigung absorbiert wurde. Die nicht mehr zu umgehende Austragung der inhaltlichen Widersprüche wurde auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben.
Neben dem „konstellativen Denken“ und der immanenten Kohärenz der Theoriebildung existiert in der inhaltlichen Konfliktfähigkeit eine weitere Voraussetzung der Wert-Abspaltungs-Kritik. Wie Robert Kurz betont, entsteht „(e)ine kritische Theorie auf der Höhe der Zeit“ nicht nach „dem Muster evangelischer Akademien (…), sondern nur durch den theoretischen Konflikt hindurch.“ Des kritischen Wahrheitsanspruchs wegen „sind die Gegensätze konfrontativ auszutragen. Unter antagonistischen Krisenverhältnissen führt nur der theoretische Antagonismus zur Erkenntnis. Wer in diesem Kampf nicht Partei sein will, hat die Erkenntnis schon verloren.“[29]
Die gruppendynamische Verlaufsform der Exit-Spaltung entzündete sich zwar an „Gegensätzen“, die seit der Zustimmung bzw. Ablehnung des Geld-Textes auf dem Tisch lagen. Doch wie schon der dekonstruktivistische Schnappschuss führte auch das Wendehals-Syndrom zu einer „Veruneindeutigung“ der Frontlinie, weil die DekonstruktivistInnen auf einmal keinen konsistenten Standpunkt mehr vertreten wollten. Stattdessen gerieten Zug um Zug jene Individuen in Verruf, die an einer bestimmten Kritik festhielten und sie zudem inhaltlich zuspitzten. Das Regiment schoss sich auf jene Artikel ein, die noch dezidiert und stringent argumentierten.
Als Vorreiterin betätigte sich wieder einmal Scholz. In Rekurs auf meinen Artikel „Dialektik und Geschichte“ warf sie ein: „Deine Polemik, lieber Daniel, erschien mir als überdeterminiert in dem Sinne, dass du eine Bestimmtheit im Schlechten in Aabromeits Text aufspießen wolltest, wo vielleicht eher verschwiemelte Unbestimmtheit und schlichte Inkonsistenz herrschten…“[30] Als läge nicht gerade in dem „verschwiemelten“ Duktus von „Geld – ist doch klar, oder?“ die identitätslogische Kontingenzmetaphysik begründet. Der approximative Duktus bemächtigte sich der Theoriebildung und neutralisierte ihre kritische Substanz durch eine Apologie der Unbestimmtheit. Dass einem Exit-Autor inzwischen „verschwiemelte Unbestimmtheit“ und „schlichte Inkonsistenz“ auch noch zugutegehalten werden, sagt über den Absturz der theoretischen Standards eigentlich schon alles.
Dieser Vorbehalt gegen die inhaltliche Bestimmtheit wuchs sich in der Gruppendynamik zu einem satten antipolemischen Ressentiment aus. Wie der weitere Fortlauf des Konflikts eindrücklich bestätigte, hatten sich in der Exit-Gruppe inhaltliche Grundsatzwidersprüche herauskristallisiert, die es nicht bei dem Konflikt um die Geschichtstheorie beließen. Der nächste Eklat lauerte um die Ecke. Anlass war das Erscheinen eines Buches von Ernst Schmitter mit dem Titel „Sackgasse Wirtschaft“, das die geschichtstheoretische Dimension außen vor ließ und vor allem „werttheoretisch“ argumentierte.
Über dieses Einführungsbuch in die „Wertkritik“ legte mit Andreas Urban ein Autor aus dem Exit-Kontext eine positive Rezension vor. Das war umso erstaunlicher, weil Schmitters Buch zwar dem stofflichen Konkretismus der Klimabewegung frönt, von der kapital- und wertförmigen Realabstraktion der Arbeit hingegen keinerlei Begriff hat. Analog zum Dissens um „Geld – ist doch klar, oder?“ manifestierte sich der nächste harte Widerspruch in der Einschätzung eines Artikels quer durch Redaktion und Vorstand. Es bestätigt einmal mehr die „reale Einheit von Inhalts- und Beziehungsebene“, dass wir in diesem Disput erneut die theoretische Begründungsebene einnahmen. So verfasste Patrice Schlauch eine eigene kritische Rezension des Buches von Schmitter mit dem Titel „Vorgekautes. Oder: Ernst Schmitters Wertkritik light“[31]. Er wurde wie zuvor der Text „Dialektik und Geschichte“ an seiner Publikation gehindert.
Als Grund für die Ablehnung wurde dessen ach so polemische Form herangezogen. Herbert Böttcher trat nachdrücklich für die „Verweigerung eines grundsätzlichen Verrisses“[32] des Schmitter-Buchs ein, womit die kritische Rezension von Patrice Schlauch passé war. Ob es sich bei ihr um einen „grundsätzlichen Verriss“ oder aber um eine „grundsätzliche Kritik“ handelt, muss auch an dieser Stelle dem Urteil der LeserInnen überlassen werden.
Was Böttchers antipolemisches Ressentiment betrifft, war es nicht seine einzige Unmutsbekundung. Zu allem Überdruss wurde er, wie Böttcher gereizt und mit vorwurfsvollem Unterton intonierte, nicht nur mit „Diskussionen“ und „Zusammenhängen“ belangt. Es stieß ihm zutiefst auf, dass der Konflikt bereits mit einer „solchen Aufladung“[33] versehen sei, dass ihm das Wohlsein abhanden kam.
Von seiner emotionalen Ausstattung her ist er nämlich im gütlichen Einerlei seiner katholischen Bruderschaft zuhause. Böttchers gutmenschelndes Empfinden benötigt den Nährboden wohlwollenden Zuspruchs, auf dem sich die Schäfchen wechselseitig mit verständnisvollen Nettigkeiten beschenken. Deshalb hatte sich unser freundlicher Pastor von nebenan unter der Bedingung dem Exit-Kontext angeschlossen, dass sein sanfter Hang zu theologischer Kontemplation eine zusätzliche Stimulation erfahre. Dass ihm diese Harmonie zerstört wurde, konnte Bruder Wohlgefühl, wie sich später herausstellen sollte, unmöglich auf sich sitzen lassen.
Auf diese Weise wurden der Auseinandersetzung neuartige Richtlinien dekretiert. Fortan an der Debatte zu partizipieren, erforderte, wie er konstatierte, den Willen zur „Versachlichung der Diskussion“[34]. In dasselbe Horn blies Roswitha mit dem Wattebausch, die eine in möglichst schiedlich-friedlichen Bahnen verlaufende „Sach-Arbeit“[35] anmahnte. Wie schon die krisis-Männer dem inhaltlichen Dissens als „Sachlichkeitsfrömmler“[36] (Robert Kurz) die Spitze nehmen wollten, frönten auch Scholz und Böttcher dem Sachlichkeitskult empfindsamer Mittelschichtsseelen. Der irrationale Überschuss der gruppendynamischen Verlaufsform stellte sich als konsequente Vermeidung der Konfliktaustragung im Namen der„Sachlichkeit“ und ihrer aufgezwungenen Moderatheit heraus.
Der evasive Charakter dieser Vorgehensweise zeitigte weitgehende Konsequenzen. Sein Umkehrschluss bedeutete unweigerlich, dass, wer seine Position theoretisch begründete, schriftlich ausarbeitete und die inhaltslose Abfertigung kategorialer Grundsätze der Theorie nicht mittrug, als autoritärer Zeitgenosse firmierte und leider aus der Diskussion ausscheiden musste. Es blieb Leni Wissen vorbehalten, diese Exklusion zu verkünden; sie hielt meinen „beleidigenden und militanten Ton für unangemessen, um eine inhaltliche Diskussion führen zu können“[37].
Die Unkenrufe ob des „beleidigenden und militanten Tons“ sind weder neu noch originell. Sie fügen sich in die „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ ein, die sich bereits während des krisis-Konflikts herauskristallisiert hatten. Schon damals „trat“, wie Robert Kurz festhält, „an die Stelle der (durchaus akzeptablen) bestimmten Kritik (…) eine abstrakt-allgemeine Anforderung von Moderatheit überhaupt, um Schärfe überhaupt zum Übel zu erklären.“[38] Es spricht Bände über die Theoriegeschichte der Wert-Abspaltungs-Kritik, dass das antipolemische Ressentiment von Exit demjenigen der krisis-Männer wie ein Ei dem anderen glich.
Versuchten die „Sachlichkeitsfrömmler“ der Bruderhorde damals, Robert Kurz durch das stereotype Verdikt des „Kampfhundes“[39] zu diskreditieren, titulierte mich Roswitha Scholz als einen „tollwütige(n) Hund“[40], der vor polemischem Eifer nur so überschäume. Die inhaltliche Annäherung an krisis-Positionen beschränkte sich nicht auf den theoretischen Inhalt, sie reproduzierte sich ebenso in den gruppendynamischen Affektmustern eines empfindsamen Mittelschichtsgemüts.
Die radikale Vermeidung inhaltlich bestimmter Positionen und konfliktträchtiger Situationen ist ein wesentlicher Charakterzug des postmodernen Sozialcharakters. Die passive Aggressivität, mit der von vornherein jedweder Konflikt abgewehrt wird, hat sich wie Nebeltau bis in die letzten Rillen linker „Freiräume“ eingelassen. Die politisch-korrekten Verkehrsformen der linken Mittelschicht wie auch des politisch-medialen Betriebs sind gleichsam der institutionalisierte Ausdruck eines auch sozialpsychologisch bedingten Harmoniezwangs. Das sich in diesen Kreisen noch nach der hitzigsten Diskussion obligatorisch einstellende „Am Ende sind wir ja doch auf derselben Seite!“ ist der Todesstoß für radikale Gesellschaftskritik.
Die sozialpsychische Überdetermination dieser dem Sozialcharakter eingeschriebenen Konfliktvermeidung ist ein Produkt der narzisstischen Identitätsbildung. Genauer erwächst sie aus der mit ihr verbundenen Desexualisierung der narzisstischen Triebstruktur. Das präödipale Begehrt-Werden-Wollen verkehrt, ohne dass ihm dies je gelingen könnte, das treibende und drängende Moment des Triebs in den desexualisierenden Anerkennungswahn. Die dadurch vorgenommene Verleugnung des aggressiven Elements, das jedem Trieb beigemischt ist, wird von der präödipalen Identitätsbildung durch Projektion in und an der Außenwelt fortwährend bekämpft. Die Polemikfeindlichkeit der Linken hat also auch eine sozialpsychologische Facette.
Konkret spiegelt sich in der politisch-korrekten Konfliktvermeidung unterdessen ein originär dynamischer Aspekt des narzisstischen Identitätszwangs wider. In der Theorie Freuds kreist der neurotische Konflikt – im Symptom sich vergegenständlichend – bekanntlich um den Ödipuskomplex. Ob der ausbleibenden Identifikation mit dem Vater vermag das postmoderne Zerfallsindividuum die ödipale Form der Psyche nicht mehr triebbestimmt zu durchlaufen, sodass besonders die Überwindung der Kastrationsdrohung prekär wird. In der präödipalen Identitätsbildung perpetuiert sich die nicht mehr überwundene Kastrationsdrohung zu einer andauernden Kastrationsangst. Hierin könnte, nebenbei bemerkt, die psychogenetische Wurzel der vielen Angststörungen in der „narzisstischen Gesellschaft“ bestehen.
In dieser unbewussten Abwehr gegen die Kastrationsdrohung liegt die unbewusste Verleugnung jeglichen Konflikts begründet. Das Einnehmen eines eigenen, womöglich minderheitlichen oder sogar ganz isolierten Standpunkts, der sich im Konfliktfall behaupten muss, wird von der präödipalen Identitätsbildung vorbewusst als jener „reale“ Einbruch der Kastration imaginiert, auf dessen Abwehr das zerfallende Ich ausgerichtet ist. Eine offensiv formulierte Haltung, die sich angreifbar macht, steht symbolisch unter dem Damoklesschwert einer sich der Kastration preisgebenden Position. Insofern besteht ein Zusammenhang zwischen postmodernem Softietum, Konfliktunfähigkeit und spezifisch präödipaler Stellung des Kastrationsproblems, der allerdings von einer „Kritik durch Deutung“ natürlich erst noch ausgearbeitet werden müsste.[41]
Zielte das antipolemische Ressentiment bei Exit darauf ab, den inhaltlichen Widerspruch in Redaktion und Vorstand einzuhegen, konnte gegen die Mediatisierungsanstrengungen einer „Versachlichung der Diskussion“ durchgesetzt werden, dass der Artikel „Geld – ist doch klar, oder?“ auf einem anstehenden Beiratstreffen diskutiert werden sollte. Das katapultierte die soften DekonstruktivistInnen unterdessen in eine missliche Zwickmühle. Ließen sie es auf der einen Seite an einem eigenständigen geschichtstheoretischen Begründungsanspruch vermissen, stand nun die Debatte um just diesen Gegenstand auf dem Beirat vor der Tür.
Dieses Dilemma förderte eine Kommunikationsstruktur zutage, die an das beliebte Kinderspiel „Die Reise nach Jerusalem“ erinnert. Weil keine/r für sich selbst einen fundierten geschichtstheoretischen Ansatz vertreten konnte, bezogen sich die Wendehälse wechselseitig auf den Begründunganspruch des/r Anderen. Da dieser aber ebenso inexistent war wie der eigene, begann ein Wettlauf um die Zeit; wer als letztes übrig blieb und die meisten Referenzen aufwies, hatte die Arschkarte gezogen. Denn der- oder diejenige lief Gefahr, eine eigenständige Auffassung des geschichtstheoretischen Komplexes simulieren zu müssen – und das womöglich noch vor einem größeren Kreis an Leuten.
Den Startschuss für die „Reise nach Jerusalem“ setzte Leni Wissen. Sie stellte gleich zu Beginn ihrer Stellungnahme klar, sie teile „von der Stoßrichtung her (…) die von Roswitha, Peter und Claus Peter geäußerten Einschätzungen zum Konflikt. Darum möchte ich hier nur auf einige Punkte eingehen.“[42] Die ewige Therapeutin muss sich und allen anderen versichern, dass sie nicht – horribile dictu – als Individuum eine alleinstehende Position vertrete. Deshalb blieb ihr nur mehr übrig, die „einsame Masse“ anzurufen. Die objektivierte Wahrnehmungs- und Verhaltensform des politisch-korrekten Duckmäusertums auf der „Reise nach Jerusalem“ gab sich als das dritte Element des Regiments der Unbestimmtheit zu erkennen.
Kaum hatte sich Wissen aus dem Rennen verabschiedet, zog sich Böttcher erleichtert aus der Arena zurück. Seine Nicht-Position räumte er dadurch ein, dass er „nur auf Claus Peters Anmerkungen als Versuch, zur Versachlichung der Diskussion beizutragen“[43], verwies, um bloß keinen eigenen Beitrag liefern zu müssen. Als letzte schlug sich Roswitha Scholz in die Büsche. Um aus ihr eine „Begründung“ herauszuholen, musste Heiko Gebauer schon in einer privaten Korrespondenz mehrmalig nachhaken: „(W)ie gesagt, ich möchte mich die nächste Zeit nicht großartig mit der Bedeutung der Feuerwaffen u.ä. für die Konstitution des Kapitalismus beschäftigen…“
Da ja nur ein zweijähriger Streit um den Stand der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie am Toben war, der alle theoretischen Kapazitäten lahmlegte, sah es Scholz gar nicht ein, sich mit diesem Sachverhalt zu befassen. Dabei beendete sie ihre Antwort an Gebauer generös mit den Worten, sie möchte seine „Frage aber auch nicht ganz unbeantwortet lassen. Aus diesem Grund schicke ich dir nochmals die Kritik des Daniel-Texts ‚Dialektik und Geschichte’ vom August 2017 von Claus Peter mit der ich weitgehend übereinstimme.“[44] Das Zitationskarussell machte somit bei Claus Peter Ortlieb Halt.
Es soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, dass die ominöse Stellungnahme von Ortlieb bewusst intern gehalten wurde und nicht publiziert werden sollte. Insofern bezogen sich die DuckmäuserInnen damit lediglich auf einen kurzen Kommentar, der aus guten Gründen nicht zur Veröffentlichung gedacht war. Eben genau dieser Zwischenzustand prädestinierte die Stellungnahme Ortliebs dazu, als Schutzwall für Scholz, Wissen und Böttcher zu dienen. Das versammelte Duckmäusertum hatte sich hinter Ortlieb verschanzt, noch bevor er sich selbst in Sicherheit bringen konnte – weil er wenigstens ein paar Zeilen zur Sache beigesteuert hatte, wurde ihm auf der „Reise nach Jerusalem“ die Arschkarte untergejubelt, ehe er bis drei zählen konnte.
Psychologistischer Terror
In der Zerfallsepoche des Kapitals ist nichts mehr wie es einmal war. Die „radikale Linke“ bildet davon keine Ausnahme. War es für die Arbeiterbewegung noch selbstverständlich praktizierter Usus, politische Spaltungen auf ihre inhaltlichen Widersprüche zurückzuführen, woraus mitunter weltanschauliche Unterströmungen entstanden – man denke nur an den Revisionismus-Streit zwischen Kautsky und Bernstein –, bedarf es heute enormer Anstrengungen, um theoretische Differenzen überhaupt erst ins Bewusstsein treten zu lassen. Insoweit handelt es sich bei der Exit-Spaltung um ein typisch zeitgenössisches Phänomen.
Für eine „Kritik durch Deutung“ war der Ausganspunkt das begründungstheoretische Dilemma. Das Wegfallen der objektiv-inhaltlichen Begründungsebene auf Seiten der dekonstruktivistischen Wendehälse konnte, wie der Fortgang demonstrierte, schwerlich mit theoretisch-kritischen Interventionen gekontert werden. Zumal in der Zwischenzeit polemische Form und inhaltlich bestimmte Kritik sowieso unter Tabu standen.
Nun begreift der inhaltliche Begründungsanspruch das primäre Kriterium „kategorialer Kritik“ in sich, aber er existiert realiter nur in einem sozialen Zusammenhang kritischer Theorie. In diesem sozialen Zusammenhang finden die entsprechenden narzisstischen Identitätsbildungen der unterschiedlichen Individuen miteinander statt, die natürlich oft unbewusst bleiben oder zumindest nicht ins Bewusstsein treten. Deshalb steht die primäre Inhaltsebene in dem sozialen Zusammenhang „kategorialer Kritik“ mit der sekundären Beziehungsebene unumgänglich in einem dialektischen Vermittlungsverhältnis.
Was nun die konkrete Verfasstheit dieser Vermittlung in der Exit-Spaltung anbelangt, vollzog sich die inhaltliche Schwindsucht durch die Verselbständigung der Beziehungsebene hindurch. Das Regiment der Unbestimmtheit generierte einen irrationalen Überschuss, der sich in objektivierten Wahrnehmungs- und Verhaltensformen der persönlichen Beziehungsebene vergegenständlichte. Durch diese „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ wurde das primäre Kriterium des theoretischen Begründungsanspruchs schrittweise annihiliert.
Der dekonstruktivistische Schnappschuss eradizierte jedes „Denken in Konstellationen“, indem er die reziproke Verschränkung der verschiedenen Reflexionsebenen auf abstrakte Einzelheiten nivellierte. Diese wurden daraufhin durch den Schredder des Wendehals-Syndroms gejagt; was davon übrig blieb, hatte jeden inneren theoretischen Zusammenhang aufgekündigt. Die den epistemischen Amoklauf durch die theoretischen Voraussetzungen der Theorie überlebenden Fragmente gingen den politisch-korrekten DuckmäuserInnen spätestens irgendwo auf der „Reise nach Jerusalem“ verloren.
Wenn die „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ den theoretischen Inhalt substituieren, hat der irrationale Überschuss der gruppendynamischen Verlaufsform zu einer Entgrenzung der persönlichen Beziehungsdimension geführt. Damit wurde eine fundamentale Inversion von Inhalts- und Beziehungsebene instand gesetzt: Kam der sekundären Beziehungsebene nunmehr die eigentliche Geltung zu, firmierte das primäre Kriterium des objektiv-theoretischen Begründungsanspruchs als relativ und zweideutig, bisweilen sogar ausdrücklich als inexistent.
Auf ein imposantes Beispiel für diese fundamentale Inversion stößt man in einer Stellungnahme von Roswitha Scholz an den Beirat. Ihre Gedanken kreisten verstärkt um meinen „psychischen Hintergrund“, wobei ihr dieser, nach monatelangem Grübeln, „dabei mittlerweile (!) egal“[45] geworden sei. Was Scholz wohl für Pläne angesichts meines „psychischen Hintergrunds“ bis zu diesem Punkt ausgeheckt hatte? Aller Wahrscheinlichkeit nach sollte ich zu Zwangssitzungen bei der ewigen Therapeutin verdonnert werden. Oder war es gleich ganz die Klapse? Die objektivierten Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster verdichteten sich im psychologistischen Terror zu einem Gesamtsyndrom des irrationalen Überschusses.
Der psychologistische Terror stellt sozusagen den Katalysator der irrationalen Gruppendynamik dar. Er hat sich erst mit der Postmoderne als ubiquitäre Keimzelle der „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ herausgebildet. In ihm wird offenkundig, dass die narzisstische Identitätsbildung per se einen projektiven „Objekt“-Bezug stiftet. Nun existierten projektive Objektanteile und psychologisierende Elemente in Gruppendynamiken schon zu Zeiten des neurotischen Sozialcharakters und seiner ödipalen Identifikation. Aber die Triebdynamik nahm unter diesen Bedingungen doch eine andere Entwicklung.
Denn die ödipale Identifizierung brachte ihrem eigenen Identitätszwang zum Trotz den Widerstreit zwischen Trieb und Verdrängung zu einem lebensgeschichtlichen Ausdruck. Im Konflikt zwischen unbewusstem Lustprinzip und bewusstem Realitätsprinzip rangen – in den Termini der ersten Triebtheorie von Freud ausgedrückt – in der libidinösen Besetzung des Objekts noch zwei Kräfte miteinander. Die Genese dieser widersprüchlichen Triebkonstellation manifestierte sich im neurotischen Symptom; das in ihm zum Vorschein kommende somatische Leiden symbolisierte den triebgenetischen Konflikt zwischen Lust- und Realitätsprinzip. In diesem Sinne drängte der neurotische Sozialcharakter zur Symbolisierung seines psychischen Leidens an der widersprüchlichen Triebkonstellation.
War, mit einem Wort von Adorno, das Ich des Neurotikers noch „zu stark“, weshalb er an der Verdrängung des Sexus’ litt, ist das des Narzissten „zu schwach“. Der narzisstische Sozialcharakter kann die mit der ödipalen Identifikation erreichte Verdrängungsschranke nicht mehr aufbauen; weshalb er sowohl das Ich in seiner Triebhaftigkeit als auch die Außenwelt tendenziell verleugnet. Nicht mehr das Ich ist Hüter des Realitätsprinzips, das gegen die anstürmenden Triebe des Unbewussten ankämpft; das narzisstische Zerfalls-Ich ist zum Triebaufschub zu schwach, repräsentiert daher nicht mehr die bewusste Instanz der Verdrängungsschranke und akquiriert dadurch immer mehr unbewusste Anteile.
Damit vermag die narzisstische Identitätsbildung ihrem psychischen Leiden keinen symbolischen Ausdruck mehr zu geben. Denn die im neurotischen Symptom sich manifestierende Symbolisierung setzt den Widerstreit zwischen Ich und Es, Realitätsprinzip und Lustprinzip, voraus. Das narzisstische Leiden ist aber keines am Konflikt, sondern am „Defizit“ (Ehrenberg), an der eigenen „Leere“. Das libidinöse Zurückgeworfen-Sein des narzisstischen Sozialcharakters auf sich selbst spannt ihn zwischen seinem Ich und seinem Ich-Ideal auf; er hechelt sozusagen nur mehr dessen fiktiven Ansprüchen hinterher, wobei der objektlose Kosmos die eigene Triebgenese nicht mehr symbolisch ausdrücken, sondern nur mehr imaginären Forderungen unterwerfen kann. Die ödipale Identifikation symbolisiert den triebhaften Konflikt; die narzisstische Identitätsbildung agiert projektive Idealforderungen aus.
Der psychologistische Terror ist nun die gruppendynamische Erscheinungsform dieses projektiven Ausagierens. Das lässt sich auch an der Exit-Spaltung nachweisen. Kommen wir auf das Ausleuchten meines „psychischen Hintergrunds“ von Scholz zurück, ist festzuhalten: Wenn mein ausführlich argumentierender Artikel „Dialektik und Geschichte“ in der Redaktion von ihr begründungslos binnen einer zwanzigminütigen „Diskussion“ abgebügelt wurde, sie meiner psychologischen Disposition hingegen offenbar zwei Jahre lang nachgrübelte, hat sich das projektive Ausagieren des psychologistischen Terrors restlos gegenüber jedem objektiv-inhaltlichen Begründungsanspruch vereinseitigt.
Es sei nur am Rande erwähnt, dass dieser „Psychologismus für Arme“ (Robert Kurz) bei Rest-Exit mittlerweile die „inhaltliche“ Auseinandersetzung dominiert. Als sich nach der Exit-Spaltung kritische Stimmen aus dem Zusammenhang mit guten Gründen ob der theologischen Wende bei Rest-Exit zu Wort meldeten, sah sich Roswitha mit dem Wattebausch wider Willen zu einer „Klarstellung“ genötigt.
Anstatt die Religionskategorie einer kritisch-theoretischen Betrachtung in Vergangenheit und Gegenwart zuzuführen, wendet sie sich direkt an die Kritiker der neuen religiösen Grundierung. Sie dürfen vernehmen, bei ihrer Kritik handle es „sich hier offenbar um archaische Ängste (!!) der Linken, die in traditionsmarxistischen Gefühlslagen (!) wurzeln.“[46] Nicht etwa die jeweilige inhaltliche Substanz einer Position bildet den Maßstab der Auseinandersetzung – das wäre ja noch schöner! –, sondern insinuierte „Ängste“ und „Gefühlslagen“.
Der psychologistische Impetus spornte die Beteiligten zu einem eigenen Wettbewerb an. Da im Exit-Kontext einerseits um ein Mindestmaß an Theorie nicht herumzukommen, andererseits jedoch eine eigenständige Position zu immer mehreren Bereichen „kategorialer Kritik“ einfach nicht ausfindig zu machen ist, musste für die verwildernden Inhalte eine neuartige Bemessungsgrundlage geschaffen werden. Als Gewinner stellte sich heraus, wer die abseitigsten Maßstäbe in die Runde warf.
Als ein Anwärter auf den Jahresgewinn im Rennen um den „Psychologismus für Arme“ (Robert Kurz) durfte das Geld-Traktat nicht fehlen. Verzichtet es durchweg auf eine immanente Auseinandersetzung mit der „Geschichte von Fetischverhältnissen“, widmet sich Aabromeit dafür dem Gemütszustand des Autors umso ausführlicher. Er wartet mit der Behauptung auf, bei der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ sei es an „zahlreichen Stellen deutlich, dass er (Robert Kurz, DS) sehr froh ist, eine von den zahlreichen unbefriedigenden Versuchen zur Begründung der Geldgeschichte deutlich unterschiedene Variante im Werk von Bernhard Laum gefunden zu haben…“[47]
Wie auch immer es um den Stellenwert von Laum für die kritische Geschichtstheorie bestellt sein mag, das Bezugsfeld von Aabromeit ist ein ganz anderes. Robert Kurz wird einfach unterstellt, er sei nachgerade erleichtert und dankbar, auf Laum gestoßen zu sein, um einen Ausweis für seinen eigenen Ansatz gefunden zu haben (hat er ihn vielleicht sogar von Laum abgeschrieben?). Derlei suggestive, auf irgendeine dubiose Motivlage eines Autors hinweisenden, Einlassungen sind typisch für das psychologistische Ausagieren. Wie dem wertkritischen Theoriemönch mit irrational-kontingenzmetaphysischem Einschlag diese mystische Seelenschau von Kurz geglückt ist, lässt er an dieser Stelle allerdings offen.
Ebenso nachdrücklich bewarb sich Roswitha Scholz um den Jahresgewinn. Setzte Aabromeit die psychologistische Suggestion ein, um den Inhalt der Geschichtstheorie zu denunzieren, machte sie in diesem Stadium der Auseinandersetzung keine halben Sachen mehr. Für sie fungierte der theoretische Inhalt inzwischen vielmehr als Medium der gruppendynamischen Spannungen. Dem Artikel „Die Demokratie frisst immer noch ihre Kinder“ steht dieser a priori instrumentelle Zugang zum theoretischen Inhalt auf der Stirn geschrieben. Wäre es nicht zu redaktions- und vorstandsinternen Querelen gekommen, hätte er niemals das Licht der Welt erblickt.
Diese absonderlichen Begleitumstände des Demokratie-Textes sind im Rezeptionsumfeld nicht unbemerkt geblieben. Ein langjähriges Mitglied auch in den inneren Gremien von Exit, das sich im Konflikt weder auf die eine noch die andere Seite geschlagen hatte, fasste die Intention des Scholz-Textes treffend zusammen: „In diesem Text, liebe Roswitha, gehst du zum Gegenangriff auf Daniel über, indem du seinen Querfront-Text kritisierst. Ich hatte den Verlauf des Beiratstreffens als Verschiebungsleistung (!) kritisiert (…) Um nicht genauer über Aabromeits theoretische Positionen reden zu müssen, hast du Daniels Querfronttext angegriffen, um ihn in die Schranken zu weisen.“[48] Und wirklich machte Scholz mit ihrem Artikel die psychologistisch induzierte Instrumentalisierung der Theorie zum Zwecke gruppendynamischer Befindlichkeiten salonfähig.
Unterdessen ist es allerdings zutiefst bezeichnend, dass die himmelschreienden inhaltlichen Selbstwidersprüche dieses konfusen Textes[49], die selbst einem Fünftklässler mit Leichtigkeit aufgefallen wären, bei seiner Lektüre und Besprechung niemandem von Rest-Redaktion und -Vorstand aufgestoßen sind. Damit nahm insbesondere Scholz, aber auch die Rest-Redaktion einen gravierenden theoretisch-inhaltlichen Glaubwürdigkeitsverlust in Kauf, um ihre von Neid geschürten Ressentiments ausleben zu können. Das projektive Ausagieren des psychologistischen Terrors opfert noch das kostbarste Gut radikaler Gesellschaftskritik willig auf dem Altar der verselbständigten Beziehungsebene.
An dieser Degradierung des objektiven Inhalts strickte mit Thomas Meyer ein weiteres Redaktionsmitglied mit. Mit dem Artikel „Zur anhaltenden Aporie der Geschichte“ steuerte er einen Text zum Themenkomplex bei. Der Artikel stand von Anbeginn an unter dem Vorbehalt, den geschichtstheoretischen Streit in Redaktion und Vorstand zu schlichten, wodurch der Inhalt wieder am Gängelband der Beziehungsebene geführt wurde.[50] Nun hatte Meyer zuvor selbst die hermeneutische Kontingenzmetaphysik von Aabromeit durch das Redaktionsverfahren durchgewinkt, was ihn für eine Stellungnahme eigentlich hätte disqualifizieren müssen.
Die drittklassische Autorenschaft sah den Konflikt jedoch als Sprungbrett für die eigene lumpenintellektuelle Karriere, die einem in der akademischen Geisteswissenschaft versagt geblieben ist. In jedem Konflikt vergleichbaren Umfangs sieht die Geltungssucht des psychologistischen Terrors ihre Stunde gekommen und so reiht sich Thomas Meyer in die unzähligen akademischen Plagiatsfälle ein: Es soll nicht unterschlagen werden, dass dieser Text zwar den Namen Meyers trägt, aber nicht aus seinen Inhalten besteht. Vielmehr setzt er sich aus einer Kompilation von Versatzstücken zusammen, die der notorische Plagiator während des Schreibprozesses fortwährend bei anderen Redaktionsmitgliedern erfragen musste. Nun war das nicht das einzige Mal, dass Meyer sich mit fremden Federn schmücken sollte und so konnte sich auch der notorische Plagiator mit Fug und Recht in die Reihe der Prätendenten im Rennen um die abseitigsten Maßstäbe einordnen.
Die Siegertreppe durfte am Ende jedoch eine andere Einlassung betreten. Den Jahresgewinn im Rennen um die absurdesten Maßstäbe des „Psychologismus für Arme“ errang zweifelsohne eine Einlassung von Roswitha mit dem Wattebausch. In ihr bezog sie sich auf die Rezension von Andreas Urban zu Schmitters Buch „Sackgasse Wirtschaft“. Um für eine Veröffentlichung der unkritischen Urban-Rezension auf der Homepage zu werben, kam Scholz mit ganz wundersamen Kriterien um die Ecke: „Gesehen werden muss auch, dass er (Schmitter, DS) ein älterer Mann ist, der auch durch sein jahrzehntelanges Lehrer-Dasein nicht seinen Frieden mit den Verhältnissen gemacht hat…“[51]
Was will uns diese bedeutungsschwer mitgeteilte Auskunft über Schmitters Lebensjahre sagen? Und warum genau sollte die unkritische Urban-Rezension seines Buches ausgerechnet aufgrund seiner Berufswahl als Lehrer goutiert werden? Angenommen, Schmitter hätte sich als Taxi fahrender Mittzwanziger der Wert-Abspaltungs-Kritik angenähert, würde ihm das dann zum Nachteil gereichen? Wie stünde es um einen Metzger Ende vierzig? Eines kann mit Sicherheit gesagt werden: Als Profi-Kuschler hätte er eine fast hundertprozentige Gewinnchance gehabt – allen voran Bruder Wohlgefühl konnte mit seiner bitteren Enttäuschung kaum mehr hinterm Berg halten, als Schmitter sich doch nur als Lehrer entpuppte.
Massendemokratischer Betroffenheitskult im emotionalen Notzustand und die masochistische Leidensmetaphysik armer Würstchen
Indem der irrationale Überschuss der gruppendynamischen Beziehungsform in den psychologistischen Terror mündete, war es um die Theoriebildung endgültig geschehen. Die objektivierten Wahrnehmungs- und Verhaltensformen hatten die theoretischen Voraussetzungen „kategorialer Kritik“ und mit ihnen ihren negativen Inhalt zersetzt. Fürderhin trat an die Stelle des theoretischen ein ganz anderer Inhalt.
Um zu verstehen, warum die kritische Reflexion den „Verkehrsformen falscher Immanenz“ geopfert wurde, muss sich jenem gruppendynamischen Inhalt sui generis gewidmet werden, der den objektivierten Wahrnehmungs- und Verhaltensformen der gruppeninternen Verkehrsformen koinzidierte. Wenn in Windeseile die Hälfte von Redaktion und Vorstand nicht mehr in der Lage war, einfachste Kontexte zu knüpfen, bei ein und derselben Position zu bleiben oder den zum manifesten Widerspruch gereiften Dissens auszutragen, musste in den gruppendynamischen Inhalt seinerseits ein irrationaler Überschuss hereinspielen.
Diese Verselbständigung des gruppendynamischen Inhalts kommuniziert mit der Irrationalität seiner Beziehungsform. Die reductio ad absurdum des psychologistischen Terrors auf die individuelle Beziehungsebene greift auf den Beziehungsinhalt über. Der Verselbständigung der persönlichen Beziehungsform korrespondierte eine Entgrenzung des persönlichen Beziehungsinhalts. Sein irrationaler Überschuss trat als eine affektive Disposition in Erscheinung, die den PsychologistInnen für Arme die Fähigkeit zum Denken raubte.
Herrschte in Anbetracht der theoretisch-inhaltlichen Dimension eine kolossale Begründungsflaute, waren die Wendehälse in anderer Hinsicht durchaus gesprächig. Soweit es um die Artikulation der eigenen Gefühlslagen ging, machten sie aus ihren Herzen keine Mördergrube. Damit wurde der asymmetrische Charakter des Dissenses nochmals verschärft: Auf diesem Terrain, auf dem der theoretische Widerspruch durch die öffentliche Deklaration der eigenen emotionalen Verfasstheit pariert wurde, kann „kategoriale Kritik“ nur verlieren.
Die affektive Disposition bot sich im weiteren Verlauf des Konflikts als ein regelrechter Betroffenheitskult dar. Der politische Theologe zelebrierte auf offener Bühne, was es bedeutet, wenn der abstrakte theoretische Inhalt durch die „konkrete“ Gemütslage ausgetauscht wird. So hatte schon der Streit um das Geld-Traktat das sensitive Wesen von Herbert Böttcher stark lädiert. Als wir von unserer Seite aus in Rekurs auf die positive Rezension von Schmitter fortfuhren, den inhaltlichen Konflikt in den Mittelpunkt zu rücken, war das das letzte Körnchen, das sein wohlgemutes Weihrauchfässchen zum Überlaufen brachte. Eine „(s)olche Aufladung produziert eine zeitliche und emotionale Enge, in der ich kaum noch Reden und Mitmachen kann und will.“[52] Du armer, armer Tropf!
Böttcher befindet sich im emotionalen Notzustand und da kann einem die Orthographie schon mal durcheinander gehen. Der Herr wird’s verzeihen. Ob er ihn jedoch ebenso von seinem verlogenen Beitrag zur Verballhornung der Wert-Abspaltungs-Kritik exkulpieren wird, liegt naturgemäß jenseits unserer Kenntnis. Es klafft hier nämlich ein lebensgeschichtlicher Hiatus zum realen Zerfallsprozess des Weltkapitals, der ja zugleich ein Gewaltprozess ist; ein Hiatus, der nunmehr die vortheoretischen Voraussetzungen der Kritik annullierte.
Die masochistische Leidensmetaphysik von Bruder Wohlgefühl stellt sich als höchst doppelbödige Angelegenheit heraus. Wurde er bereits von dem ersten inhaltlichen Dissens in einem randständigen Theoriezusammenhang so stark ergriffen, dass er „kaum noch Reden und Mitmachen kann und will“, stellt sich die Frage, wie er erst in dem unwahrscheinlichen Szenario reagieren würde, falls „kategoriale Kritik“ als gesamtgesellschaftliche Kraft wirklich einmal handfeste Konflikte auszutragen hätte? Aller Voraussicht nach würde er dann für immer den Mund halten. Schon aus diesem Grund lohnte sich also die Weltrevolution.
Als nächste stimmte Roswitha Scholz in den Chor des emotionalen Notzustands ein. Sie benötigte nicht weniger als Böttcher ein Ventil für die geplagten Befindlichkeiten abgewirtschafteter GesellschaftskritikerInnen: „Auch will ich dir keine Verhaltensvorschriften machen, Daniel. Ich halte es einfach nicht mehr aus (!)“. Eine solch drastische Verbalisierung der eigenen emotionalen Situation legt die Vermutung nahe, Roswitha Scholz wäre permanent beleidigt, fortwährend angegangen, also summa summarum persönlich angegriffen worden. Was ist es denn, das Roswitha Scholz „einfach nicht mehr aushält“?
Die Antwort verdient es, zitiert zu werden. Statt „zur Tagesordnung übergehen und sinnvoll diskutieren und arbeiten“ zu können, hätte ich „unvermindert nachgetreten und unterstellt“, dass die Wendehälse den Geld-Artikel „vorbehaltlos unterstützt hätten.“[53] Einmal davon abgesehen, dass die Zustimmung zur Veröffentlichung in einem Heft die maximal „vorbehaltlose Unterstützung“ bedeutet und keineswegs eine „Unterstellung“ abgibt, ist der von ihr geknüpfte Konnex bemerkenswert. Wenn sie die Insistenz auf der unterlassenen Austragung inhaltlicher Widersprüche als „Nachtreten“ bezeichnet, die den Zusammenhang daran hindere, „zur Tagesordnung überzugehen“, erhob sie einen irrealen und deshalb unerfüllbaren Anspruch.
Neben dem geschichtstheoretischen Dissens hatten sich mittlerweile grundsätzlich widersprüchliche Positionen hinsichtlich der zentralen Kategorien der Theorie entwickelt. Mit der positiven Rezension des Schmitter-Buches von Urban standen realfetischistischer Substanzbegriff, marktideologische Verkürzungen, die Kritik an der Arbeitsontologie, das heißt: die gesamten Paradigmen der radikalen Krisentheorie zur Disposition. Wie man angesichts des ungeklärten Zustands dieser Grundsatzkontroversen hätte „sinnvoll arbeiten“ können, bleibt ihr ganz eigenes Mysterium.
Der Fluchtimpuls weg vom Konflikt und hin „zur Tagesordnung“, um die Theorieverwaltung unter irrealen Voraussetzungen weiterzuführen, zeugt in der affektiven Abwehr von der Gegenwärtigkeit des Konflikts. Diese affektive Disposition der masochistischen Leidensmetaphysik am Inhalt des Beziehungskonflikts kreierte einen eigenwilligen Diskurs. Wer an ihm partizipieren wollte, musste sich seinen Regeln und Normen unterwerfen. Am Anfang stand hierbei ein symbolischer Initiationsritus.
Er verlangte den Involvierten das pflichtschuldige Bekenntnis ab, genauso ein armes Würstchen zu sein wie der Otto-Normalbürger auf der Straße. In diesem Sinne schrieb Leni Wissen in einer Beiratsmail: „Wir sind alle keine Genies, die die Wahrheit einfach mal auskotzen können.“[54] Alles nur Menschen wie Hinz und Kunz hier, die sich zu ihrem Ärgernis mit den Mühen der ohnehin im Sinkflug begriffenen theoretischen Abstraktion herumzuschlagen haben. Es menschelt bei Exit. Die voller Stolz für sich reklamierte eigene Durchschnittsexistenz war die Grundlage, auf der die Gefühlslagen des massendemokratischen Betroffenheitskults gedeihen konnten.
Das impulsive Aufbegehren armer Würstchen im emotionalen Notzustand ist in der Theoriegeschichte „kategorialer Kritik“ zum wiederholten Male alles andere als ein neuartiges Phänomen. Was Robert Kurz in einem Kapitel seiner Analyse der krisis-Spaltung unter dem treffenden Rubrum „Wir armen Pathogenen!“ skizziert, deckt sich mit den Verhaltensmustern des massendemokratischen Betroffenheitskults und seiner masochistischen Leidensmetaphysik. Über den gruppendynamischen Inhalt der krisis-Spaltung heißt es, „dem bürgerlichen Konkurrenzsubjekt (falle, DS) stets ein, daß es auch nur ein armes bürgerliches Subjektschwein sei, das an seiner Subjektivität leide. Und es deutet bedeutungsschwer in sich gehend mit dem Finger auf sich.“[55]
Als eingestandenermaßen normale bürgerliche Konkurrenzsubjekte litt die Bruderhorde von krisis besonders an dem „abgehobenen“ Robert Kurz, dessen „Kampfhund“-Mentalität sich nicht von der prekären Saturiertheit der Mittelschichtsmänner befrieden lassen wollte. Der massendemokratische Betroffenheitskult war auf die „Befreiung von den Anderen“[56] geeicht: „Dreimal darf man raten, wer unter das Verdikt fallen muß. Es sind der Theoretiker und die Theoretikerin als radikale KritikerInnen des bürgerlichen Normalo-Alltagsverstands.“[57]
Dieses Beziehungsmuster reproduzierte sich eins zu eins im Exit-Konflikt. Dünkte den Wendehälsen die allseits nachempfindbare Bodennähe als unschlagbarer Feldvorteil, ergingen sie sich umso unverhohlener in Ressentiments depravierter Konkurrenzindividualität. Als Negativfolie des eigenen alltagsnahen Hausverstands konturierte sich immer sichtbarer der abstrakte Theoretiker heraus, der voller „Überheblichkeit und Arroganz“[58] (Scholz) über die Leiden der armen Würstchen hinwegfegen würde. Infolgedessen wurde mir – und späterhin auch Patrice Schlauch – ein „Kult der Theorie“[59] (Scholz) beziehungsweise eine „Reinheit der Theorie“[60] (Wissen) unterstellt.
Das Ressentiment der Konkurrenzindividuen und ihrer Minderwertigkeitsgefühle gegen die „Genies“ und ihre theoretische „Überheblichkeit“ konnte nur spärlich verschleiert werden. Es kleidete sich zwar in das Gewand der pejorativen Zuschreibung – so wurden Patrice Schlauch und ich als „unsere Meister einer negativ-dialektischen wert-abspaltungskritischen Identitäts-Kritik“[61] tituliert –, die aber den theoriefeindlichen Affekt gegen die radikalen Gesellschaftskritiker nicht zu verbergen mochte. Ebenso wie in der krisis-Spaltung amalgamierte sich auch bei Exit der wütende Impuls gegen den abstrakten Theoretiker mit dem gegen den Polemiker, dem als „tollwütigem Hund“ nachgerade identitätszerstörendes Potential zugesprochen wurde.
In der Exit-Spaltung zielte die affektive Disposition der massendemokratischen Befindlichkeit gleich in doppelter Weise auf die „Befreiung von den Anderen“. Als identitäre Konkurrenzposition hatte sie zum einen unsere inhaltlich-theoretischen Beiträge im Visier. Am objektiven Inhalt der Theorie lässt sich der autoritäre Geist des Regiments der Unbestimmtheit immer am signifikantesten ablesen: So wurden im Laufe des Disputs drei inhaltlich argumentierende Artikel begründungslos an ihrer Publikation gehindert, denn auch meinem Text „Zum Scheitern verurteilt“[62] wurde wegen einer Kritik an den Zuständen bei Exit die Veröffentlichung untersagt. Die Aufhebung des primären Kriteriums theoretischer Begründungspflicht genierte sich nicht einmal mehr ihrer blanken Zensur.
Weil wir es trotzdem nicht unterließen, auf die theoretischen Divergenzen in Redaktion und Vorstand hinzuweisen, erfolgte auch die persönliche „Befreiung von den Anderen“: Mit meinem Rauswurf wurde billigend der Austritt eines Redaktions- und eines Vorstandsmitglieds sowie weiterer Sympathisanten in Kauf genommen. In dieser Reinigung von den Kritikern des theoretischen Regresses kulminierte schließlich der gruppeninterne Harmoniezwang. Indem wir auf der negativen Wahrheit des objektiven Inhalts beharrten und ihn gegen die jeweiligen Traktate geltend machten, wurde der polemische Theoretiker projektiv als Identitätszerstörer perzipiert, der dem imaginierten Kollektiv eines allgemeinen Anerkennungszwangs den Hahn reziproker Bestätigung abdrehe.
Die masochistische Leidensmetaphysik armer Würstchen reicht nun weit über Rest-Exit hinaus. Das postmoderne Zerfallssubjekt fühlt sich – quer durch alle politischen Lager – zuallererst einmal „betroffen“, „gekränkt“ und „benachteiligt“. Diese affektive Disposition ist der Treibsand der „Aufmerksamkeitsökonomie“ und ihrer „cancel culture“. Dieses bisweilen hypersensitive Leiden am eigenen Masochismus, das zugleich „libidinös“ besetzt wird, resultiert aus der narzisstischen Identitätsbildung.
Indem es nur noch sich selbst als Objekt besetzten kann und damit im triebdynamischen Sinne zur Objektbesetzung unfähig bleibt, wird das postmoderne Zerfalls-Ich von einer Spaltung durchzogen. Einerseits wird es von den imaginären und infantilen Grandiositätsvorstellungen des Ich-Ideals getrieben; auf der anderen Seite steht seine masochistische Ich-Disposition, die an der absoluten Unmöglichkeit laboriert, diesen irrealen Größenvorstellungen gerecht zu werden.
Von den infantilen Verheißungen des imaginären Ich-Ideals gelockt, sucht das Ich seine unbegrenzte „Befriedigung“, wofür nicht zuletzt die orale Einverleibung steht. Von der verleugneten Realität eingeholt, muss das Ich-Ideal an dieser äußeren Realität und der externen Wirklichkeit der Objekte scheitern, sodass es wieder auf sein masochistisches Ich zurückgeworfen wird usw. Insofern oszilliert die narzisstische Identitätsbildung beständig zwischen depressiven Minderwertigkeitsgefühlen – eben die masochistische Leidensmetaphysik armer Würstchen – und manischen Grandiositätsfiktionen („Genie“, „Meister“).
Da der in dem „Nicht-mehr-Aushalten“ Scholzens und der „emotionalen Enge“ Böttchers ultimativ formulierte Notzustand der eigenen Gemütsverfassung den gängigen psychischen Inhalten des Zerfallssubjekts entsprach, appellierte er auch an die rohsten Impulse von Redaktion, Vorstand und Beirat. Welche absonderliche Blüten das masochistische Geplagt-Sein von der eigenen theoretischen Unfähigkeit trieb, zeigt sich an einem allerdings irritierenden Beispiel. War es schon äußerst befremdlich, dass mit dem Geld-Text Aabromeits und der positiven Schmitter-Rezension von Urban bürgerliche Marktideologien – unterstützt von Teilen in Redaktion und Vorstand – zum neuesten Schrei der Theorie avancierten, musste ein weiterer Versuch von Scholz, diese verkürzte „Wertkritik“ zu protegieren, einen verstörenden Eindruck hervorrufen.
Dazu muss man wissen, dass die Denkbewegung einer von der „konkreten“ leidensmetaphysischen Gemütslage perhorreszierten theoretischen „Abstraktion“ im Exit-Kontext explizite ideologische Äußerungen hervorgetrieben hatte. In Bezug auf einen Artikel von Thomas Meyer bzw. auf eine Fußnote dieses Artikels hatte Richard Aabromeit in der internen Besprechung folgenden Einwand formuliert: „Wieder zieht Thomas Meyer einen Autor heran, von dem ich denke, er sollte erheblich kritischer betrachtet werden: Evgeny Morozov, ein weißrussischer Stipendiat von George Soros und Fellow der NAF.“[63] Die antisemitische Attacke im Jürgen-Elsässer-Jargon war mittlerweile Sache des Exit-Vorstands selbst.
Während dieser Kommentar von uns in seinem antisemitischen Gehalt klar benannt und verurteilt wurde, machte sich das masochistische Leidensapriori auch in dieser Sache geltend. So antwortete Roswitha Scholz in einer Beiratsmail darauf: „Zwar kann man auf keinen Fall alles durchgehen lassen: Die Angabe, dass ein Wissenschaftler von einem Soros-Institut gesponsert wird bei Ernst ist grenzwertig.“ Und worin besteht diese „Grenzwertigkeit“? „Einerseits“, wird nachgesetzt, kann sie als bloße Feststellung (!!!) gelesen werden, andererseits fragt es sich, warum das überhaupt erwähnt werden muss.“[64]
Das Regiment der Unbestimmtheit sieht sich zur Bestimmtheit schlicht und einfach außerstande – und sei es auch zu derjenigen in Reaktion auf einen astrein judenfeindlichen Topos. Die unzweideutig antisemitische Stoßrichtung wird daher auf das beschwichtigende „einerseits, andererseits“ abgekühlt. Überdies hat sich erneut die zwanghafte Fixierung auf eine abstrakte Einzelheit zu Wort gemeldet, wenn Scholz ernsthaft in Betracht zieht, der Soros-Verweis könne eine bloße „Feststellung“ sein. Dass für beinahe jede/n Antisemit/in George Soros den neuen „Rothschild“ symbolisiert, hat der dekonstruktivistische Schnappschuss wieder einmal ausgeblendet.
An ihre Relativierung dieser judenfeindlichen Entgleisung direkt anschließend, wartet die Stellungnahme von Scholz erneut mit Mutmaßungen über die Motivlage der Beteiligten auf. Der psychologistische Terror lässt grüßen. Sich kontrafaktisch in unsere Kritik an Aabromeits Geld-Traktat einreihend, gibt Scholz ihr eine besondere Wendung: „Allerdings sollten wir uns auch fragen (ich auch), warum wir auf die penetrante Marketing-Insistenz“ des damaligen Vorstandsmitglieds Aabromeit „dermaßen ausgestiegen sind (…) Könnte es nicht sein, dass da Momente eines strukturellen Antisemitismus wirksam (!!!) sind: Ein Affekt gegen den Kaufmannsgeist, das rechnerische Eingestellt-Sein, damit verbunden Effizienz und Erfolg und in letzter Instanz den schnöden Mammon, denen eine ehrliche tiefe und authentische, nur an Qualität interessierte Wert-Abspaltungs-Kritik, entgegengestellt wird?“[65]
Das kommt dabei heraus, wenn der Bekenntniszwang masochistischer Leidensmetaphysik sich in seiner zerfallsbürgerlichen Durchschnittsexistenz lustvoll räkelt. Eine waschechte Wert-Abspaltungs-Demokratin darf nie davor gefeit sein, ihr Ressentiment mit einer kleinen ideologischen Zutat zu versehen. Es gehört zum standardisierten Repertoire der dezidierten Anti-„Genies“, mit einem authentischen Augenaufschlag einzugestehen, womöglich selbst judenhassende Muster bedient zu haben.
Weit davon entfernt, sich mit diesem Eingeständnis untragbar gemacht zu haben, dürfte Scholz das offenherzige Bekenntnis in der Exit-Gruppe zum Vorteil gereicht haben: Schaut her, sie ist gar nicht „überheblich“, sie ist wie eine von uns, voller Fehler und Schwächen… Und mal so unter uns „armen Pathogenen“: Wir haben doch alle die eine oder andere kleine antisemitische Schlagseite in uns. Wer wolle sich davon schon wirklich freisprechen können?
Kollektiver Vatermord – Der nonkonformistische Aufstand der präödipalen Geschwisterhorde
Mit dem psychologistischen Terror und dem massendemokratischen Betroffenheitskult sind zwei Grundpfeiler der Exit-Spaltung und ihrer irrationalen Gruppendynamik herausgearbeitet worden. Wie der tägliche Blick in die Kommentarspalten diverser Zeitungsformate oder in die unzähligen „blogs“, aber ebenso in die schiere Alltagserfahrung klarstellt, handelt es sich dabei um zwei allgemeine Modi postmoderner „Umgangsformen“. Sie betreffen daher den allgemeinen Beziehungsinhalt der Exit-Spaltung, wie er ähnlich auch in anderen Konflikten auftritt.
Dieser manifeste Beziehungsinhalt der gruppendynamischen Verselbständigung kann das wie, also den Modus des Konflikts, erhärten. Er entzündete sich anlässlich des Streits um das Geld-Traktat und setzte sich in dem Disput um die Schmitter-Rezension fort. Warum die Exit-Spaltung stattgefunden hat, ist damit aber noch nicht ausgemacht. Wieso wurden Jahrzehnte gültige und allseits geteilte theoretische Voraussetzungen gerade zu diesem Zeitpunkt obsolet? Warum entbrannte der Streit zum wiederholten Male ausgerechnet an der Geschichtstheorie? Und was ist der Grund dafür, dass das Regiment von der masochistischen Leidensmetaphysik ergriffen wurde?
Eine Antwort auf diese Fragen kann der manifeste Beziehungsinhalt nicht liefern. So wenig zu bestreiten ist, dass der emotionale Notzustand von einer affektiven Disposition gekennzeichnet war, die sich in ihrem Beziehungsinhalt gegen mich und später auch Patrice Schlauch wendete, geht die gruppendynamische Verselbständigung darin nicht auf. Schließlich war es über mehrere Jahre (in meinem Falle sogar fast ein Jahrzehnt lang) möglich, in derselben personellen Konstellation in Redaktion und Vorstand „sinnvoll diskutieren und arbeiten“ zu können. Dass es zu dem Rauswurf und dem Austritt eines ganzen Sympathisantenstamms kam, war eine Wirkung des Konflikts und nicht seine Ursache.
Es musste dem manifesten daher ein latenter Beziehungsinhalt zugrunde liegen. Dieser latente Inhalt fungierte als subkutanes Epizentrum des gesamten Konflikts, obgleich er nicht unmittelbar im manifesten Inhalt zum Ausdruck kommt. Von diesem Epizentrum rührte die affektive Überdetermination her, die im emotionalen Notzustand des „Nicht-Mehr-Aushaltens“ ihren ultimativen Gehalt fand. Insofern wurde die Exit-Spaltung durch eine grundsätzliche Verschiebungsleistung vollzogen, die allerdings kaum ins Bewusstsein trat.
Der latente Beziehungsinhalt der irrationalen Gruppendynamik hing an den besonderen Gegebenheiten des Exit-Zusammenhangs. Obwohl sie in die abstrakte Einzelheit der Subjektform und weiblichen Formbestimmtheit gebannt sind, begegnen sich im sozialen Kontext „kategorialer Kritik“ doch konkrete Individuen mit konkreten libidinösen Triebdynamiken. Das sich unter dem psychischen Formzwang der Präödipalität herausbildende Beziehungsgeflecht der konkreten Individuen untereinander generiert den latenten Inhalt in seiner gruppenspezifischen Besonderheit.
Denn wäre die psychische Regression des narzisstischen Sozialcharakters einzig eine interne Angelegenheit seiner psychischen Realität, gäbe es das Problem der verselbständigten Gruppendynamik gar nicht. Weil es keine rein interne psychische Realität geben kann, vermittelt sich über das Ich-Ideal sehr wohl das residuale Moment eines externen Objekts. Es steht aber im Banne der entgrenzten narzisstischen Identitätsbildung, die es doch wieder nur in den ausagierenden Selbstlauf der eigenen Ideal-Vorstellungen hineinzieht.
Sofern die narzisstische Identitätsbildung sich auf ein Objekt einzulassen versucht, muss es seinen Grandiositätsvorstellungen am ehesten entsprechen. Weil das Objekt naturwüchsig bereits als Selbstobjekt perzipiert wird, ist die Identitätsbildung im Unterschied zur Identifikation eine totale: sie verleibt sich das „grandiose Objekt“ im Modus der Oralität ein. Weil aber diese brüchige Identitätsbildung die Ungeschiedenheit des zum eigenen Ideal besetzten Selbstobjekts voraussetzt, dieses Objekt in der Realität aber nicht so handelt, wie es die von den fiktiven Idealen durchtränkte Identitätsbildung imaginiert, wird das „verachtete Objekt“ nun ebenso restlos ausgetrieben und psychisch zerstört, wie es zuvor als Ganzes internalisiert wurde. Sowie das narzisstische Zerfalls-Ich unvermittelt von der masochistischen Leidensmetaphysik armer Würstchen in manische Grandiositätsfiktionen umkippt, so schlagen seine Selbstobjekte nicht weniger unmittelbar ineinander um: Der oralen Einverleibung des „guten Objekts“ folgt sein Ausscheiden als „böses Objekt“ in einem Akt psychischer Vernichtung.
Weil das Zerfalls-Ich seine desexualisierten Triebe, die immer weniger libidinöse Anteile aufweisen, nicht in ein symbolisch vermitteltes Symptom aufheben kann, sondern stattdessen die Gebote seines Ich-Ideals unmittelbar ausagiert, ist sein Bezug auf die als „Selbst-Objekte“ perzipierte äußere Realität immer schon ein psychisch überdeterminierter. Da die narzisstische Identitätsbildung insgeheim von der strukturellen Brüchigkeit ihrer infantilen und in Spaltung mündenden „Objektbesetzung“ weiß – realiter eine angstbesetzte Ahnung, die immer wieder verleugnet werden muss, um sich in einer Art Wiederholungszwang doch immer wieder einzustellen – und diese „Selbst-Objekte“ überdies von den projektiven Imagines des eigenen Identitätszwangs überlagert werden, entlädt sich der ich-zentrierte Überschuss in dieser brüchigen Objektannäherung als Affekt. Der narzisstische Sozialcharakter ist sozusagen ein wandelnder Affekt auf zwei Beinen.
Dieser unter dem Bann des narzisstischen Identitätszwangs stehende residuale Objektbezug des Affekts mag womöglich einen Schlüssel für die Reflexion auf den latenten Bedeutungsinhalt der irrationalen Gruppendynamik an die Hand gegeben. Denn mit dem residualen Objektbezug kommt ungewollt auch sein Triebziel aufs Tableau. Als psychoanalytische Kategorie ist die affektive Überdetermination bzw. der Affekt von Freud als ein mögliches Triebschicksal mit einem bestimmten Triebziel definiert worden.
Seine Herkunft liegt in einem Trieb, der „nicht ganz unterdrückt“ werden konnte und daher als „irgendwie qualitativ gefärbter Affekt zum Vorschein“[66] kommt. Einem unterdrückten Trieb entstammend, dessen Verdrängung jedoch nicht ganz geglückt ist, entäußert sich der Affekt in einer Affektentladung (Triebabfuhr), die eine spezifische psychische Qualität aufweist. Die aus der identitären Konkurrenzposition emanierende irrationale Verselbständigung des Beziehungsinhalts ist der gruppeninterne Ausdruck einer solchen Affektentladung.
Wiewohl die gruppendynamische Affektentladung in ihrem Rundumschlag immer beliebiger verfuhr, erwies sie sich in ihrem Objekt als äußerst zielsicher. Es war nicht zufällig die Geschichtstheorie von Robert Kurz, über die sich das versammelte Duckmäusertum hermachte. Sich an ihr schadlos zu halten, rief unverkennbar ein besonderes Lustmoment hervor. Dieses Lustmoment brach sich in einer regelrechten Orgie der Affektentladung Bahn.
Eröffnet wurde sie vom hermeneutischen Wertkritiker. Seine Befassung mit der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ erschöpft sich in dem kryptischen Laum-Bezug und seiner psychologistischen Verzerrung. Das hindert ihn nicht daran, dem revisionistischen Tiefschlag noch einen draufzusetzen. Aabromeit proklamiert, die „Erkenntnisse“ von Robert Kurz „bezüglich des Opfers und seiner möglichen Geldeigenschaften“ seien „erstaunlich eindimensional (!), oberflächlich (!) und wenig radikal (!).“[67]
Dieses theoretisch völlig ungedeckte Rumpöbeln gegen verdiente Theoretiker markierte einen neuen Grad an theoretischer Verwilderung. Noch gar nicht richtig bei Exit angekommen, war Aabromeit schon dagegen – nicht nur auf dem Feld der Geschichtstheorie. Ein klassisches Beispiel „fauler Dissidenz“, das sich jedoch beileibe nicht auf den krisis-Hermeneutiker beschränken sollte.
Denn während der esoterische Hasardeur erst später zu Exit gestoßen ist, hatten die dumpfen Vorbehalte anderer Beteiligter sich über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut. Lange mussten die den niedrigsten Instinkten bürgerlichen Seelenhaushalts entspringenden Ressentiments von Neid, Eifersucht und Missgunst unter dem Deckel gehalten worden sein, bevor sie sich umso eruptiver Bahn verschafften. In einem Interview mit Scholz äußert sie sich zu ihren Differenzen mit Robert Kurz. Eine „Differenz zwischen mir und Kurz“, hebt sie an, „betraf die Frage, ob auch vormoderne Gesellschaften Fetischgesellschaften sind oder ob der Fetischismus sich auf moderne Gesellschaften bezieht. Kurz vertrat ersteren Standpunkt, ich den letzteren.“[68]
Das ist nicht ganz richtig. Eine klitzekleine Nuance wird unterschlagen. Während Robert Kurz die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ in einer mehrteiligen Artikelserie und verschiedenen Buchpassagen ausführlich dargestellt hat, ermangelt es Scholz bis heute an einer eigenständigen geschichtstheoretischen Position. Nun ist es einerseits befremdlich genug, dass Scholz ihren geschichtstheoretischen „Standpunkt“ nie schriftlich dargelegt hat. Wenn sie die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ als theoretisch insuffizient erachtet, müsste es ihr ein originäres Anliegen sein, diese affirmative Schlacke der Theoriebildung auszumerzen. Für die Ausarbeitung ihrer famosen Geschichtstheorie hatte sie seit dem frühen Streit um die Geschichtstheorie im Jahr 2005 Zeit gehabt – also seit inzwischen gut zwanzig Jahren.
Dass Scholz mithilfe ihrer inexistenten, höchstens in ihrer Imagination vorhandenen, Geschichtstheorie andererseits auch noch in der Außenwirkung von Exit hausieren geht, schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Auf der Basis ihrer Nicht-Position die von Kurz intern durchgekämpfte, sich als überlegen erwiesene und immer wieder ausführlich entfaltete Bedeutung der Fetischkategorie für vormoderne Gesellschaften abschießen zu wollen, lässt auf ein bemerkenswertes Selbstverständnis schließen. Die leidensmetaphysische Affektentladung konnte einem Hauch von Größenwahn nicht entsagen.
Allem Augenschein nach vermochte sich Scholz an ihrer fiktiven „Kritik“ an Kurz gar nicht genug laben. Im selben Interview ist folgender Einwurf zu finden: „Ich bin mir auch nicht sicher, ob Feuerwaffen im Konstitutionsprozess des kapitalistischen Patriarchats die zentrale Rolle einnehmen, die Robert Kurz ihnen zuschreibt.“[69] Abermals bedarf es eines einzigen Satzes, um weitgehende Vorbehalte an der Geschichtstheorie zu lancieren. In der für das Regiment der Unbestimmtheit stilbildenden Art und Weise werden keine Gegenargumente vorgebracht oder konkrete Gegenstände inhaltlich bestimmt hinterfragt. Stattdessen wird à la „fauler Dissidenz“ ein raunender Zweifel an der kategorialen Funktion der „militärischen Revolution“ für die gesamtgesellschaftliche Konstitution der Wert-Abspaltung gestreut.
In der Tat hätte der Kampf um die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ niemals so hohe Wellen schlagen können, wenn dieser „irgendwie qualitativ gefärbte Affekt“ nicht auch in anderen langjährigen Redaktions- und Vorstandsmitgliedern gebrodelt hätte. Inszenierte Leni Wissen ihre nicht vorhandene Position einerseits als „kritisch“ gegenüber Aabromeits wie auch meiner Position, wodurch sie sich im diskursiven Zwischenreich einnistete, brach durch das queere Fluidum mitunter der harte revisionistische Kern durch. Was die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ anbelangt, räumte sie im internen Beiratsverteiler freimütig ein, müsse festgehalten werden, „dass hier noch einiges auszudiskutieren (!) wäre und dass es insofern auch nicht einfach einen ‚Stand‘ einer wert-abspaltungskritischen Geschichtstheorie gibt (!!!).“[70]
Solange keine inhaltliche Grundlage vorliegt, gibt es hier nichts, aber auch überhaupt nichts „auszudiskutieren“. Wenn Leni Wissen Einsprüche gegen die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ hat, läge es an ihr, diese endlich einmal zu verschriftlichen oder wenigstens in einem Vortrag darzulegen. Aber das Einfordern des theoretischen Begründungsanspruchs firmierte zu diesem Zeitpunkt bereits als frevelhafte Selbstüberhöhung einer „Reinheit der Theorie“. Diese von blinden Impulsen geleitete Attacke auf die Geschichtstheorie auf Basis einer ausgemachten Ahnungslosigkeit dünkte Leni Wissen hingegen freilich nicht als infame Hybris, sondern als legitimer Ausdruck des gesunden Volksempfindens. Es zeugt von der affektiven Überdetermination gegenüber Robert Kurz, dass Wissen dessen Geschichtstheorie, die sie einst selbst vertreten hatte, durch einen einzigen Satz begründungslos in den Orkus schickte.
Um die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ vollständig zunichte zu machen, musste sie auch in der Außendarstellung zurückgenommen werden. Da es zur immanenten Auseinandersetzung mit ihr jedoch der theoretischen Kapazitäten ermangelte, sollte sie in einem ganz anderen Zusammenhang gleichsam en passant erledigt werden. Der notorische Plagiator benötigte für die Absage an die Geschichtstheorie seinerseits nur einen Satz, der, auf das Werk „Geld ohne Wert“ rekurrierend, damit endet, „dass manches bereits Geschriebene auch zum Teil wieder revidiert wird“.
Die „theoretische Revolution“ der Wert-Abspaltungs-Kritik musste für den Theoriestillstand bei Rest-Exit ein Dorn im Auge sein. Sie sollte ihrer kategorialen Differenz zur „theoretischen Revision“ entkleidet werden: „Sicherlich ist zur Kenntnis zu nehmen, dass eine theoretische Revolution nicht in einem Zug zu bewerkstelligen ist, so dass diverse Aspekte vorerst unausgearbeitet und unausgegoren bleiben“, wobei darunter natürlich „z.B. der Status vormoderner Gesellschaften im Unterschied zur Fetisch-Konstitution des warenproduzierenden Patriarchats“, aber auch „das Verständnis des Kapitalismus als Gesamtprozess“[71] zu verstehen sei.
Nun stimmt es zwar, dass Robert Kurz seine Wertkritik durch eine den Gesamtprozess visierende Kapitalkritik in „Geld ohne Wert“ modifiziert hat. An seiner Geschichtstheorie hat er trotzdem bis zum Schluss festgehalten. Die Affektentladung mündete in einer Enteignung von Robert Kurz, über dessen theoretische Errungenschaften Rest-Exit nunmehr willkürlich verfügen zu können glaubt. Die Konsequenz des Räsonnements von Meyer folgt dem perfiden Motto: Der „Bobby“ hat doch selbst seine Werttheorie „revidiert“, ergo können wir genauso gut seine Geschichtstheorie entsorgen.
Die narzisstische Identitätsbildung verleibte sich nicht nur die Inhalte von Robert Kurz ein, sondern entschied posthum auch, welche davon weiter Gültigkeit beanspruchen können – und welche nicht. „Wir sind Bobby!“, lautete das grandiose Motto in Anbetracht des „guten Objekts“, das dem eigenen masochistischen Ich einer Wert-Abspaltungs-Kritik für Analphabeten wenigstens ein Mal die imaginäre Reputation einer radikalen Gesellschaftskritik verlieh. Deshalb möchte man auf ihn auch nicht ganz verzichten, sodass man seine zum Teil unveröffentlichten Artikel posthum munter publiziert.
Weil man/frau aber trotz der projektiven Identitätsbildung mit Robert Kurz an seine theoretischen Fähigkeiten nicht mal ansatzweise heranreicht, musste das idealisierte irgendwann in das in das dämonisierte Selbstobjekt umschlagen. Es wurde anhand seiner wesentlichen inhaltlichen Errungenschaften seitdem aus der Theoriebildung schrittweise „ausgekotzt“. Die Orgie der Affektentladung gegen Kurz lässt in dieser Hinsicht tief blicken.
Dass die als „Über-Theoretiker“ negativ idealisierte Person von Robert Kurz für das Agieren der Wendehälse sehr wohl einen eminenten Stellenwert einnahm, lässt sich an der Exit-Spaltung belegen. Am besten lässt sie sich in ihrem latenten Beziehungsinhalt dadurch erhellen, dass man ihr den Ausgang des frühen Streits um die Geschichtstheorie kontrastiert. Denn schon damals regten sich die ersten Wimpernschläge eines historistisch-hermeneutischen Ansatzes. Als Ulrich und Haarmann damals in das historistische Lager Wallners übergegangen waren, stand mit der Geschichtstheorie wie auch später bei der Exit-Spaltung eine radikale Kritik an bürgerlicher Historienschreibung auf dem Spiel. Diese revisionistische Strömung konnte sich nur deshalb nicht durchsetzen, weil Kurz mit seinen drei Artikeln zur „Geschichte als Aporie“ in die Debatte intervenierte.
An diesem Vorkommnis lässt sich exemplifizieren, was auch auf viele andere Begebenheiten innerhalb der Redaktion zutraf: Unübersehbar nahm Robert Kurz zu seinen Lebzeiten eine interne Korrektivfunktion im konkreten Gruppengefüge ein. Sie entstammte seiner inhaltlichen Autorität, die er – meiner Erfahrung nach – immer theoretisch begründet wahrnahm. Die schiere Präsenz von Kurz wirkte auf die gruppendynamische Affektlage ein, weil sich alle Beteiligten im Klaren darüber waren, dass mögliche Ambitionen „fauler Dissidenz“ mit einer inhaltlichen Polemik gekontert würden.
In herausragender Weise hing an der Person Robert Kurz damit auch die interne Affektmodulation der narzisstischen Identitätsbildung. Seine inhaltliche Autorität ging mit einem gewissen Affektstau (Triebaufschub) im Sinne einer Kanalisierung revisionistischer Impulse einher. In diesem Rahmen aufschlussreich ist dabei die Stellung der Wendehälse zur „Geschichte von Fetischverhältnissen“, als das oberste „Genie“ und der größte „Meister“ der Theoriebildung noch als internes Korrektiv wirkte.
Weder Scholz noch Ortlieb meldeten sich im frühen Streit um die Geschichtstheorie oder danach in der Außendarstellung zu diesem Thema mit einer eigenen geschichtstheoretischen Position zu Wort. Erst recht gilt das für Wissen, Meyer und Böttcher, die zu Lebzeiten von Kurz noch seine Geschichtstheorie vertraten. Das alles änderte sich schlagartig durch den Tod von Robert Kurz. Als das gruppeninterne Korrektiv verstorben war und eine Reaktion vom „Über-Theoretiker“ nicht mehr zu befürchten war, entlud sich in der folgenden Zeit sukzessive ein Dammbruch der Affekte, der sich allerdings nicht auf seine geschichtstheoretischen Inhalte beschränkte.
Insbesondere Scholz kostete die ekstatische Hemmungslosigkeit der Orgie genüsslich aus. In besagtem Interview verteilte sie weitere Zensuren über die theoretischen Betätigungen von Kurz. So sei ein „Konfliktfeld in der Beziehung zwischen Kurz und mir (…) in diesem Zusammenhang auch die Auseinandersetzung mit den sogenannten Antideutschen in der ersten Hälfte der 2000er Jahre (gewesen, DS). Kurz war sehr wütend über deren bellizistische Haltung und hat dann mit allen möglichen Zeitschriften gebrochen, in denen er bis dahin regelmäßig publiziert hatte. Zu den Antideutschen hat er dann ein ganzes Buch geschrieben; das wäre m.E. nicht nötig gewesen – zwei, drei grundsätzliche Artikel hierzu hätten m.E. genügt.“[72]
Wir von fractura haben zum theoretischen Stellenwert der „antideutschen Ideologie“ eine ganz andere Haltung. Aber das ist hier nur nebensächlich. Desavouierend ist der unwirsche Aufschlag, der ganze Bücher am liebsten mit drei Sätzen zensiert hätte. Wie wäre es denn zur Abwechslung gewesen, wenn Scholz selbst nochmal ein Buch geschrieben hätte, anstatt die Publikationen von Kurz zu monieren? Über die Antideutschen selbst oder die Antiimperialisten oder wen auch immer…
Robert Kurz ist in der Tat der einzige aller Exit-AutorInnen, dem man vorwerfen kann, er habe zu viele Bücher geschrieben. Darin spiegelt sich ex negativo die überragende Bedeutung von Robert Kurz als prägendem Theoretiker der Exit-Gruppe wider. Kurz hatte als „Überblickstheoretiker“ einen kritischen Wissensfundus auf fast allen Ebenen der Theoriebildung, der als außergewöhnlich bezeichnet werden muss. Außerdem sind ihm ein seltenes schriftstellerisches und ein brillantes polemisches Talent in die Wiege gelegt worden, das man über Generationen hinweg vergeblich sucht. Nicht umsonst war Robert Kurz das Zugpferd der Theoriebildung. Das machte ihn noch anfälliger für die projektive Identitätsbildung mit seiner Person.
Genau hierin liegt der Hund der Exit-Spaltung begraben. Was auf jeden sozialen Zusammenhang zutrifft, gilt auch für den einer radikalen Gesellschaftskritik. In ihm kommen Individuen zusammen, zwischen denen sich durch die narzisstischen Identitätsbildungen ein spezifisches Beziehungsgeflecht herauskristallisiert. Da sich dieses Beziehungsgeflecht am Zweck des kritisch-theoretischen Inhalts ausrichtet bzw. ausrichten sollte, nicht alle Individuen jedoch den selben theoretischen und inhaltlichen Wissensstand haben, finden die narzisstischen Identitätsbildungen innerhalb der inhaltlichen Hierarchie des theoretischen Zusammenhangs statt. Ausschlaggebend ist, wie man sich zu dieser inhaltlichen Autorität stellt, die bei Exit wesentlich an der Person Robert Kurz hing.
Zu ihr kann man sich in zweifacher Weise verhalten. Entweder verhält man sich zu ihr emanzipatorisch, indem man einen inhaltlichen Bezug zu Kurz und seinem Werk aufbaut. Dieser besteht am Anfang in der zueignenden Rezeption seiner Schriften und deren eigenständiger Vertiefung und Konkretisierung. Auf dieser Basis können dann möglicherweise irgendwann auch berechtigte Kritiken an vielleicht affirmativen Momenten bei Kurz entwickelt werden.
Oder aber man verhält sich zu seiner inhaltlichen Autorität nicht emanzipatorisch, sondern regressiv. Dieser regressive Bezug ist auf der persönlichen Beziehungsebene durch das objektivierte Formprinzip der Präödipalität gefiltert, dessen narzisstischer Identitätszwang in seiner projektiven Objekt- und Ich-Spaltung die Grundlage des „universellen Beziehungsmusters“ bildet. In das präödipale Beziehungsmuster ist sodann auch das Konkurrenzverhalten einer Identitätsposition eingewoben, die aus der narzisstischen Geltungssucht imaginärer Grandiositätsvorstellungen emaniert.
Allen Ausblendungs- und Ablenkungsmanövern zum Trotz kommt hinter der taktischen Fassade die hässliche Fratze der Exit-Spaltung zum Vorschein. Die DuckmäuserInnen haben „Bobbys“ radikal kritische Inhalte und seine außergewöhnliche schriftstellerische Brillanz einfach nicht verwinden können. Daraus erklärt sich der nonkonformistische Zug des Aufstands: Nicht einmal als zusammengerottete „einsame Masse“ trauten sich die DekonstruktivistInnen posthum, in eine offene inhaltliche Auseinandersetzung mit seiner Geschichtstheorie einzutreten.
Die affektive Überdetermination des latenten Beziehungsinhalts speiste sich somit aus einer identitären Aufladung der Person Robert Kurz: ihrer projektiven und irrationalen Überhöhung zum Über-Theoretiker. Der projektiven Erhöhung des „guten Objekts“ zum Über-Vater war der Umschlag zum „bösen Objekt“ immanent. Sein inhaltlich-theoretisches Abstraktionsniveau knechtete die real existierende Unfähigkeit der armen Würstchen noch über seinen Tod hinaus und so dauerte es keine fünf Jahre, bis die „faule Dissidenz“ zum Angriff ausholte.
Das „Wir sind Bobby!“ ist in das „Wir zerstören Bobby!“ übergegangen. Darum wurde nicht nur die Geschichtstheorie und mit ihr die Kritik am Antideutschtum, sondern nicht zuletzt die kategoriale Krisentheorie als solche destruiert.[73] Die Leidensmetaphysik wurde von der eigenen Konkurrenzposition narzisstischen Identitätszwangs geplagt, die nur mehr eine masochistische Stellung zur irrational erhöhten Vaterimago einzunehmen vermochte. Was der emotionale Notzustand „nicht mehr aushalten“ konnte, war die herausgehobene, allen Beteiligten überlegene, theoretische Präsenz von Robert Kurz.
Die präödipale Geschwisterhorde forcierte das Lebenswerk von Robert Kurz, weil sie erst nach dem vollbrachten Vatermord wieder „zur Tagesordnung übergehen“ konnte. Insofern stellte sich die „Befreiung“ von“ Heiko Gebauer und Patrice Schlauch sowie meiner Person als nachgeordneter Kollateralschaden der „Befreiung“ vom projektiv aufgeladenen Über-Vater Robert Kurz und seiner im kritischen Inhalt präsenten Gegenwärtigkeit heraus.
Die vom vatermordenden Telos generierten negativen Fixierungen auf Kurz hatten bisweilen einen makabren Beigeschmack. Auf meine Kritik am Geld-Traktat von Aabromeit rekurrierend sowie auf den ihr inhärenten Rekurs auf die Geschichtstheorie von Robert Kurz hinweisend, schrieb Claus Peter Ortlieb an die Redaktion: „Und noch ein inhaltlicher Gesichtspunkt: Wir sind kein Robert Kurz-Gedächtnisverein (!!!), der ‚Geld ohne Wert’ für den Stand der Dinge hält und jede Abweichung davon für ein Sakrileg. Manche deiner Argumentationen haben sich für mich genau so angehört.“[74]
Was sich keck als „inhaltlicher Gesichtspunkt“ spreizt, schlug in Wahrheit in die Kerbe des psychologistischen Terrors. Ortlieb insinuiert meiner Kritik am historistischen Revisionismus das Motiv einer falschen Loyalität zu Kurz. Die gängige Konfusion des „Psychologismus für Arme“ kann das Ganze wieder nur auf der irrational aufgeladenen persönlichen Beziehungsebene (Loyalität) festmachen, die den Inhalt meiner Kritik „Dialektik und Geschichte“ durch gesinnungsforschende Spekulationen neutralisierte. Es geht darum, ob die Inhalte von Robert Kurz zutreffend sind, nicht, ob die Inhalte von Robert Kurz stammen; aber zu dieser Differenzierung war die affektiv überdeterminierte Geschwisterhorde schlichtweg außerstande.
Vor allem aber wirft die Wortwahl Ortliebs ein Schlaglicht auf den latenten Beziehungsinhalt der Exit-Spaltung. Dass der schiere Bezug auf die theoretischen Eigenleistungen von Kurz eine derart unlustvolle Erinnerung weckte, um in der präödipalen Geschwisterhorde das unerträgliche Leiden an ihrer eigenen Theorietrivialisierung zu erzeugen, lässt die Untiefen des affektiven Überschusses erahnen. Am liebsten hätte der kollektive Vatermord, wäre er nicht weiter auf seine Reputation angewiesen, die überragende Bedeutung von Robert Kurz gleich ganz aus dem „Gedächtnis“ der Wert-Abspaltungs-Kritik gelöscht.
Weiblicher Identitätszwang als Sexismusvorwurf: Queere Definitionsmacht und ein „safe space“ für die inhaltsschwache Weiblichkeit
Unterdessen sah sich dieser Drang der Geschwisterhorde, die Erinnerungsspuren an den „Über-Theoretiker“ aus dem Rest-Inhalt zu löschen, vor eine große Schwierigkeit gestellt. Auf der einen Seite scheute der nonkonformistische Mob noch nach seinem Tod vor der theoretisch-inhaltlichen Auseinandersetzung mit ihm zurück wie ein wild gewordenes Pferd. Auf der anderen Seite waren die theoretischen Entwicklungen von Robert Kurz zu intrinsisch mit dem wert-abspaltungs-kritischen Stand der Theoriebildung verzahnt, als dass sie einfach aus ihm herausdestilliert werden könnten.
Was es mit diesem Stand der Theoriebildung bei Rest-Exit heutzutage auf sich hat, lässt sich einmal mehr einer Beiratsmail von Scholz entnehmen. Als wir auf einem objektiven Stand nicht nur der wert-abspaltungs-kritischen Geschichts-, sondern auch Krisentheorie zu insistieren fortfuhren, verlautbarte sie späterhin: „Vieles, was gesichert scheint“, müsse doch „immer wieder neu verhandelt (!!!) werden, z.B. wenn Neue reinkommen.“[75] Man lasse sich diese Sichtweise auf der Zunge zergehen. Würde sie ernst genommen, dann wäre jedes Mal, sobald sich x-beliebige Personen dem Exit-Kontext anschließen, der Stand der Theoriebildung immer wieder „aufs Neue“ zu rechtfertigen, ja sogar von Grund auf auszudiskutieren.
Das verräterische Verb „verhandeln“ enthält in nuce das ganze Problem. Der Anklang an die in der Postmoderne ansozialisierte Haltung des „Aushandelns“, die nicht nur Freundschaften und Liebesbeziehungen, sondern inzwischen ebenso „kategoriale Kritik“ dem Feilschen um den interpersonalen Anerkennungswahn preisgibt, springt geradezu ins Auge. Dadurch nimmt Scholz eine Umkehrung der Kriterien für den sozialen Kontext radikaler Kritik vor.
Schließt sich ein Individuum einem wert-abspaltungs-kritischen Zusammenhang an, so muss vorausgesetzt werden, dass es die Theoriebildung in ihren Grundzügen teilt und eine entsprechende reflexive Eigenleistung erbracht hat. „Kategoriale Kritik“ ist in verschiedenen Hinsichten eine sehr voraussetzungsreiche Theorie; dass sich ihr neue SympathisantInnen anschließen, setzt eine ungleich größere kritische Eigenleistung des Bewusstseins voraus als bei allen Derivaten bürgerlicher Theoriebildung.
Da es diesen inhaltlich bestimmten Stand der Theoriebildung für Scholz nicht geben darf, hat sich der reale Zusammenhang ins Gegenteil verkehrt. Für sie liegt die Vorleistung nicht bei den neuen MitstreiterInnen, sondern bei der Theoriebildung selbst, sodass diese sich den arbiträren Vorstellungen der „Neuen“ asymptotisch anzunähern habe. Würde dieses Programm in die Tat umgesetzt, käme dabei der Horror einer ständigen Aushandlung heraus, um die ungezügelte Profilierungssucht der verschiedenen Zerfallsindividuen irgendwie austarieren zu können. Offenherziger könnte die Preisgabe des Stands „kategorialer Kritik“ nicht formuliert werden.
Wie der sprechende Gang der Theoriegeschichte illustriert, waren das keine leeren Versprechungen. Seitdem die „Neuen“ vom „Ökumenischen Netz“ immer größere Segmente der Exit-Infrastruktur kaperten, „schien“ vorm Raubbau an der Wert-Abspaltungs-Kritik gar nichts mehr „gesichert“. Verstärkt darf sich das Publikum seitdem an solch wegweisenden Themen wie dem Status der „unternehmerischen Kirche“ oder der Rolle des „heiligen Josefs“ für die „Wert-Abspaltungs-Kritik“ erfreuen.
Aber diese demokratische Toleranz wird nur lanciert, um dem objektiven Stand jede inhaltliche Kohärenz auszusaugen. Wenn die Theoriebildung „immer wieder neu verhandelt“ werden müsse, stellt sich die Frage, wer in dieser permanenten Aushandlung individueller Positionen am Ende die letzte Entscheidung im Mund führt. Wo die Autorität des theoretischen Inhalts dem „Verhandeln“ auf dem Markt der Meinungen überantwortet worden ist, kann im Konfliktfall kein objektives Kriterium mehr angeführt werden. An die Stelle des objektiven Stands der Theoriebildung tritt die subjektive Willensbekundung, die fortan beschloss, in welcher Richtung die Verbreiterung ehemaliger Wert-Abspaltungs-Kritik voranschreiten solle. So „schien mir“, mutmaßte Wissen, „Daniel allzu schnell festzuschreiben, was ‚der Stand’ einer wert-abspaltungskritischen Geschichtstheorie ist, hinter den Aabromeit zurückgefallen sei.“[76]
Nachdem die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ sich im frühen Streit um die Geschichtstheorie als überlegen erwiesen hatte, anschließend in mehreren Schriften und Büchern entwickelt und nun im nochmaligen Konflikt durch die Intervention „Dialektik und Geschichte“ in ihrer kritischen Essenz erhärtet wurde, parliert die ewige Therapeutin von einer „allzu schnellen“ Definition des geschichtstheoretischen Stands. Das begründungslose „Auskotzen“ ihres Nicht-Inhalts auf Grundlage der Absenz einer eigenständigen Position galt stattdessen nicht als „allzu schnell“ abgesonderter Brocken, sondern ging wohl als ausgewogener und gut durchdachter Beitrag durch. Das Perspektivenkarussell der Wendehälse hatte die theoretischen Maßstäbe vollends aus den Fugen gehoben.
Vielsagend sind allerdings die neuen Kriterien zur Bewertung des nicht existent sein dürfenden Stands „kategorialer Kritik“. Indem Wissen den theoretischen Inhalt auf eine Frage des „Festschreibens“ verkürzt, wird die objektiv-theoretische Dimension durchgestrichen und der komplette Streitgegenstand durch subjektive Willensbekundungen entschieden. Was das „Festschreiben“ des geschichtstheoretischen Stands bzw. die Negation eines solchen anbelangt, stand für Leni Wissen nunmehr Wille gegen Wille, Meinung gegen Meinung. Vor diesem Hintergrund konnte die theoretische Geltung nur mehr durch eine subjektive Entscheidung herbeigeführt werden. Die Definitionsmacht hatte das Zepter des Regiments in die Hand genommen.
Leni Wissen statuierte in ihrer Beiratsmail diese neue Instanz. So fabulierte sie davon, ich lasse „vollkommen unberücksichtigt, dass Roswitha schon seit Jahren Kritik an Bobby’s ‚These‘ einer ‚Geschichte der Fetischverhältnisse’ geübt (!!!) hatte…“[77] Welche „geübte Kritik“ von Scholz an der Geschichtstheorie Leni Wissen meinte, konnte leider nicht eruiert werden. Wahrscheinlich hatte sie damit die zwei Oevermann-Rülpser von Scholz am Biertisch vor Augen. „Souverän ist, wer über die Definitionsmacht entscheidet.“ Sie traf in Roswitha Scholz auf ihre oberste Proklamatorin. Der „Stand der Theoriebildung“ wird seither dadurch vollstreckt, ob sie den Daumen heben oder senken sollte.
Und so kam es, wie es bei einem Aufstand „fauler Dissidenz“ immer kommt: Am Ende triumphiert in der Definitionsmacht die maximal inhaltsschwache Position. Indes sieht sich selbst die leibhaft gewordene Inhaltsleere und Begründungsschwäche dazu verdammt, sich irgendwie inhaltlich rechtfertigen zu müssen. Weil die auf ihr abstraktes Ich zusammengeschrumpfte „Position“ jede inhaltliche Konfliktaustragung perhorreszierte, blieb ihr nur mehr eine letzte Rückzugslinie: die der eigenen identitären Vergeschlechtlichung. Da Scholz und Wissen in Sachen inhaltlichem Begründunganspruch nichts, aber auch gar nichts in den Ring zu werfen hatten, bezogen sie sich in ihrer „Definitionsmacht“ auf ihre objektiv ansozialisierte Weiblichkeit zurück.
Im Zuge dessen ist hier unzweideutig festzuhalten, dass diese letzte Rückzugslinie auf den weiblichen Identitätszwang als Hebel zur obersten Dezision nicht eine allgemein „weibliche“ Reaktionsweise darstellt. Diese Rückzugslinie manifestiert sich vielmehr in einem Spektrum, in dem die dekonstruktivistische Verleugnung der fetischistischen Realität und Objektivität (dekonstruierender Schnappschuss abstrakter Einzelheiten), die bis ins Krankhafte gesteigerte Standpunktwechselei (Ansammlung an Wendehälsen) sowie eine notorische Konfliktunfähigkeit (politisch-korrekte Duckmäuser) auf dem Boden der „Definitionsmacht“ herzhaft gedeihen können. Bei Rest-Exit hat sich das queere Milieu einer linksliberalen Mittelschicht im Geiste des postmodernen Post-Feminismus breitgemacht, dessen Dekonstruktion der Geschlechter bei Exit wie so oft in die Essentialisierung der Geschlechtlichkeit umkippt.
Dabei kommunizierten in der sich gegen Ende des Konflikts ankündigenden Gruppendynamik post-feministische Krisenweiblichkeit und post-feministische Krisenmännlichkeit miteinander. Denn sobald sich die ersten Atemzüge der weiblichen Identität breitmachten, verunsicherte das die Krisenmänner dermaßen, dass sie noch bezüglich ihren basalen inhaltlichen Überzeugungen ins Wanken geraten wären; wenn sie solche jemals besessen haben sollten.
Wie sonst auch lässt sich die durch die identitäre Krisenmännlichkeit und Krisenweiblichkeit vorangetriebene androzentrische Gruppendynamik am objektiven Inhalt bemessen. Die Wendehälse protegierten mit Richard Aabromeit nicht nur einen Quasi-Lohoff, sondern haben mit „Geld – ist doch klar, oder?“ und ihrer affirmativen Haltung zum Schmitter-Buch zwei Inhalte positiviert, deren androzentrischer Gehalt das bis dahin gegebene Maß innerhalb von Exit bei weitem überstieg. Dass nur das Geld-Traktat im Heft und nicht die affirmative Urban-Rezension auf der Homepage veröffentlicht wurde, lag einzig an der schriftlichen Intervention von Patrice Schlauch.
Nicht nur für die männliche, auch für die weibliche narzisstische Identitätsbildung gilt jeder Inhalt per se erst einmal als Bestandteil des eigenen Persönlichkeitskonzepts. Das gilt natürlich auch für die eigene Vergeschlechtlichung. Indem gerade Leni Wissen und Roswitha Scholz den Stand der Theoriebildung dekonstruierten, um ihn in die „Definitionsmacht“ von Scholz zu überführen, sanktionierten sie die identitäre Stellung zur eigenen Weiblichkeit. Sie musste mit einer identitären Stellung zur Männlichkeit einhergehen. Diese Identitätsposition finalisierte sich in einem Reiz-Reaktions-Schema, das mehrere Stadien durchlief.
Dieser vergeschlechtlichte Hintergrund spielte bei meinem Rauswurf eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Das erste Stadium seiner projektiven Aufladung sorgte schon früh, inmitten des Streits um die Geschichtstheorie nämlich, dafür, dass der geschichtstheoretische Inhaltskonflikt vor allem von Roswitha Scholz, aber auch von Leni Wissen, subtil auf die Geschlechtskonstitution der beteiligten Individuen zurückgeführt wurde. Je weniger Scholz und Wissen zum theoretischen Inhalt beizutragen hatten, desto stärker verbissen sie sich in das erst zögernd angedeutete Diktum eines „androzentrischen Konkurrenzverhaltens“, das selbstverständlich auf das „aggressive Verhalten“ eines Daniel Späth gegenüber dem bedauernswerten Richard Aabromeit umgemünzt wurde. Die armen Würstchen hatten sich mit ihm dadurch um ein neues Exemplar bereichert.
Als die Kritik an Aabromeits Umtrieben im Exit-Kontext zuzunehmen begann, erweiterte das zweite Stadium der Androzentrismusvorwürfe das personelle Spektrum. Fortan wurde – nach wie vor eher indirekt als offen – jedes als Mann sozialisierte Individuum, das die Inhalte von Aabromeit oder Schmitter infrage stellte, als „androzentrisches Konkurrenzsubjekt“ markiert: Lauter Reinkarnationen von Robert Kurz hier… Wobei manche der auch bei Rest-Exit anzutreffenden Softie-Krisenmänner in diese offene Denunziation einstimmten.
Übrigens sei angemerkt, dass gerade die als „androzentrische Konkurrenzsubjekte“ gestempelten Individuen in ihren Texten sehr wohl die Abspaltungskritik stark machten. Das betrifft nicht nur meinen Text „Dialektik und Geschichte“, sondern auch die kritische Rezension des Buches „Sackgasse Wirtschaft“ von Patrice Schlauch: „Gerade das formale Zugeständnis an die Abspaltungstheorie bei ihrer gleichzeitigen Verdrängung in die Peripherie der Theoriebildung zeichnet den Androzentrismus Schmitters aus. Indem der Abspaltungstheorie eine Nischenexistenz zugestanden wird, um sie unschädlich zu machen, kann sich der Wertkritiker eine eingehendere Auseinandersetzung mit der ‚gebrochenen Totalität’ (Roswitha Scholz) und ihrer weitreichenden Implikationen für die Kritik ersparen.“[78] Aber um objektive Inhalte – ob nun androzentrisch oder nicht – ging es hier schon lange nicht mehr.
Das dritte Stadium des Reiz-Reaktions-Schemas kam sodann in einem dezidierten Sexismusvorwurf zu sich. Er fiel auf einem Redaktionstreffen, auf dem der Ausschluss Aabromeits aus dem Vorstand nicht „nur“ aufgrund der kurz zuvor gefallenen antisemitischen Äußerung diskutiert wurde. Denn Heiko Gebauer, Patrice Schlauch und ich sowie anfangs noch Thomas Meyer konnten und wollten keinen solchen Vorstand akzeptieren. Unsere Kritik nicht nur an der antijüdischen Soros-Aussage wurde mit einem erstunkenen und erlogenen Sexismusvorwurf mir gegenüber pariert, um Aabromeit weiterhin in den Gremien zu halten.
In dieser offensiven Unterstützung seiner Machtpolitik ging Leni Wissen noch nach dessen Soros-Aussage so weit, dass sie, sollte er wirklich des Vorstands verwiesen werden, mit ihrem Austritt aus der Redaktion drohte! Diese bis zur Inkaufnahme des eigenen Austritts ausgedehnte Verteidigung eines androzentrischen krisis-Mannes, der sich antisemitisch geäußert, davon aber nachträglich nie abgegrenzt hatte, dünkte der ewigen Therapeutin wohl als Spitze radikal feministischer Kritik…
Dessen ungeachtet sei auf eine Eigentümlichkeit in dem Sexismusvorwurf hingewiesen. So hatte ich mich in allen über die Jahre sich ereignenden internen Disputen inhaltlich immer klar auf Seiten einer Androzentrismuskritik gestellt. Zudem hatten weder Scholz noch Wissen in dem ganzen Jahrzehnt unserer Zusammenarbeit auch nur einmal eine androzentrische Schlagseite an mir diagnostiziert; nicht auf der inhaltlichen, nicht auf der persönlichen Ebene.
An diesem Punkt hätte sowohl für Scholz als auch Wissen eine Selbsterklärung einsetzen müssen, warum ich binnen eines Wimpernschlags von einem Wert-Abspaltungs-Kritiker zu einem vorgeblichen Androzentriker mutiert sei. Weit davon entfernt, streute die ewige Therapeutin lieber das Gerücht, ich sei „am Abdrehen“, um sich durch die Stigmatisierung meiner Person vor der anstehenden Selbstreflexion zu immunisieren. Auf dieser Grundlage der Pathologisierung eines Individuums konnte sie sich zusammen mit der Geschwisterhorde von den Anderen „befreien“, um endlich jenen „safe space“ für die inhaltsschwache Weiblichkeit herzustellen, den sie schon so lange herbeigesehnt hatte.
Die denunziatorische Essenz des Sexismusvorwurfs wird indes erst richtig einsichtig, wenn man den damit gesetzten Gehalt ernst nimmt. Hätte ich mich jemals sexistisch verhalten oder sexistische Äußerungen getätigt, wäre das ein gewichtiger Grund für ein Gespräch mit mir – was nie stattgefunden hatte – und irgendwann für meinen Rauswurf gewesen. Mein angeblicher „Sexismus“ hätte folglich an erster und prominentester Stelle als Begründung für meinen Rausschmiss aufgeführt werden müssen. Er wurde jedoch weder in der Redaktions- noch der Beiratsmail erwähnt, die meinen Rausschmiss „begründeten“. Wodurch wieder einmal unterstrichen wird, dass das Duckmäusertum seinen eigenen Inhalt nicht für voll nehmen kann.
Worin bestand nun der mir angedichtete Sexismus? Er gründete darin, dass ich behauptet hätte, in Exit habe sich ein „Matriarchat“ entwickelt. Die diese nie gefallene Äußerung lancierende Person wurde sogleich mit einer Redaktionsmitgliedschaft belohnt. Was ich damals tatsächlich gesagt hatte, war Folgendes: Ich hatte in einem Gespräch darauf hingewiesen, dass sich, wie sich belegen ließ, in der Gruppendynamik des Exit-Konflikts ein weiblicher Identitätszwang zu regen begann, der eine androzentrische Verselbständigung ihrer Eigenlogik gerade begünstige. Fraglos zu viele Abstraktionssprünge für das pubertierende Gegenüber inmitten seines Selbstfindungsprozesses, das daraus die „sexistische“ Äußerung des „Matriarchats“ drehte.
Von unserer Seite aus gilt es bei aller Kritik an diesem weiblichen Identitätszwang darauf zu bestehen, dass wir das Kind nicht mit dem Bade ausschütten werden. So bedauerlich es ist, dass die frühere Speerspitze einer feministischen Kritik in einen seichten Post-Feminismus unter dem Banner queerer Identitätspolitik mutiert ist, werden wir diesen Konflikt nicht dazu benutzen, den Skandal patriarchaler Zwangsvergeschlechtlichung in ihrer gewaltunterfütterten Asymmetrie zum Schweigen zu bringen.
Wir wissen, was wir bestimmten Strömungen eines radikal gesellschaftskritischen Feminismus – und damit auch der Abspaltungstheorie – zu verdanken haben. Wir von fractura – Gruppe für kategoriale Kritik werden die Exit-Spaltung und die in ihr sich manifestierende weibliche Identitätsposition nicht nutzen, um auf ihre Kosten einer androzentrischen Wertkritik Konzessionen zu machen. Das machen sie bei Rest-Exit mittlerweile schon selber. Stattdessen werden wir nach unseren Möglichkeiten und Fähigkeiten auch weiterhin versuchen, eine Wert-Abspaltungs-Kritik in allen ihren Dimensionen voranzutreiben.
Nachwort: Zur Zukunft eines „kategorial-kritischen“ Zusammenhangs
Am Anfang der Exit-Spaltung stand der inhaltliche Bruch. Aber das Regiment der Unbestimmtheit setzte alles daran, die objektive Bedeutsamkeit des theoretischen Widerspruchs in die Beziehungsform zurückzunehmen. Die dadurch bewirkte Inversion von Inhalts- und Beziehungsebene resultiert in einer Verselbständigung der entgrenzten Beziehungsebene, die jedwede inhaltliche Austragung der theoretischen Widersprüche systematisch torpediert.
Diese Verselbständigung auf der Ebene der psychischen Form sowie der ihr korrelierenden „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ lässt augenscheinlich werden, dass radikale Gesellschaftskritik von Voraussetzungen lebt, die sie nicht selbst herstellen kann. Das gilt auch für ihren sozialen Kontext. Er wird durch den Krisenprozess nicht weniger prekär als die gesamtgesellschaftliche Konstitution. Der historische Vergleich vermag diese Erosion zu extrapolieren: Man stelle sich nur vor, Bernstein hätte Kautsky im Revisionismus-Streit einen „aggressiven Gestus“ vorgeworfen und sich gleichzeitig bezüglich der Frage „Evolution oder Revolution“ in vornehmes Schweigen gehüllt. Er wäre von niemandem ernst genommen worden.
Schreit die zerfallende Weltgesellschaft geradezu nach einer radikal kritischen Theorie, welche den unerbittlichen Zwang der kriseninduzierten Barbarei auch praktisch abzuschaffen verhilft, unterminiert die zerfallende Disposition der Individuen nicht nur ihre theoretischen, sondern auch ihre psychischen Kapazitäten in einmaliger Weise. Die buchstäblich verrückte Verlaufsform der Exit-Spaltung ist dafür ein markantes Beispiel.
Insofern zeichnet der psychische Zerfall in beträchtlichem Maß für den periodischen Zyklus verantwortlich, der sich der Theoriegeschichte „kategorialer Kritik“ bemächtigt hat: Dem Aufbau einer kritischen Theoriegruppe folgt die Gruppenspaltung, die einen Wiederaufbau eines neuen Zusammenhangs nach sich zieht, der in der nächsten Spaltung mündet etc. Dieser Teufelskreis hat die Theoriegeschichte „kategoriale Kritik“ fest im Griff. Es ist also davon auszugehen, dass das Regiment der Unbestimmtheit und seine irrationale Gruppendynamik auch zukünftig den Kontext radikaler Gesellschaftskritik in Beschlag nehmen werden.
Dabei ist es durchaus möglich, aus dem Teufelskreis dieser verselbständigten Gruppendynamik auszubrechen. Zwar reicht die irrationale Eigenlogik der gruppendynamischen Verselbständigung über die bewussten und intentionalen Zwecksetzungen der einzelnen Individuen hinaus, aber sie konstituiert dennoch keine eiserne Objektivität der versachlichten Fetischkonstitution. Der Zwang zur „abstrakten Arbeit“ konstituiert eine objektive Notwendigkeit, an der die physische und materielle Reproduktion der Subjekte hängt; die Unterwerfung unter die fetischistische Gesamtgewalt des Staates erweist sich wiederum für die eigene soziale Existenz als unabdingbar.
Aus offensichtlichen Gründen verhält es sich mit der gruppendynamischen Verselbständigung ganz anders. Weder muss man während eines internen Gruppendisputs in derselben Weise zwangsläufig zu einem konfliktunfähigen Affektbündel auf zwei Beinen mutieren, wie man die eigene Arbeitskraft zu Markte zu tragen hat; noch muss man genauso unvermeidlich mit neiderfüllten Ressentiments agieren, wie man als Staatssubjekt in der Rechtsform zu handeln gezwungen ist. Deshalb ist die durch die präödipale Disposition der Psyche, ihre „früheste Äußerung“ des narzisstischen Identitätszwangs und die aus ihm sich ergebenden Handlungs- und Wahrnehmungsformen konfigurierte objektivierte Form der Psyche bzw. objektivierte „Umgangsform falscher Immanenz“ auf einer anderen Ebene der gesellschaftlichen Konstitution angesiedelt.
Es existiert innerhalb der objektivierten Form der Psyche und den mit ihr vermittelten objektivierten „Umgangs- und Verkehrsformen falscher Immanenz“ im Unterschied zu den objektiven „Daseinsformen“ (Marx) des versachlichten Kapitalfetischs also ein Spielraum der Bewusstseinsleistung. Der Vergleich mit dem objektiven Selbstzweck der Akkumulation konturiert diese Differenz: Hat die individuelle Bewusstseinsleistung die realabstrakte Irrationalität der „Verwertung des Werts“ kritisch erkannt, muss sie ihre physische und materielle Reproduktion gleichwohl weiterhin in diesen objektiven „Daseinsformen“ vollziehen. Hat sie hingegen die irrationale Gruppendynamik in ihrer falschen Eigenlogik realisiert, kann sie von ihr Abstand nehmen und ganz andere Handlungsweisen an den Tag legen.
Wäre die kritische Durchdringung der verselbständigten Gruppendynamik hingegen lediglich eine Frage der theoretischen Erkenntnis oder der inhaltlichen Analyse, könnte ihre konfliktbegleitende Persistenz nicht erklärt werden. Dass der Eklat sich wie eine unaufhaltsame Naturgewalt entlädt, die über die bewusste Auseinandersetzung der Beteiligten hinwegrollt, signalisiert den unbewussten Gehalt der gruppendynamischen Entwicklung. Er hat sich in der Postmoderne, flankiert von der Entgrenzung des Psychischen, noch einmal drastisch zugespitzt. Da dieser unbewusste Gehalt auf die frühkindlichen Erfahrungen zurückgeht und nicht unmittelbar bewusstseinsfähig ist, kann er auch nicht einfach durch Analysen, Gespräche etc. bearbeitet werden.
Dass das Zerfalls-Ich des narzisstischen Sozialcharakters im Unterschied zum Ich des neurotischen Sozialcharakters selbst immer mehr ins Unbewusste herabgezogen wird, lässt verständlich werden, warum die irrationale Eigenlogik in der Postmoderne eine neue Qualität gewonnen hat. Weil die Verdrängungsschranke nicht mehr aufbaut werden kann, diffundiert das Unbewusste beständig in das Ich und diktiert ihm seine desexualisierte „Lusterfüllung“. Die tendenzielle Verleugnung der Objekt- und Außenwelt ist das Korrelat zu dieser Ich-Schwäche, welche die Triebe, ihrer beständigen Bekämpfung zum Trotz, nicht mehr bändigen kann und ihre entlibidinierten Ziele daher projektiv in der Außenwelt ausagiert. Indem das Ich immer stärker den unbewussten Primärprozessen unterworfen ist, neigt es im Konfliktfall zum irrationalen Ausagieren innerhalb der verselbständigten Gruppendynamik.
Obwohl man in den unbewussten Anteilen der verselbständigten Gruppendynamik auf eine gewisse „innere Schranke“ der Reflexion trifft, die nicht einfach administrativ oder durch psychologische Tricks und therapeutische Gruppenarbeit überwunden werden kann, ändert das nichts an dem erwähnten Spielraum. Eine kritische Reflexion auf die Theoriegeschichte, die aus ihren diversen Brüchen gelernt hat, vermag das Verhältnis von Inhalts- und Beziehungsebene durchaus zu bestimmen. Sie kann Kriterien entwickeln, die anlassbezogen und inhaltlich begründet eine problematische Verselbständigung der Gruppendynamik anzeigen können.
Die stets zu konstatierende Substitution der theoretischen Inhalts- durch die persönliche Beziehungsebene verläuft in objektivierten Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern, die sich im Verlaufe einer jeden Spaltung verlässlich einstellen: Die Ausblendung übergeordneter Vermittlungszusammenhänge im dekonstruktivistischen Schnappschuss signalisiert die Entgrenzung des sich aufblähenden Zerfalls-Ichs, das den objektiven Inhalt in sich verschluckt hat. Die rotierende Standpunktänderung des Wendehals-Syndroms hat sich endgültig von der verleugneten Außenwelt und ihrem gruppendynamischen status quo abhängig gemacht. Und die Konfliktfeindlichkeit des politisch-korrekten Duckmäusertums befindet sich gleich ganz auf dem Sprung, die Unfähigkeit zur konflikthaften Auseinandersetzung machtpolitisch zu kompensieren.
Spätestens jedoch, wenn der psychologistische Terror seine ersten Fühler austreckt, sollten indes alle Alarmglocken schrillen. In ihm vergegenständlichen sich die „Umgangsformen falscher Immanenz“ zu einem allgemeinverbindlichen Modus. Zusammen mit dem massendemokratischen Betroffenheitskult repräsentiert er die psychische Regression der Beziehungsform und ihres manifesten Beziehungsinhalts, der die des latenten ausnahmslos im Schlepptau hat. Tatsächlich wird einer kritischen Theoriegruppe, welche die psychologistische Gruppendynamik nicht aufbrechen kann, keine Zukunft beschieden sein.
Mögen diese inhaltlichen Kriterien auch erste Anhaltspunkte für eine Kritik an der irrationalen Gruppendynamik im sozialen Zusammenhang „kategorialer Kritik“ geben, wiegt ein Aspekt noch deutlich schwerer. Gemeint ist die kontingente Eigenleistung des Individuums, die letztlich dafür den Ausschlag gibt, wie die in die Zwangsform gebannten Individuen den Konflikt jeweils verarbeiten. Die Anerkennung dieser Eigenleistung, unabhängig davon, in welche Richtung sie letztlich ausschlägt, ist das zentrale Kriterium für eine kritische Reflexion der Gruppendynamik.
Es liegt auf der Hand, dass für die narzisstische Identitätsbildung just diese kontingente Eigenleistung des individuellen Bewusstseins den größten Skandal darstellt. Sie repräsentiert das individuelle, nicht weiter ableitbare, nicht herstell- oder manipulierbare Eigene des Individuums, das dem Zugriff von außen entzogen ist. Jede noch so starke externe Beeinflussung muss durch diese kontingente Eigenleistung des individuellen Bewusstseins hindurch, weshalb sie das Moment der Nicht-Identität innerhalb der verselbstständigten Gruppendynamik darstellt.
Alle die strategischen Mühen, die ganzen taktischen Verrenkungen, der gesamte betriebene Aufwand dienten dem verselbständigten Ausagieren dazu, diese nicht-identische Eigenleistung zugunsten seiner entgrenzten Omnipotenz zu kassieren. Statt den internen inhaltlich-theoretischen Konflikt auszutragen, verlegte die „faule Dissidenz“ seine Vermeidung in die Außenwelt, auf deren gruppendynamischen status quo sie ständig Einfluss zu nehmen suchte. Auf der Erscheinungsebene der Beziehungsform zeigt sich diese Negation der individuellen Bewusstseinseigenleistung in der Psychologisierung und Pathologisierung von Individuen durch den psychologistischen Terror: Indem ihnen unterstellt wird, sie seien „am Abdrehen“, irre gewordene „Narzissten“, die sich für die größten „Genies“ hielten, ist ihnen jede theoretische Eigenleistung von Anfang an bestritten worden. Was „Verrückte“ sagen, dem hört man bekanntlich nicht einmal zu.
Damit kommen wir am Ende zu unserem Ausgangspunkt zurück. Denn das Anerkennen der kontingenten Eigenleistung bemisst sich in einem Kontext theoretischer Gesellschaftskritik immer in der Anerkennung des inhaltlich-objektiven Begründungsanspruchs und seiner negativen Wahrheit der Kritik. Wer hierbei nicht „Reden und Mitmachen“ kann, der kann radikale Gesellschaftskritik anderweitig unterstützen: Er oder sie kann formale Aufgaben der Organisationsarbeit übernehmen, sich an der Planung von Gruppentreffen beteiligen oder innerhalb der linken Praxis versuchen, die Wert-Abspaltungs-Kritik stark zu machen. Ausgeschlossen sein muss jedoch, dass der theoretische Inhalt selbst zur Spielwiese eines geplagten Mittelschichtsgemüts verkommt, das radikale Gesellschaftskritik mit einem Experimentierfeld für die eigenen Identitätskomplexe gescheiterter TheorieanwärterInnen verwechselt.
Was kann „kategoriale Kritik“ dann überhaupt tun? Diese Frage drängt sich angesichts der übermächtigen Bewusstlosigkeit, mit der ihre Dispute und Spaltungen exekutiert werden, noch einmal dringlicher auf. Die Antwort, die schwer umzusetzen ist, hat zugleich etwas Banales an sich: Sie hat in erster Linie und entgegen dem gruppendynamischen Überschuss unverbrüchlich an der kontingenten Eigenleistung des individuellen Bewusstseins festzuhalten, so oft die Hoffnung auf ihre kritische Existenz in den diversen Konflikten auch getrogen hat. Erst auf dieser Grundlage kann auch die mit ihr verbundene inhaltlich-theoretische Eigenleistung – ob kritisch oder affirmativ – zum Ausgangspunkt eines reflektierten Umgangs mit inhaltlichen Widersprüchen werden.
Was ein gesellschaftskritischer Zusammenhang in Zeiten des perennierenden Zwangs narzisstischer Identitätsbildung in erster Linie zu leisten hat, ist das Einfache, das so schwierig umzusetzen ist: Er muss sich wider aller Evidenz den Glauben daran bewahren, dass es in die Subjektform und weibliche Formbestimmtheit gebannte Individuen gibt, die imstande sind, sich einem radikal kritischen Zusammenhang mit einer wohlwollenden inhaltlichen und persönlichen Solidarität anzunähern; die sich vorher ihre Gedanken darüber gemacht haben, wo sie gelandet sind; und die sich auch sonst nicht in ihrem eigenen Süppchen bespiegeln, sondern die „Sache selbst“, den radikal kritischen Inhalt, in den Vordergrund stellen.
Vor diesem Hintergrund ist es sehr wohl möglich, einen „kategorial-kritischen“ Zusammenhang aufzubauen, in dem solidarische Kritik nicht als persönliche Depravierung, sondern als unerlässlicher Motor wirkt. Eine Theoriegruppe, in der man problematische Gruppendynamiken offen anspricht und austrägt, ohne der Referenz auf den negativen Inhalt der Kritik verlustig zu gehen. Und in der inhaltliche Konflikte sehr wohl ausgefochten werden können, ohne in der nächsten Spaltung zu münden. Das Regiment der Unbestimmtheit jedenfalls ist nicht das gruppendynamische Schicksal der Wert-Abspaltungs-Kritik.
Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik – oder: Die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik
Einleitung: Die Exit-Spaltung und die Frage nach der Legitimität wert-abspaltungs-kritischer Theoriebildung
Es pfeifen die Spatzen längst schon von den Dächern: Das theoretische Feuer der Exit-Gruppe ist erloschen. Was ehedem als polizeiwidriger Impetus zumindest gewisse Publikationen charakterisierte, ist einer saturierten Blässe gewichen, die jeden Funken vortheoretischer Verweigerung zum Verglimmen gebracht hat. Der polemische Biss von einst mutiert zur seichten Soja-Variante einer „Wert-Abspaltungs-Kritik“, die – je nach Autor/in – in jedem zweiten oder dritten Absatz endgültig vom Fleisch zu fallen droht.
Verflüchtigt hat sich die überlegene Sprachgewandtheit vergangener Tage, die sich ihren Witz in der Widerlegung gegnerischer Ansätze nicht nehmen ließ. Die theoretische Schläue von damals kehrt als zähe Textarbeit wieder, die sich inzwischen mehr mit sich und ihren gegenständlichen Denkformen als mit der verhandelten Position herumzuschlagen hat. Irgendwie ist, dieser Eindruck drängt sich förmlich auf, in diesem lauen Aufguss einer angeblichen „Wert-Abspaltungs-Kritik“ einfach kein Pep mehr.
Die vegane Magerkur hat auch in Anbetracht des theoretischen Inhalts tiefe Spuren hinterlassen. Der innovative Motor einer gesamtgesellschaftlichen Kritik ist schon seit Jahren ins Stocken geraten: Die Erschließung neuer, gar kategorialer Gegenstände ist vollständig ausgeblieben; gehaltvolle Auseinandersetzungen mit konkurrierenden Positionen sucht man über die letzten sieben, acht Heft-Ausgaben vergeblich; und auf der Homepage wie im Heft werden immer mehr externe Artikel recycelt, deren Bezug zur Theoriebildung sich bestenfalls erahnen lässt.
Eine linke Theoriegruppe mehr also, die den obligatorischen Weg der opportunistischen Anpassung gegangen ist – könnte man jedenfalls meinen. Handelte es sich wirklich nur darum, dann wäre die vorliegende Auseinandersetzung überflüssig. Und mag das „theoretische“ Profil von Rest-Exit in der Gegenwart tatsächlich immer stärker mit den linken Allerwelttheorien verschmelzen, so steht diese Gruppe gleichwohl in einer theoriegeschichtlichen Tradition „kategorialer Kritik“, aufgrund derer sie mit anderen Maßstäben zu messen ist.
Denn zu Lebzeiten von Robert Kurz und noch gut fünf Jahre nach seinem Tod konnte die Exit-Gruppe zu Recht für sich den Anspruch reklamieren, in der „kategorialen“, also grundsätzlichen, Kritik des Krisenkapitalismus eine singuläre Stellung einzunehmen. Das galt nicht nur für die radikale Krisentheorie als solche, sondern für die theoretische Kritik der gesamtgesellschaftlichen Konstitution, die weit über die Überwindung des Klassenkampfsoziologismus und seine linken Surrogate hinausreichte. Die Wert-Abspaltungs-Kritik hatte sich als der einzige theoretische Ansatz etabliert, der die fetischistische Weltgesellschaft in ihren übergreifenden Konstitutionsformen kritisierte.
Diese Kritik involvierte gerade auch die Linke. Dass der kategoriale Bruch mit der marxistischen Modernisierungsideologie und ihren postmodernen Wurmfortsätzen vollzogen und dadurch eine die Grundkategorien des Kapitalismus überwindende Kritik etabliert werden konnte, geht auf die fundamentale Krise des Weltkapitals selbst zurück: Seitdem das Gesamtverhältnis in einen irreversiblen Zersetzungsprozess übergegangen ist, kann es nur noch kategorial negiert oder aber kategorial affirmiert werden – dazwischen gibt es keinen Spielraum mehr.
Weil die Linke nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in ihrer theoretischen Orientierungslosigkeit von dem postmodernen Zeitgeist mitgerissen wurde, entschied sie sich für die letztere Option. Das postmoderne „anything goes“ hat sich in die Triebstrukturen der postmodernen Zerfallssubjekte eingegraben, wovon der gemeinlinke Sozialtypus keine Ausnahme bildet. Er hat alle Differenzen und Widersprüche dekonstruiert, um seine Biographie fortan – vom Realitätsprinzip weitgehend unbehelligt – als ein Gesamtkunstwerk zu entwerfen.
Schon der Lebensweg dieses linken Sozialtypus ist deshalb bar jeder inhaltlichen Konsequenz. Er zeugt in aller Regel von einer abgeklärten Unbedarftheit, die dem leibhaft gewordenen „sowohl als auch“ entspringt: Der/die Szenelinke ist seiner eigenen Wahrnehmung nach sowohl überzeugter Kommunist als auch passionierter Universitätsdozent; militante Gesellschaftskritikerin und engagierte Sozialarbeiterin im staatlichen Bildungswesen; Antikapitalist und bei den Grünen.
Diesem bereits auf der vortheoretischen Ebene zurechtgestutzten Sozialcharakter korrespondiert die entsprechende theoretische Substanzlosigkeit. Selbst die immanenten und kulturell zu Glaubensgegensätzen aufgeblasenen Grabenkämpfe von beispielsweise antiimperialistischer und antideutscher Ideologie teilen in Wahrheit dieselbe modernisierungsideologische Wurzel, ohne dass eine der Parteien überhaupt einen Begriff davon hätte. Da sie sich als postmoderne Krisenideologie dem Zerfall der modernen Fetischvergesellschaftung verschrieben hat, erweist sich diese Linke noch im Vergleich mit der marxistischen Modernisierungsideologie als theoriefeindlich, durchweg identitär und in ihren realgesellschaftlichen Implikationen sowie Prognosen als gänzlich abwegig.
So kam es, dass sich die postmodernisierte Linke über die verschiedenen Fraktionen hinweg zur ausgemachten Harmlosigkeit verschworen hatte – mit Ausnahme des neu etablierten Ansatzes „kategorialer Kritik“. Sich zuerst als „fundamentale Wertkritik“ konsolidierend und dann zur Wert-Abspaltungs-Kritik weiterentwickelnd, nahm sie einen anderen Weg. Auch wenn die Wert-Abspaltungs-Kritik in der Durchdringung der gesellschaftlichen Totalität noch nicht besonders weit vorangeschritten ist, hat sie mit der Aufarbeitung der marxistischen Ideologie- sowie Realgeschichte und der Prognose einer fundamentalen Krise des Weltkapitals eine überlegene Erklärung von Modernisierungsgeschichte und Krisengegenwart des Kapitalismus ausgearbeitet.
Das war sehr wohl auch der Linken bewusst. Erleichtert war, wer von der scharfen Feder und dem überzeugenden Inhalt „kategorialer Kritik“ verschont blieb; beides in der Person von Robert Kurz mustergültig vereint. Insofern dürfte sein Versterben im Jahr 2012 ein klammheimliches Frohlocken ausgelöst haben, von seiner Polemik zukünftig ausgespart zu werden. Dass nun im Gefolge der Exit-Spaltung von 2019 auch die ehemalige Heimstätte der Wert-Abspaltungs-Kritik im Begriff ist, von der Bildfläche radikaler Gesellschaftskritik zu verschwinden, dürfte von den noch theoriefähigen Teilen der Linken abermals mit Befriedigung registriert worden sein.
Aber sowohl die Linke als auch und vor allem Rest-Exit haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Obgleich die „radikale Linke“ von der Tofu-Kost von Rest-Exit tatsächlich nichts mehr zu befürchten hat, ist die Stimme der Wert-Abspaltungs-Kritik deswegen noch lange nicht verstummt. Steht ihr momentan keine Infrastruktur und nur ein prekärer Zusammenhang zur Verfügung, ist und bleibt sie gewillt, der Szenelinken den Spiegel ihrer eigenen Verkommenheit vorzuhalten. Und was die selbstimaginierten Wert-Abspaltungs-KritikerInnen anbelangt: Mochte man sich in der Exit-Spaltung durch einen machtpolitischen Akt makaberster Art auch die Infrastruktur von Exit und damit den Namen der Wert-Abspaltungs-Kritik vorerst unter den Nagel gerissen haben, die erschlichene Reputation war von Anfang an temporär begrenzt, weil sie jedweder theoretischen Eigenleistung entbehrte.
Damit gibt Rest-Exit jedoch die Fortexistenz der Wert-Abspaltungs-Kritik mutwillig preis. Sie verbürgt unter dieser Flagge längst nicht mehr, was man werbetechnisch zu suggerieren verspricht. Wie auch für den durchschnittlichen linken Sozialtypus irgendwann der „Kommunismus“ gegenüber dem passionierten Dozentendasein, die „Gesellschaftskritik“ gegenüber der engagierten Sozialarbeit und der „Antikapitalismus“ gegenüber der Parteipolitik als Jugendsünde zurücktritt, verhält es sich auch mit der „Wert-Abspaltungs-Kritik“ bei Rest-Exit – wiewohl hier die eigene Jugend mitunter bis in die hohen Lebensjahre der 60er und 70er hineinreicht.
Dagegen ist vehement Einspruch zu erheben. Die radikale Negativität wert-abspaltungs-kritischer Theoriebildung verpflichtet sie dazu, auch zukünftig ihre Aufgabe wahrzunehmen: die theoretische Kritik des zerfallenden kapitalistischen Weltsystems auf den verschiedenen Ebenen der Wert-Abspaltung kompromisslos weiterzutreiben, mögen die Zeichen der Zeit dafür auch noch so wenig hoffnungsvoll erscheinen. Der ohnehin marginalisierten und fragmentierten Tradition grundsätzlicher Gesellschaftskritik ist mit „kategorialer Kritik“ ein Durchbruch geglückt, um den eine mögliche – obzwar inexistente – praktische Gegenbewegung nicht herumkommen wird. Wir von fractura – Gruppe für kategoriale Kritik sind keineswegs bereit, diesen theoretischen Durchbruch, der noch am Anfang seiner Entwicklung steht, einfach so in den Orkus zu schicken.
Mit Rest-Exit und fractura existieren fortan zwei Gruppen, die den wert-abspaltungs-kritischen Anspruch vertreten. Dadurch stellt sich unmittelbar die Frage nach der Legitimität – zumal beide Gruppen inzwischen verschiedene theoretische Inhalte vertreten. Während Rest-Exit sich aus taktischen Gründen dazu entschloss, die Exit-Spaltung zuerst machtpolitisch im Modus des Ausnahmezustands zu exekutieren, um sie anschließend unter den Teppich zu kehren, muss „kategoriale Kritik“ in Wahrheit begründen können, was sich in ihr auf inhaltlich-theoretischer Ebene zugetragen hat. Wenn sie ihre eigenen Konflikte und Brüche nicht erklären kann, dann kann sie sich selbst nicht mehr erklären. An der Begründung dessen, was die Exit-Spaltung in theoretischer-inhaltlicher Hinsicht für die Zukunft radikaler Gesellschaftskritik bedeutet, hängt die Legitimität der Wert-Abspaltungs-Kritik.
Bezeichnenderweise ähnelte das revisionistische Muster von Rest-Exit während der Spaltung den Verlaufsformen der „faulen Dissidenz“ (Robert Kurz) wie ein Ei dem anderen. Zuerst lanciert man bevorzugt alte und abgestorbene Versatzstücke aus der bürgerlichen Ideologiegeschichte, sodass sich die „faule Dissidenz“ als eine „verfaulte Dissidenz“ offenbart. Diese werden sodann als „Neuerung“ inszeniert und in den theoretischen Inhalt hineingetragen, um der Wert-Abspaltungs-Kritik den Stachel ihrer Radikalität zu ziehen – woraufhin die Protagonisten des revisionistischen Aufbegehrens nach dem Eklat verlässlich im Nirwana theoretischer Irrelevanz verschwinden. Der Werdegang „kategorialer Kritik“ ist gepflastert mit derlei Theorieleichen gesellschaftskritischer Bedeutungslosigkeit.
Dieser Leichenberg ist durch die Exit-Spaltung noch einmal beträchtlich angewachsen. Nach den kryptohegelianischen Wertgeistern von krisis haben sich nun auch Roswitha Scholz, Leni Wissen, Herbert Böttcher und Thomas Meyer aus der Zukunft „kategorialer Kritik“ herauskatapultiert. Dass sie sich dabei die Infrastruktur von Exit unter den Nagel gerissen haben, wird ihre Galgenfrist nur unwesentlich verlängern. Die Tage dieses Zusammenhangs als Speerspitze radikaler Gesellschaftskritik sind gezählt, sein intellektueller Verfall befindet sich in vollem Gange.
Wiewohl die Abrechnung mit Rest-Exit um einige Jahre verspätet erscheint – ein durch anderweitige Publikationsprojekte, den Aufbau einer neuen Theoriegruppe sowie die Zwänge der Lohnarbeit erzwungener zeitlicher Aufschub –, war sie für fractura immer unverzichtbar. So wie die krisis-Spaltung den Bruch innerhalb des wertkritischen Spektrums einläutete, repräsentiert die Exit-Spaltung denjenigen innerhalb der wert-abspaltungs-kritischen Theorie. Sie galt es in den theoriegeschichtlichen Gang in sich einzuordnen und ihre inhaltlichen Fliehkräfte offenzulegen.
Obzwar uns die vorliegende Abrechnung durch die Exit-Spaltung aufgenötigt wurde und dadurch wichtige theoretische Ausarbeitungen brachliegen mussten, ist sie auch in diesem Umfang unausweichlich. Es oblag fractura – Gruppe für „kategoriale Kritik“, den pfeifenden Spatzen auf ihren Dächern weiter Futter zu geben. Wenigstens sie dürften nun ausgesorgt haben. Zielte das Regiment der Unbestimmtheit noch auf die machtpolitischen und gruppendynamischen Verlaufsformen der Spaltung, konzentriert sich die folgende Abhandlung auf den formallogisch-inhaltlichen Regress bei Rest-Exit. Sie bildet den vorläufigen Abschluss der Auseinandersetzung mit dieser Gruppe, deren Existenz nur mehr als kurze Episode in die Geschichte radikaler Gesellschaftskritik eingehen wird. Und wir können uns nun endlich wieder theoretisch gehaltvollen Gegenständen widmen.
Erster Teil: Die identitätslogische Keule – oder: Der formallogische Regress
Intellektuelles Wiederkäuen: „Copy-and-paste“ als theoretische Vermittlung
Mit „kategorialer Kritik“ verhält es sich wie mit dem Schwanger-Sein: Sie gibt es entweder ganz oder gar nicht. Schon ihrem Anspruch nach beinhaltet sie die „kategoriale“, also grundsätzliche, Kritik der herrschenden Produktions- und Lebensweise. Die Desavouierung dieser Lebensweise in ihren unerträglichen Zumutungen kann sich nicht mit Halbheiten zufrieden geben: Ihre Kritik hat in jedem noch so kurzen Beitrag immer aufs Ganze und Innerste dieses negativen Zwangsverhältnisses zu zielen.
Mehr als ein Jahrzehnt konnte die Exit-Gruppe zu Recht den Anspruch einer aufs Ganze der fetischistischen Vergesellschaftung gehenden Kritik für sich beanspruchen. Vor allem zu Lebzeiten von Robert Kurz, aber noch Jahre nach seinem Tod, bildete diese Gruppe die Speerspitze radikaler Gesellschaftskritik. Wenngleich die Wert-Abspaltungs-Kritik in ihrer jungen Existenz nicht sonderlich weit in der negativen Durchdringung der gesellschaftlichen Totalität vorangekommen ist, so hatte sie trotzdem die Grundlagen eines neuen theoretischen Ansatzes gelegt, dessen innere Kohärenz den weltgesellschaftlichen Krisenprozess im Vergleich zu allen anderen kategorial-immanenten Ansätzen überzeugend erklären konnte.
Doch der Schein einer sich selbsttragenden, in sich konsistenten und über Jahrzehnte sich weiterentwickelnden Theoriebildung trog. Wie sich retrospektiv herausstellt, hing „kategoriale Kritik“ schon damals am seidenen Faden – nämlich an der Bedeutung ihres prägenden und herausragenden Theoretikers. Dass mit dem Tod von Robert Kurz der gesamte theoretische Ansatz der Exit-Gruppe ins Wanken geriet, exponiert die unendliche Prekarität radikaler Gesellschaftskritik, deren Zukunft an einem einzigen Individuum zu hängen schien. Überdies wirft dieser Vorgang auch ein Schlaglicht auf die kollektive und individuelle Verfasstheit einer Gruppe, die den theoretischen und lebensgeschichtlichen Herausforderungen ihres eigenen Anspruchs in keiner Weise gewachsen war.
So kam es, dass das kategoriale „Ganz-oder-Gar-nicht“ sukzessive von ausgreifenden Inkonsequenzen überformt wurde. Rühmt man sich des Prozesscharakters der eigenen Theorie, wartet das Rezeptionsumfeld auf eine Integration neuer, kategorialer Gegenstände seit Jahren vergeblich; proklamiert man eine radikale Gesellschaftskritik auf der Höhe der Zeit, ist eine Weiterentwicklung der Theoriebildung vollständig ausgeblieben; und während es an soziologistischen und ideologietheoretischen Untersuchungen inzwischen wimmelt, ist es um den harten Kern der fetischistischen Objektivität verdächtig still geworden.
Dieser Zustand zeugt von der konkreten Verfasstheit der Exit-Gruppe nach dem Versterben von Robert Kurz: Sie zehrt von den kategorial negativen Einsichten der Vorzeit, die sie aber nicht mehr eigenständig entfalten und über sich hinaustreiben kann. Zwar versichert die beschwichtigende Redundanz in jeder dritten Zeile, dass man die Wert-Abspaltungs-Kritik vertreten möchte – allein die dargebotenen Inhalte lassen keinen rechten Glauben mehr daran aufkommen. Kurzum: Die Theorie von Rest-Exit ist auf halbem Wege stecken geblieben.
Aus dieser unhaltbaren Ausgangssituation heraus, die einen theoretischen Inhalt zu repräsentieren beansprucht, den sie jedoch nicht mehr zu begründen und weiterzuentwickeln vermag, vollzog sich im Jahr 2019 die Exit-Spaltung. Wie immer in solchen Konflikten lag auch hier die inhaltlich-theoretische Tragweite des Konflikts keineswegs unmittelbar auf dem Tisch. Schließlich teilten alle Beteiligten denselben theoretischen Hintergrund, auf dessen Basis sie etwa ein Jahrzehnt zusammengearbeitet hatten. Die sich in der Exit-Spaltung herausschälenden Differenzen waren oftmals nicht sehr weit gediehen oder manchen Beteiligten zunächst noch gar nicht bewusst und viele Dissonanzen bewegten sich auf einer impliziten Ebene, weil ihre Konsequenzen noch nicht wirklich zum Tragen gekommen waren.
Deshalb waren es anfangs gar nicht so sehr die spezifischen Inhalte selbst, die von den revisionistischen Zügen bei Rest-Exit kündeten. Vielmehr spiegelt sich die Modifikation der Theorie zunächst in bestimmten theoretischen Mustern wider, die über die einzelnen Autoren und Autorinnen hinausreichen und auf eine übergreifende Reflexionsform verweisen. Diese Muster weisen auf einen Mangel an kritisch-theoretischer Eigenleistung zurück, die für kritische Theorie unverzichtbar ist. Wo aber der eigenständige Begründungsanspruch abhanden gekommen ist, kann dieser Nicht-Standpunkt erst recht keine selbständige Vermittlungsleistung mehr zu seinen Gegenständen aufbauen. Im Eifer des Gefechts ist mit der eigenen kohärenten Positionierung auch gleich die eigenständig-theoretische Vermittlungsleistung gegenüber Fremdinhalten über den Jordan gegangen.
Das versetzt Rest-Exit jedoch in eine unangenehme Zwickmühle. Einerseits lebt ihre Theorie von diesem Bezug auf andere Inhalte, deren „Kritik“ es weiterhin zu inszenieren gilt. Andererseits hat in Redaktion und Vorstand die formallogische Schwindsucht Platz gegriffen, weshalb sich eine subtile Panik breitgemacht hat. So viele Inhalte, so viele Theorien – und zu alledem sollen wir Stellung beziehen?
Fraglos eine kolossale Überforderung für die leibhaftig gewordene Schwindsucht. Zum Glück hatte man die Lösung für diese Zwickmühle schnell bei der Hand: Wenn schon auf die kritisch-theoretische Vermittlungsleistung gepfiffen wird, warum dann nicht gleich die fremden Inhalte blockweise übernehmen und in die eigene Darlegung packen? Und wirklich schlägt einem beim Blättern in den Exit-Heften oder beim Blick auf die Homepage erst einmal ein Schwall aus Zitaten entgegen. Inmitten dieser meterhohen Zitationswellen trifft man nur noch vereinzelt auf schmale Inseln erläuternder Kommentare, die angesichts der absoluten Übermacht an schierer Textreproduktion jederzeit zu ersaufen drohen.
Für „kategoriale Kritik“ setzt der Bezug auf gegnerische Theorien hingegen eine kritische Distanz zu ihnen und der von ihnen legitimierten Gesellschaft voraus. Diese kritische Distanz ist mit einer kritisch-theoretischen Eigenleistung verzahnt, die den Gegenstand durch ihren Bezug auf ihn nicht bei sich lassen kann; indem sie ihn seiner inhärenten Unstimmigkeiten überführt, desavouiert sie schließlich auch seinen kategorial affirmativen Anspruch.
In der zugespitzten Form dieser Desavouierung liegt die Eigenleistung der kritischen Vermittlung. Sie fördert im Idealfall noch weithin unbeachtete Konnotationen und bislang verweigerte Schlussfolgerungen des Gegenstands zutage. Der Modus dieser Bezugnahme schlägt sich auch in der Form „kategorial-kritischer“ Artikel nieder: Liest man die Artikel und Bücher von Robert Kurz, tritt in ihnen das Zitieren ausnahmslos hinter die eigenständige theoretische Vermittlung zurück, die den Gegenstand eben nicht einfach nur wiedergibt.
Bei Rest-Exit sind die Schwerpunkte hingegen anders gelagert. Dem Mangel an kritisch-theoretischer Vermittlungsleistung koinzidiert eine Distanzlosigkeit gegenüber dem jeweils behandelten Objekt. Die Fremdinhalte werden unmittelbar so aufgeschnappt, wie sie sind; zwischen ihnen und ihrer Darlegung ist jede epistemische Differenz getilgt worden. Trifft dieser Bestand auf jede/n Autor/in von Rest-Exit zu, hat sich neben Thomas Meyer vor allem Roswitha Scholz in der Disziplin des Endlos-Zitierens ihre Meriten erworben.
In ihren Texten macht das intellektuelle Wiederkäuen gegenüber der eigenen Reflexion gefühlt neun Zehntel des gesamten Inhalts aus. Dabei hat die theoretische Schwindsucht von Scholz für jeden Bereich den passenden „Anderen“ parat: Für erkenntniskritische Themen wird Adorno angeeignet, für die Psychoanalyse muss Leni Wissen herhalten und für die Kapitalkritik wie alles andere wird Robert Kurz ausgeschlachtet. Gerade was die Psychoanalyse betrifft, wird mitunter zitiert und zitiert, als gäbe es kein morgen mehr – im Falle von Leni Wissens psychologisierendem Soziologismus sogar gleich eine identische Passage doppelt.[79] Und das wohlgemerkt in ein und demselben Text. Ein Schelm, wer die Vermutung hegen würde, dass es um die „Befüllung“ der eigenen Artikel nicht zum Besten steht.
Mitunter geschieht es Scholz in ihrer nur selten unterbrochenen Repetition, dass sich ihr der Sinn des zitierten Materials nicht erschließt. In ihrem Artikel zu Slavoj Zizek muss sie eingestehen, dass „Zizek bekanntlich nicht immer unbedingt verständlich ist und sein Denken auch nicht immer logischen Kriterien folgt“. Das kommt für sie selbstredend nicht einem Aufruf gleich, sich weiter in das Objekt zu versenken, um seinem Unsinn noch den negativen Sinn der Kritik abzuringen. Wo kämen wir denn da hin? Nein, sie sah sich stattdessen „des Öfteren gezwungen, Zuflucht zu Sekundärliteratur zu nehmen…“[80]
Sofern sie keinen eigenen Zugang zu Zizek findet, macht es der ungefilterte Zugriff auf Sekundärliteratur, die sie wiederum für bare Münze nimmt, auch nicht besser. „Kategoriale Kritik“ hat sich noch nie einfach an Sekundärliteratur bedient; wenn sie diese heranzieht, dann immer schon in ideologie- und erkenntniskritischer Lesart, wovon bei den Schmalspurkommentaren von Scholz keine Rede sein kann. Summa summarum besteht ihr Bezug auf andere Inhalte also in einem einzigen Zitationswulst und der „Zuflucht zu Sekundärliteratur“.
Worauf dieser Modus der „theoretischen Vermittlung“ in Anbetracht konkurrierender Ansätze, aber ebenso des eigenen Ansatzes hinausläuft, ist abermals einem Artikel von Scholz zu entnehmen. In einer Replik auf Einwände von Anselm Jappe gegen Exit rekurrierend, wirft sie folgende Bemerkung ein: „Zudem ist vieles, was er an Einwänden bringt, großenteils schon vor Jahrzehnten diskutiert worden. Insofern kann vielem, was Jappe hervorbringt, mit der Copy-and-paste-Methode (!!!) begegnet werden, derer ich mich auch ausgiebig (!) in dieser Antwort bedienen werde.“[81]
Hätte diese Methode doch wirklich nur in „dieser Antwort“ gewütet. Es wäre uns das mühselige Durchqueren der endlosen Ozeane uferloser Zitation erspart geblieben… Dumm nur, dass der Rest des Haufens es verabsäumt hat, Scholz darauf hinzuweisen, welcher Offenbarungseid in diesen Zeilen steckt. Das freimütig formulierte Selbstverständnis weist Rest-Exit den Weg: „copy-and-paste“ als theoretische Vermittlung und eine „Wert-Abspaltungs-Kritik“ auf dem intellektuellen Stand der Generation Internetzombies.
Apropos Untote. Schon im Kontext der krisis-Spaltung spielte die „copy-and-paste“-Frage eine zentrale Rolle. Wie Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher in der Exit-Spaltung wandelten damals Ernst Lohoff und Stefan Meretz mit ihrer Behandlung der „Internetökonomie“ auf den Spuren des intellektuellen Wiederkäuens. Dass ausgerechnet Roswitha Scholz jenen Modus der krisis-Männer adaptiert, der ihren theoretischen Verfall bereits zu Zeiten der krisis-Spaltung vorwegnahm, ist nur auf den ersten Blick überraschend.
Damit fällt Scholz unter dasselbe Verdikt von Robert Kurz wie Lohoff und Meretz anno dazumal. Anlässlich des Putsches durch Rest-krisis spottete er ob der „Fortsetzung der bekannten Verfahrensweise ‚copy-and-paste’“ im Zusammenhang der Theoriebildung selbst: „In Wirklichkeit übernehmen hier die ‚Remix’-Ideologen selber den ausbeuterischen Standpunkt, indem sie sich die Anstrengung des Begriffs, der Recherche und der berühmten ‚Kreativität’ weitgehend sparen, um die individuellen Produkte anderer einzusaugen…“[82] Treffender könnten das intellektuelle Wiederkäuen und die es begleitende Zitationswut bei Rest-Exit nicht auf den Punkt gebracht werden.
Der abstrakte Erkenntnisklopfer – zum Exorzismus am Prozessmoment der Reflexion
Das Wegbrechen der kritisch-theoretischen Vermittlungsleistung bei Rest-Exit erschöpft sich nicht im intellektuellen Wiederkäuen. In ihm klang bereits das umfassendere Problem an, das auf einer anderen Abstraktionsstufe situiert ist: das Problem der Darstellung. Betraf das „copy-and-paste“-Verfahren vorwiegend die äußere Form der Texte von Scholz, Meyer und Co., reicht der formallogische Regress weiter. Er manifestiert sich im Modus der Darstellung selbst.
Illustrieren lässt sich dieser Sachverhalt erneut an Roswitha Scholz. Dort, wo der reißende Strudel an Literaturwiedergabe zeitweilig unterbrochen ist, kommt des Pudels Kern zum Vorschein. Ergeht sie sich gerade einmal nicht in ihrer Leidenschaft, stößt man hauptsächlich auf eine wiederkehrende Bemerkung. Sie wird in nur leichten Variationen immer wieder vorgebracht: „(A)uf problematische Implikationen im Denken Toscanos kann ich hier nicht weiter nachgehen“[83]. Das ist vielleicht auch besser so, wenn bereits die Syntax derart holpert.
Wenigstens behandelt Scholz Toscanos Erkenntnistheorie nicht als solche und rekurriert nur beiläufig auf ihn. Bei dem „spekulativen Realisten“ Meillassoux, dem sie ein eigenes Unterkapitel widmet, sieht das schon ganz anders aus. Anstatt die inhärenten Paradoxien seiner verschiedenen Reflexionsschichten auszuleuchten, darf man erfahren: „Die Überlegungen von Meillassoux zu einem subjektiven und faktischen Korrelativismus sind äußerst verschlungen, worauf hier nicht weiter eingegangen werden kann.“[84] Man fragt sich, warum der Text von Einlassungen nur so wimmelt, die im Fortgang nicht wieder aufgenommen werden und als erratische Einschübe leblos in der Luft hängen bleiben. Jedenfalls erweckt Scholz dadurch, dass sie ihre RezipientInnen andauernd mit in den Raum geworfenen Assoziationsfäden abspeist, die sie nach eigenem Bekunden für eine Vertiefung nicht Wert hält – Sätze wie die zitierten dürften in dem Text das Dutzend beinahe vollkriegen –, von sich aus nicht gerade den Eindruck, ihr Artikel strotze nur so vor Relevanz.
Hinter dieser skurrilen Verschiebungsleistung steckt jedoch noch mehr. Denn dadurch nimmt Scholz ihre eigene Darstellungsleistung quasi aus dem Spiel. Als läge die Aufgabe einer radikalen Erkenntniskritik nicht gerade darin, die „äußerst verschlungenen Überlegungen“ einer gegnerischen Position kritisch nachzuzeichnen, um sie in ihren inneren Widersprüchen zu desavouieren. Diese Ignoranz gegenüber dem konkreten Gang der Argumentation von Meillassoux hat bei Scholz Methode. Der Einwurf, seine Überlegungen „zu einem subjektiven und faktischen Korrelativismus“ seien „äußerst verschlungen, worauf hier nicht weiter eingegangen werden kann“, negiert seinen gesamten Reflexionsprozess. Er ist dem abstrakten Erkenntnisklopfer zum Opfer gefallen, der seine Theorie kurzerhand auf ihre Resultate abklopft, womit ihnen der Werdegang ihrer Genesis ausgetrieben wird.
Aber die Wahrheit bzw. Unwahrheit von Meillassoux wie von allen anderen TheoretikerInnen liegt nicht in ihren inhaltlichen Ergebnissen. Nicht im abstrakten Resultat des Denkens, sondern im konkreten Prozess der Reflexion – ob nun „verschlungen“ oder nicht – liegt der Maßstab „kategorialer Kritik“. Einzig vor der Folie ihrer Genesis als dem konkreten Reflexionsprozess, aus dessen genuiner Dynamik sie hervorgetreten sind, lassen sich die jeweiligen Erkenntnisresultate kritisch werten. Die zu Erkenntnisprodukten geronnenen Einsichten einer Theoriebildung, auf die sich Scholz ausschließlich kapriziert, sind für sich genommen nichtig. Indem sie in ihrer Darstellung das kritische Nachvollziehen der immanenten Argumentation von Meillassoux und Co. ausspart, ergeht sie sich in eine kritiklose Darstellung.
Für die Wert-Abspaltungs-Kritik bleibt hingegen die von Marx entwickelte „Kritik durch Darstellung“ der Ansatzpunkt einer jeden Auseinandersetzung. In ihr bilden Darstellung und Kritik eine widersprüchliche Einheit. Die Darstellung erschöpft sich eben nicht in einer Wiedergabe der bloßen Resultate einer Theorie; indem sie deren Prozess auf jeder Stufe seiner Entwicklung konkret negiert, reflektiert sie kritisch auf die Genesis einer gegnerischen Position, die konstitutiv in ihre geltenden Resultate eingeht. Sie ist eine kritische Darstellung, welche die inhärente Dynamik der dargestellten Position herauszudestillieren hat, um die Geltung ihrer Resultate auf der Grundlage ihres eigenen Prozesses der Unwahrheit zu überführen.
Für Rest-Exit klingen diese dialektischen Grundsätze mittlerweile wie von einem anderen Stern. Scholz hat die kritiklose Darstellung nämlich nicht für sich gepachtet Auch Herbert Böttcher übt sich weidlich im Exorzismus am Prozessmoment der Reflexion. Schon in seinem ersten Text für ein Exit-Heft, der sich mit der Paulus-Rezeption der postmodernen Autoren Alain Badiou und Giorgio Agamben befasst, kommt dieser Umstand zum Tragen.
So wird moniert, dass „Badious Ereignis ein leeres Ereignis“[85] sei und er an der „Idee einer reinen und leeren Mannigfaltigkeit“[86] festhalte. Außerdem „geschehen“ die Ereignisse bei Badiou „zwar in der Geschichte, bleiben aber leer und ohne inhaltliche Bedeutung“, weshalb er der „Leere einer ontologischen Vielheit“ verhaftet bleibe. Er rede der „Inhaltlosigkeit der Auferstehung“[87] von Jesus das Wort, wodurch das „Evangelium so entleert“[88] werde. Es gilt zu konstatieren: „Für Konstruktionen eines leeren Ereignisses und der Erfindung eines leeren christlichen Diskurses“[89] ist Bruder Wohlgefühl sein Paulus zu schade.
Offenkundig hat die formallogische Schwindsucht derart intensiv von Böttcher Besitz ergriffen, dass sie beim ersten Kontakt auf die von ihm behandelten Autoren übergesprungen sein muss. Denn auch Agambens Infragestellung der Identität hinterließe nur die „Leere eines rettenden Rests“[90]. Deshalb gehe bei Agamben „(d)ie radikale Auflösung der Identität (…) mit einer inhaltlichen Leere einher“[91], ein „leerer Messianismus“[92] sozusagen, und diese „Leere entspricht der Inhaltslosigkeit des Glaubens“[93] selbst dort, wo sie sich inhaltlich gesättigt wähnt, denn „die vermeintliche Fülle bleibt doch leer…“ Was zu dem Befund überleitet: „Agambens Inhaltsleere (…) läuft letztlich darauf hinaus, dass die leere Form in Gestalt einer Nicht-Identität“[94] triumphiere.
Stellt sich nur noch die Frage: Was hat es mit diesem penetranten Vakuum auf sich, das den unterschiedlichsten Denkgebäuden auf mysteriöse Weise jedweden Inhalt aussaugt? Woher kommt es, dass zum Schluss jede von Böttcher behandelte Theorie in einem puren Nichts versinkt? Ganz einfach: Von dem abstrakten Erkenntnisklopfer, der den bestimmten Inhalt aus dem jeweiligen Reflexionsprozesses heraushämmert und ihn auf sein dingliches Resultat festklopft, um dieses anschließend mit dem Merkmal „leer“ zu versehen. Das dem ganzen Problemkontext zugrunde liegende widersprüchliche Vermittlungsverhältnis von Form – für Böttcher das Äquivalent zur „Leere“ – und Inhalt wird dadurch aufs Groteskeste verzerrt.
Nehmen wir das Verhältnis von konkretem Denkinhalt des Subjekts und abstrakter Denkform. Die fetischistische Eigenlogik kapitalistisch-patriarchaler Vergesellschaftung, die mittelbar auch das Denken präfiguriert, stellt sich tatsächlich in einer Präponderanz formallogischer Abstraktionen über die konkret inhaltliche Bestimmung des Objekts dar. Genauer gesagt: Die formallogischen Abstraktionen zeigen sich dadurch im spezifischen Vermittlungsverhältnis von Form und Inhalt der jeweiligen Theorie, dass der Überhang der abstrakten Form sich nicht zuletzt an der genuinen Deformation und Zerstückelung seines konkreten Inhalts beweist. Aber dieser formallogische Abstraktionsvorgang inhaltlicher Verstümmelung ist selbstredend nach wie vor ein inhaltlicher Denkvorgang, wenngleich ein in permanenter Reibung mit der affirmierten abstrakten Denkform sich befindender.
Bei dem netten katholischen Pastor aus der Nachbarschaft haben sich hingegen Form und Inhalt heillos gegeneinander verselbständigt. Sein Einwurf, „Badious Pauluslektüre liegt die konsequente Trennung der Form des paulinischen Denkens von seinen Inhalten zugrunde“[95], ist durchaus wörtlich gemeint. Auf der einen Seite steht Paulus als insgeheimer Wegbereiter der „Wert-Abspaltungs-Kritik“, dessen Denken noch durchtränkt war von gesättigten Inhalten; auf der anderen Seite Badiou, dessen „konsequente Trennung“ zugunsten der blassen Form seinen kompletten Denkvorgang entleert haben soll.
Das Gerede von der „Leere“ ist Signum einer formallogischen, „leeren“ Reflexionsform bei Böttcher selbst. Es kann gar keine „Leere“ des Denkens in seinem Sinne geben. Die in die Subjekt- oder weibliche Geschlechtsform gebannten Individuen leben nun einmal in sozialen Kontexten, die nur über gewisse Inhalte stattfinden können. Dass die formallogische Abstraktion dennoch nicht nur die äußere materielle Welt, sondern auch die inhaltliche Reflexion auf die fetischistische Leere zu reduzieren sucht, ist der Skandal. An diesem Widerspruch, den der Erkenntnisklopfer von Anfang an abrasiert hat, entzündet sich überhaupt erst die ganze Dialektik von Form und Inhalt eines Denkprozesses.
Keinesfalls verhält es sich also so, wie Böttchers kritiklose Darstellung meint. Die „Leere“ des Denkens tritt nicht als eigenständige Reflexionsentität für sich in Erscheinung. Es kann gar keine Form („Leere“) ohne Inhalt geben. Sein dinglicher Konkretismus in der Handhabung des Formbegriffs erinnert an psychotische Individuen und junge Kinder, die verlernt oder aber noch nicht gelernt haben, die abstrakten semantischen und symbolischen Dimensionen eines Begriffs von seiner gegenständlichen Bedeutung zu differenzieren. So wie diese sich, sobald sie davon hören, jemand sei „nahe am Wasser“ gebaut, nach einem See oder Fluss umschauen, versteht Böttcher die „Leere“ der formallogischen Denkabstraktion als selbständiges Vorhandensein eines Vakuums jenseits, vor oder zwischen den Denkinhalten.
Das ist natürlich kompletter Unfug. Die formallogische Abstraktion äußert sich nicht in einer mystischen „Leere“, sondern in absurden Gedankenkonsequenzen, immanenten Widersprüchen usw. Eine reine Leere des Denkens hat erst statt, wenn jemand verstirbt, also nicht mehr (inhaltlich) denken kann. Es ist allerdings bezeichnend, dass solche banalen Selbstverständlichkeiten „kategorialer Kritik“ nicht vorausgesetzt werden können, sondern erst einmal ins Bewusstsein gehoben werden müssen.
Übrigens handelt es sich hierbei nicht um eine unbotmäßige Überspitzung von Böttchers Position. Das wird deutlich, sobald es nicht mehr um den theoretischen Denkinhalt der Subjekte geht, sondern um ihre triebhafte und soziopsychische Disposition. Diesbezüglich sei ebenfalls eine „Inhaltsleere in den Subjekten“[96] festzustellen. Das „leere Selbst“[97] sei dazu verdonnert, in sich eine „Leere der Selbstverlorenheit“[98] zu gewärtigen. Als „Inhaltsleere in den Subjekten“ muss sich nach geraumer Zeit dann aber doch jedes „leere Selbst“ irgendwelche Inhalte organisieren. Schließlich lassen sich Form und Inhalt auf Dauer einfach nicht von einander separieren – nicht einmal durch Böttchers erkenntnistheoretische Purzelbäume.
Noch ganz durchgeschüttelt und in ihrer „Leere der Selbstverlorenheit“ auf sich allein gestellt, kam seinen Krisensubjekten ein Einfall zu Hilfe. Sie dachten sich: „Da liegt es (…) nahe, die Leere der eigenen Existenz und der Grundlagen des Lebens mit Gewissheit versprechenden Ontologismen (…) zu füllen (!)…“ Es ist unverkennbar: In Böttchers Erkenntnisklopfer ist der Teufel gefahren. Sein erstes Abklopfen hatte den Krisensubjekten zunächst jeden leiblichen und psychosozialen Inhalt ausgetrieben. Wie durch Zauberhand „füllen“ sich beim zweiten Hämmern die „leeren“ Subjekte ex post wieder mit Inhalten. Das dritte Klopfen führt schließlich dazu, dass „die aufgefüllte Leere mit Gewalt gegen vermeintliche Bedrohungen“[99] zur Tat schreitet. „Leeres Selbst“, „Füllung“ der „Leere“ und Aktivierung der „aufgefüllten Leere“ – gewissermaßen die „dialektische“ Triade einer „Ideologiekritik“ für den wertkritischen Ramschhandel im theoretischen Ruhestand.
Dass es inzwischen bei der bloßen „Darstellung“ konkurrierender Theorien derart knirscht und knackt, lässt für die „Kritik“ nichts Gutes erahnen. Während Scholz den Exorzismus am Prozessmoment der Reflexion so weit getrieben hat, dass die immanente Genesis von Theoriegebäuden sie nicht einmal einen feuchten Kehricht schert, schwitzt und ächzt der Jünger Jesu noch immer im Steinbruch der Text-Manufaktur. Besessen von seinem mystischen Vakuum, hat er seinen Arbeitsrhythmus zu einer eigenen Darstellungsform introjiziert: Klopf, klopf, klopf und der „dialektische“ Billigheimer für den Restemarkt einer pensionierten Wertkritik ist perfekt!
Die identitätslogische Keule
Im abstrakten Erkenntnisklopfer manifestiert sich unterdessen mehr als nur ein dingliches Reflexionsmuster. Wenn in der Bewertung von fremden Inhalten die Genese eines Denkens und mit ihr die konkreten Negationen innerhalb einer Reflexionsdynamik verloren gehen, lässt die Darstellung den Gegenstand in seiner kategorialen Affirmation unverändert. Bereits in ihren Darstellungsmodi war unübersehbar geworden, dass weder Scholz noch Böttcher den jeweils verhandelten Gegenstand kritisch zu durchdringen, geschweige denn zu überschreiten vermögen.
Wenn aber die kritiklose Darstellung den genuinen Reflexionsprozess der jeweils verhandelten Theorien zu puren Resultaten neutralisiert, fügt sie ihm keine neuen, negativen Einsichten hinzu. Dadurch mündet sie in eine bloße Reduplikation ihres Gegenstands. Um jedoch die bloßen Resultate einer Theorie zu erfahren, kann man die jeweils verhandelte Primärliteratur gleich ganz im Original lesen. Dafür ist die Lektüre eines Exit-Heftes schlichtweg überflüssig.
In der Marxschen „Kritik durch Darstellung“, die durchaus androzentrismuskritisch weiterzutreiben ist, bleibt der negierte Gegenstand hingegen nicht bei sich selbst. Sowenig die Darstellung einfach nur Darlegung des verhandelten Objekts sein kann, sondern seine kritische Darstellung beinhalten muss, sowenig kann auch die Kritik bei sich bleiben. Durch den konkreten Prozess des jeweiligen Objekts hindurchgegangen, ist die Kritik nicht mehr sie selbst; der vormalige Stand der Kritik wurde durch die Darstellung des neuen Gegenstands überschritten, der nun auf dem erreichten Abstraktionsniveau in den Kontext sowohl der Theoriebildung als auch der realgesellschaftlichen Situation eingeordnet werden muss.
In der Textmanufaktur nehmen „Kritik“ und „Darstellung“ hingegen auf der Stelle voreinander Reißaus, sobald sie sich auf Sichtweite angenähert haben. Demgemäß verteilt Scholz in ihren neueren Texten sowohl die „Darstellung“ als auch die „Kritik“ konkurrierender Ansätze feinsäuberlich auf separate Kapitel.[100] Davon kann letztlich auch die „Kritik“ nicht verschont bleiben. Hatte Scholz zuvor die Darstellung von der Kritik dissoziiert, findet nun eine Trennung der „Kritik“ von ihrer eigenständigen Darstellungsleistung statt.
Deshalb weisen die Versatzstücke ihrer „Wert-Abspaltungs-Kritik“ auch keinen speziellen Bezug zur jeweils behandelten Sache auf. In ihrem Text zu den „neuen Realismen“ schickt sie das, was sie als ihre „Kritik“ versteht, der eigentlichen Darstellung in dem Kapitel „Wert-Abspaltungs-Kritik, Postmoderne, Aufklärung und Gegenaufklärung“ in Thesenform voran. Der summarische Duktus der Überschrift bestimmt sodann die weitere Lektüre.
Festgehalten wird in dieser Thesensammlung zum Beispiel, dass Wert und Abspaltung sich bedingten (These 2). Ebenso wird verkündet, dass die Wert-Abspaltungs-Kritik postmoderne Ansätze schon seit den 1990er Jahren kritisiere (These 4), oder dass, wie in These 8, das kapitalistische Patriarchat von Anfang an eine „Gewaltherrschaft“[101] gewesen sei. In Anbetracht der Allgemeingültigkeit dieser Aussagen bleibt allerdings unklar, warum sie einem Text zum „Neuen Realismus“ vorgeschaltet werden. Sie hätten in dieser Fassung genauso gut vor jeden anderen Artikel von Scholz geklatscht werden können. Da sie nicht aus der negativen Durchdringung des Gegenstandes entfaltet wurde, kann die „Kritik“ als Thesenkonglomerat unterschiedslos und mit demselben Anspruch vor jeden x-beliebigen Gegenstand gepflanzt werden.
Auf dieser Grundlage ist die darstellungslose Kritik von Scholz aber gar nicht mehr imstande, den konkreten Unterschied ihrer Position zu anderen Theorien zu bestimmen. Weil die „Kritik“ schon vor der genaueren Beschäftigung mit der jeweils inkriminierten Theorie feststeht, kann sie zu dem behandelten Objekt immer nur einen äußerlichen Bezug aufbauen. Über Tove Soiland etwa heißt es: „In vieler Hinsicht kritisiert Soiland Queer und Gender auf dieser Grundlage durchaus scharfsinnig, aber ihr fehlt dabei eben der großtheoretische Rahmen der Wert-Abspaltungs-Kritik als Hintergrund völlig.“[102]
Scholz suggeriert mit dieser Äußerung, die Kritik an Queer und Gender stünde in einem Widerspruch zu Soilands sonstigem Hintergrund. Das erscheint ihr aber nur so, weil sie die immanent-kritische Darstellung von Soiland gar nicht erst angegangen ist und die innere Konsistenz ihrer Theorie außen vor lässt. Was auf der verbleibenden formalen und abstrakten Ebene Berührungspunkte mit der eigenen Theorie abgibt, gilt umstandslos als „durchaus scharfsinnig“. Warum diese „durchaus scharfsinnigen“ Einsichten aber nicht zu den Ergebnissen der Wert-Abspaltungs-Kritik führen, sondern bei Soiland in einen Lacan-Marxismus eingebettet sind, kann auf dieser Basis gar nicht mehr begründet werden.
In Wirklichkeit verhält es sich gerade umgekehrt. Die Kritik an Queer und Gender widerspricht keineswegs dem theoretischen Fundament von Soiland. Vielmehr ist diese Kritik dessen genuine Konsequenz. Die ganze psychoanalytische Denkfigur eines anthropologischen „Mangels“ im Subjekt, der durch den postmodernen Narzissmus verkannt werde, hat – von den triebfeindlichen Elementen bei Lacan einmal abgesehen – eine grundkonservative Richtung, aus der heraus „Queer“ und „Gender“ sehr wohl als Objekte einer verkürzten Kritik infrage kommen. Aber diesen Zusammenhang kann weder Scholz noch die von ihr zitierte Leni Wissen herstellen – woran auch die Doppelung zitierter Passagen nichts ändert –, weshalb die „scharfsinnige Kritik“ Soilands von dem inneren Zusammenhang ihrer Theorie abgetrennt wird.
Was übrig bleibt, ist die „Irritation“ von Scholz ob der unvermittelten Widersprüche, in die ihre Willkür den Gegenstand selbst gespalten hat. Wieder auf die Feministin Bezug nehmend, schreibt sie: „Soiland kritisiert – sehr zu Recht – postmoderne Flexi-Identitäten, denen ein Queer- und Gender-Feminismus entgegenkommt, allerdings kritisiert sie dies eben im Kontext eines u.a. zizekschen Lacan-Marxismus. Dies irritiert insofern als Irigaray Lacan doch schon längst in seinem Androzentrismus kritisiert hatte…“[103]
Abermals setzt Scholz die Kritik von Soiland an postmodernen „Flexi-Identitäten“ in einen unvermittelten Gegensatz zu ihrem androzentrischen Lacan-Rekurs, aus dem sie gerade hervorgeht. Diesen unvermittelten Gegensatz kann Scholz auf der theoretischen Begründungsebene nicht mehr einholen, weshalb sie ihren eigenen Denkwiderspruch – „scharfsinnige Kritik“ Soilands auf der einen, ihr androzentrischer Lacan-Bezug auf der anderen Seite – nur mehr „irritiert“ oder „verwundert“[104] zur Kenntnis nehmen kann. „Irritierend“ ist weder der Lacan-Bezug Soilands noch ihre Rezeption von Irigaray, sondern einzig das hölzerne Geklapper einer Denkform, die sich in das Gewand einer „negativen Dialektik“ gekleidet hat.
Diese Äußerlichkeit der „Kritik“ übersetzt sich bei Scholz schließlich in eine formallogische Äußerlichkeit des grundlegenden Maßstabs ihrer „Kritik“. Wird sie einmal nicht als ein Bündel abstrakter Thesen vor den eigentlichen Text gepflanzt, kreisen ihre Artikel um eine furiose Feststellung. Ein Konstatieren, das allerdings ebenso exzessiv zu Werke geht wie vordem das Zitieren. Scholz moniert, dass Zizek „(e)rst recht (…) nicht auf die Wert-Abspaltung als gesellschaftliches Formprinzip“[105] komme, dass er der „Verselbständigung des Fetischs gegenüber den Einzelnen (…) nicht wirklich Rechnung“ trage „und zwar im Sinne der Wert-Abspaltungs-Form“[106], und dass er „ein wert-abspaltungs-induziertes Ganzes nicht wahrhaben will“[107] usw., um zur finalen Einsicht durchzustoßen: „Form bedeutet bei Zizek Klassenverhältnis, bei Kurz die übergreifende, allen gemeinsame Fetischform.“[108] Wer hätte gedacht, dass Zizek den Kapitalismus nicht als den in sich gebrochenen Fetischismus von Wert und Abspaltung kritisiert, sondern weiterhin vom Klassenkampf faselt?
Nachdem Scholz unzählige Male auf den Unterschied zwischen dem Kapitalismusverständnis von Zizek und Rest-Exit hingewiesen hat, wendet sie sich einer weiteren Differenz zu. Sie betrifft die kapitalismuskritischen Ansätze von Zizek bzw. Soiland und Exit. Betont wird, dass Leni Wissen „(i)m Gegensatz zu Zizek (…) sehr wohl von einer komplexen Wert-Abspaltungs-Kritik aus(geht)“[109], dass „(i)m Gegensatz zu Wissen (…) bei Soiland in diesem Kontext ein Rückgriff auf die Wert-Abspaltungs-Kritik“[110] fehle, dass „(a)bstrakte Arbeit“ und „Abspaltung (…) bei Soiland Anathema“[111] seien, summa summarum: „Insofern ist“ Zizek „auch weit davon entfernt, die wert-abspaltungs-kritische Perspektive in ihrer vollen in sich gebrochenen Totalität und Komplexität mit einzubeziehen.“[112] Die Quintessenz ihrer „Kritik“ fasst sich in einem einzigen obersten Postulat zusammen: „Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“
Dieses oberste Postulat macht deutlich, dass nicht nur die „Darstellung“, sondern auch die „Kritik“ lediglich eine Reduplikation ihres Gegenstands erwirken kann. Wenn die eigene Position nicht gerade durch Thesensammlungen abgedeckt wird, verdoppelt Scholz mit ihrem „Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“ die eigene Theorie zu einem starren und dinglichen Konglomerat an Erkenntnisresultaten, das sie den anderen Positionen entgegenhält. Der erkenntnistheoretische Kern dieser Verdinglichung kommt in einem identitätslogischen Muster zum Tragen.
Dieses Muster vollzieht sich nach dem Prinzip eines formallogischen Abziehbildes. Zuerst findet eine Dissoziation von „Darstellung“ und „Kritik“ statt, die, ihrem negativen Zusammenhang beraubt, in ebenso gegenständliche wie gegensätzliche Fragmente auseinandertreten. Die Gegenüberstellungen wie zum Beispiel „Zizek, Soiland usw. und Wert-Abspaltungs-Kritik“ erfüllen den Zweck, die Ergebnisse der analysierten Theorie von denen des eigenen Theoriekorpus abzuziehen. Was nach dieser Subtraktion übrig bleibt – und somit nicht der vorgeblichen „Wert-Abspaltungs-Kritik“ entspricht – ist Ideologie. Über sie macht sich Scholz sodann mit ihrer identitätslogischen Keule des „Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“ her.
Dieser Vorgang ist beileibe nicht auf die Auseinandersetzung mit Soiland und Zizek beschränkt. Scholz hat ihren formallogischen Knüppel ebenfalls in Anbetracht der „Realisten“ zur Hand. „Oberflächlich betrachtet“, urteilt sie über Maurizio Ferraris, „hat die Wert-Abspaltungs-Kritik viel mit Ferraris’ Kritik der Postmoderne gemein.“ [113] Das Subtraktionsverfahren hat auf einer formalen und völlig nichtssagenden Ebene einige Gemeinsamkeiten offenbart, was Scholz diesmal schon gar nicht mehr „irritiert“. Eigentlich ist Ferraris also schon ein halber Wert-Abspaltungs-Kritiker; aber, aber, aber, hebt Scholz an, am Ende gilt auch hier: Er vertritt einfach keine Wert-Abspaltungs-Kritik! Und die identitätslogische Keule schwingt durch die Luft.
Diese Äußerlichkeit der „Kritik“ hat sich tief in das Selbstverständnis von Rest-Exit eingegraben. Sie wurde sogar in die Form einer eigenen Artikelreihe von Thomas Meyer gegossen. In die unter dem Rubrum „Alternativen zum Kapitalismus – im Check“ laufende Textreihe ist die formallogische Keule gleich titelgebend eingegangen. Dadurch hat sich der formallogische Regress von Rest-Exit in seinen formallogischen Mustern dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen bis zur Ununterscheidbarkeit anverwandelt.
So wie im „ZDFheute-Backroundcheck“[114] ebenfalls eine „Im Check“-Reihe zu finden ist – wie „Project 2025: Trumps Geheimplan im Check“ oder „Im Check: Wer hat Nord Stream gesprengt?“ sowie „im Check: Sind Windräder gefährlich?“ –, fühlt sich auch Thomas Meyer zum „Faktenchecker“ berufen: „Alternativen zum Kapitalismus – im Check: Postwachstumsbewegung, Commons und die Frage nach der ‚gesellschaftlichen Synthesis’“ oder „Alternativen zum Kapitalismus im Check: Ökosozialismus“ sowie „Alternativen zum Kapitalismus im Check: Buen Vivir und das Ende der nachholenden Entwicklung“ usw.
Typisch für diese Text-Reihe ist der letztgenannte Artikel. Er befasst sich mit dem ehemaligen Energieminister von Ecuador, Alberto Acosta. Acosta hatte in den Jahren 2007 und 2008 auch das Amt des Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors inne. Als bekanntem Repräsentanten des Konzepts vom „Guten Leben“ kann Meyer ihm durchaus „wichtige Punkte“ und „phänomenologisch wichtige Zusammenhänge“[115] abgewinnen. Trotzdem hinterlässt der formallogische Subtraktionsakt ein unerwünschtes Ergebnis. Die „gecheckte“ Theorie in der kritiklosen Darstellung neutralisiert und die dinglichen Konglomerate der eigenen darstellungslosen Kritik davon abgezogen, muss Meyer zu seinem Bedauern feststellen: „Eine systematische kategoriale Kritik fehlt. Es fehlt eine Kritik der Arbeit und zugleich der weiblich konnotierten und minderbewerteten Reproduktionstätigkeiten. Auch verwendet er einen eher veralteten Imperialismusbegriff. Ein Krisen- und Ausgrenzungsimperialismus ist ihm fremd.“[116]
Na, hör mal! Der ehemalige ecuadorianische Energieminister kennt die krisenimperialistische Theorie von Robert Kurz nicht! Und er vertritt noch nicht einmal die basalen Grundsätze der Wert-Abspaltungs-Kritik! Dass das denn die Möglichkeit ist… Zum Glück nur hat der hemdsärmelige Theoriehandwerker in der Textmanufaktur seinen grandiosen Artikel zusammengeschustert, um uns mit dieser tiefschürfenden Erkenntnis zu bereichern.
Meyers „Im Check“-Reihe auf der theoretischen Abstraktionshöhe von „ZDF heute“ kommt aus dem Schwingen der identitätslogischen Keule gar nicht mehr heraus. Egal, ob Acostas „gutes Leben“, die „Postwachstumsbewegung“ oder der „Ökosozialismus“, sie alle werden mit demselben verdinglichten Verdikt überzogen. Eine Christian-Sievers-Kost im Exit-Verschnitt, die sich auch hinsichtlich ihres Erkenntniswerts immer rasanter dem „faktencheckenden“ Idol annähert. Und so ergeht es dem Rezeptionsumfeld von Rest-Exit nach jeder neuen Heftausgabe und jedem neuen Homepagetext so wie Goethes verzweifeltem Faust, der nur mehr deprimiert auszurufen vermag: „Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!“
Der tautologische Remixer: Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung
Es ist ein wesentliches Merkmal der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung, dass sie in ihrer kategorialen Negativität nicht bei sich bleiben kann. Entlang des sich verschärfenden Krisenprozesses und durch die Erschließung neuer Gegenstände drängt sie zu einer permanenten Radikalisierung. Sie hat den konkreten Zustand des zerfallenden Weltkapitals immer wieder auf der Höhe der Zeit zu bestimmen, um seine mögliche Überwindung durch eine dereinstige praktische Gegenbewegung theoretisch vorzubereiten.
Führt man sich die Fabrikationen der Text-Manufaktur von Rest-Exit zu Gemüte, so steht die Essenz eines jeden publizierten Artikels hingegen schon fest, bevor man auch nur seinen ersten Satz zu lesen begonnen hat. Diese Trivialisierung der „Theoriebildung“ hängt mit den dinglichen formallogischen Mustern zusammen, die dem prozessualen Lebenselixier „kategorialer Kritik“ Zug um Zug den Hahn abdrehen. Die bloße Reduplikation sowohl des „dargestellten“ Gegenstands als auch der eigenen „Kritik“ führt zu einer Verknöcherung des Inhalts, der im Grunde auch nach jeder weiteren Heft-Ausgabe mit sich gleich bleibt.
Diese identitätslogische Formierung der dinglichen Reflexionsmuster führt dazu, dass die eigene „Kritik“ nichts qualitativ Neues mehr in sich aufzunehmen vermag. Damit teilt sie jedoch einen Grundzug der postmodernen Ideologie. Die postmoderne Zerfallsideologie repräsentiert insofern die vollendete Identitätslogik, als sie ihrem eigenen erodierenden Gesellschaftszusammenhang in einer historisch einmaligen Begriffslosigkeit gegenübersteht.
Solange das kapitalistische Patriarchat noch „auf seinen eigenen Grundlagen prozessierte“ (Marx), kämpfte das bürgerliche Bewusstsein um die zukünftige „Ausgestaltung“ der ausgeblendeten und ontologisierten Fetischkonstitution. Seiner Modernisierungsideologie war demzufolge ein eigener affirmativer Inhalt eigen. Seit die Wert-Abspaltung jedoch in den Zustand ihrer Fundamentalkrise eingetreten ist, prallt das postmoderne Krisenbewusstsein an den erodierenden Realkategorien ab. Ein zerfallendes gesellschaftliches Verhältnis lässt sich nicht mehr positiv besetzen, weshalb die Affirmation des postmodernen Zerfallsbewusstseins immer weniger auf aktuelle Inhalte zurückgreifen kann.
Darin liegt der Grund, warum es den konkreten Gang der weltgesellschaftlichen Krisenprozesse nicht inhaltlich bestimmt zu denken vermag. Weil sich seine Reflexion an die Tragfähigkeit der affirmierten Realkategorien gekettet hat, muss sie mit diesen zusammen Schiffbruch erleiden. Denn diese Realkategorien steuern auf den Verwilderungsprozess ihrer negativen Selbstauflösung zu, den die positive Reflexion in ihrer identitätslogischen Zurichtung unmöglich im Bewusstsein festhalten kann. Das postmoderne Zerfallsbewusstsein schmort im abgestandenen Saft überkommener Inhalte; weil der Kapitalfetisch in seiner unumkehrbaren Entsubstantialisierung kein neues, eigenständiges Akkumulationsregime mehr hervorbringen kann, ist auch seine Zerfallsideologie in einer einmaligen Weise gegenwarts- und erst recht zukunftslos.
Kein anderes Phänomen trifft diesen identitätslogischen Kern postmodernen Zerfallsbewusstseins so repräsentativ auf den Punkt wie der „Remix“. Wenn das Krisensubjekt zur Bestimmung von Gegenwart und Zukunft außerstande ist, muss sich seine „Reflexion“ mit der Rekonfiguration überkommener Inhalte aus der Modernisierungsgeschichte begnügen. Die nicht nur im akademischen Betrieb ansteigende Zahl an Plagiatsfällen ist nur ein Indiz für eine eklektizistische Grundhaltung, die am Ende nicht nur nichts Neues, sondern überhaupt nicht mehr selbständig denken kann.
Im Grunde genommen steht die gegenwärtige Bewusstseinsdisposition damit unter einem kollektiven Wiederholungszwang. Außerstande dazu, den konkreten Zerfallsprozess des Weltkapitals reflexiv nachzuvollziehen, bannt sie ihn zwanghaft in die Reproduktion anachronistischer Inhalte, die in den verschiedensten Variationen „geremixt“ werden. Sie kann den akuten krisenhaften Zuspitzungen immer nur mit altem Wein in alten Schläuchen begegnen; weil damit aber nichts erklärt ist, geht der „Remix“ in die nächste Runde und so weiter und so fort.
Nach der Exit-Spaltung wurde auch diese Gruppe sukzessive von dem postmodernen Zeitungeist befallen. Da das intellektuelle Wiederkäuen, der abstrakte Erkenntnisklopfer sowie die identitätslogische Keule die kritisch-theoretische Eigenleistung extorquierten, „füllte“ sich die durch den Tod von Robert Kurz und die Exit-Spaltung bewirkte „Leere“ in Heft und auf der Homepage mit theoretischen Relikten aus der Vergangenheit. Der kollektive Wiederholungszwang machte sich auch in Redaktion und Vorstand nicht ohne Folgen breit: Mit der Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung trat die Gruppe in ein neues Stadium ein.
Nun mag es in Ausnahmefällen durchaus Sinn machen, einen bereits veröffentlichten Text noch einmal zu publizieren. Es können Situationen eintreten, deren Erklärung sich aus bereits geschriebenen Artikeln in großen Teilen herleiten lässt; es können interne Dynamiken ausbrechen, die im gesellschaftskritischen Zusammenhang schon einmal theoretisch bearbeitet wurden usw. Prinzipiell ist jedoch mit Adorno darauf zu insistieren, dass jeder Text einen „Zeitkern“ (Adorno) hat, der ihn an einen spezifischen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang bindet, aus dem heraus er seine negative Wahrheit mobilisiert.
Bei Rest-Exit ist man derlei Erwägungen heutzutage grundlegend enthoben. Weil die „Füllung“ der „Leere“ der eigenen Publikationsmedien zu einem Selbstzweck geworden ist, kennt die Wiederverwertung alter Inhalte kaum mehr Grenzen. Als bevorzugtes Instrument fungiert dabei der tautologische Remixer. Diese Apparatur ist mittlerweile so ausdifferenziert, dass sie alle möglichen Optionen der Wiederverwertung eigener Inhalte mühelos bewerkstelligen kann.
Das betrifft zum Beispiel bereits publizierte Heft-Texte, die auf der Homepage wiederaufgelegt werden. So wurden die unter der Rubrik „Rezensionen und Glossen“ veröffentlichten Texte von Meyer aus dem Exit-Heft 14 sechs Jahre später nochmals in derselben Fassung online gestellt. Worin der Erkenntniswert dieser neuerlichen Veröffentlichung liegen soll, wird leider nicht näher erläutert.
Dieses Versäumnis wird bei einem anderen Artikel von Meyer nachgeholt. Aus welchem Anlass die Redaktion den Text „Alternativen zum Kapitalismus – im Check: Wirtschaftsdemokratie und Arbeiterselbstverwaltung“ zwei Jahre nach seinem Abdrucken im Heft auf der Homepage erneut veröffentlicht, wird mit den Worten begründet: „Angesichts der Lobpreisung der Demokratie bzw. ‚Demokratisierung’ als politisch-ökonomisches Allheilmittel, veröffentlichen wir den in der exit! Nr. 20 erschienenen Text von Thomas Meyer‚ noch einmal online.“[117] Das ergibt natürlich Sinn.
Allerdings ist es dieser Ideologie eigen, dass die „Lobpreisung der Demokratie“ und die „Demokratisierung“ als ein „politisch-ökonomisches Allheilmittel“ seit jeher zu den Basismythen der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung gehören. Daran hat sich auch in den zwei Jahren zwischen Heft- und Homepage-Veröffentlichung nichts geändert. Die Demokratie wird also auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte in jeder Tageszeitung zehn Mal täglich „gelobpreist“ werden. Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Warum den Text von Meyer zukünftig nicht einfach in einer Endlosschleife alle zwei Monate mindestens ein Mal auf der Homepage hochladen?
Doch nicht nur ganze Texte lassen sich auf diese Weise recyceln. Auch den Heft-Artikeln entnommene Fragmente können dadurch nachhaltig entsorgt werden. So geschehen bei Roswitha Scholz. Der Ankündigung eines ihrer Artikel ist die Fußnote anhängig: „Bei meinen Ausführungen zu Silvia Federici, Tove Soiland und Beatrice Müller greife ich im Folgenden auf bereits veröffentlichte, z. T. umgearbeitete Passagen in früheren exit!-Artikeln zurück…“[118] Neben Texten „remixt“ die Apparatur auch Vorträge; sogar Texte und Vorträge zusammen lassen sich von ihr verarbeiten, wie das Referat „Klasse und soziale Frage“ beweist. Hier wurden „Teile des Vortrags (…) dem Artikel ‚Überflüssig sein und Mittelschichtsangst’, exit! Nr. 5, 2008 entnommen.“[119] Diese Information kommt dem Eingeständnis gleich, dass Scholz ganze Teile früherer Texte eins zu eins und ohne Umarbeitung in ihre „neuen“ Texte und Vorträge eingebaut hat. Akkurater hätte sie nicht illustrieren können, dass ihr Denken sich in einer Art paralytischem Dauerstillstand befindet.
Dem Ganzen wollte auch Thomas Meyer in nichts nachstehen. Seinem Text „Kategoriale Kritik und die notwendige Frage nach Alternativen zum Kapitalismus“ ist die Erläuterung beigefügt: „Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus: Meyer 2021/2022.“[120] Die Referenz bezieht sich auf zwei Artikel im Exit-Heft, die nur ein Jahr zuvor bzw. im selben Jahr veröffentlicht wurden. Aus welchem Grund zwei Artikel, die kürzlich erst im Heft erschienen sind, in mehr oder weniger identischer Form noch einmal als zusammenfassender Text auf die Homepage gestellt werden, wird hier zum wiederholten Male für nicht erklärungsbedürftig gehalten.
Unterdessen ist die Wiederverwertung der beiden Heft-Artikel von Meyer noch einen weiteren Umweg gegangen, bevor sie auf der Homepage gelandet ist. Über dem Text „Kategoriale Kritik und die notwendige Frage nach Alternativen zum Kapitalismus“ findet sich die Zeile: „Zuerst erschienen in: Netztelegramm Februar 2022, www.oekumenisches-netz.de“.[121] Die Zusammenfassung der beiden Heft-Artikel wurde also zuerst im „Ökumenischen Netz“ publiziert und erst anschließend Rest-Exit zur Verfügung gestellt. Damit hat Meyers Kompilation der beiden Heft-Artikel es auf eine stolze Dreifach-Verwertung gebracht.
Die Liste an „Re-Uploads“ ist damit noch lange nicht erschöpft. Auch der Text „Geschlecht zwischen performativer Spielmarke und Biologisierung – Eine Kritik spätpostmoderner Querness und der medizinische Diskurs um Transsexualität“ von Meyer, der Artikel „Badious Paulus als politisch-theologische Steilvorlage?“ von Böttcher – eine Kompilation seines Heft-Artikels – oder aber das Traktat „Die Demokratie frisst ihre Kinder immer noch“ von Scholz, um nur einige Beispiel zu nennen, sind durch den Mehrfachverwerter gejagt worden.
Dass diese Inhaltsproduktion des tautologischen Remixers sich überhaupt noch über Wasser halten kann, hängt freilich mit ihrer Rezeption zusammen. Deshalb stehen nicht nur Rest-Redaktion und -Vorstand zur Debatte. Es gilt ebenso, das verbliebene Rezeptionsumfeld zu adressieren. Gäbe es nach der Exit-Spaltung noch Elemente in diesem Umfeld, die den theoretischen Anspruch nicht gänzlich über Bord geworfen haben, so wäre ein Hinweis zweckdienlich. Für die Verballhornung „kategorialer Kritik“ bedarf es nämlich immer zweier Seiten: derjenigen, die es machen und derjenigen, die es mit sich machen lassen. Rest-Exit hält das eigene Publikum für so dumm, wie es aller Wahrscheinlichkeit nach auch ist, wenn es diese simulierte Inhaltsproduktion als „Weiterentwicklung der Theoriebildung“ durchgehen lässt.
Eklektizistischer Staubsauger und der anachronistische Zug der Theorieleichen
Mit dem Syndrom der Mehrfachverwertung hat der formallogische Regress eine neue Stufe angenommen. Ging er in die formallogischen Denkformen der einzelnen AutorInnen als identitätslogischer Regress ein, weist der tautologische Remixer auf das kollektive Selbstverständnis der Gruppe zurück. Immerhin geht der Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung jedes Mal ein redaktioneller Konsens voraus.
Das bedeutet aber, dass der identitätslogische Regress zwei verschiedene Stufen umfasst. Zum einen manifestiert er sich in den dinglichen Denkformen: Sowohl das intellektuelle Wiederkäuen als auch der abstrakte Erkenntnisklopfer sowie die identitätslogische Keule zeugen von einer formallogischen Verhärtung der Reflexion. Die damit einhergehende identitätslogische Verdinglichung prägt schon seit Jahren das theoretische Profil von Rest-Exit.
Das ist aber nur die eine Stufe, soweit sie sich auf die identitätslogische Reflexion der AutorInnen bezieht. Auf einer höheren Stufe verwandelt sich der identitätslogische in einen identitären Regress, der auf das organisatorische Selbstverständnis der verbliebenen Rest-Infrastruktur übergreift. Insoweit ragt in den identitären Regress noch ein anderes, objektiv-institutionelles Moment hinein. Es betrifft die Frage nach dem infrastrukturell-organisatorischen Profil des Zusammenhangs.
Bei diesem Aspekt ist für den Moment zu verweilen, da er meistens unterbelichtet bleibt. Gleichwohl ist er für einen „kategorial-kritischen“ Theoriezusammenhang von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit. Denn dieses infrastrukturelle Profil kommuniziert zuverlässig mit dem theoretisch-kritischen Selbstverständnis einer Gruppe. Nun unterscheidet sich das Selbstverständnis der Wert-Abspaltungs-Kritik von allen anderen modernen Theorien durch zwei zentrale Elemente. Sie sind beide in einem langen und harten theoriegeschichtlichen Prozess buchstäblich erkämpft worden.
Das erste Element ist die unverbrüchliche Eigenständigkeit der Theoriebildung. Was sich zuerst als „fundamentale Wertkritik“ in der krisis-Gruppe etablierte, entsprach den ersten Ansätzen eines „kategorialen Bruchs“ mit der modernen Form Theorie. Aus dem Marxismus der 68er- bzw. post-68er Jahre kommend, aber vom manisch-depressiven Zyklus der Bewegungslinken desillusioniert, verweigerten sich die „fundamentalen Wertkritiker“ zum ersten Mal dem bürgerlich-modernen Modus der Theoriebildung, indem sie die Ausarbeitung theoretischer Gesellschaftskritik aus den ideologischen und institutionellen Zwängen des politischen, akademischen und bewegungslinken Referenzrahmens herauslösten.
Dieser Bruch verschaffte der Theoriebildung zum anderen ihr zweites originäres Element. Durch die radikale Eigenständigkeit der Theoriebildung, die ihre inhaltliche Zuspitzung ohne institutionelle und bewegungspolitische Rücksichten erlaubte, etablierte sich das konzessionslose Primat der inhaltlichen Kritik. Auf diese Weise wurde kritischer Theoriebildung eine besondere und neuartige Qualität zuteil. Der negative Inhalt der Theoriebildung wurde erstmalig als Zweck in und für sich, als ein eigenständiger Zweck ernst genommen, der jenseits aller praktischen Bedürfnisse voranzutreiben war.
„Kategoriale Kritik“ vollzog damit in einem mehrere Jahrzehnte währenden Prozess den Bruch mit aller politischen, akademischen, aber auch bewegungspraktischen Theoriebildung. Diese ist nämlich schon von ihrem organisatorischen Profil her auf die Legitimation der vorgegebenen praktischen Bedürfnisse von Partei, Universität und linker Szene zugeschnitten. Der theoretische Inhalt fungiert dabei nicht als eigenständiger Zweck, sondern als Mittel zur Widerspruchsbearbeitung der bestehenden Praxis. Das ist auch nur logisch: an der Universität müssen Forschungsanträge gestellt und angenommen werden; der Parteibetrieb diktiert aus sich heraus die tagesaktuellen parteipolitischen Themensetzungen; und die linke Theoriebildung bewirtschaftet in ihren diversen Magazinen und Zeitschriften den je eigenen Teil der Szene in seinem immanenten Praxisfetisch.
Dieses Primat des negativen Inhalts hatte seinerseits institutionelle Effekte. Indem an erster Stelle das Primat der konkreten inhaltlichen Kapazitäten der vorhandenen AutorInnen stand, emanierte die organisatorische Form von krisis und später Exit gewissermaßen aus diesem grundsätzlichen Vorrang der inhaltlichen Verfügbarkeiten. Die Zyklen an Heft- und Textveröffentlichungen, an Seminaren und Vorträgen, aber auch das organisatorische Gefüge in seiner Abstufung von Redaktion, Vorstand und Beirat richteten sich immer nach den konkreten inhaltlichen Kapazitäten und Fähigkeiten der beteiligten Individuen aus. Der radikal gesellschaftskritische Inhalt gab sich sozusagen seine ihm adäquate organisatorische Form.
Für die Exit-Gruppe umfasste dieses institutionelle Profil neben einer Homepage für tagesaktuelle Texte das ein bis zwei Mal im Jahr erscheinende Printmedium, das jährliche Seminar mit mehreren Vorträgen und dazu noch ein jährliches Beiratstreffen. Dieses infrastrukturelle Profil konnte zur „Blütezeit“ von Exit noch sehr rege ausgestaltet werden. Die dadurch ermöglichte inhaltliche Weiterentwicklung der Wert-Abspaltungs-Kritik lag in erster Linie an der überragenden publizistischen Tätigkeit von Robert Kurz, der sowohl in qualitativer wie quantitativer Hinsicht das Zugpferd der Theoriebildung war.
Das änderte sich jedoch schlagartig, als im Jahr 2012 Robert Kurz verstarb. Er war als herausragender Theoretiker des Zusammenhangs nicht nur in der Qualität, sondern auch in der Quantität seiner Texte und Vorträge unmöglich zu ersetzen. Auf einmal klaffte eine beträchtliche Lücke im institutionellen Profil von Exit. Im Grunde genommen lebte dieses Profil nämlich geradezu von der publizistischen Aktivität von Kurz. Schon damals stellte sich also die Frage nach dem theoretischen Selbstverständnis der Gruppe: Wie sollte mit dem plötzlichen Wegfallen der Inhalte von Robert Kurz umgegangen werden?
Zwei denkbare Reaktionen gab es auf diesen schwerwiegenden Verlust: Entweder man passte das institutionelle Profil den gegebenen inhaltlichen Kapazitäten an, was zwangsläufig eine Streckung des Publikationsrhythmus und eine Beschränkung der Textquantität auf ihr gegebenes Niveau bedeutet hätte. Oder aber die gegebene Form des infrastrukturellen Profils wurde trotz mangelnder inhaltlicher Kapazitäten beibehalten.
Nun beschritt die Gruppe nach dem Tod von Robert Kurz in Teilen von Redaktion und Vorstand den letzteren Weg. Dadurch geriet der Stein ins Rollen und spitzte sich an dem Geld-Traktat von Richard Aabromeit vollends zur Exit-Spaltung zu. Dass im Zuge dieser Spaltung mit mir ein Autor verloren ging, der ebenso regelmäßig Texte für die Homepage und das Heft verfasste wie er Vorträge hielt, verschärfte das Dilemma nur noch zusätzlich. Selbiges gilt für Patrice Schlauch, der bereits damals als angehender Autor seine ersten Texte schrieb und auch aus dem Zusammenhang austrat. Damit verengte sich das verfügbare Reservoir an AutorInnen bei Rest-Exit noch einmal beträchtlich.
Diese Entwicklung stürzte Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher in die Bredouille. Einerseits musste die Textmanufaktur den Laden aus Reputationsgründen am Laufen halten. Andererseits standen wichtige inhaltliche Kapazitäten nicht mehr zur Verfügung, die nicht zuletzt in der Person von Robert Kurz für die Weiterentwicklung der Theoriebildung unverzichtbar gewesen sind. Anstatt nun den Publikationsrhythmus den verfügbaren inhaltlichen Kapazitäten anzugleichen, ordnete sich Rest-Exit nach der Exit-Spaltung dem tradierten Publikationsrhythmus unter. Damit unterwarfen sich Redaktion und Vorstand jedoch einem rein formalen Kriterium: eben einer gewissen Masse an Textoutput pro Jahr. Der Zyklus eines ein- oder zweimal im Jahr erscheinenden Heftes, die regelmäßige Frequenz an Homepage-Artikeln sowie die Vorträge auf den Seminaren sollten weiter bedient werden können.
Dieses Primat des Formdiktats hat die Eigenständigkeit der Theorie und ihren Primat des negativen Inhalts faktisch annulliert. Indem sie sich an der „reellen Subsumtion“ des theoretischen Inhalts unter das formale Primat einer Mindestproduktivität an Textoutput befleißigten, teilt Rest-Exit das Schicksal der modernen Legitimationstheorien. Im Gegensatz zu „kategorialer Kritik“ werden die „affirmativ-kritischen Interpretationsideologien“ (Robert Kurz) vom Primat des Formdiktats beherrscht, weshalb ihnen ihr Inhalt kein Zweck in sich ist, sondern lediglich ein Mittel für externe Zwecke. Die „affirmativ-kritischen Interpretationsideologien“ können den konkreten Inhalt deshalb niemals als eigenständige Entität für sich entwickeln.
Es ist bezeichnend, dass sich Rest-Exit mit diesem abstrakten Produktivitätsanspruch den abgehalfterten Wertkritikern ein weiteres Mal bis zur Ununterscheidbarkeit angeglichen hat. Er wurde nämlich schon von den „Streifzügen“ praktiziert, die nach der krisis-Spaltung wie später Rest-Exit der Marketingstrategie der „Mehrfachverwertung“ (Robert Kurz) verfielen. Ihr widmet Robert Kurz in seiner polemischen Abrechnung „Seelenverkäufer“ ein eigenes Kapitel.
Der Widerspruch, den Robert Kurz an Franz Schandl und Lorenz Glatz herausarbeitet, ist derjenige von Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher. Liest man die folgenden Sätze, ist es schwer zu entscheiden, ob sie stärker auf die „Streifzüge“ oder aber auf Rest-Exit zutreffen: „Der Anspruch, dreimal jährlich im Magazinformat zu erscheinen, ging in gar keiner Weise aus einer inneren Entwicklung des Inhalts (…) hervor, sondern allein aus dem verselbständigten Verkäufer-Gebot, sich ‚in jeder Hinsicht zu verbreitern und zu verbreiten’. Ablesbar ist dieser Sachverhalt daran, dass nicht eine Inhaltsproduktion ihren eigenen Kriterien gemäß eine Form findet, sondern umgekehrt eine apriorische ‚leere Form’ (hier quasi natural: ein journalistisches Format) ‚gefüllt’ werden muss. Gerade darin besteht das allgemeinste Merkmal der reellen Subsumtion bei solchen Erzeugnissen.“[122]
Dabei stellt sich heraus, dass selbst der revisionistische Anspruch nicht mehr das ist, was er einmal war. Setzten sich die Streifzüge noch den Standard, sich „in jeder Hinsicht zu verbreitern und zu verbreiten“, musste Rest-Exit darum kämpfen, das gegebene Produktivitätsniveau halten zu können. Zum Ärger der Gruppe vermochten selbst die Trivialisierungen der eigenen Reflexion das entstandene Produktivitätsgefälle nicht zu überbrücken. Zwar erhöht insbesondere die Zitationsmanie des intellektuellen Wiederkäuens den Textoutput pro Zeiteinheit, da sich dank „copy-and-paste“ Seiten um Seiten ohne die Dazwischenkunft reflexiver Anstrengung füllen lassen. Und auch der tautologische Remixer steigerte die Masse an Textoutput in nennenswerten Zahlen. An die Erfüllung der vorgegebenen Mindestquote reichten jedoch auch diese Maßnahmen nicht heran.
Daher schusterte sich die Theoriewerkstatt die nächste Apparatur zusammen. Musste die Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung irgendwann an Grenzen stoßen, weil die verfügbaren theoretischen Erzeugnisse sich nicht beliebig oft wiederauflegen lassen, sollte das Produktivitätsloch durch eine Akquirierung von Fremdinhalten gestopft werden. Um die verbliebene „Leere“ mit Inhalten zu „füllen“, erschufen Rest-Redaktion und -Vorstand den eklektizistischen Staubsauger. Wie schon der Remixer fungierte der Staubsauger als ein multifunktionales Instrument.
In einer ersten Runde ließen sich mithilfe seiner Inhalte von fremden Publikationsplattformen ansaugen, die allerdings von eigenen Autoren und Autorinnen verfasst wurden. Um auch hier Missverständnissen vorzubeugen: Es ist ein ganz normaler Vorgang, wenn Texte von AutorInnen, die zuvor in anderen Medien publiziert wurden, nachträglich auf die eigene Homepage gestellt werden. Bei diesem Vorgang spielt aber natürlich durchaus eine Rolle, von welchen Publikationsorganen ein Textangebot an eine/n Autor/in ausgeht und von welchen Plattformen Texte sodann adaptiert werden. Es gab einmal eine Zeit bei Exit, in der solche Fragen sehr sorgfältig abgewogen wurden.
Davon ist heute kaum mehr was zu erahnen. Um die Textmanufaktur von Rest-Exit hat sich ein bunter Blumenstrauß an Zulieferbetrieben für den eklektizistischen Staubsauger gruppiert. Als eine sprudelnde Quelle für die externe Zufuhr von Redaktions- und Vorstandstexten erweist sich das „Ökumenische Netz“. Dass ausgerechnet die katholische Bruderschaft zum primären Faktor der Textakquirierung avanciert ist, scheint bei Rest-Exit heute so selbstverständlich wie das Amen in der Kirche. So stammen inzwischen ganze neun Texte von Böttcher aus dem „Ökumenischen Netz“; nimmt man die Texte von Scholz und Meyer dazu, dann fragt man sich mit Recht, wer hier eigentlich der Bock und wer der Gärtner ist. Nur noch wenige Jahre und Rest-Exit dürfte zur Außenzweigstelle der christlichen Gutmenschen für linke Szenebelange verkommen sein.
Neben dem „Ökumenischen Netz“ trat plötzlich auch die „Graswurzelrevolution“ als neuer Zulieferbetrieb auf den Plan. Hätte einst ein Redaktionsmitglied von Exit in diesem anarcho-libertären Szeneblättchen einen Text geschrieben, hätte man es beiseite genommen und ihm inständig erklärt, warum es zwischen Theorie und Praxis eine strukturelle Divergenz gibt, die nicht einfach übersprungen werden kann; und ansonsten verschämt darauf gehofft, dass niemand von dieser Bagatellisierung der Theoriebildung Wind bekommt. Gegenwärtig sind zwei Texte von Thomas Meyer – in der Tat ohne inhaltlichen Reibungsverlust – von der „Graswurzelrevolution“ übernommen worden; und das ohne jeden Kommentar, als sei es das Selbstverständlichste, sich am Praxisfetisch der linken Szeneblättchen zu laben.
Doch auch die Verbreitung der eigenen Texte im „Ökumenischen Netz“ oder der „Graswurzelrevolution“ konnte den Engpass der Inhaltsproduktion nicht beheben. Der eklektizistische Staubsauger musste deshalb eine zweite Runde antreten, in der er sich Fremdinhalte von Fremdautoren einzuverleiben begann. Diese Integration von Fremdautoren in den Theoriebildungsprozess gehört zu dem eigentlichen Anlass, an dem sich die Exit-Spaltung entzündete.
Am eindrücklichsten stellt sich dieses An-Land-Ziehen von Fremdautoren an dem ehemaligen Vorstand und Autor Richard Aabromeit dar. Sein Agieren demonstriert die inhaltliche Beliebigkeit in der Wahl der Fremdautoren wie kein anderes Beispiel. Bevor es ihn aus unerfindlichen Gründen zu Exit verschlug, war er ein regelmäßiger Besucher von krisis-Seminaren, ohne dass ihn dies freilich irritiert hätte. Von krisis zu Exit wechselnd, sah er die Chance, deren Inhalte in Form von Vorträgen oder Texte in den Exit-Zusammenhang einzuschmuggeln – und siegte mit diesem Unterfangen dank einer massiven Unterstützung in Teilen aus Redaktion und Vorstand. Als sich von unserer Seite Widerstand gegen diese revisionistische Tendenz regte, verließ er Exit und kehrte nach diesem mehrjährigen Intermezzo wieder in seinen krisis-Heimathafen als Autor zurück.
Schon damals war es unverständlich, warum diese schriftlichen wie mündlichen Quasi-Lohoff-Ergüsse nicht nur von Scholz, Wissen und Böttcher verteidigt wurden, sondern im Heft wie auf den Beiratstreffen wiederholt den roten Teppich ausgerollt bekamen. War die Abgrenzung zur krisis-Gruppe und ihrem Theorieverfall einstmals von erstrangigem Status, mäandern die von der Kritik überholten Theoriebaracken heute gleichsam als inoffizielle Austauschkanäle zwischen dem krisis– und Exit-Kontext hin und her. Dass der Staubsauger mit Aabromeit ausgerechnet einen Fremdautor auf krisis-Linie an Bord zog, markierte einen bemerkenswerten Grad an Maßlosigkeit – was von unserer Seite damals bereits dezidiert benannt wurde.[123]
Ähnlich, wenn auch mit bedeutsameren Folgen, verhält es sich mit den Texten von Tomas Konicz. Er erfreut sich deshalb einer großen Beliebtheit in einem gewissen Segment der Szene, weil er als gesamtideeller Vulgarisierer der Krisentheorie die Ökonomiekritik auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des linken Elendsverstands eingedampft hat. Um seine Inhalte ihrer Textmanufaktur zuzuführen, müssen Scholz, Wissen, Meyer und Böttcher sie aus aller Herren Länder herbeirufen.
Natürlich darf das „Ökumenische Netz“ nicht fehlen. Aber auch das Szeneheft für Dummies, die Analyse und Kritik, erfreut sich einer regen Übernahme von Konicz-Artikeln durch Rest-Exit. Ebenso werden seine Inhalte von konkret, telepolis, telegraph sowie der jungle world auf der Homepage kompostiert, sodass kaum eines jener linken Szenemedien ausgespart bleibt, deren „theoretische Analysen“ sich in den letzten Jahren zuverlässig an der fetischistischen Wirklichkeit blamiert haben. Dass nicht einmal dann die Schamschwellen sich regen, wenn sogar Konicz-Artikel von seiner privaten Homepage veröffentlicht werden, sagt über den eigenen theoretischen Anspruch von Rest-Exit eigentlich schon alles.
Wiewohl der eklektizistische Staubsauger mit den zwischenzeitlichen krisis-Inhalten von Aabromeit und den inflationären Konicz-Ergüssen das Produktivitätsniveau heben konnte, bedurfte es dennoch eines letzten Produktivitätssprungs. Das Spektrum des Staubsaugers wurde in einer dritten Runde nochmal um Fremdinhalte von dezidiert gegnerischen Positionen erweitert. Auf der Homepage erschien kürzlich eine „Leseempfehlung“ zu „Trump und Klasse“ oder „Kampf den Oligarchen“. Hätte man erwartet, dass diese Empfehlung auf eine/n Exit-Autor/in verweist, wird man beim Öffnen der Empfehlung eines Besseren belehrt: Der Autor beider Artikel ist Lars Quadfasel, ein Vertreter der antideutschen Ideologie. So heißt es in Sachen Trump und Kritik am Populismus: „Wir sind Quadfasel!“, noch ehe er sich versah.
Ähnlich wie bei Aabromeit in Bezug auf krisis müsste sich hier unmittelbar die Frage einstellen: Gab es da nicht einmal einen harten Konflikt zwischen der Wert-Abspaltungs-Kritik und der antideutschen Ideologie? Ein Konflikt, dem Robert Kurz ein ganzes Buch zu widmen sich gemüßigt sah, obwohl ihn sicher andere theoretische Vorhaben beschäftigten? Anstelle dessen durfte neben Quadfasel in Sachen „Corona“ sogar ein Thomas Ebermann seinen Senf zu einem Exit-Heft beisteuern; ungeachtet seiner offensiven Delegitimierung der Krisentheorie, bei der sich Ebermann einst besonders hervorgetan hatte.[124] Nimmt man noch Kim Posster als Autor und Referent dazu, wäre das Urteil einer antideutschen Einfärbung von Rest-Exit noch gehörig untertrieben.
Zu diesem Komplex der antideutschen Ideologie ist eine theoriegeschichtliche Fußnote unverzichtbar. So traten bei Exit wiederholt gewisse Individuen in Erscheinung – immer männlich sozialisiert, typischer Mittelschichtshintergrund, meist jünger und bei der „Kritischen Theorie“ hängen geblieben –, welche die Wert-Abspaltungs-Kritik zu einem weiteren antideutschen Ableger unter anderen umdefinieren wollten. Sie provozierten einen enormen Kraftaufwand, um dieses bürgerliche Mittelschichtsbewusstsein aus Exit rauszuhalten; was nach langen, aufreibenden und sich beständig wiederholenden Kontroversen schließlich auch gelang.
Zwei Ereignisse der jüngeren Vergangenheit symbolisieren in Anbetracht dessen den theoretischen Umkehrprozess, den diese Gruppe durchläuft. Dass der eklektizistische Schlund in JustIn Monday als Heftautor und in Leo Roepert als Seminarreferent zwei Theoretiker an Bord zog, von denen man sich aus inhaltlichen Gründen entweder aktiv getrennt oder passiv auseinandergelebt hatte, verleiht dem Regress einen bildlichen Ausdruck. Wenn nicht diese theoriegeschichtliche Rückabwicklung einer ehemaligen Wert-Abspaltungs-Kritik in einst bekämpfte und überwundene Positionen einen Revisionismus in Reinform abgibt, was denn dann? Der anachronistische Zug der Theorieleichen repräsentiert das sinnfälligste Fanal für den Niedergang der Exit-Gruppe.
Der Schmelztiegel des großen Einerleis – oder: Die demokratische Mär von der pluralistischen Kollektivtheorie
Es ist das genuine Charakteristikum „kategorialer Kritik“, dass sie ihren radikalen Inhalt jenseits praktischer Szene- und akademischer Theorieansprüche entfaltet. Während die Subsumtion unter praktische und akademische Ansprüche bei den „affirmativ-kritischen“ Legitimationstheorien am Ende stets in einen Akt reflexiver Willkür mündet, der nicht mehr aus dem Primat des negativen Inhalts heraus begründet werden kann, stach die Wert-Abspaltungs-Kritik lange durch die inhärente Konsistenz ihrer Theoriebildung hervor.
Dieser innere Zusammenhang der Theoriebildung wurde durch einen Prozess der doppelten Selbstkorrektur gewährleistet. Er ließ sowohl den konkreten Verlauf des äußeren Krisenprozesses als auch die Austragungsformen der internen Konflikte und Spaltungen in den Inhalt der Theoriebildung einfließen. Die fortschreitende Präzisierung der Kritik durch die Reflexion auf den konkreten Vollzug der Fundamentalkrise – der als realfetischistischer Prozess niemals „gegeben“ ist, sondern in seinen verwildernden Erscheinungsformen immer wieder neu bestimmt werden muss – sowie die theoretische Aufarbeitung der internen Konflikte verliehen ihr erst jene sie kennzeichnende innere Kohärenz.
Möchte man dagegen angeben, worin denn dieses theoretische Profil von Rest-Exit in der Gegenwart genau besteht, sieht man sich vor eine komplizierte Herausforderung gestellt. Aus Gründen des Renommees an dem „wert-abspaltungs-kritischen“ Anspruch festhaltend, den einzuholen man sich aber immer weniger imstande sieht, diffundieren in den erodierenden Stand der vormaligen Wert-Abspaltungs-Kritik immer mehr Versatzstücke der zirkulierenden Alltags- und Trivialtheorien.
Diese Entwicklung entspricht der Transformation von der kritischen Theoriebildung zur Theorieverwaltung. Die kompromisslose Eigenständigkeit der Theorie sowie ihr Primat des negativen Inhalts werden von der „reellen Subsumtion“ unter die theoretische Formabstraktion immer weiter abgetragen. Diese theoretische Formabstraktion trat zuerst in den formallogischen Mustern auf den Plan, die sich als Vergegenständlichung einer identitätslogischen Metaphysik zu erkennen gaben. Sie machte sich zuerst über die Marxsche „Kritik durch Darstellung“ her, um die wechselseitige Bedingtheit von Darstellung und Kritik in einen starren Gegensatz zu verwandeln.
Die theoretische Formabstraktion der Theorieverwaltung beließ es aber nicht bei den Reflexionsmustern einer identitätslogischen Metaphysik. Sie erfasste vielmehr den grundsätzlichen Zugang und den basalen Anspruch der gesamten Gruppe. Indem sich das Formdiktat die Theoriebildung „reell subsumierte“, schrieb es sich als identitäre Voraussetzung in das organisatorische und infrastrukturelle Profil von Rest-Exit ein. Damit musste jedoch sowohl das Außen- als auch das Innenverhältnis der Gruppe eine akzentuierte Neujustierung erfahren.
Was das Außenverhältnis von Rest-Exit zu einem vor allem wertkritischen und in Teilen szenelinken Rezeptionsumfeld anlangt, hat man um der Konkurrenzfähigkeit im Ramschhandel willen bereits weitgehende Zugeständnisse gemacht. Sich dem Produktivitätszwang eines jährlichen Mindestquantums an Textmasse ausliefernd, introjizierten die AutorInnen die Maßstäbe der Kapitalform zur Voraussetzung der eigenen theoretischen Existenz.
Illustrieren lässt sich dieser Verinnerlichungsprozess am tautologischen Remixer. Seine Inhaltsproduktion durch Mehrfachverwertung sieht im konkreten Inhalt der Texte bestenfalls ein Abfallprodukt für den „Reupload“, um auf diese Weise das abstrakte Produktivitätsdiktat erfüllen zu können. Deshalb kapriziert sich die Wiederverwendung nicht auf den konkreten Inhalt, sondern auf den warenförmigen Effekt: Dass das schamlose Recyceln alter Inhalte eine theoretische Entwicklung suggerieren sollte, die gar nicht statthatte, lässt aufblitzen, wie tief man die scheininszenierenden Marketingstrategien bereits verinnerlicht hat. Indem die Redaktion von Rest-Exit vom konkreten Inhalt ihrer Texte abstrahiert, degradieren sich die AutorInnen selbst zu warenförmigen ProduzentInnen von theoretischen Tauschwerten.
Insofern wäre es verniedlichend, in der Außendarstellung der Gruppe von einer akzentuierten Neujustierung zu sprechen. Das Außenverhältnis von Rest-Exit hat sich binnen weniger Jahre ins Gegenteil verkehrt. Anstelle einer Kritik der Warenform unterwirft sich die Gruppe in ihrem Außenverhältnis einer warenförmigen Marktlogik. Damit ereilt die ProduzentInnen der Textmanufaktur jedoch das Schicksal der Ware Arbeitskraft in der Fundamentalkrise. Die Mehrfachverwertung hat die eigene Textsubstanz ohnedies schon einer gehörigen Entwertung ausgesetzt und so musste der Preis pro Ramschware ins Bodenlose fallen. Wie stark der intellektuelle und theoretische Entwertungsprozess die Gruppe bereits erfasst hat, zeigt ein Ansinnen der Redaktion, die für einen „Remix“ von Scholz-Artikeln in ihrem immer gleichen Keulenschwung auch noch um eine Vorfinanzierung warb.[125] Ein nur mehr kleinlautes Eingeständnis dessen, dass es die eigenen theoretischen Billigheimer ohne Vorabsubventionen nicht einmal mehr auf die wertkritische Resterampe schaffen.
Die „reelle Subsumtion“ des abstrakten Formdiktats konnte das Innenverhältnis der Gruppe nicht unberührt lassen. Das ist auch nur logisch: Indem die Formabstraktion obsiegt, hängt der Zugang zur Theorie bei Rest-Exit nicht mehr von der konkreten theoretischen Substanz des jeweiligen Autors bzw. der jeweiligen Autorin ab. Der Zugang zur Theorie ist damit kein exklusiver mehr – exklusiv im Sinne eines Mindestanspruchs an theoretischer Fundiertheit und inhaltlicher Fähigkeit, der nicht hinter das Abstraktionslevel „kategorialer Kritik“ zurückfallen darf.
Für eine radikale Gesellschaftskritik ist dieser exklusive Zugang der AutorInnenschaft eine nicht zu hintergehende Voraussetzung der Theorie. Alleine schon die lebensgeschichtlichen Bedingungen wie Folgen einer solchen Autorenschaft werfen auf diese Exklusivität ein Licht: Abgesehen davon, dass für den Theoretiker bzw. die Theoretikerin radikale Gesellschaftskritik als „integrierte Existenzweise“ (Robert Kurz) nicht nur die Unterordnung eines Großteils des Lebens unter die Gesellschaftskritik bei gleichzeitiger Alltags- und Lohnarbeitsplackerei bedeutet, kann man mit „kategorialer Kritik“ in der gängigen Lebensweltperspektive nur verlieren.
Neben den fortwährenden Attacken, denen sie ausgesetzt ist und die immer mit persönlichen Zerwürfnissen einhergehen, steht man mit radikaler Gesellschaftskritik allein auf weiter Flur herum. Sie ist vollständig inkompatibel mit den linken und akademischen Theorien, weshalb sie nicht nur marginalisiert ist, sondern erst recht nicht zum universitären oder szeneinternen Karrieresprungbrett taugt. Stattdessen bedarf der Nachvollzug, geschweige denn die Weiterentwicklung der Theorie, einer Unmenge an Zeit ebenso für den Leseprozess wie für Vertiefungen und Recherchen, die ihrer Natur nach alleine im stillen Kämmerlein zu leisten sind.
Kontrastiert man diese für eine potentielle Autorenschaft radikaler Gesellschaftskritik gesetzte Exklusivität mit dem gegenwärtigen Zustand postmoderner Zerfallssubjektivität, erklärt sich, warum sie so rar gesät ist. Der sich seit der sogenannten Finanzkrise von 2007/8 auch in den westlichen Zentren unerbittlich verschärfende Entwertungszwang beförderte in seiner materiellen Prekarisierung der linken Mittelschicht nicht nur den ohnehin grassierenden Hang zum Opportunismus und zur praxisfetischistischen Unmittelbarkeit.
Zu diesem Zerfall der materiellen gesellt sich nämlich schon seit Jahrzehnten derjenige der psychischen Existenz. Die dem präödipal-narzisstischen Sozialcharakter entspringende Distanzlosigkeit zu seinem eigenen Zerfalls-Ich wie zu den verleugneten Objekten, die aus ihm erwachsende Anerkennungssucht sowie die mit der desexualisierenden Triebdynamik vermittelte Ausblendung der über das Subjekt hinausreichenden Objektivität laufen in ihrer triebdynamischen Konstitution auf das schiere Gegenteil jener inhaltlich-theoretischen Exklusivität einer wert-abspaltungs-kritischen Autorenschaft hinaus. Genauso gut könnte man von einem Rotkehlchen verlangen, es solle einem die „Internationale“ in allen ihren Strophen vorträllern.
Um die eigenen Medien mit dem produktiven Mindestquantum an Textmasse zu füllen, wurde deshalb der unerlässliche Anspruch des exklusiven Zugangs zur Theorie von Rest-Exit sukzessive geschliffen. Die Partizipation an der Theorieverwaltung öffnete sich nach der Exit-Spaltung in Gestalt eines abstrakten Egalitarismus, der eine zwangsdemokratische Formabstraktion im Innenverhältnis der Theoriebildung forcierte. Diese demokratische Pluralisierung des Theoriebildungsprozesses erwies sich als bitter nötig: Da das verfügbare Reservoir an eigenen Inhalten trotz emsiger Mehrfachverwertung und eklektizistischem Staubsauger gegenüber dem erforderlichen Mindestquantum an Textmasse pro Jahr weiter schmilzt, musste der exklusive Zugang der Theorie einer partizipativen Öffnung der Autorenschaft weichen. Der damit in Gang gebrachte Prozess setzt einmal mehr die Kurzsche Sentenz in ihr Recht: „Die Demokratie frisst ihre Kinder“.
Vor allem zu Lebzeiten von Robert Kurz korrelierte bei Exit stattdessen der inhaltlichen noch eine infrastrukturelle Hierarchie. An ihrer Spitze standen Robert Kurz als überragender Theoretiker des Zusammenhangs und Roswitha Scholz als Begründerin der Abspaltungstheorie. Mit Claus Peter Ortlieb, Frank Rentschler und Udo Winkel waren zudem verdiente und langjährige Autoren Bestandteile der Redaktion. Auf einer dritten Stufe kamen sodann die neu in die Redaktion aufgenommenen jüngeren TheoretikerInnen. Dadurch war eine Entsprechung von inhaltlicher und organisatorisch-infrastruktureller Hierarchie gegeben. Sowohl die Autoren und Autorinnen der Heft- sowie Homepage-Artikel als auch die Vortragenden auf den Seminaren bildeten die inhaltliche Hierarchie der Gruppe ab. Das galt auch im Großen und Ganzen für den internen, weniger formalisierten Diskussionsprozess um Aspekte der Theoriebildung.
Heute setzt sich das infrastrukturelle Profil von Redaktion und Vorstand hingegen völlig arbiträr und willkürlich zusammen. Das lässt sich an der Person Tomas Konicz ablesen. Er hat nicht nur nach Robert Kurz die meisten Texte auf der Homepage verfasst, sondern publiziert regelmäßig in den Heften. Neben seiner quantitativen Dominanz ist er außerdem der einzige Autor, der in den letzten Jahren durch Buchpublikationen in Erscheinung getreten ist. Würde das Primat des Inhalts noch ernst genommen, müsste an der Spitze der Redaktion und des gesamten Zusammenhangs eigentlich der gesamtideelle Vulgarisierer der Krisentheorie stehen. Realiter ist er aber weder Redaktions- noch Vorstandsmitglied, sodass ein Fremdautor zum führenden Theoretiker von Rest-Exit avanciert ist.
Sprudelt die externe Textquelle des gesamtideellen Vulgarisierers in voller Pracht, geizen andererseits Mitglieder der Redaktion regelrecht mit theoretischen Beiträgen. Eine Leni Wissen beispielsweise wäre unter normalen Umständen sofort als Karteileiche zu verbuchen, die zwar die Redaktion durch ihre physische Präsenz zu „befüllen“ hilft, sich aber von Jahr zu Jahr verbissener eigenen Einlassungen verweigert. Und warum es ausgerechnet eine Johanna Berger zeitweilig in die Redaktion gespült hatte, die bei der „Internationalen“ am ehesten an einen neuen bachelor-Studiengang denken dürfte, bleibt schließlich vollends opak. An dieser Stelle wäre ein Rotkehlchen nun wirklich besser geeignet gewesen.
Diese Beliebigkeit des infrastrukturell-organisatorischen Profils ist freilich nur die Kehrseite ihres beliebig geworden theoretischen Profils. Die marktwirtschaftlich-demokratische Öffnung hat eine ganze Palette an neuen Autoren und somit neuen Positionen zu integrieren versucht: Ob nun Ernst Schmitter oder Lars Quadfasel, Richard Aabromeit und JustIn Monday, Kim Posster sowie Tomasz Konicz, Thomas Ebermann oder Dominic Kloos, der Schmelztiegel des großen Einerleis vereinigt teils sich widersprechende, teils quer zueinander stehende Ansätze. Die demokratische Mär von der pluralistischen Kollektivtheorie hat das genuine Gepräge und die inhärente Kohärenz der ehemaligen Wert-Abspaltungs-Kritik zersetzt – übrig geblieben ist eine ungestalte Kompilation divergenter theoretischer Versatzstücke, die nur mehr notdürftig von der früheren, aber inzwischen längst verblichenen Aura radikaler Gesellschaftskritik zusammengehalten wird.
Zweiter Teil: Die theologische Moralisierung der „Kritik“ als akademische Raserei – oder: Der inhaltliche Regress
Der frühe Streit um die Geschichtstheorie
Der formallogische Regress bildete indes lediglich den Auftakt zur Exit-Spaltung. Besonders die identitätslogische Vergegenständlichung lässt sich bei verschiedenen AutorInnen bis in die Jahre vor den Konflikt zurückverfolgen. Das liegt in der Natur der Sache: Die Schwierigkeiten mit dem kategorialen Reflexions- und Abstraktionsanspruch „kategorialer Kritik“ übersetzten sich zuerst in eine Banalisierung der eigenen Denkform. Daher rührt der unmittelbare Eindruck, dass, wo früher polemischer Biss und dialektische Entlarvung ihre Funken sprühen ließen, den Erzeugnissen der Textmanufaktur heute die begriffliche Mühsal ihrer Erschaffung ins Gesicht geschrieben steht.
Welchen speziellen Inhalt dieser formallogische Regress annehmen werde, war zunächst einmal nicht absehbar. Im Unterschied zu letzterem konturierte sich der inhaltliche Regress mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Das erklärt sich schon daraus, dass die AutorInnen sich nach wie vor der wert-abspaltungs-kritischen Inhalte bedienten, die jedoch unter dem Diktat der formallogischen Abstraktion fad und anämisch zu werden begannen. Die Dekonstruktion einer über Jahrzehnte gewachsenen Theorie samt ihrer inhaltlichen Neuausrichtung ist kein einmaliger Akt, sondern ihrerseits ein längerer Prozess.
Nichtsdestotrotz konnte sich der Regress nicht mit den formallogischen Denkformen und Reflexionsmustern zufrieden geben. Weil sowohl die kritische Transzendierung als auch die affirmative Regression einer Theoriebildung eine irreversible Dynamik abgeben, musste der formallogische Regress ab einem bestimmten Zeitpunkt in die inhaltliche Transformation der Theoriebildung überschwappen. In der Tat entzündete sich die Exit-Spaltung an dem ersten Akt dieses inhaltlichen Regresses: Als erstes Auseinandersetzungsfeld der Exit-Spaltung stellte sich interessanterweise der Inhalt der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie dar.
Der Disput um die Historizität von Fetischverhältnissen war bei Exit nun alles andere als präzedenzlos. Kurz nach der krisis-Spaltung und Neugründung des Exit-Zusammenhangs entbrannte schon einmal ein früher Streit um die Geschichtstheorie, der im Heft selbst verhandelt wurde und mit dem Austritt dreier AutorInnen aus der Gruppe endete. Dieser theoriegeschichtliche Vorlauf spielte in der Exit-Spaltung keinerlei Rolle, was umso mehr überrascht, als einige Beteiligte wie Roswitha Scholz oder Claus Peter Ortlieb diese Vorgeschichte hautnah miterlebt hatten. Damals wie heute entzündete sich die Kontroverse an der Fetischkategorie von Robert Kurz, der den historischen Prozess als „eine Geschichte von Fetischverhältnissen“ begreift.
Mit Gerold Wallner, Jörg Ulrich und Petra Haarmann trat damals eine Fraktion auf, die von unterschiedlichen Ansätzen her die noch unausgearbeitete Geschichtstheorie im Exit-Kontext in Zweifel zu ziehen begann. Die Etablierung einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ ist somit als wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie gar nicht anders als aus diesem Konflikt heraus zu begreifen: Der frühe Streit um die Geschichtstheorie – er begann schon mit der zweiten Heftausgabe und setzte sich in der dritten fort – provozierte als innerer Konflikt die Grundlegung der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie von Robert Kurz in der Artikelserie „Geschichte als Aporie“.
Als erster meldete sich damals Jörg Ulrich zu Wort. Bereits in der zweiten Heftausgabe findet sich sein Artikel „Gott in Gesellschaft der Gesellschaft“. Die Frage aufwerfend, „wie Religion und Gott sich in der verkappten, realmetaphysischen Form der Verwertung des Werts durch ihre Abschaffung hindurch erhalten und als Weltherrschaft (…) entfalten“[126] können, preist er bereits eine falsche Voraussetzung ein. Denn als vormodernes Fetischverhältnis haben sich weder „Religion“ noch „Gott“ erhalten, der moderne Fetischismus vollzog stattdessen gerade den Bruch mit dieser vormodernen „Realmetaphysik“.
Ulrich verfehlt auf diese Weise die Abstraktionshöhe des geschichtstheoretischen Fetischbegriffs. Weil er die Differenz zwischen Vormoderne und Moderne nicht im Medium dieser Kategorie reflektieren kann, diffundieren sie zu unterschiedslosen Bestimmungen. Ihm erscheint es als „plausibel (…), den Kapitalismus als eine magisch-religiöse Angelegenheit zu verstehen.“[127] Dieser „Gott des Kapitalismus“[128], auch als „hungrige(r) Gott des Kapitals“[129] bezeichnet, kenne wiederum einzig „geschichtliche( ) Vorgänger( ) des kapitalistischen Prozessgottes“[130]. Was sich bei Ulrich „erhält“ und „entfaltet“, ist die teleologische Kontinuität des „kapitalistischen Prozessgottes“, für den „Gott“ bzw. „Religion“ und „Kapitalismus“ nur graduelle Differenzen in der gleichbleibenden Bewegung seiner selbst seien.
In der dritten Heftausgabe stieg ein weiterer Proponent in den Ring um die Deutung der Geschichtstheorie. In ihr nimmt Gerold Wallner für sich die Perspektive des „Überprüfers“ der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ in Anspruch. „Ziel dieses Aufsatzes ist es nun“, prätendiert er, „zu überprüfen, ob das Instrumentarium, das im Zuge der Entwicklung von Wert-, Fetisch-, und Abspaltungskritik in unserem Diskurs vorgelegt wurde, auch für eine historische Sicht taugt.“[131]
Wallner spricht großzügig im Plural der Exit-Gruppe. Was „unseren“ Diskurs über die „historische Sicht“ betrifft, kommt er allerdings zu ganz anderen Einsichten als die „Geschichte von Fetischverhältnissen“, die damals erst in Ansätzen vorlag. So heißt es: „Dieser Aufsatz geht von zwei Prämissen aus. Es soll kein historischer Durchgang sein, in dem sich eine Epoche zur nächsten hin entwickelt, vielmehr soll die Grenze (…) im Vordergrund stehen.“ Es solle das in den Fokus rücken, was „in einer kontingenten Situation neuen Hervorbringungen“[132] weiche.
Wallner möchte einen „historischen Durchgang“ vermeiden, in dem sich „eine Epoche zur nächsten hin entwickelt“. Ihm ist es um die „Grenze“ zwischen diesen Epochen und damit um die „kontingente Situation“ zu tun. Er vertritt in seinem Artikel „Die Leute der Geschichte“ dadurch die Gegenposition zu Jörg Ulrich. Statt die Geschichte als eine teleologische Kontinuität zu betrachten, liegt sein Schwerpunkt auf der unmittelbaren Kontingenz der geschichtlichen Ereignisse. Wallner präsumiert: „Es sind dies Brüche (…) die innerhalb von Generationen eine höchst kontingente Situation schaffen, die zu Ergebnissen führt, die schnell wieder verbindlich werden.“[133] Wenn er über geschichtlich neu entstandene Verhältnisse bemerkt, das jeweils „völlig Neue“ sei „ohne Vorlauf (!) in die Welt“[134] getreten, tritt die disparate Diskontinuität des historischen Verlaufs hervor.
Der historische Fokus von Ulrich und Wallner präjudiziert ihre Stellung zum Fetischbegriff. Ulrichs Vereinseitigung der historischen Kontinuität gelangt zu einem quasi-ontologischen Fetischbegriff: „Religion“ und „Kapitalismus“ in eins gesetzt, bewegt sich die Menschheitsgeschichte seit ihren grauen Urzeiten im bruchlosen Fetisch des „kapitalistischen Prozessgottes“, wodurch zwischen religiöser und kapitalistischer Fetischgesellschaft keine qualitativen Differenzen, sondern nur graduelle Abstufungen zu „geschichtlichen Vorgängern“ existieren. Wallners Vereinseitigung der Diskontinuität spaltet ihrerseits „Religion“ und „Kapitalismus“ voneinander ab, sofern sie „ohne Vorlauf“ zueinander stünden, eine Spaltung, die sein geschichtliches Verständnis einrahmt: Das Verhältnis von Vormoderne zu Moderne entspricht einem fetischlosen Bruch, der eine fetischlose Vormoderne von dem modernen Fetisch trennt.
Die von Robert Kurz eingeführte Fetischkategorie steht quer zu beiden Ansätzen. Sie vermag in ihrer Darstellung des historischen Prozesses das zusammenzudenken, was bei Ulrich und Wallner auseinanderfällt: die kontinuierlichen und diskontinuierlichen Momente in der Menschheitsgeschichte. Was die bisherige Menschheitsgeschichte als übergreifendes Merkmal kennzeichnet, ist keine ontologische Grundlage oder eine anthropologische Bestimmung, sondern ihr Charakter als einer Herrschafts- und Unterdrückungsgeschichte. Diese Herrschaftsgeschichte konstituierte sich entgegen den geschichtswissenschaftlichen Theorien nirgendwo als unmittelbares Machtverhältnis, sondern als eine fetischistische Herrschaft, sodass sich in Vormoderne wie Moderne die Gesellschaft „hinter dem Rücken“ (Marx) der Individuen zu einem objektiven Selbstzweck verselbständigt hat.
Aber diese abstrakte Gemeinsamkeit einer fetischistischen Herrschaftsgeschichte nimmt nichts daran zurück, dass zwischen dem vormodernen und dem modernen Fetisch ein „kategorialer Bruch“ herrscht. Zwar teilen beide auf einer sehr allgemeinen Ebene den Charakter einer bewusstlosen Verselbständigung gesellschaftlicher Verhältnisse, aber die jeweilige Konstitution dieser Verselbständigung ist doch eine gänzlich andere: Lag der fetischistische Selbstzweck der Vormoderne noch in der Transzendenz der Gotteskategorie, deren Jenseitigkeit in den personalen Beziehungsformen und im „Stoffwechselprozess mit der Natur“ diesseitig zu imitieren war, wurde dieser transzendent-personale Fetisch im 15. Jahrhundert von der Konstitutionsepoche des modernen Fetischs aufgerieben. Der übersinnliche Selbstzweck der Gotteskategorie wurde zerschlagen und an seine Stelle trat der „sinnlich-übersinnliche“ Selbstzweck der „Verwertung des Werts“ (Marx). Die transzendental-versachlichte Konstitution des kapitalistischen Patriarchats hatte sich bis zum Ende des 18. Jahrhundert in ihrer gesellschaftlichen Geltung durchgesetzt.
Dass sich bei Ulrich und Wallner geschichtliche Kontinuität und Diskontinuität, teleologische Entwicklung und kontingenter Bruch zu zwei sich gegenüberstehenden Geschichtsverständnissen spreizen, demaskiert ihre Theorien als Ausfluss moderner Geschichtsphilosophien. Ulrich steht dabei in der Tradition der Weltgeist-Philosophie Hegels, die den Prototyp einer jeden geschichtsphilosophischen Kausalitätsideologie abgibt. Wallner wiederum steht in den Fußstapfen des Historismus, der sich im deutschen Sprachraum durch eine geschichtsphilosophische Kontingenzideologie von Hegel absetzte. Gegen die Weltgeist-Philosophie hoben die Historisten die unmittelbare Kontingenz historischer Ereignisse oder gar ganzer Epochen hervor; prominent geworden in der Formulierung Leopold von Rankes: „(J)ede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem eigenen Selbst.“[135]
Die Virulenz dieser beiden Geschichtsphilosophien lässt sich allerdings erst dann richtig ermessen, wenn man neben der geschichtstheoretischen auch die erkenntnistheoretische Dimension miteinbezieht. Ein erkenntniskritischer Zugang zu dieser abstrakten Dichotomie von teleologischer Kausalitäts- und diskontinuierlicher Kontingenzideologie ergibt sich aus dem jeweiligen Verhältnis von Begriff und Anschauung, den zentralen epistemischen Kategorien jener Zeit.
Sowohl bei Hegel als auch den Historisten werden beide Kategorien einer identitätslogischen Operation unterzogen, die ihre Geschichtsphilosophien in gewisser Weise erst generiert. Die „Phänomenologie des Geistes“ deduziert ihren gesamten geschichtstheoretischen Inhalt aus der „absoluten Identität“ des Weltgeists, in dem alle historischen Widersprüchlichkeiten und Ungleichzeitigkeiten aufgehoben seien. Diese Deduktion findet in Form einer „wechselseitigen Subsumtionslogik“[136] von Anschauung und Begriff statt. Diese wechselseitige Subsumtion ist die Quelle jener triadischen Struktur von Hegels Philosophie, in der sich der Begriff die Anschauung, dann die Anschauung den Begriff subsumiert, um auf der Grundlage dieser reziproken Ableitung beider auseinander in einem dritten Schritt zur Einheit von Begriff und Anschauungen zu gelangen. Diese begriffszentrierte Denkbewegung ist als subsumtionslogische Kausalitätsideologie der mystische Motor des historischen Prozesses.
Als immanenter Gegenpol zu dieser geschichtsphilosophischen Variante variierte der Historismus das Verhältnis beider Kategorien. Er deduziert Anschauung und Begriff nicht mehr aus einer „absoluten Identität“; ebenso wenig subsumierte er Anschauung und Begriff wechselseitig. Bei dem Erfinder der hermeneutischen Methode, Wilhelm Dilthey, wird die identitätslogische Variante einer identitätslogischen Fixierung der kontingenten Anschauung gegen den Begriff greifbar. Für ihn stehe das „Verständnis des singularen geschichtlichen Daseins“[137], also dessen reine Kontingenz, im Mittelpunkt seiner historischen Studien. Es wird eine „geniale( )Anschauung“[138] favorisiert, die der historischen Wirklichkeit durch eine hermeneutische Einfühlung näher käme und sich von dem kausalen Entwicklungsdenken emanzipiert habe. Daraus entsprang in verschiedenen Variationen die anschauungszentrierte Denkbewegung einer hermeneutischen Kontingenzideologie.
Was nun den frühen Streit um die Geschichtstheorie anlangt, so knüpft Gerold Wallners Text nicht nur an die hermeneutischen Kontingenzideologie historistischer Geschichtsphilosophien an. Er übernimmt auch ihre identitätslogischen Fiktionen. So rührt seine Aussage, das historisch „völlig Neue“ sei „ohne Vorlauf in die Welt“ gekommen, von einer identitätslogischen Fixierung der Anschauung und ihrer Kontingenz her: Nichts in der Welt kann jemals „ohne Vorlauf“ sich zutragen, noch jeder kontingente Bruch hat seinen eigenen historischen und gesellschaftlichen „Vorlauf“. Jörg Ulrich steht seinerseits fest auf dem Boden von Hegels Weltgeist-Philosophie. Indem er ein „substantielle(s) bzw. essentielle(s) Einssein von Kapitalismus und Religion“[139] proklamiert, deduziert er die Weltgeschichte aus der vorgeblichen Einheit des „kapitalistischen Prozessgottes“. Insofern sich die Religion zuerst den Kapitalismus (Vormoderne) und dann der Kapitalismus die Religion subsumiert (Moderne), nimmt das „substantielle Einssein“ bei Ulrich die Rolle der „absoluten Identität“ des Weltgeists bei Hegel ein. Seine bürgerliche Geschichtsphilosophie besetzt den Pol einer wechselseitig subsumierenden Kausalitätsideologie.
Nun wiesen sich beide Ansätze schon dadurch als urbürgerliche Geschichtsphilosophien aus, dass sie sich im Fortgang ihrer Entwicklung selbst dementieren mussten. Für die hermeneutisch-anschauungszentrierte Kontingenzideologie von Wallner ergibt sich das Problem, dass der geschichtliche Prozess eben doch aus übergreifenden Momenten besteht, denen im Fortgang der eigenen Reflexion Rechnung getragen werden muss. Wallner kann die unverzichtbaren Kontinuitätsmomente des geschichtlichen Prozesses jedoch wiederum nur identitätslogisch integrieren. Mit „jeder weiteren Ausbreitung“ der „sesshaften“ Lebensart entstünden, apostrophiert er, „wiederum Reiche, die nach Alimentierung auf Kosten derer verlangen, die sie sich unterworfen haben (…) So muss notgedrungen eine materiale Schranke erreicht werden, die dieser Lebensart gesetzt ist.“[140] Die hermeneutische Kontingenzmetaphysik schlägt in die subsumtions- und deduktionslogische Metaphysik einer teleologischen Wiederkehr von Brüchen als „innerer“ bzw. „materialer Schranken“ um.
Wie sein Widerpart bleibt auch Ulrich nicht von den Paradoxien bürgerlicher Geschichtsphilosophien verschont. Bei ihm fordert die ausgeblendete Kontingenz geschichtlicher Entwicklungen ebenso ihre nachträgliche Geltung. Deklarierte Ulrich einerseits die bruchlose Identität von vormoderner Religion und modernem Kapitalismus, wirft er in Bezug auf den sie scheidenden „kategorialen Bruch“ ein, es habe durch ihn ein „Übergang von der Metaphysik zur Realmetaphysik“[141] stattgefunden. Ergaben sich innerhalb des „kapitalistischen Prozessgottes“ sonst nur unwesentliche Unterschiede zwischen „Gott“ und „Religion“, lässt seine hermeneutische Kontingenzideologie in einem sekundären Umschlag Vormoderne und Moderne als „Metaphysik“ und „Realmetaphysik“ in zwei verschiedene Entitäten auseinandertreten.
Dieser sekundäre Umschlag von Ulrich hatte für den frühen Streit um die Geschichtstheorie jedoch bedeutsame Folgen. Denn aus dem sekundären Umschlag seiner subsumtionslogisch-begriffszentrierten Kausalitätsideologie in eine hermeneutisch-anschauungsfixierte Kontingenzmetaphysik erwuchs eine inhaltliche Neubestimmung seiner eigenen Position. So kommt es, dass Ulrich in dem „Nachwort“ zu seinem Artikel das Ganze auf einmal mit „anderen Augen“ sieht, nämlich mit den anschauungszentrierten Augen Wallners. Wobei er darauf Wert legt, dass „hier erst ein anderes Auge beteiligt ist, während das zweite noch einer mehr oder weniger traditionellen Sichtweise verhaftet bleibt.“[142] Selbst unter den Blinden ist dieser Einäugige niemals König.
Herrschten zu Beginn noch verschiedene Positionen zwischen Robert Kurz, Gerold Wallner, Jörg Ulrich und Petra Haarmann vor, versammelten sich Ulrich und Haarmann im Laufe des Konflikts hinter der Position Wallners, um mithilfe seiner historistisch-hermeneutischen Kontingenzideologie Einfluss auf die geschichtstheoretische Position bei Exit zu gewinnen. Dabei wurde vor allem der Fetischbegriff für vormoderne Gesellschaften scheel angesehen. Trotz ihrer bürgerlich-immanenten Denkform konnte die „faule Dissidenz“ einer historistischen Hermeneutik im frisch etablierten Exit-Zusammenhang mehr Resonanz erfahren, als man hätte erwarten dürfen.
Robert Kurz ordnete den Stand der damaligen Diskussion wie folgt ein: „Das alles konnte zunächst nur durchgehen, weil die Diskussion über das Konzept einer ‚Geschichte von Fetischverhältnissen’ sich noch in einem unklaren Anfangsstadium befand. Deshalb wurde sowohl die begriffliche Analogisierung von Religion und Kapitalismus bei Ulrich (im Anschluss an Benjamin) als auch die assoziative Transhistorizität des ‚Magischen’ bei Haarmann hingenommen.“[143]
Aber vor allem Gerold Wallner wollte mehr. Blieb er von Anfang bis Ende eine inhärente Kritik an der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ schuldig, erprobte er dafür den denunziatorischen Schlag unter die Gürtellinie: „Nun stellt sich dieser Versuch als unzulänglich heraus und der running gag der fundamentalen Wertkritik, die Geschichte der Menschheit als Geschichte von Fetischverhältnissen zu betrachten, wird sich in der Fortführung der Wertabspaltungstheorie auflösen und darin verschwinden müssen.“[144] Wallners geschichtsphilosophischer Vampirismus zielte darauf, in Rückgriff auf die modernde Tradition des 19. Jahrhunderts der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ die kritische Substanz auszusaugen. Und das am liebsten noch bevor sie sich erst richtig etablieren konnte.
Insofern war die Intervention „Geschichte als Aporie“ von Robert Kurz unumgänglich. Aus der Perspektive der sich in der Folge als wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie behauptenden „Geschichte von Fetischverhältnissen“ bleibt seine Replik auf die denunziatorische Attacke Wallners als mahnender Einspruch bestehen: „Genau das wird mit Sicherheit nicht geschehen, denn Wallner hat immer nur seinen eigenen Popanz und seine darin enthaltenen eigenen Vorurteile ‚widerlegt’.“[145] In der Tat hat es Wallner im wertkritischen Spektrum nicht einmal zum „running gag“ geschafft, sondern ist nach seinem Austritt aus Exit in die weiten Untiefen gesellschaftskritischer Bedeutungslosigkeit abgetaucht.
Der Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie
Diese Mahnung von Robert Kurz hatte jedoch nicht lange Bestand. Im Jahr 2017 fungierte die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ erneut als Zankapfel. Sie löste in Redaktion und Vorstand bei Exit einen heftigen Konflikt aus, der sich schließlich in der Exit-Spaltung finalisierte. Dieser Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie dauerte ganze zwei Jahre an, um dann machtpolitisch exekutiert zu werden. Doch was war geschehen?
Man hätte meinen können, Gerold Wallner sei seiner historistisch-hermeneutischen Gruft entstiegen und als Vorstand sowie Autor in den Exit-Zusammenhang zurückgekehrt. Das Ergebnis war ein Artikel mit dem Titel „Geld – ist doch klar, oder?“. Für seine Veröffentlichung sprachen sich damals Roswitha Scholz, Leni Wissen, Thomas Meyer und das (eigentlich nicht stimmberechtigte) Vorstandsmitglied Herbert Böttcher aus. Das damalige Vorstandsmitglied Heiko Gebauer sowie das spätere Redaktionsmitglied Patrice Schlauch und ich kritisierten die Publikation des Textes.
Alsbald mehrten sich jedoch die Anzeichen, dass Gerold Wallner das Traktat gar nicht unter Pseudonym verfasst hatte. Eine zweimalige Lektüre konnte eruieren, dass ihm vielmehr eine andere Gestalt zum Opfer gefallen ist. Wallners intellektueller Vampirismus folgt der alten Sage des „Strigoi“. Der „Strigoi“ ist ein vampirartiges Wesen, das – wie ein Vampir auch – sein Grab verlässt, um Lebende ins Reich der Untoten zu holen. Seine Besonderheit aber besteht darin, dass es zwei Phasen seiner Verwandlung durchläuft: In der ersten kehrt es als Poltergeist wieder – und etwas von einem postpubertären Querulantentum kann Wallner nun wirklich nicht abgesprochen werden. Zum anderen unterscheidet den „Strigoi“ vom normalen Vampir die zweite Phase der Transformation, in der er sich über Opfer hermacht, die bevorzugt aus dem nahen Verwandtenkreis bestehen. Getroffen hat es im Falle Wallners seinen Zwillingsbruder im Geiste. Sein Pseudonym als Autor: Richard Aabromeit.
Wallners alter ego hat – mit einem nochmal deutlich mystischeren Einschlag versehen als er selbst – mit „Geld – ist doch klar, oder?“ die zweite Fassung von „Die Leute der Geschichte“ fabriziert. Jedoch gestattete der zeitlich fortgeschrittene Krisenprozess eine nur mehr verbilligte Kopie des Discounter-Originals. Sein Auftrag: Die Zersetzung der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie aus dem Inneren des Zusammenhangs heraus. Dieses Traktat ist schon während des Konflikts mit einer polemischen Kritik meinerseits beantwortet worden. Begründungslos und von nur zwei der damals sechs Redaktionsmitglieder wurde die kritische und ausführlich argumentierende Intervention „Dialektik und Geschichte“[146] an der Publikation gehindert.
Die Ausgabe von „Die Leute in der Geschichte“-Reloaded wärmt die alten, längst abgestorbenen Versatzstücke bürgerlicher Historienschreibung wieder auf. Aabromeit ist in die wertkritische Gruft der untoten Wiederkäuer historistischer Geschichtsphilosophie hinabgestiegen, die sich mit Ulrich, Haarmann, Wallner und ihm selbst in der Zwischenzeit ganz gut angefüllt hat. Dort absolvierte er das hermeneutische Ritual, um Anteil daran zu nehmen, wie der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ der letzte Biss zu versetzen sei.
Der geschichtsphilosophische Zugang stellt klar, dass das Traktat „Geld – ist doch klar, oder?“ sich ganz auf dem geschichtsphilosophischen Boden des frühen Streits um die Geschichtstheorie befindet. Wie schon sein Vorgänger lehnt Aabromeit den Fetischbegriff für vormoderne Gesellschaften ab. Als fetischistisch und damit „kategorial“ kann für ihn nur der moderne Fetischismus bezeichnet werden; die Vormoderne sei nicht „kategorial“ und damit nicht fetischistisch. Obwohl sich der langwierige Text besonders mit dem vormodernen „gelt“ befasst, bleibt er eine Bestimmung dieser Vormoderne schuldig. Sie bleibt bis zum Schluss eine Epoche wunderlicher Begebenheiten.
Dieses Mysterium scheint für Aabromeit kaum greifbar zu sein, übt dafür aber eine umso größere Faszination auf ihn aus. Voller Leidenschaft widmet er sich der faszinierenden Vergangenheit, in der „die Erklärung für die Fakten in diesen Fakten selbst“[147] liege. Anno dazumal hätten die „empirische(n) Tatsachen“[148] noch wie durch ein Wunder von sich selbst als „Ereignisse“ Auskunft gegeben. Sie seien als „historische Ereignisse (…) passiert (!)“[149], denn „das ist es ja schon: Die Ereignisse (…) haben sich – schlicht ereignet (!!!).“[150]
Aabromeit stilisiert seine „sich ereignenden Ereignisse“ zu einem besonders originellen Ansatz, wobei auch er in die geschichtswissenschaftliche Mottenkiste greift. In seiner historistischen Geschichtsphilosophie geschieht in der angeblich formlosen und rein „konkreten“ Vormoderne alles aus sich selbst heraus, ohne dass es einer wirklichen Theoretisierung zugängig wäre, weil die „Erklärung für die Fakten in diesen Fakten selbst“ gründe. Es ist seine hermeneutisch-anschauungszentrierte Kontingenzideologie, die sich jede begriffliche „Erklärung“ vormoderner Begebenheiten versagt.
Sobald aus der universellen Kontingenz der „rein konkreten“ und „rein stofflichen“ Vormoderne der „kategoriale Begriff“ emaniert ist, kommt im Geld-Text eine ganz andere Seite zum Tragen. Hat der „kategoriale Begriff“ des Werts die historische Bühne betreten, werden „kategorische( ) Analysen, Erklärungen und Kritiken“[151] auf einmal sehr wohl möglich. Kaum hat seine historische Märchenstunde die moderne Fetischvergesellschaftung erreicht, meldet sich unverhofft eine stramme subsumtionslogische Kausalitätsideologie zu Wort, in der alles seinen feinsäuberlichen Platz hat.
Sie sorgt dafür, dass die Regellosigkeit der Vormoderne ein Ende findet. Aabromeit ist überzeugt davon, dass „(i)nnerhalb des Kapitalismus, also seit dieser ‚auf seinen eigenen Grundlagen prozessiert’ (Karl Marx), (…) sich aber die Geschichte tatsächlich (!) und in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung (…) nach oben (!) unterwegs“ ist, „nämlich gedacht und vorgestellt als ständiger technologischer, kultureller und ethisch-moralischer Fortschritt (!).“[152] Die hermeneutische Kontingenzideologie wird bei ihm expressis verbis durch eine subsumtionslogisch-begriffszentrierte Kausalitätsideologie ersetzt, deren teleologische Fortschrittsemphase sich vor der Hegels nicht zu verstecken braucht.
Als wäre die Botschaft nicht schon deutlich genug, tritt im Geld-Traktat ein weiterer eigentümlicher Zug hervor. Er macht sich vor allem in der absonderlichen Epoche der vormodernen Kontingenz bemerkbar. Wenn Aabromeit davon ausgeht, die sich „ereignenden Ereignisse“ seien „nicht ‚nacheinander abgelaufen’“, sondern hätten sich eben „schlicht ereignet“, hat er ein veritables Zeitproblem. Dieses Problem mit der vormodernen Zeit ist so schwerwiegend, dass es immer okkultere Fragestellungen aufwirft: „(O)b das“, gemeint ist die historische Entwicklung der Vormoderne in der Zeit, „auf einem Zeitpfeil geschah oder auch nicht, ist final meines Achtens noch nicht wirklich geklärt“, weil für diese Epoche die passive „Hinnahme“ die „Erklärung“ ersetzt, und so „ist es durchaus denkbar, dass die Zeit entweder ganz anders abgelaufen ist (!) oder sogar etwas ganz und gar Anderes ist (!!), als wir uns es heute denken – oder am Ende gar nicht existiert (!!!), sondern nur ein modernes intellektuelles Hilfskonstrukt (!!!) darstellt…“[153]
Liest man diese Zeilen, wird verständlich, warum der Autor nebenbei als nervtötende Plage die verschiedensten theoretischen Kontexte unsicher machte. Noch die kurze Dauer seines „gesellschaftskritischen“ Daseins als wertkritischer Dracula hat ihm jedes Zeitgefühl geraubt. Allen Ernstes geht er davon aus, dass die Zeit in der Vormoderne „entweder ganz anders abgelaufen ist“ – Frühling, Winter, Sommer, Herbst –, „etwas ganz und gar Anderes ist“ – vielleicht ein Schinkenbrot? – oder sogar „gar nicht existiert“. Was sich Graf Aabromeit schließlich unter einer inexistenten Zeit vorstellt, überschreitet in seiner esoterischen Essenz bedauerlicherweise unser Imaginationsvermögen.
Fassen wir das Traktat des wertkritischen Draculas zusammen: Es wandelt in den Spuren der historistischen Geschichtsphilosophie, die jede übergreifende geschichtstheoretische Bestimmung wie den in sich gebrochenen Fetischbegriff ablehnt. Statt einer gesellschaftlichen Verselbständigung regiere in der opaken Vormoderne die hermeneutische Kontingenz, die „sich ereignende Ereignisse“ wie durch Zauberhand geschehen ließe. Sobald sich in der Moderne die Wertvergesellschaftung durchgesetzt habe, geht dieser Zustand in eine subsumtionslogische Kausalität über, die dem Kapitalismus seinen ewigen Fortschritt „nach oben“ garantiere.
Nimmt man dazu noch die irrational-buddhistische Note des Traktats, stellt sich natürlich die Frage: Warum um alles in der Welt wurde dieser billige Aufguss von Vampir Wallners Revisionismus in einem Exit-Heft publiziert? Zumal sich auch Graf Aabromeit wie schon sein Vorgänger den denunziatorischen Tiefschlag nicht verkneifen konnte und von „recht dürren und enttäuschend unkritischen Worten“ bezüglich der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ unkt, wobei Robert Kurz in seiner Geschichtstheorie gar „erstaunlich eindimensional, oberflächlich und wenig radikal“[154] verfahren sei.
Mit dieser offensiven Infragestellung der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie wurde sie zum zweiten Mal aus dem Inneren von Exit heraus attackiert. Durch das Geld-Traktat stand nichts weniger als die Alternative zwischen einer kategorial-kritischen „Geschichte von Fetischverhältnissen“ oder einer bürgerlich-historistischen Geschichtsphilosophie auf dem Tableau, wobei der machtpolitische Anspruch durch den denunziatorischen Tiefschlag gegen Kurz noch unterstrichen wurde.
Wer angesichts eines solchen Frontalangriffs auf gewachsene und bewährte Inhalte der Theoriebildung keine eigenständige distinkte Position einnimmt und sich in eine scheinbar äquidistante Indifferenz flüchtet, agiert rundum verlogen. Eben dieses Gebaren legten Teile von Redaktion und Vorstand an den Tag. Die inhaltliche Schwindsucht ist sich insgeheim sehr wohl dessen bewusst, dass sie selbst auf der geschichtstheoretischen Ebene nichts Wesentliches beizutragen hat. Deshalb griff man zu dem taktischen Kniff, das Geld-Traktat bewusst als Trojanisches Pferd in den Zusammenhang einzuschleusen. Sowohl Scholz als auch Meyer, Wissen und Böttcher sind eine eigenständige Stellungnahme zum geschichtstheoretischen Komplex bis heute schuldig geblieben.
Wenngleich Rest-Redaktion und -Vorstand das geschichtstheoretische Feld aus guten Gründen mieden, blitzten hie und da historische Konzeptionen hervor, die allerdings nur indirekt und beiläufig artikuliert wurden. Mit dem Artikel „Weltvernichtung als Selbstvernichtung – Was im Anschluss an Walter Benjamin ‚zu denken’ gibt“ betrat Herbert Böttcher auf einem solchen Umweg das geschichtstheoretische Feld. Eigentlich wollte der Herz-Jesu-Adornit in seinem Artikel lediglich seinem Hobby einer philosophierenden Denkübung frönen und dabei die geschichtstheoretische Ebene so gut es geht umschiffen. Weil für den Konnex von Kapitalismus als Religion die historische Sphäre unverzichtbar ist, reklamiert sie gleichwohl ihre Ansprüche. Benjamin zustimmend aufgreifend, entwickelt er auf dieser Basis seine eigene Sichtweise: „Mit dem Hinweis auf Gott kommt die Totalität des ausweglosen Verschuldungszusammenhangs in den Blick. Der Gott, von dem hier die Rede ist, steht aber nicht mehr in metaphysischen Sphären Welt und Geschichte transzendent gegenüber. Er ist in die Ausweglosigkeit des kapitalistischen Systemzusammenhangs und seiner perspektivlosen Kreisläufe der Verschuldung einbezogen.“
Lässt man die theologische Verdinglichung eines transzendenten Gottes beiseite, der in einen Gegensatz zu dem der irdischen Sphäre immanenten Gott gebracht wird, erfährt seine Bestimmung eine skurrile Metamorphose. Was soll das auch für ein nicht-transzendenter Gott sein, der die „metaphysische Sphäre“ geräumt hat und nur mehr in die irdische Immanenz des „kapitalistischen Systemzusammenhangs“ verstrickt ist?
Die Antwort folgt auf dem Fuß. „Damit ist ‚Gottes Transzendenz’ zwar ‚gefallen’“, hebt Böttcher an, „aber Gott ist ‚nicht tot’, sondern mit der Immanenz der Fetischverhältnisse verschmolzen. Die entsorgte Transzendenz verschwindet also nicht, sondern wird zum Fetisch kapitalistischer Immanenz…“[155] Entweder hat Böttcher sich bei der Abschrift dieser Zeilen am Messwein vergriffen oder er ist nolens volens zum Atheismus konvertiert. Anders kann es nicht erklärt werden, dass einem beruflichen Theologen beizubringen ist, dass „Gott“ und „Transzendenz“ zwei untrennbare Kategorien ausmachen. Ein „immanenter Gott“, der die Transzendenz „entsorgt“ habe, ist eine astreine contradictio in adjecto.
Diese nicht minder willkürliche als sich selbst widersprechende Umdeutung des Gottesbegriffs hat allerdings profunde geschichtstheoretische Implikationen. Und wie zu erwarten stand, betritt er mit ihr seit langem ausgetretene Pfade. Die Identität von Gott und Kapitalismus ist ein alter Hut; sie greift jenen „kapitalistischen Prozessgott“ von Jörg Ulrich auf, der das „substantielle Einssein“ beider beinhaltet und aus ihm die ganze Menschheitsgeschichte deduziert.
In Rekurs auf Walter Benjamin präsentiert nun auch der Herz-Jesu-Adornit seine Sicht auf den historischen Verlauf. Diesem geschichtsphilosophischen Blick auf die Historie ist eine teleologische Entwicklung eigen, seien im Geschichtsverlauf „Vergangenheit und Gegenwart (…) verbunden (…) im leeren Fluss der Zeit“ und der „mythischen Wiederkehr des Gleichen“, sodass das geschichtsphilosophische „Kontinuum“[156] sich erhalten habe. Es kann kein Zufall sein, dass diese eher verfalls- als fortschrittsteleologisch grundierte Geschichtsphilosophie in ihrer begrifflich-subsumierenden Kausalitätsideologie eins zu eins den geschichtsphilosophischen Standpunkt von Jörg Ulrich adaptiert. Zumal Böttcher sich bereits im Jahre 2011 positiv auf Ulrich bezogen hatte.[157]
Diese Kontinuitätsvorstellung bildet jedoch eher ein stummes Hintergrundrauschen der Benjamin-Interpretation. Wie schon bei Ulrich lauert in Böttchers geschichtsphilosophischen Prämissen der Umschlag in eine ganz andere Logik. Das kontrafaktische In-Eins-Setzen von Kapitalismus und Religion radiert die realgeschichtliche Differenz zwischen vormoderner und moderner Fetischgesellschaft aus. Diese Differenz existiert indessen auch nach ihrer Negation fort und erhebt gegenüber dem unterschiedsneutralisierenden Denkprozess ihren Einspruch. Weil diesem Einspruch wiederum nur unter identitätslogischen Prämissen stattgegeben werden kann, wird die realgeschichtliche Differenz zu einer reinen Spaltung hypostasiert: bei Ulrich der Gegensatz von vormoderner „Metaphysik“ und moderner „Realmetaphysik“, beim atheistischen Pfaffen derjenige von reiner Transzendenz des vormodernen Gottes und reiner Immanenz des modernen Gottes.
Der Subtext der Benjamin-Interpretation nimmt anschließend den Ausbruch aus dieser „mythischen Wiederkehr des Gleichen“ in Angriff. Dafür steht Benjamins Begriff der „Unterbrechung“, der sich als „Zäsur“ oder „Bruch mit der Kontinuität der Geschichte“[158] versteht. Hängt über der Menschheitsgeschichte auf der einen Seite der Fluch eines bleiernen Kontinuums, das beinahe schon schicksalhafte Ausmaße annimmt, stellt sich auf der anderen Seite jäh ein „Bruch“ ein, dessen Herkunft angesichts des Überhangs Jahrtausende währender Herrschaft recht zweifelhaft bleibt.
Der historische Moment dieser „Zäsur“ verändert die Zeitqualität drastisch. Verläuft die Menschheitsgeschichte nahezu durchgängig in der „mythischen Wiederkehr des Gleichen“ einer sich selbst identischen „kapitalistischen Religion“, eröffnet sich im Augenblick der „Unterbrechung“ wie aus dem Nichts eine andere Zeitdimension. Sie dient „als Halt, als Aussetzen im Lauf der Zeit“[159]. Als stillgestandene Zeit „markiert“ sie „eine Zäsur, einen Bruch im Denken. Die Denkbewegung geschieht nicht mehr im Rahmen einer geschlossenen Kontinuität, sondern markiert Diskontinuität. Das Gewesene und die ‚Jetztzeit’ können in eine neue Konstellation treten.“[160] Die „revolutionäre Situation“ ist geboren: „Das ‚Anhalten’ des Flusses in der Zeit in der Geschichte zielt auf revolutionäre Veränderung.“[161]
Weil seine letzte Stunde als radikale Gesellschaftskritik geschlagen hat, stößt das unwirkliche Milieu einer ehemaligen Wert- und Wert-Abspaltungs-Kritik periodisch auf das Problem der Temporalität. An ihm beißt es sich immerzu die Zähne aus. Wie schon seinem Vorgänger Aabromeit bereitet die Zeitthematik auch dem Herz-Jesu-Adorniten gravierende Diffizilitäten. Von der identitätslogisch vereinseitigten Kontinuität eines sich über die Jahrtausende gleichbleibenden Zeitverlaufs dissoziiert sich jäh das „Aussetzen im Lauf der Zeit“, das heißt der Zeitstillstand. Adaptiert Böttcher von Benjamin einerseits den historischen Normalzustand eines reinen Zeitverlaufs als reiner Kontinuität, schlägt er im Augenblick des „Bruchs“ in den reinen Zeitstillstand als reine Diskontinuität um. Die begriffszentrierte Deduktionslogik wird durch eine anschauungszentrierte Hermeneutik ersetzt.
Wie aber der kontingenten Situation der „Zäsur“ habhaft werden, um mithilfe ihrer „das Aussetzen im Laufe der Zeit“ zur „revolutionären Veränderung“ voranzutreiben? Walter Benjamin kreiert als Transmissionsriemen zur Einsicht in den historischen Moment des „Bruchs“ das „dialektische Bild“. Seiner Anschauungszentriertheit kann durchaus etwas abgewonnen werden: „Seine Beziehung zur Geschichte ist (…) ‚dialektisch: ist nicht Verlauf, sondern Bild, sprunghaft’.“[162] Wo kein „Verlauf“ ist, kann auch kein Vorlauf sein. Und damit gibt es auch keine Voraussetzung mehr, sei sie historischer, gesellschaftlicher oder sonst einer Natur.
Allerdings hat das „dialektische Bild“, um nicht zu sagen die „dialektische Anschauung“, so seine Tücken. Es gebe nämlich keinen „Automatismus“, wie bedauernd eingeworfen wird, „der im ‚Augenblick der Gefahr’ zur ‚Erkennbarkeit’ führt, auch nicht im ‚dialektischen Bild’“[163]. Vertrackter noch lässt das „dialektische Bild“ den Prozess seiner „Herstellung“ erscheinen. Um es sich anzueignen, bedarf es der Voraussetzung eines bestimmten kognitiven Zustands: „Es kann (…) nicht hergestellt werden, sondern stellt sich ein in den Schnittstellen zwischen Traum und Erwachen“[164]. Ein Gruß des verwelkten Herz-Jesu-Adorniten aus dem theoretischen Schattenreich.
Dieser Status einer „Schnittstelle zwischen Traum und Erwachen“ bezeichnet allerdings die intellektuelle und mentale Verfasstheit von Rest-Exit sehr präzise. Es ist dies der somnambule Zustand einer „Theorie“, die den Anspruch „kategorialer Kritik“ längst preisgegeben hat, aber noch nicht endgültig von ihm lassen kann – und deshalb einfach nicht in Ruhe sterben will. Irgendwo zwischen Himmel und Hölle vegetierend, hat man sich an der „Schnittstelle“ aufgehängt, die nicht ganz Schlaf, aber auch nicht ganz Erwachen ist, um sich in diesem komatösen Zustand noch ein paar Jahre über die Zeit zu retten.
Dass entgegen aller Relativierungen im Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie mehr als nur eine belanglose Differenz auf einem scheinbar rudimentären Gebiet der Theoriebildung zur Disposition stand, lässt sich zu guter Letzt bei Roswitha Scholz belegen. Wurde einerseits die Kritik an der hermeneutischen Einfassung des Geld-Traktats beschwichtigend zurückgewiesen, scheint es mit ihrem eigenen hermeneutischen Selbstverständnis nicht so weit hergeholt zu sein. Sich ausgerechnet auf Adorno berufend, erläuterte Scholz in einer Mail an den Beirat von Exit ihr Verständnis von „immanenter Kritik“: Sich gegen „(e)in Schema“ wendend, „das sich auf jeden Text anwenden lässt, ohne den Text in seinem Kontext in Augenschein zu nehmen“, plädiert sie für eine „immanente Kritik“, „ein hermeneutisches (!!!) Verfahren, das bei Adorno (!!) zentral war“ und das „sich auf den konkreten Gegenstand einlässt und von hier aus tatsächliche Kritik übt.“[165]
Das sind die Windungen und Wendungen eines Räsonnements, das vor lauter inhaltlicher Schwindsucht nicht mehr weiß, wann es was genau zu denken hat. Bestritt Scholz im Konflikt um die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ noch, dass ein historistisch-hermeneutischer Zugang zur Historizität ihr Anliegen sei, wird das „hermeneutische Verfahren“ in dieser Mail sogar mit „immanenter Kritik“ an und für sich gleichgesetzt. Das wiederum kann nur heißen, dass die hermeneutische Ideologie den primären Theoriemodus schlechthin darstellen soll.
Den bemühten Abwehrstrategien zum Trotz kam es wie es kommen musste. Dass die inhaltliche Schwindsucht zum geschichtstheoretischen Stand keinen eigenständigen Beitrag zu leisten vermag, bedeutet nicht, dass sie auf die „Definitionsmacht“ über diesen Gegenstandsbereich deshalb etwa verzichten würde. Im Gegenteil; ihre inhaltliche Unbedarftheit prädestiniert sie dem eigenen Ermessen nach geradezu dafür, den ehemals gültigen Stand der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie anhand eines einzigen Satzes abzuräumen. In einem Interview auf ihre Unterschiede zu Robert Kurz angesprochen, antwortet Roswitha Scholz: Eine „Differenz zwischen mir und Kurz betraf die Frage, ob auch vormoderne Gesellschaften Fetischgesellschaften sind oder ob der Fetischismus sich auf moderne Gesellschaften bezieht. Kurz vertrat ersteren Standpunkt, ich den letzteren.“[166] Noch so eine Gruft-Besucherin also. Wir hatten es geahnt.
Scholz suggeriert, die Ablehnung der Fetischkategorie für die Vormoderne sei eine theoretisch unschuldige Angelegenheit. Dabei war sie in der bisherigen Theoriegeschichte von „kategorialer Kritik“ in jedem einzelnen Fall mit einer geschichtsphilosophischen Grundierung verbunden, die in der Tradition des Historismus auf einer Vereinseitigung historischer Diskontinuität basierte. Diese Vereinseitigung war ausnahmslos von der erkenntnistheoretischen Kontingenzideologie der hermeneutischen Identitätslogik bedingt, die in ihrer Anschauungsfixierung jede übergreifende Geschichtstheorie und damit auch die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ verwarf.
Das lässt erahnen, warum Scholz ihre geschichtliche Sicht der Dinge bisher nie schriftlich dargelegt hat. Einerseits ist sie derart von einem Ressentiment gegen die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ getrieben, dass sie ihm auch in der Außenwirkung Luft verschaffen muss. Andererseits ist sie von der inhaltlichen Schwindsucht heimgesucht worden, die keine eigenständige geschichtstheoretische Fundierung mehr zulässt und sich auf diesem Gebiet deshalb nicht angreifbar machen möchte.
Die famose, ewiglich unbegründete Geschichtsphilosophie von Scholz befindet sich an der nie enden wollenden „Schnittstelle“ zwischen „Traum und Erwachen“, die gleichzeitig diejenige zwischen „als ob“ und „noch nicht“ markiert. Es ist dies der Geist „fauler Dissidenz“, der zwischen dem hehren Anspruch und seiner kläglichen Realität aufgerieben wird: „Er denkt sich hinaus, bevor er sich hineingedacht hat, und deshalb kann er nicht weiterdenken, sondern nur an der möglichen Beerdigungsansprache für die theoretischen Grundlagen feilen, auch wenn er damit gar nicht zu Potte kommt. Aber die Absicht hält er sich zugute.“[167]
Damit haben Böttcher und Scholz die inhaltlichen Demarkationslinien im Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie unfreiwillig offengelegt. Aller politischen Mimikry zum Trotz opponierte Rest-Exit im Namen der historistischen Geschichtsphilosophie auf der erkenntnistheoretischen Basis einer hermeneutischen Kontingenzideologie gegen die „Geschichte von Fetischverhältnissen“. Sowohl durch das Geld-Traktat als auch die Benjamin-Rezeption des Post-Pfaffen sowie durch die Relativierung von Scholz in besagtem Interview haben Rest-Redaktion und -Vorstand das Kunststück vollbracht, die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie in der Außenwirkung zu verwerfen, ohne jemals selbst eine eigenständige theoretische Abhandlung zum Gegenstand verfasst zu haben. Das musst du auch erst mal fertigbringen.
Doch die SeelenverkäuferInnen haben den geschichtstheoretischen Totentanz durch einen diabolischen Vertrag erschlichen. Der Teufelspakt einer machtpolitischen Säuberung von Redaktion und Vorstand, der die Exit-Spaltung exekutierte, musste irgendwann abgegolten werden. Als Gegenleistung forderte er die Aufopferung des wert-abspaltungs-kritischen Lebenshauchs auf dem Altar bürgerlicher Identität ein. Machten sich Vampir Wallner sowie der wertkritische Dracula noch daran, die Wert-Abspaltungs-Kritik mit dem hermeneutischen Biss ins Jenseits zu befördern, haben sich die Exit-Zombies seither auf den letzten Todesstoß verlegt. Zu diesem Zwecke entsteigen sie beizeiten der Gruft ihrer sinisteren Textmanufaktur, um, mit ihrer identitätslogischen Keule bewaffnet, über die letzten Reste radikaler Gesellschaftskritik herzufallen.
Die theologische Wende: Der Vorrang des „Evangeliums“ und die Bedeutung des „heiligen Josefs“ für die Theoriebildung
Tatsächlich hatte der Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie einen richtungsweisenden Charakter für die Zukunft von Rest-Exit. Das wird vor allem dann deutlich, wenn man seinen Konfliktumgang mit dem im frühen Streit um die Geschichtstheorie vergleicht. Setzte sich dort in der Artikelserie „Geschichte als Aporie“ noch die inhaltlich überlegene Begründung durch, hatten in der Exit-Spaltung ganz andere Kriterien die Oberhand gewonnen.
Im Gegensatz zur inhaltlichen Austragung des Konflikts mit Ulrich und Wallner wurde im Kampf um die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ machtpolitisch eine „Position“ durchgesetzt, deren VertreterInnen sich, von der inhaltlichen Schwindsucht ergriffen, hinter dem ideologischen Geld-Traktat von Graf Aabromeit versteckten. Der dieses Trakt nun wiederum ausführlich kritisierende Text „Dialektik und Geschichte“, für dessen Veröffentlichung sich eine Mehrheit in der Redaktion aussprach, wurde einfach administrativ an seiner Publikation gehindert. Ein weiterer Beleg dafür, wie das Primat des negativen Inhalts zugunsten ganz anderer Maßstäbe ad acta gelegt wurde.
Die Exit-Spaltung führte somit zu einem Novum in der wert-abspaltungs-kritischen Theoriegeschichte. Denn mit dem Geld-Traktat von Graf Aabromeit wurde zum ersten Mal in der wert-abspaltungs-kritischen Theoriegeschichte ein erreichter Stand der Theoriebildung zugunsten bürgerlicher Inhalte zurückgenommen. Protegiert von Teilen aus Redaktion und Vorstand schlug der inhaltliche Regress erstmalig eine Bresche in das „kategorial-kritische“ Theoriegebäude. Dass nach dem Tod von Robert Kurz und dem Rauswurf meiner Person sowie dem Austritt eines ganzen Stamms an Sympathisanten kein interner Widerstand mehr zu erwarten war, bestärkte die „faule Dissidenz“ in ihrem revisionistischen Eifer.
Sobald mit der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ der erste Dominostein gefallen war, kannte die Umformung der „Wert-Abspaltungs-Kritik“ kein Halten mehr. Der Teufelspakt beließ es nicht bei persönlichen Animositäten depravierter TheoretikerInnen; er forderte den Ausverkauf der gesellschaftskritischen Inhalte. Die Kehrseite davon bestand darin, dass die Publikationen von Rest-Exit sich mit inhaltlichen Fragmenten anreicherten, die der Theoriebildung bis dato bestenfalls unbekannt waren.
Insbesondere nach der Exit-Spaltung kündeten mehrere Textveröffentlichungen von einer neuen Grundierung der Rest-Theorie. Publikationstitel wie „Es sich im Kapitalismus gemütlich machen… Rainer Buchers ‚Christentum im Kapitalismus’“, „Badious Paulus als politisch-theologische Steilvorlage? Kurzschlüsse in gesellschaftskritischer Theologie“, „An Corona und am Kapitalismus vorbei. Anmerkungen zu ‚Corona und die Kirchen. Eine Kritik’“, „Theologie der Befreiung – einberufen zum Dienst an der Querfront“ usw. sprechen eine deutliche Sprache.
Die theologische Wende bei Rest-Exit ist ein weiteres Indiz dafür, dass bei der Exit-Spaltung nicht nur diffizile Fragestellungen in einem rudimentären Themengebiet auf dem Spiel standen. Dabei ist durchaus darauf aufmerksam zu machen, dass sich die theologische Wende vorzüglich in den geschichtsphilosophischen Revisionismus einpasst. Wenn gemäß der historistisch unterfütterten Kontingenzideologie die Vormoderne keine Fetischgesellschaft gewesen sein solle, wird auch ihr spezifischer Herrschaftscharakter einer transzendent-personalen Verselbständigung verkannt. Der Ablehnung der Fetischkategorie für vormodern-christliche Gesellschaften koinzidiert die Aufwertung der christlichen Religion.
Verantwortlich für diese Umdeutung ist in erster Linie der sensible Herz-Jesu-Adornit. Als Außenzweigstelle für linke Szenebelange soll bei Rest-Exit der Geist des „Ökumenischen Netzes“ implementiert werden. Als Heilsversprechen gegen die universelle „Leere“ in der Welt und den Subjekten firmiert für ihn deshalb auch das „Evangelium“. Es ist das „Evangelium, bei dem Transzendenz mit Inhalten verbunden wird, die ihrerseits wieder nur im Zusammenhang der Erkenntnis und der Überwindung von Herrschaftsverhältnissen bestimmt werden können.“[168] Die „Inhalte“ des „Evangeliums“ haben ihr Fundament letztlich im katholischen „Dogma“: „Dogma steht in kritischer Theologie für die Inhaltlichkeit der Glaubenstradition. Sie ist gebunden an inhaltliche Bekenntnisse.“[169]
Die „Inhalte“ des „Dogmas“ sind es also, die als Rezept gegen das penetrante Vakuum anempfohlen werden. Die inhaltliche „Leere“ der fetischistischen Wirklichkeit wird damit auf distinkte Inhalte zurückverwiesen: auf das Leben und Lehren von Jesus und die Überlieferung durch seine Jünger sowie auf die frühe Kirche in den ersten Jahrhunderten. Nun mögen diese Inhalte zu Lebzeiten Jesu womöglich gesellschaftskritisches Potential gehabt haben oder auch nicht, realiter stellten „Dogma“ und „Evangelium“ entscheidende Quellen für die vormodernen Fetisch- und Herrschaftsverhältnisse im christlichen Europa bereit.
Aber selbst diese herrschaftskritische Dimension beiseite lassend, sperrt sich der „Inhalt“ des „Evangeliums“ einer Kritik des modernen Fetischs. Und das aus einem ganz schlichten Grund: Weil die „Inhalte“ des „Evangeliums“ sowie das „Dogma“ in einem ganz anderen historischen Bedingungszusammenhang – eben dem transzendent-personalen Fetisch – entstanden sind, bleibt ihr Verhältnis zur konkreten Kritik der transzendental-versachlichten Fetischkonstitution der Moderne ein gänzlich unbestimmtes.
Das lässt sich anhand der Lebensgeschichte von Jesus verdeutlichen. Sofern hier vor allem seine Herrschaftskritik an Rom als Leitbild des „Dogmas“ dient, vermag aus dem „Evangelium“ maximal der abstrakte Imperativ abgeleitet werden: „Du sollst Herrschaftsverhältnisse kritisieren!“ Zu diesem abstrakten Imperativ würden jedoch genauso sozialreformatorische oder sozialdemokratische Christen gelangen, für die eine Kritik an Herrschaftsverhältnissen eben mit ihrer sozialreformatorischen oder sozialdemokratischen Kritik am Kapitalismus zusammenfällt.
Der aus dem Leben von Jesus destillierte abstrakte Imperativ lässt sodann auch inhaltlich unbestimmt, worin denn nun die konkrete Bedeutung des „Evangeliums“ für „kategoriale Kritik“ bestehen solle. Die Substantivierung der eigenen Inhalte zu einer „Inhaltlichkeit“ des Glaubens ist verräterisch, verweist sie doch darauf, dass die „Inhalte“ nicht weniger abstrakt sind als das universelle Vakuum: Als Kur gegen die inhaltliche „Leere“ der fetischistischen Wirklichkeit wird die leere „Inhaltlichkeit“ des „Evangeliums“ anempfohlen.
Selbstredend sind die Prioritäten in diesem Verhältnis von Theologie und Gesellschaftskritik von Anfang an geklärt. Als zentral gelten die „inhaltlichen Bekenntnisse“, wie sie sich aus der „Inhaltlichkeit der Glaubenstradition“ ergeben. Diese „inhaltlichen Bekenntnisse“ der katholischen „Dogmatik“, heißt es direkt daran anschließend, „müssen ausgelegt, begründet und gesellschaftskritisch reflektiert werden…“[170] Offener könnte die Priorisierung der theologischen Wende nicht ausgeplaudert werden: Als primär und kategorial firmiert die leere„Inhaltlichkeit“ des Evangeliums, die als Gegengift zur inhaltlichen „Leere“ der Welt wirken soll. Bestenfalls als sekundär und damit als untergeordnet sowie nachrangig rangiert die „gesellschaftskritische“ Reflexion, die sich in einem zweiten Akt mit der „Auslegung“ des vorausgesetzten „Dogmas“ herumschlagen darf. Das Primat der Theologie hat die „Gesellschaftskritik“ zu einer akzidentellen Zutat degradiert.
Dass die eigene „Inhaltlichkeit“ des Glaubens selbst von den „Inhalten“ des „Evangeliums“ weit entfernt ist, bestätigt nicht zuletzt die sonderbare Behandlung der Gotteskategorie. Als transzendentes Wesen ist sie zu einer Entität geworden, die „mit der Immanenz der Fetischverhältnisse verschmilzt“ und die „keinen sinnlichen und sozialen Inhalt hat“, sondern „als negative Dynamik der ‚Zertrümmerung’“[171] wirke. Nicht etwa der krisenbedingte Zerfall des Weltkapitals ist der Motor für die „negative Dynamik“ einer „Zertrümmerung“, vielmehr wird Gott dafür zur Verantwortung gezogen – wenn auch in Form des realen Paradoxons eines rein „immanenten Gottes“.
Ganz offensichtlich ist der Teufelspakt nicht ohne Folgen über die Bühne gegangen. Wie schon bei Vampir Wallner und Graf Aabromeit ging die posthume Mutation bei Rest-Exit mit einer originären Metamorphose einher. Kehrten die „Strigoi“ als nervtötende Poltergeister wieder, die sich bevorzugt über lebende Verwandte hermachen, forderte der diabolische Bund als Gegenleistung für den machtpolitischen „Erfolg“ den Seelenausverkauf von Rest-Exit. Die schon zu Lebzeiten zu verzeichnende postmoderne Latenz erfährt seither in den Theoriezombies eine Reinkarnation als post-kritische Wesenheit.
Das lässt sich zuvorderst an Böttcher demonstrieren. Galt seiner beinahe zweitausendjährigen Herrschaftsgeschichte des Christentums die Gotteskategorie als Äquivalent zur Transzendenz – sozusagen ein „Dogma“ der Kirchengeschichte –, gleitet die katholische „Befreiungstheologie“ der Postmoderne an dieser Abstraktionshöhe ab. In der Postmoderne ist auch das christliche Gutmenschentum nicht mehr das, was es mal war, weshalb sein post-kritischer Horizont nicht mehr über die totalitäre Immanenz der Krisenvergesellschaftung hinausreicht. Und so hinterließ die Zombifizierung des Herz-Jesu-Adorniten nur mehr die verweltlichte Karikatur seiner selbst, die fortan dazu verdammt ist, als seelenloser Adorniten-Heide den Götzendienst am „immanenten Gott“ des Weltkapitals zu praktizieren.
Auf der Strecke bleibt bei diesem ganzen Zinnober die entscheidende Aufgabe:
die negative Bestimmung der Religionskategorie, wie sie in der bisherigen Theoriebildung entfaltet wurde. Der Stand der Wert-Abspaltungs-Kritik zur Religion ist ebenso eindeutig begründet wie im Laufe der Jahrzehnte vertieft worden. Die Marxsche Sentenz „Die Kritik der Religion ist der Anfang aller Kritik“ ist fetischkritisch zu entfalten. Dafür ist aber jene „Geschichte von Fetischverhältnissen“ wesentlich, die von den Exit-Zombies als erstes zurückgenommen wurde.
Diese negative Bestimmung der Religion muss ihrem historischen Prozess gemäß eine Religiosität erster Potenz von einer Religiosität zweiter Potenz distinguieren. In den vormodernen Fetischgesellschaften wirkte die Religion nicht nur als Metaphysik, das heißt als religiöse Denkform – wie vielfach behauptet wird. Vielmehr präfigurierte die Transzendenz der Gotteskategorie sowohl die gesellschaftlichen Formen als auch den „Stoffwechselprozess mit der Natur“ (Marx), sodass die transzendente Verankerung in die „realmetaphysische“ Konstitution des vormodernen Fetischs einging.
Der Fetischcharakter vormoderner Gesellschaften ist in dieser transzendenten Verselbständigung begründet, deren übersinnliches Wesen durch die personale Beziehungsform im weltlichen Miteinander imitiert bzw. umgesetzt werden sollte. Deshalb kommt der Religiosität erster Potenz in vormodernen Gesellschaften ein konstitutiver Gehalt zu, da die transzendent-personale Verselbständigung die „Realmetaphysik“ des Fetischs und seinen „Stoffwechselprozess mit der Natur“ bestimmte. Diese gesellschaftliche „Realmetaphysik“ verlängerte sich als eine religiöse Metaphysik in die objektivierten Denkformen der Individuen hinein. Wie prägend diese religiöse Metaphysik sein konnte, wird in der Ausrichtung des Lebens auf das jenseitige Seelenheil sichtbar, welche die vormoderne Epoche im christlichen Europa kennzeichnete.
Mit dem „kategorialen Bruch“ im 15. Jahrhundert, der nach einer dreihundertjährigen Inkubationsphase die transzendent-personale durch eine transzendental-versachlichte Fetischgesellschaft ersetzte, verschwand die konstitutive Funktion der Religiosität erster Potenz. War sie in der Vormoderne noch die entscheidende Denkform einer auch in ihrer „realmetaphysischen“ Verankerung transzendent ausgerichteten Gesellschaftsweise, fand im 18. und 19. Jahrhundert die „Privatisierung“ der Religion statt, die nur mehr den Status einer „Privatschrulle“ (Marx) einnahm.
Diese Entwicklung war jedoch eine janusköpfige. In der Tat wurde die übersinnliche „Transzendenz“ der Gotteskategorie hinweggefegt, um an ihre Stelle die „sinnlich-übersinnliche“ Qualität der „abstrakten Arbeit“ und der souveränen Gewaltkonzentration zu setzen. Der moderne Fetisch hat keine jenseitige Referenz mehr; seine Substanz ist eine transzendental-versachlichte, die in den Dingen „hockt“, ganz und gar verweltlicht ist und doch eine sinnlich-übersinnliche „gespenstische Gallerte“ (Marx) produziert. Nicht mehr die Gnade Gottes, sondern der Kurs der Profitrate bestimmte fortan den objektiven gesellschaftlichen Prozess und sein Verhältnis zur natürlich-materiellen Welt.
Es ist nur logisch, dass mit der transzendent-personalen „Realmetaphysik“ auch die Denkform der religiösen Metaphysik erster Potenz verschwinden musste. Die Religion war ihrer gesamtgesellschaftlich-transzendenten Verankerung enthoben und konnte somit auch keine umfassende Erklärung des versachlichten Fetischs der „Verwertung des Werts“ und der „abstrakten Arbeit“ mehr bieten. Die Religiosität zweiter Potenz ist nur als uneigentliche Religion zu bezeichnen. Der Bruch zwischen der transzendent-personalen und der transzendental-versachlichten „Realmetaphysik“ zog einen Bruch in der Metaphysik der Denkformen mit sich: Die religiöse Metaphysik der Vormoderne wurde durch die ideologische Metaphysik moderner Gedankenformen ersetzt.
Das bedeutet wiederum nicht, dass der religiöse Gehalt moderner Ideologien nur vorgeschoben wäre. Dieser Gehalt hat sich aber transformiert und ist zudem in einem ganz neuen Bezugsfeld situiert worden: Der religiöse Inhalt moderner Gedankenformen ist ein Element des ideologischen Inhalts. Dementsprechend muss die Religiosität zweiter Potenz präzise als eine ideologische Potenz gefasst werden: Die religiöse Metaphysik ist zu einer Denkform innerhalb der ideologischen Metaphysik moderner Gedankenformen und ihrer Polaritäten geworden. Exemplarisch lässt sich das an der „Politischen Theologie“ aufzeigen, deren unmittelbares und dezisionistisches Rechts- und Staatsverständnis einen Strang innerhalb der politischen Ideologiegeschichte ausmacht.
In beiden Potenzen, das ist letztlich entscheidend, stellt sich die religiöse Metaphysik als ein herrschaftsreproduzierendes Bewusstsein heraus. Im einen Falle übernimmt die religiöse Metaphysik erster Potenz eine konstitutive Rolle über einzelne Schichten hinaus in der Aufrechterhaltung der transzendent-personalen Verselbständigung ein, im anderen Fall hat sich die religiöse Metaphysik zweiter Potenz zur modernen Ideologie gewandelt, deren Propagandisten nicht selten zu den autoritärsten Vertretern ihrer Zunft gehören. So wenig mit der radikalen Kritik der Religiosität in ihrer historischen Gebrochenheit der aufklärerische Atheismus einfach naiv als die bessere Alternative gesetzt werden kann, bleibt es unbestritten, dass die religiöse Metaphysik sich sowohl in der christlichen Vormoderne als auch in der Moderne als herrschaftskompatibles und herrschaftsreproduzierendes Bewusstsein erwiesen hat.
Bei Rest-Exit hat sich demgegenüber der Wind um hundertachtzig Grad gedreht. Die Tinte des Teufelspakts war noch nicht getrocknet, als sich der nächste Anwärter einer Spiritualisierung der „Wert-Abspaltungs-Kritik“ regte. Als intellektueller Höhepunkt der theologischen Wende darf getrost der Text „Der heilige Josef. Seine Verehrung und das arbeitsame Patriarchat der Neuzeit“[172] gelten. Um ihn bei Rest-Exit unterzukriegen, schickte der seelenlose Adorniten-Heide seinen Junior-Zombie aus der katholischen Bruderschaft ins Rennen.
Dem Text von Dominic Kloos ist eine Vorbemerkung vorangestellt. Sie verweist zum einen darauf, dass auch er durch die Mehrfachverwertung gejagt wurde. Ursprünglich erschienen ist der Artikel in einer Publikation des „Ökumenischen Netzes“, die sich die „Weiterführung des ‚Gesprächs’ zwischen Gesellschaftskritik und Theologie“ zum Ziel setzt. Zum anderen leitet die Vorbemerkung direkt in das Anliegen des Textes ein: „Exit und den Heiligen Josef zusammen zu bringen, mag auf den ersten Blick weit her geholt erscheinen.“ Die geständige Koketterie mit dem Bewusstsein über die Theoriefremde des eigenen Textes erfüllt nur den Zweck, diesen der Theorie dafür umso eilfertiger einzuspeisen.
Das Fazit des Artikels wird, durch rhetorische Fragen verkleidet, in den abschließenden Sätzen lanciert. So fragt der Autor sich und das gewogene Publikum: „Könnte der Hl. Josef in Aufnahme dieser biblischen Traditionen in der aktuellen geschichtlichen Situation zu einem Schutzpatron (…) werden?“ Hm, mal überlegen. „Könnte der Hl. Josef zum Patron derer werden, die in der Kritik der Wert-Abspaltung und ihrer Inferiorisierung von Frauen ‚traditionelle Männlichkeit transformier[en]’?“ Ein Mann als Schutzpatron für die Abspaltungstheorie ist nun wirklich ein bedenkenswerter Vorschlag. „Und könnte somit der Hl. Josef schließlich zum Patron derer werden, die sich kritisch mit einem Gesellschaftssystem, das tötet, auseinandersetzen, und danach streben, sich von einer solchen Gesellschaft zu ‚trennen’?“ Der „heilige Josef“ als Leitfigur für radikale Gesellschaftskritik? Wenn das mal nicht ein avantgardistisches Potential verspricht!
Akademische Raserei: Die „Wert-Abspaltungs-Kritik“ als theoretisch-wissenschaftliche Interdisziplinarität
Konnten die Exit-Zombies den inhaltlichen Regress beim geschichtsphilosophischen Revisionismus noch auf die scheinbare Randständigkeit des Themas abschieben, war diese Option mit der theologischen Wende abgelaufen. Zu deutlich wendete sie sich gegen das Selbstverständnis der Gruppe, das bisher davon ausgegangen war, dass die „Kritik der Religion“ der „Anfang aller Kritik“ (Marx) sei. Was sodann in der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ auch einen geschichtstheoretischen Ausdruck gefunden hatte.
Wie eine „Klarstellung“ von Roswitha Scholz nahelegt, sahen Teile des Umfelds der Gruppe diesen Stand der Theoriebildung durch die theologische Wende gefährdet. In diesem Artikel mit der Überschrift „Exit – nun sag, wie hältst du’s mit der Religion? – Eine Klarstellung“ wird eingeräumt: „Seit einiger Zeit wird im Exit!-Zusammenhang wiederholt Unmut geäußert, dass bei uns auch Theologen mitarbeiten und publizieren. Es ist die Rede von ‚antiklerikalen Kreisen’, denen das aufstößt. Es werden Befürchtungen laut, dass Exit! womöglich ins Religiöse abdriften und die Zeitschrift von einschlägigen Tendenzen überrollt werden könnte.“[173]
Die Befürchtungen des Umfelds weiter referierend, fährt sie fort: „Die Wert-Abspaltungs-Kritik müsse atheistisch sein – schon ‚der Nazi-Opa habe in der Kirche brav seine Kniebeugen gemacht’ usw. Die Gretchenfrage wird gestellt.“ Nun ist die „Gretchenfrage“ vom Umfeld zwar aufgeworfen worden; beantwortet wurde sie bisher allerdings nicht. Stattdessen heißt es: „Es handelt sich hier offenbar um archaische Ängste (!!) der Linken, die in traditionsmarxistischen Gefühlslagen wurzeln.“
Die inhaltliche Schwindsucht ist schlicht und einfach außerstande, die Religionsproblematik im Kontext vormoderner sowie moderner Herrschaftsformen zu entfalten. Anstelle dessen schnappt umgehend die psychologistische Denunziation ein. Auf diesem Terrain fühlt sich das begründungslose Ressentiment von Rest-Exit nun einmal pudelwohl: Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Religionskategorie werden psychologistische Zensuren ob der „Gefühlslagen“ oder des Charakters von Individuen verteilt. Ganz nach der Devise: Wer die religiöse Wende nicht akzeptiert, wird von „archaischen Ängsten“ gesteuert – und soll deshalb doch lieber die Klappe halten.
Aber die Bedeutung der Kontroverse um die Religiosität lässt sich nicht vollständig durch den psychologistischen Affekt auslöschen. Obwohl es ihr zutiefst widerstrebt, muss Scholz sich am Ende doch auf den perhorreszierten Gegenstand einlassen: „Könnte es sein, dass sich dabei auch eine verkürzte Kritik der Aufklärung artikuliert, die sich damit schwer tut, dass die kapitalistische Gesellschaft von ihrem irrationalen Selbstzweck der Kapitalvermehrung und der damit einhergehenden Abspaltung geprägt ist?“
Der suggestive Tenor vermeidet die inhaltliche Kontextualisierung der Religionskategorie und kommt stattdessen mit einer Frage um die Ecke. Deren Implikation verdient es allerdings, hervorgehoben zu werden: Die KritikerInnen der Religion rationalisierten die fetischistische Verselbständigung der Wert-Abspaltung, weswegen sie sich „damit schwer tun“, dem „irrationalen Selbstzweck“ begrifflich gerecht zu werden. Leicht falle die Analyse der „verrückten Form“ (Marx) hingegen – so die Implikation dieser Aussage – der neuen Religiosität, deren spiritualistisches Sensorium offenbar besonders geeignet für die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Irrationalität sei.
Der von Scholz eröffnete Widerspruch zwischen einem „traditionsmarxistischen“ Rationalismus, dessen atheistische Neutralisierung den verrückten Selbstzweck nicht zu bestimmen vermöge, und einer neospirituellen Theologie, die zur Perzeption der gesellschaftlichen Verselbständigung geradezu geeignet sei, bleibt der Spaltung von subsumtionslogischer Kausalitätsideologie (atheistisch-rationale „Traditionsmarxisten“) und hermeneutischer Kontingenzideologie (religiöse Anschauung von Rest-Exit) kategorial verhaftet.
Dadurch wird ein weiteres Mal das identitätslogische Räsonnement mit seinen zwei Denkschablonen zum Hebel eines abstrakten Dualismus gemacht. Die „traditionsmarxistische“ Rationalisierung hat den Part übernommen, der Robert Kurz posthum und dann auch mir in der Auseinandersetzung um die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ unterstellt wurde: eben eine androzentrisch-marxistische Ableitungslogik, welche die Vormoderne kontrafaktisch unter den Fetischbegriff subsumiere. Im dumpfen Glanze dieses Zerrbildes räkelt sich die religiös-anschauliche Kontingenzfixierung, die sich durch ihr spiritualistisches Sensorium einen exklusiven Zugang zur verselbständigten Fetischkonstitution verspricht. Sie füllt die Funktion aus, die ehedem dem hermeneutischen Einfühlen in die „rein konkrete“ Vormoderne oblag.
Die KritikerInnen der theologischen Gotteserkundung kurzerhand mit „archaischen Ängsten“ abgekanzelt, ist damit die Frage nach dem Status von Religion und, damit untrennbar verknüpft, diejenige nach dem Stand der Theoriebildung nicht aus der diesseitigen Welt geschafft. Aus der bisherigen theoriegeschichtlichen Entwicklung lässt sich in jedem Fall nur ein Befund ableiten: eine Kritik als Religion kann aus ihr beim besten Willen nicht herausgelesen werden, ist sie zweifelsohne aus der Kritik der Religionen erwachsen. Das ist natürlich auch Scholz bewusst; aber ihre kontingenzmetaphysische Regression kann den Sachverhalt nicht auf dem ihm gebührenden Abstraktionsniveau reflektieren. Und so landet sie wiederum in unterirdischen Gefilden: „Um es klarzustellen: Das Gros von uns glaubt nicht an Gott (egal welchen) und ist auch nicht in irgendeiner Weise religiös.“
Anstelle einer theoretisch-kritischen Entfaltung der Religionskategorie tischt Scholz persönliche Glaubens- bzw. Nicht-Glaubens-Bekenntnisse auf. Mit was für subjektiven Vorlieben man/frau wohl in Zukunft die RezipientInnen traktieren wird? Mit der frisch entdeckten veganen Lebensweise? Oder mit der Präferenz des eigenen Fußballvereins?
Eigentlich war man in Redaktion und Vorstand darüber übereingekommen, sich fortan von der vortheoretischen Fülle alltäglicher Erfahrungen inspirieren zu lassen. Die Mühen der trockenen Theorie sollten durch die Theorieverwaltung möglichst widerspruchslos abgehandelt werden. Aber zum Bedauern der SeelenverkäuferInnen nimmt das eigene Publikum die intellektuelle Depravierung des Ansatzes nicht ganz ohne Murren hin. Die aufgezwungene Ebene einer inhaltlich ausweisenden Begründung doch noch einnehmend, wird es sofort heikel. Ja, „Exit! – nun sag“ es doch endlich, „wie hältst du’s mit der Religion?“ Die Antwort lautet: „Für uns sind philosophisch-theologische Reflexionen jedoch eine Richtung (!), in der die Wert-Abspaltungs-Kritik ausgearbeitet (!!!) werden kann. Nicht mehr und nicht weniger.“ Nun. Das ist doch schon sehr viel.
Die Referenz auf die überwiegend atheistische Gesinnung von Redaktion und Vorstand wurde einzig aus dem Grund lanciert, um dem objektiven Inhalt der Theoriebildung dafür umso mehr die theologische Wende einzuschreiben. Für „kategoriale Kritik“ gibt es angesichts dieser neuerlichen Revision am Stand der Theoriebildung keinen Grund, die negative Bestimmtheit dieses Stands zu relativieren: Er gründet nicht in „philosophisch-theologischen Reflexionen“, sondern in der radikalen Kritik an Philosophie und Theologie.
Damit hat sich in der „Klarstellung“ jedoch der Gang der „Argumentation“ gegen seine ursprüngliche Intention gekehrt. Eigentlich sollte die „Klarstellung“ die Bedenken der rationalisierenden „Traditionsmarxisten“ ob eines spirituell-religiösen Einschlags bei Rest-Exit zerstreuen. Der Hinweis auf die überwiegend atheistische Gesinnung in Rest-Redaktion und -Vorstand dürfte die Befürchtungen vor einem spirituellen Abdriften der Gruppe nicht unbedingt zerstreut haben. Zumal die „theologische Ausarbeitung“ explizit als eine zukünftige „Richtung“ der Rest-Theorie bezeichnet wird. Um die Kritiker der religiösen Wende schließlich doch noch zu beschwichtigten, fährt Scholz fort: „Theologie stellt dabei in einem interdisziplinären (!!) Kontext ein Feld neben anderen Feldern dar, z.B. Sozialpsychologie, Feminismus (!!), Kritik der Naturwissenschaften, Politiktheorie usw., um das kapitalistische Patriarchat auf verschiedenen Ebenen und mit seinen unterschiedlichen Facetten zu erfassen.“
Da ist uns bislang offenbar Entscheidendes entgangen. Dass die Wert-Abspaltungs-Kritik eine „interdisziplinäre“ Theorie sei, in der sich zusammenhangslos „Felder“ an „Felder“ reihen, davon waren wir bisher tatsächlich nicht ausgegangen. Außerdem hatten wir uns eingebildet, dass der Feminismus gerade kein „Feld“ neben anderen wie der „Sozialpsychologie“ oder der „Kritik der Naturwissenschaft“ sei, sondern als Wert-Abspaltungs-Kritik den Widerspruch von Wert und Abspaltung auf der höchsten Ebene theoretischer Abstraktion kritisch zur Sprache bringt bzw. bringen sollte.
Wie dem auch sei. Deutlich wird, dass Scholz eine Getriebene ihrer eigenen Weigerung ist, das Problem auf der Höhe der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung zu entwickeln. Der Zweck ihrer „Klarstellung“ sollte darin liegen, das unruhig gewordene Rezeptionsumfeld mit dem Hinweis auf die vorwiegend atheistische Gesinnung in Rest-Redaktion und -Vorstand etwas abzukühlen. In Wirklichkeit legitimiert sie aber die theologische Wende als ein „Feld“ innerhalb der Theoriebildung, dessen anschauungszentrierte Hermeneutik sogar besonders empfänglich für die gesellschaftliche Irrationalität sei.
Mit ihrer religiösen Wende einer antiaufklärerisch-anschaulichen Kontingenzmetaphysik trägt Scholz wider Willen sehr wohl zu dem Eindruck bei, den sie doch gerade widerlegen wollte: nämlich dem einer zunehmend religiös-irrationalen Wende bei Rest-Exit. Um ihn am Ende doch noch zu entkräften, hebt sie an: „Es handelt sich hierbei um theoretisch-‚wissenschaftliche’ (!!!) Überlegungen in einem szientistisch-skeptischen (!) Horizont der Wert-Abspaltungs-Kritik, die sich von empirie-, praxis- und handlungsfetischistischen Intentionen grundsätzlich abgrenzen…“ Eher sollen unsere Zungen verdorren, bevor wir unsere „kategoriale Kritik“ jemals durch das Attribut „wissenschaftlich“ rechtfertigten.
Um das Rezeptionsumfeld ob der Irrungen und Wirrungen in Richtung „theological turn“ (Doris Akrap) zu besänftigen, wird auf Treu und Glauben versichert, die theologische Wende sei eine zutiefst rationale Angelegenheit, die fest auf dem Boden „theoretisch-wissenschaftlicher Überlegungen“ fuße. Es demonstriert lediglich die Hilflosigkeit eines an seinem eigenen Anspruch irre werdenden Denkens, wenn das Adjektiv „wissenschaftlich“ in An- und Abführungszeichen gesetzt wird.
Es ist nicht zu übersehen: Durch den Seelenverkauf hat die post-kritische Mutation vom Scholzschen Theoriezombie Besitz ergriffen. Wenn die ehemalige Wert-Abspaltungs-Kritik nunmehr als „interdisziplinäre“ Reihung verschiedener „Felder“ existiert, deren Denkhorizont durch den übergreifenden Rahmen „theoretisch-wissenschaftlicher Überlegungen“ abgesteckt wird, ist er der akademischen Raserei anheimgefallen. Auf die „theoretisch-wissenschaftliche“ Basis des „interdisziplinären“ Eklektizismus schwörend, giert der Exit-Zombie in seiner post-kritischen Phase nach universitärer Reputation. Da aber die Fallhöhe der Wert-Abspaltungs-Kritik so enorm ist, dass er nicht einmal das akademische Abstraktionsniveau halten kann, bleibt ihm am Ende nur der imaginäre Status einer wissenschaftlichen Hilfsdozentin in spe.
Zum Verdruss der Hilfsdozentin in spe ist dieser neuerliche wissenschaftliche Status der Theorie ebenso unvereinbar mit der Wert-Abspaltungs-Kritik wie die vormals legitimierte theologische Wende. Außerdem darf der andere Pol der „wissenschaftlich-theoretischen“ Methodik, das heißt die aufklärerisch-begriffliche Ableitungsmetaphysik, seinerseits nicht zu stark in Anspruch genommen werden, möchte Rest-Exit doch gerade diesen Theoriemodus zugunsten der antiaufklärerisch-religiösen Kontingenzmetaphysik hintanstellen. Das Produkt ist eine weitere contradictio in adjecto, nämlich eine „Wert-Abspaltungs-Kritik“, deren „wissenschaftlich-theoretische Überlegungen“ in einen „szientisch-skeptischen Horizont“ fallen – wobei die Kombination „szientisch-skeptisch“ nun wirklich eine ulkige Umschreibung für die eigene Postmodernisierung abgibt. Wer wird hier nochmal von den „archaischen Ängsten“ einer „verkürzten Kritik der Aufklärung“ getrieben?
Um die Attraktivität von Rest-Exit endgültig für das Gros an akademischen Hinterwäldlern rund zu machen, wird auch die postulierte „Abgrenzung“ gegenüber „empirie-, praxis- und handlungsfetischistischen Intentionen“ wieder zurückgenommen. Immerhin schließe die eigene wissenschaftliche Tätigkeit „reflektiertes gesellschaftliches Engagement (!!) keineswegs“ aus. Und in der Tat: Welcher akademische Vollpfosten kann schon etwas mit der theoretischen Distanz radikaler Gesellschaftskritik zur fetischistischen Praxis anfangen? Ohnehin steht zivilgesellschaftliches „Engagement“ im Mainstream hoch im Kurs. Zurück bleibt ein kümmerliches Residuum „theoretischer Praxis“ unter vielen, das unentwegt zwischen „theoretisch-wissenschaftlichen Überlegungen“ einer- und einer „politischen Theologie“ andererseits hin und her schwankt.
So gesehen ist es überflüssig, Rest-Exit einen Strick aus diesem bodenlosen Absturz der „Wert-Abspaltungs-Kritik“ drehen zu wollen – dafür haben sie schon selbst gesorgt. „Wäre“ also „eine Beschäftigung mit Theologie“ nicht auch „durchaus sinnvoll“, raunt die verkannte akademische Hilfskraft, „um den Fetischcharakter der kapitalistischen Verhältnisse und ihre Irrationalität besser durchschauen zu können?“ Die Frage ist abermals eine rhetorische, versteht sich. Der religiöse Empfindsamkeitskitsch hat sich inhaltlich und institutionell längst im Zusammenhang eingenistet und so wird sich das Publikum auf mittlere und lange Sicht an einer theologischen Fundierung der neuen Post-Wert-Abspaltungs-Kritik ergötzen dürfen.
Vielleicht lässt sich sogar das „gesellschaftliche Engagement“ in diesem Bereich ausbauen? „Überhaupt wäre zu überlegen“, wird die nächste Fragen aufgeworfen, „was wir mit einem die Theologie miteinbeziehenden Theoretiker wie Walter Benjamin machen, der für die Wert-Abspaltungskritik, z.B. was die Kritik an einer Fortschrittsideologie angeht, vielleicht inspirierend sein könnte?“ Na, was wohl? Her damit und rein in den eklektizistischen Mix einer „interdisziplinären Wissenschaftlichkeit“!
Ethischer Reduktionismus: Leidensphilosophie und die Moralisierung der Kritik
Der inhaltliche Regress hat es an sich, dass seine Zeitspanne sich umgekehrt proportional zur Theorieentwicklung „kategorialer Kritik“ verhält. Bedurfte es für den Theoriebildungsprozess noch mehrerer Jahrzehnte, frisst sich die Revision nach der Spaltung gleichsam im Sekundentakt vor: aus der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ ist ein geschichtsphilosophischer Historismus geworden; die Kritik der Religion ist in eine Religiosität als Kritik verkehrt worden; und die radikale Kritik der wissenschaftlichen Denkformen hat sich in „theoretisch-wissenschaftliche Überlegungen“ auf „interdisziplinärem“ Boden verflüchtigt.
Wenn jedoch auf beinahe jeder Ebene der Theorie der jeweilige Anspruch erodiert, kann es um den theoretischen Inhalt als solchen nicht gut bestellt sein. Je mehr der Regress am inhaltlichen Stand der Theorie abgleitet, desto häufiger wird er durch theoriefremde Elemente substituiert. Dadurch wird das Auseinandersetzungsfeld mit gegnerischen Positionen von vornherein auf eine außertheoretische Ebene verschoben; man denke nur an die „archaischen Ängste“ und „traditionsmarxistischen Gefühlslagen“, die den Atheisten unterstellt wurden.
Diesen externen Kriterien, die nicht mehr im theoretischen Inhalt selbst liegen, begegnet man vor allem bei der selbstimaginierten Hilfsdozentin auf Schritt und Tritt. Wenn sie an dem „Realisten“ Graham Harman, einem amerikanischen Professor, bemängelt, dass „(e)ine Wert-Abspaltungs-Kritik (…) Harman freilich völlig unbekannt“[174] sei, hat sie jede inhaltliche Ebene der theoretischen Auseinandersetzung verlassen. Man darf davon ausgehen, dass einem stinknormalen amerikanischen Philosophieprofessor die Wert-Abspaltungs-Kritik unbekannt ist. Für eine theoretische Bewertung seiner Philosophie ist dieser Umstand jedoch irrelevant. Der vorwurfsvolle Unterton ist also völlig deplatziert.
Nun erstreckt sich dieser Duktus inzwischen über fast alle Artikel von Rest-Exit. In einem anderen Text des akademischen Theoriezombies heißt es: „Untersuchungen, die die ganz offensichtliche und gigantische Gewalttendenz der Moderne belegen – siehe etwa Kurz (1999), aber auch Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund, was Rassismus und Sexismus der ‚Schwachen’ und ‚Überflüssigen’ anbelangt – werden von Ferarris einfach ignoriert.“[175] Abgesehen von dem fragwürdigen Vorgehen, ausgerechnet „Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund“ als Referenzrahmen für Ideologiekritik heranzuziehen, die bruchlos in einer Reihe mit dem „Schwarzbuch Kapitalismus“ stünden, wird nur mehr eine „Ignoranz“ gegenüber gewissen Erkenntnissen getadelt.
Dieser Vorwurf macht seinerseits wiederum nur Sinn, wenn hier die Überzeugung vorherrscht, dass Harman und Co. die Wert-Abspaltungs-Kritik mutwillig „ignorieren“ würden. Sonst wären diese wiederholten Anwürfe schlicht und einfach gegenstandslos. Verhielte es sich mit dieser Problemlage unterdessen tatsächlich so, wäre die Weltrevolution allerdings ein Kinderspiel: Man müsste einfach möglichst viele Individuen daran hindern, weiterhin die rumpelnden Traktate von Rest-Exit zu „ignorieren“, indem man sie in ihrer Textmanufaktur zur täglichen Zwangslektüre zusammenpfercht – „nachgeprüft“ freilich von der keulenschwingenden Oberstudienrätin in spe.
Was hier stattfindet, ist eine kategoriale Verschiebung des Wahrheitskriteriums: Nicht mehr die negative Wahrheit der inhaltlichen Kritik ist der Maßstab, sondern die „ignorante“ Gesinnung, wie sie sich in der willentlichen Ausblendung oder Akzeptanz gewisser Erkenntnisse darstelle. Der identitätslogische Keulenschwung hat damit eine neue Facette gewonnen. Aus dem „Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“ ist ein „Ihr ignoriert willentlich die Wert-Abspaltungs-Kritik!“ geworden, womit die theoretische Auseinandersetzung auf ein moralisches Feld verschoben wird. Und die Moral von der Geschicht’? Wer uns nicht „ignoriert“, der ist ein guter Mensch – und alle anderen sind es nicht.
Nun „ignorieren“ zu allem Überdruss der Wissenschaftsfanatikerin nicht nur Harman, Zizek, Soiland usw. die Wert-Abspaltungs-Kritik. Fast niemand auf dem weiten Globus vertritt eine „kategorial-kritische“ Position; sie wird also allerorten von einem absolut übergroßen Teil der Menschheit „ignoriert“. Damit versteht sie am Ende jedoch die Welt nicht mehr. An die Stelle der verloren gegangenen theoretischen Begründung tritt deshalb immer stärker ein moralischer Vorwurf.
Diese moralische Schattierung endet wie jede andere Moralphilosophie auch bei einem abstrakten Sollen. Der Prügel des „Ihr ignoriert willentlich die Wert-Abspaltungs-Kritik!“ kann auch als „Ihr sollt die Wert-Abspaltungs-Kritik nicht mehr ignorieren!“ verwendet werden. Die eingenommene Position wird dadurch der theoretischen Ebene enthoben und zu einer ethischen Fragestellung umdefiniert. Diese Konsequenz liegt allerdings zwingend in den epistemischen Voraussetzungen begründet: Sofern die Differenz zu anderen Theoremen nicht mehr in den konkreten Negationen ihres ideologischen Inhalts bestimmt werden kann, muss sich die imaginierte eigene „Gesellschaftskritik“ durch eine abstrakt-äußerliche Qualität auszeichnen. Diese abstrakte Äußerlichkeit mündet unweigerlich in eine Moralisierung der Kritik.
Als sich die ersten moralinsauren Wimpernschläge im Zusammenhang der Theoriebildung geregt hatten, witterte der seelenlose Adorniten-Heide umgehend Morgenluft. Denn auf diesem Gebiet des pastoralen Räsonnements fühlt er sich wie der Fisch im Wasser. Auch seine inhaltlichen Entäußerungen wurden immer stärker von der vortheoretischen Dimension okkupiert. Als Grundlage dafür figuriert bei ihm die Kategorie der „Leidensapriorität“. In ihr fließen seine zwei Quellen, ein neospiritueller Krypto-Katholizismus und eine adornitische „Gesellschaftskritik“, zusammen.
Von der religiösen Seite her ergibt sich das „Leidensapriori“ durch den zustimmenden Rekurs auf den „Befreiungstheologen“ Johann Baptist Metz. Wie er geht der Adorniten-Heide davon aus, „dass Autonomie und Freiheit in einem Leidensapriori, der Anerkennung der Autorität der Leidenden, verwurzelt sind.“[176] Verbürgt wird diese Apriorität des Leidens natürlich vom Primat des Evangeliums, das auf „der Perspektive“ beruhe, „von den Leidenden her zu denken.“[177] Inspiriert von christlichen Elementen der Leidensgeschichte Jesu erhält das (Mit)Leiden einen exzeptionellen Status: Denn die „Autorität in der Tradierung des Glaubens speist“ sich aus „der Empfindsamkeit für das, was Menschen in der Nähe und im globalen Zusammenhang erleiden.“[178]
Von der „kapitalismuskritischen“ Seite her tradiert sich in dem „Leidensapriori“ ein spezieller Ausschnitt der Kritischen Theorie Adornos. Er wurde von Adorno besonders in der „Dialektik der Aufklärung“ entwickelt. Seiner systematischen Funktion gemäß beschließt der Theoriezombie den Artikel über die „unternehmerische Kirche“ mit einem Zitat Adornos zum Leidbegriff, das die „Idee einer Verfassung der Welt“ antizipiert, „in der nicht nur bestehendes Leid abgeschafft, sondern auch das unwiderruflich vergangene widerrufen wäre.“[179] Wie auch immer es um die Kategorie des Leids bei Adorno im Einzelnen bestellt sein mag, die Warnungen seines spiritus rector vor einer falschen Theoretisierung des Leidens hat der Adorniten-Heide getrost in den Wind geschlagen. Adorno kann gegen die Beschränktheit einer Ideologie des Mitleidens nur zugestimmt werden: „Nicht die Weichheit, sondern das Beschränkende am Mitleid macht es fragwürdig, es ist immer zu wenig.“[180]
Diese Melange aus kryptokatholischer Theologie und empfindsamem Adornismus stellt in ihrer Leidensphilosophie einen wichtigen Faktor für die post-kritische Wende bei Rest-Exit dar. Das wird vor allem daran ersichtlich, dass sie der Theoriebildung außer- und vortheoretische Kriterien aufzwingt. Ihr „Leidensapriori“ erhebt eine vortheoretische Reaktion auf die Gräuel der modernen Fetischgesellschaft – eben die des Mitleidens mit den von Zumutungen geplagten Individuen – zu einem wesentlichen Kriterium der „Theorie“ selbst.
Dadurch wird aber das Verhältnis von theoretischer und vortheoretischer Dimension umgedreht. Was nun die vortheoretische Dimension anbelangt, so geht sie durchaus konstitutiv in den theoretischen Inhalt ein. Dass manche in die androzentrische Subjektform und weibliche Form gebannten Individuen die Zumutungen des kapitalistischen Patriarchats als solche realisieren und gegen sie vorgehen, während die absolut überwältigende Mehrheit sich indes keine andere Lebens- und Produktionsweise auch nur vorstellen kann, ist eine der Theorie vorangehende Voraussetzung, die über ihren affirmativen oder potentiell kritischen Inhalt entscheidet.
Aber dieses vortheoretische Moment ist eben keine hinreichende Bedingung für die Kritik. Zwischen dem Leiden an der Gesellschaft und ihrer radikalen Kritik erstreckt sich die theoretische Abstraktion und Reflexion, ohne die der vortheoretische Impuls verdünsten oder sich partikularisieren muss (zum Beispiel im Leiden mit „den Deutschen“, mit „den westlich-weißen Subjekten“ usw.). Obgleich die vortheoretische Dimension konstitutiv in die theoretische Dimension eingeht, liegt die vortheoretische Geltung dennoch nicht in ihr selbst, sondern immer nur im kritischen Inhalt der Theorie: Erst am negativen Inhalt der theoretischen Dimension lässt sich retrospektiv die kritische Potenz der vortheoretischen Dimension bestimmen.
Diesem Sachverhalt korrespondiert die Unmöglichkeit, dem vortheoretischen Moment des „(Mit)Leidens“ eine eigene theoretische Geltung zu verleihen. Die Frage, warum manche Individuen den totalitären Zwang emanzipatorisch, die meisten ihn hingegen ideologisch verarbeiten, sperrt sich einer theoretischen Bestimmung, ja überhaupt jedweder Theoretisierung. Die eigenständige Bewusstseinsleistung ist ein kontingenter Akt, der theoretisch nicht weiter ableitbar ist: weder ist sie ein reines Produkt der lebensgeschichtlichen Einflüsse noch einfach eine abstrakte Fähigkeit (z.B. zum „Mitleiden“). Sie ist das Ergebnis einer wechselseitigen Durchdring von gesellschaftlicher Konstitution und kontingenter Eigenleistung, die sich nicht feinsäuberlich nach ihren Anteilen auseinanderdividieren lassen.
Für „kategoriale Kritik“ stellt sich das Verhältnis von vortheoretischer und theoretischer Dimension wie folgt dar: Das vortheoretische Moment ist zwar für die theoretische Kritik unverzichtbar, da diese aus den Zumutungen des Zwangsverhältnisses erwächst. Aber als Reaktion auf diese Zumutungen lässt es sich theoretisch gar nicht weiter bestimmen. Erst in der Dimension des theoretischen Inhalts lässt sich das vortheoretische Moment retrospektiv festmachen, sofern einem kritischen theoretischen Inhalt eine kritische Eigenleistung des Bewusstseins vorangegangen sein muss. Demzufolge kann das Kriterium „kategorialer Kritik“ ausschließlich auf der theoretischen Ebene inhaltlicher Kritik liegen. Nur auf dieser Ebene hat sie einen Geltungsanspruch. Ein Geltungsanspruch, den sie aufgibt, sobald sie auf die vortheoretische Dimension übergreift, um den radikalen Inhalt mit außertheoretischen Kriterien zu versetzen.
Die moralische Grundierung der „Leidensapriorität“ tritt bei Rest-Exit nun dadurch zutage, dass die vortheoretische Kontingenz in die „Theorie“ eingebaut und damit schließlich rationalisiert wird. Erweisen sich Rest-Redaktion und -Vorstand in ihren geschichtswissenschaftlichen und religionstheoretischen Überlegungen als KontingenzideologInnen durch und durch, findet auf der anderen Seite eine Verdinglichung der realen Kontingenz statt, wie sie sich in der kontingenten Eigenleistung des Bewusstseins darstellt. Als nicht theoriefähige Kategorie wird die „Leidensapriorität“ identitätslogisch zu einem vorgängigen – eben „apriorischen“ – Kriterium hypostasiert, aus dem sich eine eigene, moraltheologische Metaphysik des (Mit-)Leidens spinnt. Diese Verschiebung des Kriteriums von der theoretischen in die vortheoretische, „persönliche“ Dimension erklärt übrigens den sektenartigen Charakter, der das Treiben der Exit-Zombies kennzeichnet.
Für die konkrete Analyse der zerfallenden Weltgesellschaft kann die moraltheologische Leidensphilosophie nicht folgenlos bleiben. Sie sah während der „Corona“-Jahre ihre Zeit gekommen. Besonders der seelenlose Adorniten-Heide beteiligte sich rege am Wettbewerb der Sentiments: „Ohne dieses Leidensapriori kommen die postmodernen Diskursgesellschaften, die auf ‚Aushandeln‘ (…) zielen, weder über die ‚Marktlogik’ noch über ein vom ‚Tausch- und Konkurrenzverhältnis’ bestimmtes Verhältnis zwischen Menschen hinaus und bleiben blind für ‚asymmetrische Anerkennungsverhältnisse – als Zuwendung der einen zu den bedrohten und geopferten Anderen’.“ So heißt es weiter: „Wenn der Ruf nach Freiheit nicht bei der Selbstbezüglichkeit kapitalistisch konditionierter und auf die kapitalistische Normalität vereidigter Einzelner und Branchen stehen bleiben soll, muss er sich vom Leid der Anderen unterbrechen und irritieren lassen.“[181]
Was auf der theoretischen Ebene noch als Absenz einer Kenntnisnahme der Wert-Abspaltungs-Kritik moniert wird, erscheint in der vortheoretischen Dimension als Absenz eines (Mit)Leidens an den gesellschaftlichen Zumutungen. Auch der Adorniten-Heide schwingt seine identitätslogische Keule, die er moralphilosophisch verziert hat: Aus dem „Ihr ignoriert die Wert-Abspaltungs-Kritik!“ ist das „Ihr leidet nicht mit den Opfern der Wert-Abspaltung!“ geworden. Wie der spiritistische Heilsprediger des Leidens diesem Manko in der „postmodernen Diskursgesellschaft“ wohl Abhilfe verschaffen mag? Vielleicht steht im nächsten Schritt die Pilgerfahrt zu den Stätten des „Rufes nach Freiheit“ an, um die unwilligen Schafe endlich zum Bekenntnis ihres Elends im Kapitalismus zu bekehren.
Weil die vortheoretische Befindlichkeit den theoretischen Inhalt usurpiert hat, verschmilzt dieser in seinen konkreten Verlautbarungen immer stärker mit dem allgemeinverwilderten Bewusstsein. Ein oberflächlicher Blick auf die politisch und medial vermittelten Diskurse im Zuge des „Corona“-Ausnahmezustands kommt um den auffälligen Tatbestand nicht umhin, dass sich alle immerzu auf irgendwelche „Leiden“ bezogen haben. Einerseits der den Autoritarismus des Notzustands praktizierende Mainstream mit der Regierung und Markus Söder an der Spitze. Er kaprizierte sich auf die Leiden der Corona-Erkrankten. Anderseits die ProtagonistInnen des „Rufs nach Freiheit“, die sich auf die Leiden der durch den „Lockdown“ geschädigten Individuen beriefen und freilich nicht weniger affirmativ argumentierten als die Mainstreammehrheit.
Dieser nicht zu leugnende Sachverhalt muss zähneknirschend eingestanden werden: „Nun fällt auf, dass in den Diskussionen um die Corona-Maßnahmen von Hinweisen auf das Leiden ein fast schon inflationärer Gebrauch gemacht wird.“[182] Der Böttchersche Theoriezombie ist voll auf der moralisierenden Linie der offiziellen Corona-Diskurse, ohne dass sich seine politisch-theologische Engstirnigkeit dadurch etwa „unterbrechen“ ließe.
Vielmehr muss eine Art affirmative Akrobatik betrieben werden, um die eigene Mainstream-Position als irgendwie „kritisch“ stilisieren zu können. Nach seiner Meinung kämen die InflationiererInnen des Leids „aus Zusammenhängen – wie z.B. FDP und BDI –, die ansonsten nicht gerade dafür bekannt sind, dass ihnen das Leiden von Menschen und soziale Benachteiligung am Herzen liegen.“ Der apologetische Absturz muss die realfetischistische Konstellation im Zuge von „Corona“ schlichtweg umschreiben. In Wirklichkeit wurde der Mainstream-Diskurs durch die Regierungslinie – vertreten durch Drosten und Lauterbach – geprägt und zwar in einer exzessiv auf die möglichen Leiden durch das Virus hinweisenden Manier.
Aber die theologisch-leidensphilosophische Regression führt schon längst ein Eigenleben. Deshalb werden die realen Begebenheiten auch weiterhin regelrecht verfälscht, ohne sich davon „irritieren“ zu lassen: „Ebenso fällt auf, dass von Einzelnen und Branchen meist selbstbezüglich auf das eigene Leiden hingewiesen wird, während fremdes Leid außerhalb der Forderungen bleibt.“ Einzig und allein die wirtschaftlichen Akteure und die Kunstszene haben im Spektrum der Maßnahmen-KritikerInnen das „eigene Leid“ als Argument angeführt. Die überwiegende Mehrheit samt der politischen Klasse (FDP und AfD) haben die Infragestellung gewisser Maßnahmen mit „fremdem Leid“ begründet, nämlich mit der Schädigung von verschiedenen Gesellschaftsgruppen durch den „Lockdown“. Oder hat der Adorniten-Heide jemals einem Auftritt von Christian Lindner beigewohnt, in dem er ein Ende der Maßnahmen dadurch eingefordert hätte, dass ihm persönlich oder den Mitgliedern seiner Partei die Einschränkungen einfach zu viel geworden seien?
Der verweltlichte Post-Pfaffe spricht der rechts-liberalen Minderheit nur deshalb einen egoistischen Leidbegriff zu, um ihr seine eigene Leidensphilosophie als eine durch und durch nicht-instrumentelle entgegenhalten zu können. Ob nun das „selbstbezügliche Leiden“ oder das mitleidende Apriori der pastoralen Moralmetaphysik, am Ende ist der ganze Sachverhalt auf die eindimensionale Ebene vortheoretischer Kontingenz eingedampft worden. Die Bilanz dieser Politischen Theologie bewegt sich in jener Sphäre, in der auch der „Ruf nach Freiheit“ argumentiert, nämlich in der „Gegenüberstellung“ des Leids und seiner quantitativen Aufrechnung. Nahm die „maßnahmenkritische“ Minderheit für sich die Einschätzung in Anspruch, dass durch den „Lockdown“ das Leid von Kindern, Frauen und psychisch gefährdeten Menschen höher zu veranschlagen sei als das der von „Corona“ Gefährdeten, wird bei Rest-Exit inzwischen frank und frei die Mainstreamposition vertreten: „Dabei wird zumeist übersehen, dass die einen zwar ihre Existenz als Arbeitende zu verlieren drohen, während andere ihr Leben verlieren.“
Diese krude Aufrechnung von leidenden Opfern verzerrt wieder einmal die fetischistische Realität. Selbstverständlich hat in keiner Weise jede/r Corona-Kranke das „Leben verloren“; und natürlich stand mit den Notstandsverordnungen mehr als der „Verlust des Arbeitsplatzes“ auf dem Spiel. Aber auch wenn man die Selbsttäuschung des Böttcherschen Theoriezombies mitgehen wollte, verbleibt die ganze moralisch-metaphysische Argumentation in der schieren Differenzbestimmung verschiedener Leidensrealitäten. Selbst falls die einen tatsächlich nur ihren Arbeitsplatz, die anderen wirklich alle ihr Leben verloren hätten, wäre der Bezugspunkt immer noch die quantitative Aufrechnung von Leiderfahrungen, die für sich überhaupt nichts über den gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang und seine konstitutive „Gesamtpraxis“ (Robert Kurz) aussagt. Wie sich die reale Lage jedoch darstellt, wird der nichtssagende Gehalt dieses Spiegelgefechts umso signifikanter: Die „MaßnahmenkritikerInnen“ können mit vollem Recht mindestens denselben Wahrheitsanspruch für sich reklamieren, wenn sie auf die psychischen und physischen „Lockdown“-Folgen hinweisen wie der Adorniten-Heide in seiner Insistenz auf das Leid der „Corona“-Erkrankten.
Beide haben partiell Recht – vor dem unwahren Hintergrund selbstverständlich, dass der gesamtgesellschaftliche Bedingungszusammenhang in seiner Reaktion auf das Virus durch die Hochrechnung von Opfern neutralisiert wird. Der Tadel, die liberale Minderheit würde „das Leid der einen gegen das Leid der anderen ausspiel(en)“, fällt auf den seelenlosen Adorniten-Heiden selbst zurück. Da das als Apriorität vergegenständlichte Leiden von Grund auf borniert und beschränkt bleiben muss, verfällt auch er dem Schicksal einer jeden Moralphilosophie: Sie setzt den in sich gebrochenen Formzusammenhang des Leidens blind voraus, weshalb sie die von ihm gestifteten Zumutungen an manchen Stellen durchaus billigend in Kauf nimmt. Auch in dieser moralischen Metaphysik ist das Mitleid „immer zu wenig“.
So darf man als Crux dieser Erörterungen über „Corona“ vernehmen: „Während für die einen der nächste Urlaub (!!!) bedroht ist, droht den anderen der Verlust des Lebens und der Gesundheit.“ Wie immer instanziiert die moralisierende Borniertheit eine Hierarchie des Leidens, wobei eben manche deutlich mehr als andere leiden – weshalb die weniger Leidenden sodann, mit dem Mainstream-Diskurs des Notzustands im Rücken, zur Räson gerufen werden. Es kann nur als Ausfluss der zynischen Kälte postmoderner Zerfallssubjektivität bezeichnet werden, wenn der seelenlose Adorniten-Heide in Anbetracht der Suizide sowie der körperlichen und psychischen Schädigungen besonders von Kindern und Frauen deren Leiderfahrungen während des Notzustands auf einen verpassten Urlaub reduziert.
Dritter Teil: Subjektivistische Metaphysik – oder: Der formallogisch-inhaltliche Regress
Subjektivistische Metaphysik
Sieben Jahre sind seit der Exit-Spaltung 2019 gerade einmal ins Land gegangen und schon ist die Rest-Theorie kaum wiederzuerkennen. Zwar zehrt sie noch von den radikalen Inhalten früherer Zeiten, aber der Esprit jener Tage ist ihr durch den Teufelspakt unwiderruflich ausgehaucht worden.
Jedem wertförmigen Billigheimer, der das Fließband der Textmanufaktur durchlaufen hat, steht heute die Plackerei seines Produktionsvorgangs in die Stirn geschrieben. Und auch das Geknirsche der eigenen Denkformen hantiert mit weitgehend theoriefremden Inhalten, weshalb sich das Publikum verstärkt an theologisierender oder aber moralisierender Kontemplation erfreuen darf, deren Seriosität ausdrücklich durch die „wissenschaftlich-theoretische“ Einrahmung beglaubigt wird.
Eine kritische Aufarbeitung der Exit-Spaltung kann sich aber nicht damit zufrieden geben, den erodierenden Stand der Theoriebildung nachzuzeichnen. So wie die negative Radikalisierung der wert-abspaltungs-kritischen Theorie einen irreversiblen Prozess abgibt, so verhält es sich auch mit ihrem Rückfall in längst überwundene Paradigmen bürgerlichen Denkens. Ihr Zurückbiegen sowohl in formallogischer als auch inhaltlicher Hinsicht kann kein beliebiges Ereignis sein; es muss einer inneren Dynamik folgen, die in einem übergeordneten Bedingungszusammenhang situiert ist. Eine kritische Darstellung dieser Revision muss ihre inhärente Logik entfalten und den aus ihr emanierenden unwahren Geltungsanspruch in kategoriale Reflexionsbestimmungen aufheben können.
Vorderhand präsentiert sich diese inhärente Logik jedoch keineswegs als luzide. Die Verdinglichung zu formallogischen Denkschablonen, die sich verlässlich im identitätslogischen Keulenschlag finalisiert, spielt sich innerhalb der Reflexionsmuster der verschiedenen AutorInnen ab. Die Revision hin zu einer wissenschaftlichen „Interdisziplinarität“ von geschichtsphilosophischem Historismus, theologisch-spiritualistischer Wende und moralisierender Leidensphilosophie umfasst anstelle dessen den Reflexionsinhalt. Der formallogische Regress innerhalb der Reflexionsmuster und der inhaltliche Regress der theoretischen Substanz selbst befinden sich auf zwei verschiedenen Ebenen, deren Zusammenhang unmittelbar gar nicht einsichtig ist.
Betrachten wir den Regress, wie er sich primär in einer formallogischen Erstarrung der Denkformen zu erkennen gab. Die dinglichen Muster des intellektuellen Wiederkäuens und des abstrakten Erkenntnisklopfers auf der einen und der identitätslogischen Keule auf der anderen Seite resultierten in einer Distraktion von „Darstellung“ und „Kritik“. Diese erkenntnistheoretische Verkrustung ist fraglos gegen die Marxsche „Kritik durch Darstellung“ gerichtet.
Für Marx sind „Darstellung“ und „Kritik“ sich wechselseitig befruchtende Momente innerhalb des Reflexionsprozesses – und nicht zwei sich konträr gegenüberstehende Entitäten. Dass die Darstellung der zu behandelnden Theorie gerade in ihrem kritischen Nachvollzug besteht, machte sie erst zu einer kritischen Darstellung. Und auch die daraus gewonnene Kritik ist zugleich Darstellung ihrer neu erzielten Erkenntnisse, die in einer darstellenden Kritik in Referenz zum Stand der Theoriebildung und vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Konstellation des zerfallenden Weltkapitals eruiert werden müssen. Entsagt die Darstellung des Gegenstands jedoch an sich jeder Reflexion auf seine inhärente Genesis, negiert auch die Kritik ihren eigenen darstellenden Charakter, sodass die abstrakten Resultate des Gegenstands als kritiklose Darstellung und diejenigen der eigenen „Kritik“ als darstellungslose Kritik aufeinanderprallen.
Aus dieser Kollision von kritikloser Darstellung und darstellungsloser Kritik geht nun die identitätslogische Operation des Keulenschlags hervor. Die sich dabei herauskristallisierende Vorgehensweise wird deutlich, sobald man sich das „hermeneutische Verfahren“ der akademischen Assistenzkraft in spe vor Augen führt. Als Modus der „tatsächlichen Kritik“ fungiert es durch den Abstoßungspunkt des kritiklos dargestellten Gegenstands: Ihm wird regelmäßig, wie sie in der zitierten Beiratsmail formuliert, ein „Schema“ insinuiert, das sich „auf jeden Text anwenden lässt, ohne den Text in seinem Kontext in Augenschein zu nehmen“. Dieses weniger ausgewiesene als der gegnerischen Position unterstellte „Schema“ figuriert sodann als Hintergrundrauschen der eigenen „immanenten Kritik“. Sie operiert als „ein hermeneutisches Verfahren, das bei Adorno zentral war“ und das „sich auf den konkreten Gegenstand einlässt und von hier aus tatsächliche Kritik übt.“
Die „tatsächliche Kritik“ besteht somit in einer identitätslogischen Formkonstellation, die trotz wechselnder Gegenstände und Erkenntnisdimensionen mit sich gleichbleibt. Sie gründet in dem negativen Bezug auf den „dargestellten“ Gegenstand, dem von vornherein ein begriffszentriert-subsumtionslogisches „Schema“ unterschoben wird. Diesem subsumtionslogischen „Schema“ wird eine „konkrete“ Analyse entgegengehalten, die sich als anschauungszentriert-hermeneutisches Verfahren von der begriffszentrierten Allmacht dispensiert habe und darum die „tatsächliche Kritik“ verbürge. Über den das anschließende Subtraktionsverfahren nicht überlebenden Rest der gegnerischen Position macht sich schließlich die identitätslogische Keule her („Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“).
Diese sich im Laufe des formallogischen Regresses herausbildende identitätslogische Matrix steht aber nur vordergründig neben oder hinter der inhaltlichen Revision. Wie sich nicht zuletzt im Kampf um die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie aufweisen lässt, konvergiert der formallogische Regress identitätslogischer Metaphysik mit dem inhaltlichen Regress einer historistischen Geschichtsphilosophie. So wurde zuerst bei Robert Kurz und dann auch bei mir in der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ eine subsumtionslogische Begriffszentrierung identifiziert, die aus dem Fetischbegriff als einem „Schema“ die gesamte Menschheitsgeschichte ableite. Demgegenüber wurde die Ablehnung des Fetischbegriffs und die Bestimmung einer „rein konkreten“ Vormoderne als eines „konkreten Gegenstands“ im Geld-Traktat hermeneutisch und anschauungszentriert erschlossen.
Dasselbe Verfahren wurde im Umgang mit den Kritikern der theologischen Wende praktiziert. Ihrer „traditionsmarxistischen“ Position wurde ein „Dialektischer Materialismus“ unterschoben, der in seiner begriffszentrierten Subsumtionslogik die gesellschaftliche Verrücktheit „schematisch“ rationalisiere und damit verfehle. Dem wurde implizit das konkret-spiritualistische Organ als hermeneutische Instanz entgegengehalten, dessen anschauliche Dignität sich einer begriffssubsumierenden Rationalisierung erwehre und deshalb besonders geeignet für die Wahrnehmung der fetischistischen Irrationalität sei.
Und auch der Introjektion außer- und vortheoretischer Inhalte in die Theoriebildung korreliert die identitätslogischen Matrix eines „hermeneutischen Verfahrens“: So wurde alsbald die theoretische Analyse des Leidens an dem gesellschaftlichen Zwangsverhältnis als solche in die Nähe einer begriffszentriert-subsumtionslogischen „Schematisierung“ gerückt, anstelle derer das „konkrete Leiden“ einer anschauungszentrierten Leidensphilosophie ins Blickfeld rückte, das seinerseits nur durch eine vortheoretische Hermeneutik des „Mitleidens“ nachgefühlt werden könne.
Als erstes Resümee lässt sich somit festhalten: Der formallogische und der inhaltliche Regress konvergieren im geschichtsphilosophischen, theologischen und moralphilosophischen bzw. leidensphilosophischen Reduktionismus. Entscheidend ist dabei der strukturelle Gegensatz zwischen einer subsumtionslogischen Begriffszentrierung, die man der Geschichtstheorie von Robert Kurz und meinem Text „Dialektik und Geschichte“ sowie den Kritikern der neuen Religiosität und der theoretischen Analyse des Leidens unterstellte, und einer hermeneutischen Anschauungszentrierung, die sich in der „konkreten“ Vormoderne, im „konkreten“ spiritualistischen Organ und in der „konkreten“ Leidensphilosophie manifestiert.
Nun erweist sich dieser Gegensatz jedoch als ein Produkt der identitätslogischen Metaphysik moderner Vernunft. Die Opposition von begriffszentrierter Subsumtionslogik und anschauungszentrierter Hermeneutik ist eine immanente Polarität der modernen Form Theorie. In ihr treten zwei Momente des identitätslogisch präformierten Denkprozesses in verschiedene theoretische Konzeptionen auseinander. Diesen identitätslogischen Reflexionsprozess moderner Vernunftmetaphysik gilt es zumindest anzudeuten.
Zunächst einmal existieren die „Weltgegenstände“ in ihrer realen Mannigfaltigkeit. Aber die Unterschiedlichkeit der „Weltgegenstände“ muss dem metaphysischen Identitätsanspruch weichen, dessen allgemeine Erkenntnis die Gleichsetzung des Unterschiedlichen und seine deduktive Unterordnung voraussetzt (begriffszentrierte Subsumtionslogik). Nur das, was sich aus der Disparität der Gegenstandswelt als Identisches herausheben und dadurch miteinander vergleichen lässt, hat für dieses Bewusstsein einen Wahrheitswert. Weil die „Weltgegenstände“ aber nicht gleich sind, entgeht der identitätslogischen Metaphysik damit ein ganzes Reservoir an Objektbereichen; ein Mangel an Einsicht, mit dem sich der androzentrische Universalismus nicht begnügen kann.
Indem nun nicht mehr die abstrakten Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede zwischen den Gegenständen in den Fokus rücken, hat sich die Perspektive der identitätslogischen Metaphysik gedreht. Aber ihr Modus bleibt nach wie vor der identitätslogische, weshalb sie andererseits die Besonderheiten nur als Spaltung in zusammenhangslose Differenzen (anschauungszentrierte Hermeneutik) zu denken vermag, womit sie diese Singularitäten vermittlungslos und für sich nehmend aus sich selbst heraus zu erklären sucht. Es ließe sich sagen, dass die identitätslogische Metaphysik moderner Vernunft daran krankt, dass sie die Vermittlung nur als Gleichsetzung (allgemeine Erkenntnis der begriffszentrierten Subsumtionslogik) und Differenz ausschließlich als Spaltung (besondere Erkenntnis durch die anschauungszentrierte Hermeneutik) perzipieren kann, weshalb sie auch von Anfang bis Ende kategorial unwahr ist.
Diese dem „eisernen Gehäuse“ (Max Weber) der Wissenschaftsmetaphysik immanente Polarität von begriffszentrierter Subsumtionslogik und anschauungszentrierter Hermeneutik lässt sich indessen auf einer noch höheren Abstraktionsebene bestimmen. Der strukturelle Gegensatz von subsumtionslogischer Kausalitätsideologie und hermeneutischer Kontingenzideologie korreliert demjenigen von „strukturtheoretischem“ Objektivismus und „handlungstheoretischem“ Subjektivismus. Auch wenn zwischen beiden kein eindimensionales Zuordnungsverhältnis möglich ist, lässt sich zwischen begriffszentriert-subsumtionslogischer Kausalitätsideologie und metaphysischem Objektivismus ebenso eine Affinität feststellen wie andererseits zwischen anschauungszentriert-hermeneutischer Kontingenzideologie und metaphysischem Subjektivismus.
Kommen wir zur „tatsächlichen Kritik“ von Rest-Exit zurück, so lässt sich ihr Status nun konzise benennen: Gegen das unterschobene „Schema“ des subsumtionslogischen Objektivismus bei Robert Kurz, mir selbst, den Kritikern der neuen Religiosität und den analytischen TheoretikerInnen der Leiderfahrungen wird die angeblich „immanente Kritik“ eines hermeneutischen Subjektivismus gesetzt. Damit sind wir in jener Dimension angelangt, die den formallogisch-inhaltlichen Regress von Rest-Exit in kategoriale Reflexionsbestimmungen kritisch aufzuheben vermag: Er besteht im Rückfall einer ehemaligen Wert-Abspaltungs-Kritik in eine subjektivistische Metaphysik.
Auf dieser Grundlage vermag jedoch auch der Wahrheitswert der Rest-Theorie nur mehr eine subjektivistische Dimension zu beanspruchen. Kenntlich wird dieser Zusammenhang abermals beim Scholzschen Theoriezombie. In seinem Text zum „Neuen Realismus“ bezieht er sich in seinem „Fazit“ auf einen Text von Claus Peter Ortlieb mit dem Titel „Bewusstlose Objektivität“. Wenn er das Resümee mit den Worten beginnt „Ich möchte diesen Aufsatz nun den Ansätzen von Meillassoux, Srnicek/Williams und Brassier gegenüberstellen (!)…“[183], ist die subjektivistische Perspektive auch semantisch ratifiziert worden.
Und worauf ist diese „Gegenüberstellung“ wohl gestoßen worden? Ganz einfach: „Ortlieb stellt somit das Subjekt und den Korrelationismus ganz anders infrage als Meillaissoux und Brassier.“ So was aber auch. Und warum gelingt ihm das? Weil er eben „die mathematischen Naturwissenschaften von vornherein als entsprechende Denkformen, verankert in realgesellschaftlichen kapitalistisch-patriarchalen Vergesellschaftungsweisen, analysiert.“[184] Der subjektivistische Geltungsanspruch erinnert in seiner „Gegenüberstellung“ von Ortlieb und Meillaissoux bzw. Brassier nicht zufällig an diejenige der Leiderfahrungen auf Seiten des seelenlosen Adorniten-Heiden. Hier wie dort bleibt schließlich nur mehr das Konstatieren einer abstrakten Differenz, die objektiv inhaltlich unbegründet bleibt. Ortlieb habe als Wert-Abspaltungs-Kritiker die Naturwissenschaften eben „ganz anders analysiert“.
Dieser „handlungstheoretische“ Einschlag lauert mittlerweile an jeder zweiten Ecke. Das betrifft einmal mehr die Traktate der Hilfsdozentin in spe. Im Fortgang ihres Artikels zum „Neuen Realismus“ kommt sie wiederholt auf das „Ding an sich“ von Kant zurück, das bei den „Realisten“ eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Über Meillassoux und seinen Umgang mit dem kantischen „Objekt“ wird angemerkt: „Es geht ihm im Grunde um ein reines Denken ohne Subjekt, das eine Welt ohne Menschen vorstellbar macht. Da war selbst Kant noch bescheidener, der erkannte, das ‚Ding an sich’ gibt es zwar irgendwie, aber man kann es nicht erkennen.“[185]
Meillassoux begehe durch sein „reines Denken“ eine objektivistische Mystifizierung, der gegenüber sich das kantische „Ding an sich“ beinahe schon als ideologiekritischer Einwand ausnimmt. Indem dem Aufklärer dann noch eine der obersten aller Bürgertugenden zugute gehalten wird, wissen bei Rest-Exit ganz eigene Maßstäbe zu avancieren: radikale Gesellschaftskritik mag alles Mögliche sein, mit Sicherheit aber ist sie niemals „bescheiden“. Für das Reflexionsniveau der Artikel vom Scholzschen Theoriezombie, das kann nicht bestritten werden, passt dieses Attribut allerdings wie maßgeschneidert.
Andernorts rekurriert er noch einmal auf das „Ding an sich“. Nicht nur die „neuen Realisten“ scheinen „geradezu fanatisch darauf fixiert“ zu sein. So wird gegen diese geltend gemacht: „Zum ‚Ding an sich’ kommen die neuen und spekulativen Realisten und Akzelerationisten freilich nie…“[186] Zwischen den Zeilen lautet auch hier das Credo: Da war der Kant schon weiter. Das Resümee am Ende des Artikels postuliert in diesem Sinne: „Insofern wäre das ‚Ding an sich’ transparent zu machen und nicht noch weiter zu verschwurbeln. Die ganze Problematik ist anzuerkennen und nicht ideologisch auf bloße Schein-Ebenen (…) ideologisch zu verlagern.“[187]
Die von Kant entworfene „ganze Problematik“ einer durch und durch identitätslogischen Philosophie sei also „anzuerkennen“ und nicht zu „verschwurbeln“. Daher sei das „Ding an sich“ als ideologiekritische Komponente gegen „Akzelerationisten“ und „Neue Realisten“ stark zu machen. Die Spitze dieser Unkritik besteht in einem finale furioso, das darin gipfelt, das mystische „Ding an sich“ nicht etwa erkenntniskritisch zu destruieren, sondern „transparent“ zu machen. Jetzt geht uns endlich ein Licht auf, wie es um die „wert-abspaltungs-kritische Kant-Kritik“ bestellt ist: Es handelt sich nicht um eine Kritik an, sondern eine mit Kant: Mit Kant gegen den „neuen Realismus“ lautet also die Devise!
Dieser subjektivistische Geltungsanspruch geht mit einer weiteren Verzerrung einher. Da die objektive Vermittlung der fetischistischen Konstitution immer stärker außer Blick gerät, erscheinen die behandelten Gegenstände zusehends als unmittelbare Gegebenheiten. Der Tendenz nach jedwede theoretische Abstraktion unter den Verdacht der begrifflichen Ableitungslogik stellend, verhärten sich die jeweiligen Objekte zu vermittlungslosen und unmittelbar gegebenen Positivitäten.
Nehmen wir den zustimmenden Rekurs auf die „Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund, was Rassismus und Sexismus der ‚Schwachen’ und ‚Überflüssigen’ anbelangt“, mit dem die Bedeutung von Ideologiekritik hervorgehoben werden sollte. Dass die „Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund“ dezidiert keine Ideologiekritik, sondern Affirmation des Subjektzerfalls betreiben und deshalb ihrer womöglich wahren Momente zum Trotz unwahr bleiben, fällt beim subjektivistischen Positivismus unter den Tisch. Sie sind; warum sich nicht auf sie in „ideologiekritischer“ Perspektive beziehen?
Auch in dem „Realismus“-Artikel findet sich diese positivistische Unmittelbarkeit. Gegen die naturwissenschaftlichen Segmente von „neuem“ und „spekulativem Realismus“ wendet die akademische Anwärterin ein, diese würden ihre Denkform ungebührlich überstrapazieren. Dem hält sie entgegen: „Dabei gälte es wieder einmal dem ‚Vorrang des Objekts’ (Adorno) stattzugeben, das kann im Hinblick auf bestimmte Gegenstände heißen, dass sie nur (!) mathematisch oder naturwissenschaftlich (!!!) erfasst werden können.“[188] Die Naturwissenschaft ist eine Denkform, das muss genügen. Woher und warum, ob kritisch oder ideologisch, das ist hier inzwischen völlig schnuppe.
Weil der Subjektivismus zwangsläufig den Bezug zur inhaltlichen Objektivität gekappt hat, weiß die akademische Hilfskraft am Ende nicht mehr, was genau sie eigentlich denken wollte. Hieß es in dem Artikel wenige Seiten zuvor noch, die „mathematischen Naturwissenschaften“ seien „von vornherein als entsprechende Denkformen“ zu betrachten, „verankert in realgesellschaftlichen kapitalistisch-patriarchalen Vergesellschaftungsweisen“, wird nun verkündet, dass manche Gegenstände „nur mathematisch oder naturwissenschaftlich erfasst werden können“.
Entweder sind die „naturwissenschaftlichen Denkformen“ tatsächlich „kapitalistisch-patriarchal“ konstituiert und damit immer unwahr oder sie sind in Bezug auf einzelne Gegenstände der einzige wahre und adäquate Gegenstandsbezug. Beides zusammen schließt sich aus – zumindest, solange noch ein Kriterium der inhaltlichen Objektivität prävaliert. Die Auseinandersetzung mit den „Realisten“ kulminiert in dem Urteil: „Die Naturwissenschaften sind immer unwahre Denkformen, die Naturwissenschaften sind manchmal die einzig wahren Denkformen.“ Oder, in der einfachsten Aussagestruktur von Subjekt, Prädikat und Objekt ausgedrückt: „Die naturwissenschaftlichen Denkformen haben keinen Wahrheitswert, sie haben einen Wahrheitswert.“ Nun lässt sich endlich verstehen, warum sich dieses Denken selbst nicht mehr ernst nehmen kann.
Dieser subjektivistische Positivismus bestimmt den status quo von Rest-Exit. Da die Theoriezombies nicht nur nichts Neues, sondern gar nicht mehr eigenständig und bestimmt denken können, lebt ihr eigener Inhalt von einem kruden Aneignungspositivismus. Er bedient sich für jede Dimension seines Reflexionsregresses beim Warenkorb der Theorieangebote, die natürlich gemäß seiner subjektivistischen Präferenz ausgewählt werden.
Für die Kapitalkritik wird (vorerst) noch Robert Kurz ausgeschlachtet; die „Erkenntniskritik“ schnappt sich wahlweise das „hermeneutische Verfahren“ Adornos oder das kantische „Ding an sich“; die „Geschichtstheorie“ adaptiert die historistische Esoterik des wertkritischen Draculas, während man sich bezüglich der Naturgegenstände „Mathematik“ und „Naturwissenschaft“ einverleibt hat. Für die „Ideologiekritik“ hat schließlich eine Aneignung von „Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund“ stattgefunden. Dass sich dieser subjektivistische Eklektizismus für Arme auch noch als „immanente Kritik“ ausgibt, unterstreicht einmal mehr die theoretische Unzurechnungsfähigkeit dieser Leute.
Sobald jedoch der subjektivistische Geltungsanspruch vom status quo des Inhalts Besitz ergriffen hat, gerät nicht nur die gegenwärtige Artikelproduktion der Textmanufaktur unter den „handlungstheoretischen“ Bann. Der formallogisch-inhaltliche Regress der „faulen Dissidenz“ hin zum bürgerlichen Subjektivismus ist mit der dialektischen Fetischkritik derart unvereinbar, dass er zum Zweck seiner impliziten Legitimierung den gesamten Theorieprozess „kategorialer Kritik“ einer Revision unterziehen musste.
Auch in diesem Unterfangen erweist sich der Aneignungspositivismus als höchst fruchtbar. So hat jede Ära der glorreichen Geschichte der Wert-Abspaltung zur Freude der Exit-Zombies eine subjektivistische Gallionsfigur hervorgebracht. Für die Durchsetzungsepoche des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wird zunehmend der subjektivistische Urideologe Kant mit seinem „Ding an sich“ im Vergleich zur objektivistischen Subsumtionslogik Hegels als „tatsächliche Kritik“ wahrgenommen.
Für die Modernisierungsepoche repräsentiert vor der Folie des Marxismus und seiner von Hegel übernommenen objektivistischen Metaphysik der Subjektivismus Adornos in seinem „hermeneutischen Verfahren“ die „tatsächliche Kritik“. Sie kann mitunter auch in Gestalt des „dialektischen Bilds“ von Walter Benjamin auftreten. Die postmoderne Epoche der Fundamentalkrise offeriere als „tatsächliche Kritik“ schließlich einen Zerfallssubjektivismus, der „vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Untersuchungen“ als Gegengewicht zur hegelianisch-objektivistischen Wertkritik inkorporiert wird. Ohne mit der Wimper zu zucken, hat sich die Theoriegeschichte „kategorialer Kritik“ in einen „handlungstheoretischen“ Ahnenkult verwandelt, der die historischen Spuren ihrer wirklichen Tradition getilgt hat.
Damit ist jene kategoriale Dimension in theoretischen Reflexionsbestimmungen ausgedrückt worden, in der die Ursache sowohl für die Exit-Spaltung als auch für den formallogisch-inhaltlichen Regress von Rest-Exit begründet liegt. Was die Spaltung betrifft, so ist heute nicht mehr zu übersehen, dass es in ihr nicht um belanglose Fragen in randständigen Bereichen der Theoriebildung und schon dreimal nicht um das „persönliche Verhalten“ oder die psychologische Verfasstheit von Individuen ging. In ihr wurde die zukunftsträchtige Frage nach dem „Quo vadis?“ ausgetragen: Radikale Fetischkritik oder Absturz in das „eiserne Gehäuse“ einer subjektivistischen Metaphysik? Im Falle der Textmanufaktur hatte der Teufelspakt die Richtung unwiederbringlich vorgezeichnet.
Die realfetischistische Dialektik von Objektivität und Subjektivität
Die Rückbildung der Wert-Abspaltungs-Kritik in einen kategorialen Subjektivismus lässt verständlich werden, warum in der Rest-Theorie kein Stein mehr auf dem anderen steht. Sich im „eisernen Gehäuse“ modernisierungsideologischer Denkformen einrichtend, konnten Rest-Redaktion und -Vorstand es nicht bei einer stückweisen Modifikation radikaler Gesellschaftskritik belassen. „Kategoriale Kritik“ gibt es ganz oder gar nicht. Sie wird entweder auf der Höhe der Zeit radikalisiert oder sie fällt zurück in die Paradigmen der bürgerlichen Theoriegeschichte.
Fraglos verweist diese Revision auf eminente theoretische Unklarheiten weit über Rest-Redaktion und -Vorstand hinaus. Wenn in nur sieben Jahren nach der Spaltung der gesamte Ansatz in einen metaphysischen Subjektivismus heruntertransformiert werden konnte, dann wird nachträglich plastisch, wie gefährdet die basalen Koordinaten „kategorialer Kritik“ damals bereits waren. Das fordert nachgerade dazu auf, die sich hier niederschlagende Problemstellung einmal grundsätzlich anzugehen.
Was nun die subjektivistische Metaphysik anbelangt, so besteht ihre epistemische Keimzelle in der identitätslogischen Matrix einer Subjekt-Objekt-Dichotomie. Diese Subjekt-Objekt-Dichotomie produziert die „Gegenüberstellung“ von kritiklos-dargestelltem Objekt und der darstellungslosen Kritik der eigenen „Theorie“, wobei die „interdisziplinäre“ Adäquatheit der aufgesammelten subjektiven Denkformen mit ihren jeweiligen Gegenständen stipuliert wird. Diese subjektivistische Geltung speist sich aus dem Identitätsurteil: Man müsse eben nur für jedes Objekt (Naturgegenstände, Ideologiekritik, Geschichtsphilosophie) die passenden Denkformen des Subjekts („Mathematik“ und „Naturwissenschaft“, Poststrukturalismus, Historismus) auffinden. Innerhalb der Subjekt-Objekt-Dichotomie übernimmt damit das Subjekt durch seine Wahl der richtigen Denkformen den Part des konstitutiven Faktors; ihm wohnt die Geltung innerhalb dieser Dichotomie inne.
Dieser konstitutive Faktor des Subjekts lässt sich jedoch als ein realer Schein dechiffrieren. Nachweisbar ist das bei Rest-Exit selbst: Nur dem Anschein nach hängt die wahre Erkenntnis vom Subjekt und der Wahl seiner Denkformen ab. Wie zu zeigen war, tritt das Subjekt mit bereits identitätslogisch präformierten Reflexionsformen an seine Gegenstände heran. Es tritt im Erkenntnisprozess nicht als autonomer Akteur auf die Bühne, sondern ist selbst das Produkt einer ihm vorausreichenden Objektivierung: Die Gedankenformen des Subjekts erweisen sich als objektivierte Gedankenformen, denen von Anbeginn an die identitätslogische Gleichartigkeit von Subjekt und Objekt eingeschrieben ist.
Sofern aber das Subjekt in seinen Gedankenformen selbst das Ergebnis einer identitätslogischen Objektivierung darstellt, hat es nur scheinbar eine konstitutive Rolle inne. Das sich als Konstituens darbietende Subjekt ist in Wahrheit ein Konstitutum, nicht Bedingung der Erkenntnis, sondern selbst ein Bedingtes. Deshalb handelt es sich nicht um ein souveränes Erkenntnissubjekt, an dessen Geltung die wahre Erkenntnis hinge, sondern um eine von dem objektivierenden Prozess der identitätslogischen Metaphysik konstituierte Subjektivität.
Vor diesem Hintergrund muss die Subjekt-Objektiv-Dichotomie einer Korrektur unterzogen werden. Erweist sich die Kategorie des Subjekts als eine ideologische Verzerrung, die dem Konstitutum die Geltung eines Konstituens unterjubelt, dann kommt, wenn schon, eine Subjektivität-Objekt-Dichotomie zum Tragen. Da die Subjektivität als Konstitutum jedoch nicht die erste Stelle im Identitätsurteil besetzen kann, ist eine weitere Berichtigung vorzunehmen: korrekter wäre von einer Objekt-Subjektivität-Dichotomie zu sprechen.
Nun stellt sich allerdings die Frage, was es mit diesem objektivierenden Reflexionszwang der identitätslogischen Metaphysik auf sich hat. Woher stammt ihre metaphysische Geltung, die der Subjektivität und ihrer Gedankenformen vorausgeht? Nichts in der Welt steht für sich, sondern ist immer durch anderes vermittelt, was auch auf den identitätslogischen Denkzwang zutrifft. Und tatsächlich rührt er von einer paradoxen Doppelung der modernen Form Subjektivität her.
Denn diese Subjektivität existiert nicht nur als wissenschaftsmetaphysische Erkenntnissubjektivität, deren Reflexion die objektivierten Gedankenformen voraussetzt. Sie tritt ebenso als „realmetaphysische“ Subjektivität auf, deren Handlungen unter den Bedingungen von objektivierten Daseinsformen statthaben. Wie die wissenschaftsmetaphysische Erkenntnissubjektivität darauf vergattert ist, in den objektivierten identitätslogischen Mustern zu reflektieren, ist auch die „realmetaphysische“ Subjektivität dazu verdonnert, in den objektivierten Handlungsmustern zu agieren.
Diese merkwürdige Verdoppelung der Subjektivität hat ihren Grund darin, dass sich im kapitalistischen Patriarchat theoretische Reflexion und praktisches Handeln voneinander abspalten – womit es unter das typische Merkmal einer Fetischgesellschaft fällt. Weil sich der gesellschaftliche Zusammenhang zu einem blinden Selbstzweck verselbständigt hat, erzwingt das „automatische Subjekt“ (Marx) die blinde praktische Exekution der Selbstverwertung – das heißt die Verbrennung abstrakter Arbeitssubstanz auf immer höherer Stufenleiter –, bevor die Subjektivität sich über diesen vorgängigen Handlungszwang eine theoretische Rechenschaft ablegen könnte. Es gilt für die in die Subjektivität gebannten Individuen der Satz von Marx: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“.
Dieser Zusammenhang ist für die wissenschaftsmetaphysische Subjektivität deshalb keineswegs einsichtig. Der objektive und unerbittliche Zwang des Fetischhandelns „realmetaphysischer Subjektivität“ in der „praktischen Praxis“ erscheint als ein eherner Naturzwang; von diesem scheinbaren Naturzwang strukturell getrennt, kann sich die wissenschaftsmetaphysische Subjektivität in ihrer „theoretischen Praxis“ (Robert Kurz) immer nur nachträglich auf das eigene Fetischhandeln in den objektivierten Daseinsformen beziehen. Da sich der objektive Zwang zum Fetischhandeln als „Naturnotwendigkeit“ darbietet und damit aus der Reflexion verschwindet, erklärt sich der ideologische Gehalt „affirmativ-kritischer“ Interpretationstheorien: Indem sie das fetischistische Wesen der Gesellschaft ontologisch voraussetzen, ist ihre Kritik zwangsläufig akzidentiell-interpretativ, niemals aber kategorial-negierend.
Tritt die wissenschaftsmetaphysische Erkenntnissubjektivität der „theoretischen Praxis“ erst nachträglich und durch eine strukturelle Getrenntheit von ihren „realmetaphysischen“ Handlungsformen der „praktischen Praxis“ auf den Plan, ist sie deswegen noch lange nicht von den objektiven Handlungsmustern unabhängig. Ihre „affirmativ-kritischen“ Interpretationsideologien verdanken sich gerade der Ausblendung des objektiven Zwangs zum Fetischhandeln, weshalb sie auch dessen konstitutive Geltung für die eigenen objektivierten Gedankenformen verkennen.
Dem Urteil der Subjekt-Objekt-Dichotomie „Das Subjekt ist dem Objekt identisch“ liegt sehr wohl ein realgesellschaftlicher Referenzpunkt zugrunde: Die identitätslogische Metaphysik der wissenschaftlichen Erkenntnissubjektivität („theoretische Praxis“) ist die zur geronnenen Reflexion sich perpetuierende Gedankenabstraktion, welche die „realmetaphysische“ Subjektivität in der „praktischen Praxis“ der objektivierten Handlungsformen täglich dutzende Mal in dem Urteil der Geldsubjektivität über die am Markt vorhandenen Waren vollzieht: „x Geld ist y Ware identisch.“
Indessen beschränken sich die objektivierten Daseinsformen der „realmetaphysischen Subjektivität“ nicht auf die Geldsubjektivität. Sie wird ihrerseits durch eine widersprüchliche Konfiguration bestimmt: Während es einerseits als Geld- und Warensubjektivität Teilnehmer des Marktes ist und daher als „realmetaphysische“ Marktsubjektivität auftritt, existiert es innerhalb der „praktischen Praxis“ auch als „realmetaphysische“ Subjektivität der „abstrakten Arbeit“, dazu gezwungen, in den betriebswirtschaftlichen Räumen ihre Arbeitskraft verwerten zu lassen.
Weil den objektivierten Handlungsformen der Geldsubjektivität am Markt diejenigen von Arbeits- und Konkurrenzsubjektivität vorangehen, basiert das Urteil über die am Markt feilgebotenen Gebrauchswerte in letzter Instanz auf der realen Abstraktion Arbeit. Die identitätslogische Abstraktion der wissenschaftsmetaphysischen Subjektivität in der „theoretischen Praxis“ wird bewusstlos durch die fetischistische Realabstraktion des Fetischhandelns in der „praktischen Praxis“ konstituiert. Die Identitätslogik ist gewissermaßen der metaphysische Abkömmling des unbegriffenen gesellschaftlichen Zwangs zur „realmetaphysischen“ Realabstraktion Arbeit.
Kehren wir wieder zur basalen subjektivistischen Erkenntnismatrix zurück, so ist ihr Geltungsanspruch noch einmal zu korrigieren. Wurde in einem ersten Anlauf innerhalb des Identitätsanspruchs von Subjekt und Objekt der Schein des Subjekts als Konstituens der Urteilsbildung desavouiert und in eine konstituierte Subjektivität überführt, soll nun der zweite Pol dieses versteinerten Verhältnisses, das Objekt, zum Tanzen gebracht werden. In der subjektivistischen Subjekt-Objekt-Dichotomie ist es abhängig von den Denkformen des Subjekts und somit bereits auf es zugeschnitten. Indem sich das Subjekt sein Objekt „gegenüberstellt“, wird das Objekt zum Konstitutum degradiert, das sich den Denkformen des Subjekts zu beugen habe.
Aber so bietet es abermals nur der reale Schein des gesellschaftlichen Verhältnisses dar. Bekanntlich scheint das jeweilige Erkenntnisobjekt (z.B. der Naturgegenstand) nur ein Naturobjekt oder stoffliches Objekt zu sein. Realiter wird es entweder durch die Realabstraktion Arbeit hergestellt oder aber zumindest der Waren- und Wertform subsumiert, sodass die „Objekte“ durch den realfetischistischen Konstitutionsprozess nur als Repräsentanz „abstrakter Arbeit“ innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Wert- und Kapitalform fungieren. Die „Objekte“ sind gar keine solchen; sie sind lediglich der stoffliche Repräsentant der realabstrakten Substanz Arbeit, deren gesamtgesellschaftliche Verwertung über ihre Existenz entscheidet. Die „Objekte“ gelten nur als objektivierte Repräsentanz der gesamtgesellschaftlichen Fetischsubstanz Arbeit, sie sind sozusagen nur der stoffliche Schein einer zur versachlichten „Realmetaphysik“ objektivierten Fetischkonstitution.
Das bedeutet zugleich, dass die „Objekte“ nicht durch die Subjektivität konstituiert werden – weder in der „praktischen Praxis“ der „realmetaphysischen“ Handlungsformen noch in der „theoretischen Praxis“ der metaphysischen Denkformen. Sie werden stattdessen von der versachlichten Objektivität der Fetischgesellschaft präfiguriert: Dem objektiven Selbstzweck der „Verwertung des Werts“ subordiniert, prozessiert die fetischistische „Gesamtpraxis“ als in sich dynamische „Realmetaphysik“, wobei ihre Dynamik durch die fortwährende Akkumulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals gesetzt wird. Weil dieser Selbstzweck einen blinden Zusammenhang abgibt, ist auch sein Gefüge von inneren Spaltungen durchzogen.
Die versachlichte Objektivität der fetischistischen „Gesamtpraxis“ qua fortwährender „Verwertung des Werts“ kann sich nicht unmittelbar durch sich selbst vollziehen. Der fetischistische Selbstzweck der Verwertung ist auf das blinde Mittel der universellen Konkurrenz am Markt angewiesen. Die fetischistische „Gesamtpraxis“ fällt daher in zwei Sphären auseinander: die Produktion des (Mehr)Werts in den betriebswirtschaftlichen Räumen der „abstrakten Arbeit“ und seine Realisation innerhalb der universellen Konkurrenz am Markt. Es handelt sich um einen in sich widersprüchlichen Vermittlungszusammenhang, der beständigen Friktionen unterworfen ist.
Dieser widersprüchliche Zusammenhang drückt sich in einer spannungsreichen Konstellation aus. Die in den betriebswirtschaftlichen Räumen hergestellte gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse fließt nämlich nicht anteilig den jeweiligen Unternehmen in Form ihrer Profite zu. Andersherum agglomeriert sich die in der Produktion hergestellte gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse „hinter dem Rücken“ (Marx) der Akteure zu einer fetischistischen Gesamtsubstanz, deren Zuteilung an die betriebswirtschaftlichen Einheiten durch den blindwütigen Mechanismus der universellen Konkurrenz am Markt erfolgt. Daher besteht auch kein einsehbares Zuordnungsverhältnis zwischen dem beigetragenen Anteil zur Mehrwertproduktion eines Unternehmens und seinem am Markt realisierten Profit.
Dabei hängt die Existenz der betriebswirtschaftlichen Einheiten daran, dass sie sich in der universellen Konkurrenz mit den anderen Unternehmen behaupten können. Das wiederum bedeutet, dass die eigenen Marktanteile beständig erweitert werden müssen, um die Konkurrenz auszustechen. Diese Erweiterung der Marktanteile ist nur durch eine permanente Verbilligung der Waren möglich. Da diese Verbilligung ihrerseits nur durch die beständige Erhöhung der Produktivität zu gewährleisten ist, findet ein säkularer Anstieg des „konstanten“ gegenüber dem mehrwertbildenden „variablen“ Kapitalteils statt. Das bizarre Resultat dieser blinden Vergesellschaftungsweise besteht schließlich darin, dass diejenigen Unternehmen den größten Profit erzielen, die durch ihren Produktivitätsvorsprung den geringsten Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse leisten.
Doch noch in ihrer versachlichten Objektivität erweist sich die fetischistische „Gesamtpraxis“ einer unaufhörlichen Akkumulation von Kapital als eine in sich gebrochene „Realmetaphysik“. Obzwar dem Kapitalfetisch eine universelle Dimension inhäriert – tritt er doch immer schon als Weltmarkt auf die Bühne –, gibt er dennoch nur einen beschränkten Universalismus ab. Die sich durch die zerstörerische Realabstraktion sowie die universelle Konkurrenz vermittelnde „Gesamtpraxis“ könnte in ihrer eisernen Destruktivität keinen Tag lang überleben; die dem objektiven Selbstzweck der fetischistischen „Gesamtpraxis“ eingelagerte Autodestruktivität würde sich selbst vernichten, wäre sie nicht gleichursprünglich von der Abspaltungsform (Roswitha Scholz) bedingt.
Der negative Universalismus der kapitalfetischistischen „Gesamtpraxis“ setzt die reproduktiven Hege- und Pflegetätigkeiten voraus wie andererseits auch diese von jenem bedingt sind. Die in den objektivierten Handlungsmustern reproduktiver Pflegetätigkeiten sich vollziehende „praktische Praxis“ ist für die fetischistische „Gesamtpraxis“ nicht nur unverzichtbar, sondern erweist sich als ebenso konstitutiv wie die realabstrakte Arbeitssubstanz. Die gesamtgesellschaftliche Reproduktion findet eben nicht nur über die Verwertung der gesamtkapitalistischen Mehrwertmasse statt; sie setzt ebenso die fetischistisch-„substantiellen“ Reproduktionstätigkeiten voraus, ohne deren emotionale, materielle und sinnliche Tätigkeitsinhalte gar keine Reproduktion des Gesamtverhältnisses statthaben könnte. Der negative Universalismus der modernen Fetischvergesellschaftung existiert einzig als in sich gebrochene „Gesamtpraxis“ der Wert-Abspaltungs-Form.
Obzwar sich Wert und Abspaltung als paradoxes Vermittlungsverhältnis auf derselben Ebene fetischistischer „Gesamtpraxis“ begegnen, basiert das Patriarchat dennoch auf einer Degradierung letzterer. Die Realabstraktion Arbeit belässt es nicht bei der Herstellung der fetischistischen Substanz in den betriebswirtschaftlichen Räumen „abstrakter Arbeit“. Sie ist gleichzeitig mit einer naturbeherrschenden „Realmetaphysik“ vermittelt, deren inhärenter Konnex von „Naturbeherrschung und Weiblichkeit“ (Elvira Scheich) nicht nur für die zerstörerische Natur- und Umweltaneignung verantwortlich zeichnet, sondern in der beherrschten und „weiblich“ konnotierten Natur auf eine unentgeltliche Ressource für seine wissenschaftliche und technologische Entwicklung trifft.
Die Degradierung der kategorialen Abspaltungsform zieht sich sodann auch durch den gesamten gesellschaftlichen Zusammenhang hindurch. Wie die Abspaltungsform als ebenbürtige und auf derselben Höhe gesellschaftlicher Realabstraktion angesiedelte Form zugleich als minderbemittelte auftreten muss, findet diese Subordination auch im Verhältnis zur Subjektivität statt. Der Subjekt-Status, oder genauer: der Status der Subjektivität ist im kapitalistischen Patriarchat androzentrisch konstituiert. Daraus folgt eine doppelte Diskriminierung: Während die in die weibliche Formbestimmtheit sozialisierten Individuen noch dann einer Minderbewertung ausgesetzt sind, wenn sie selbst als Subjektivität (Arbeits- oder Rechtssubjektivität) auftreten, obliegt ihnen andererseits zugleich die unentgeltliche Hege- und Pflegetätigkeit samt Liebes- und Sexualdienst am Mann. Die „doppelte Vergesellschaftung“ (Regina Becker-Schmidt) der Weiblichkeit hat sich in der postmodernen Fundamentalkrise zu einer „doppelten Degradierung“ zugespitzt.
Diese auf das gebrochene Ganze des kapitalistischen Patriarchats gehenden Reflexionen veranlassen eine letzte Korrektur an der identitätslogischen Subjekt-Objekt-Dichotomie. Das „Objekt“ ist keine von den Denkformen der Subjektivität präformierte und sich ihnen einpassende Entität; so scheint es nur der identitätslogischen Matrix in ihrer kategorialen Beschränktheit. Es ist in Wahrheit eine in sich gebrochene und versachlichte Objektivität, die als Konstituens der selbstzweckhaften und sich selbst vermittelnden „Gesamtpraxis“ die in die androzentrische Subjektform und weibliche Formbestimmtheit gebannten Individuen in ihrer Existenz- und Lebensweise bestimmt.
In diesen radikal erkenntnis- und fetischkritischen Bestimmungen liegt die Essenz „kategorialer Kritik“. Sie beglaubigen das Gefälle zwischen dem Stand der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung und der zombifizierten Theoriesimulation: Nicht in der Subjekt-Objekt-Dichotomie und ihrem identitätslogischen Kriterium, sondern in der realfetischistischen Dialektik von Objektivität (in sich gebrochene fetischistische „Gesamtpraxis“ der Wert-Abspaltung) und Subjektivität („praktische Praxis“ der „realmetaphysischen“ und „theoretische Praxis“ der metaphysischen Subjektivität) liegt der Ausgangspunkt radikaler Kritik.
Nebenbei bemerkt überwindet diese realfetischistische Objektivität-Subjektivität-Dialektik den metaphysischen Denkzwang der Identitätslogik: Sie postuliert gerade nicht die Übereinstimmung von den objektivierten Denkformen der Subjektivität mit ihrem Gegenstand. Stattdessen ist ihr die negative Einsicht inhärent, dass die objektivierten Gedankenformen wissenschaftsmetaphysischer Subjektivität in der „theoretischen Praxis“ der Erkenntnis ihrer Objekte wie der objektiven „Gesamtpraxis“ gerade nicht identisch sind, sondern sie im Gegenteil kategorial torpedieren.
Die realfetischistische Dialektik von in sich gebrochener Objektivität und Subjektivität ist nun selbst in ihrer Gesamtheit ein dynamischer Prozess. Durch die Akkumulation von Kapital auf einer immer höheren Stufenleiter gewinnt der „realmetaphysische“ Prozess fetischistischer Gesamtpraxis eine versachlichte Dynamik, die sowohl die fetischistische Objektivität als auch die „realmetaphysische“ wie metaphysische Subjektivität erfasst und sich außerdem in ihrem Vermittlungsverhältnis auf jeder Stufe des historischen Gangs in sich jeweils neu konfiguriert. Die moderne Fetischvergesellschaftung „prozessiert auf ihren eigenen Grundlagen“, weshalb auch die konkrete Objektivität-Subjektivität-Dialektik sich historisch unterschiedlich darstellt.
Dabei gilt grundsätzlich festzuhalten, dass die realfetischistische Objektivität-Subjektivität-Dialektik nur dann „auf ihren eigenen Grundlagen prozessieren“ kann, wenn beide Momente des Gesamtverhältnisses ineinandergreifen. Einerseits bedarf der Selbstzweck der objektivierten Handlungen und Reflexionen der Form Subjektivität wie der weiblichen Formbestimmtheit: Die „fetischistische Gesamtpraxis“ muss durch die Handlungen und Reflexionen der Individuen hindurch, deren ideologische Widerspruchsverarbeitung für die Reproduktion des Gesamtverhältnisses unverzichtbar ist.
So unabdingbar sich die konstituierten Handlungen und Reflexionen der in die Subjektform und weibliche Formbestimmtheit gezwungenen Individuen auch ausnehmen mögen, hängt ihr Vollzug doch nur mittelbar an ihnen. Konstituiert wird der Selbstzweck von Kapitalakkumulation und Reproduktionstätigkeiten, die eine objektive und versachlicht-„realmetaphysische“ Eigenlogik in Gang bringen. Diese versachlichte Eigenlogik von Verwertung und Akkumulation dominiert die Geltung der subjektiven Handlungs- und Reflexionsinhalte, wie sich vor allem in Krisenprozessen zeigt, wenn die Regale in den Warenhäusern oder heute den Supermärkten aller subjektiven Anstrengungen zum Trotz einfach leer bleiben.
Dieses Verhältnis von versachlichtem Überhang der „Realmetaphysik“ in ihrer objektiven Eigenlogik und ideologischer Verarbeitung der Subjektivität ist immer ein konkret gesellschaftliches und historisches. Sicherlich noch am ehesten kommt der subjektive Beitrag zur Herstellung der versachlichten Fetischkonstitution in der Konstitutionsgeschichte der Wert-Abspaltung zum Vorschein. Der Bruch mit dem vormodernen Fetischverhältnis rieb die transzendent-personalen Handlungszwänge der Individuen auf. Insofern standen der seit dem 15. Jahrhundert entstehenden Proto-Subjektivität vergleichsweise große Handlungsspielräume und eine relative Eigenständigkeit offen.
Aber das ist nur die eine Seite des Verhältnisses. Denn schon in der Konstitutionsgeschichte setzten objektivierende gesellschaftliche Prozesse den Keim zu neuen gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen in die Welt. Der „kategoriale Bruch“ zwischen vormoderner und moderner Fetischkonstitution wurde von den übergreifenden und in Europa formgebenden Prozessen der Feuerwaffenrevolution und der Hexenverfolgung initiiert, die zur Formierung des frühmodernen Proto-Staates führten und den individuellen und proto-subjektiven Handlungsspielraum mit einer neuen Härte begrenzten. Dessen ungeachtet befand sich die Transitionsphase vom 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in einer widersprüchlichen historischen Tendenz: Während die alte transzendent-personale Fetischgesellschaft in Europa Zug um Zug aufgerieben wurde, hatte sich der transzendental-versachlichte Fetisch noch nicht als „Gesamtpraxis“ etabliert.
Mit der Durchsetzungsepoche von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durchlief dieses realfetischistische Verhältnis jedoch eine Metamorphose. Zum ersten Mal „prozessierte“ die moderne Selbstzweckhaftigkeit – vorerst noch sektoral beschränkt – „auf ihren eigenen Grundlagen“, sodass der Kapitalfetisch und die Abspaltungsform aus sich heraus eine objektive gesellschaftliche Dynamik der fetischistischen „Gesamtpraxis“ in Gang setzten. Die in sich gebrochene Objektivität hatte ihre versachlichte Eigenlogik angenommen, die in der „praktischen Praxis“ wie in der „theoretischen Praxis“ von der Subjektivität zu exekutieren ist. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Präponderanz der objektiven Eigenlogik fetischistischer „Gesamtpraxis“ gegenüber der „praktischen“ und „theoretischen Praxis“ von Subjektivität und weiblicher Formbestimmtheit beträchtlich ausgewachsen.
Dieser Prozess vertiefte sich in der frühen und dann der späten Modernisierungsepoche. Die objektive Eigenlogik hatte sich nicht nur über den wissenschaftlich-technischen Apparat den gesamten „Stoffwechselprozess mit der Natur“ dienstbar gemacht, sondern durch die Kommerzialisierung der „Freizeit“ die letzten Räume der Subsistenz und der nicht-warenförmigen Bereiche absorbiert. Diese intensive Durchdringung hatte ihr Pendant in der extensiven Ausweitung der fetischistischen „Gesamtpraxis“, konstituierte sich das Kapital nach dem 2. Weltkrieg bereits als unmittelbar internationaler Weltmarkt.
Damit ist die realfetischistische Dialektik von Objektivität und Subjektivität von einem paradoxen Gefälle gekennzeichnet. Je weiter die Subsumtion unter die Kapitalform historisch voranschritt und je mehr Segmente dem objektiven Selbstzweck untergeordnet wurden, desto mehr wuchs die Präponderanz der versachlichten „Gesamtpraxis“ an, deren objektive Eigenlogik der „Verwertung des Werts“ die Handlungen und Reflexionen der Subjekte immer stärker prädisponierte. Erreicht hat diese fetischistische Geltung der versachlichten „Realmetaphysik“ über die Subjektivität ihren Höhepunkt in der postmodernen Fundamentalkrise des Weltkapitals, in der die postmoderne Zerfallssubjektivität sich unmittelbar der Eigenlogik des transnationalen Weltkapitals ausgesetzt sieht.
Diese Radikalisierung der Kritik zu einer realfetischistischen Objektivität-Subjektivität-Dialektik ist unvermeidlich, möchte sie nicht in die bürgerlichen Aporien zurückfallen. Wie sehr die fragmentierte Theorietradition „kategorialer Kritik“ von dem „eisernen Gehäuse“ moderner Polaritäten geprägt war und welche Anstrengungen es sie kostete, es in mehreren Anläufen aufzusprengen, lässt sich bis in die Exit-Spaltung hinein belegen.
Unterdessen durchläuft nicht nur die realfetischistische „Gesamtpraxis“ einen konkreten historischen Prozess. Auch die „theoretische Praxis“ der Theoriebildung hat eine eigene Theoriegeschichte. Das gilt ebenfalls für die radikale Kritik an der „theoretischen Praxis“ bürgerlicher Wissenschaftsmetaphysik. Dabei hat es den ohnehin marginalisierten und quantitativ nicht ins Gewicht fallenden Elementen einer „kategorial-kritischen“ Theorieentwicklung nicht ohne Grund unzählige Mühen und Anstrengungen bereitet, sich aus dem identitätslogischen Denkzwang der Modernisierungsideologien heraus zu kämpfen. Vor allem in der Durchsetzung- und Modernisierungsepoche, als eine fundamentale Krise des gesellschaftlichen Gesamtverhältnisses bei allen einschneidenden Krisen nicht einmal theoretisch wirklich in Betracht kam, erwies sich die fragmentierte Theorietradition „kategorialer Kritik“ als ambivalent.
Um den affirmativen Schlacken ihrer Theoriegeschichte nachzuspüren, muss bis zur hegelschen Weltgeist-Philosophie zurückgegangen werden. Schließlich war sie in verschiedener Hinsicht relevant für die Entwicklung der Marxschen Kritik. So standen die Jahrzehnte von etwa 1820 bis 1850 im deutschsprachigen Raum auch ganz im Zeichen Hegels. Wie andernorts schon einmal dargelegt[189], zeichnet sich das hegelsche System durch eine besonders raffinierte Variante bürgerlicher Identitätslogik aus. Die ihr zugrunde liegende wechselseitige Subsumtionslogik prägt Form und Inhalt dieses Denkens: Die vom Weltgeist erhobene „absolute Identität“ (Hegel) von „Begriff“ und „Anschauung“ durchzieht seine gesamte Philosophie auf jeder Stufe ihrer Entwicklung. Die Trias der Identitätslogik wurde zu einer objektivistischen Reflexionsbewegung, sodass sich die idealistische Identitätslogik einer wechselseitigen Identität von Begriff und Anschauung als geheimer Motor des historischen Prozesses offenlegen lässt. Dieser idealistische Objektivismus strahlte bekanntlich auf die diversen „Junghegelianer“ aus.
Dass Marx in der Tradition von Hegel steht, lässt sich direkt oder indirekt in allen seinen drei Werkphasen nachweisen. Diese Linie seiner Theoriebildung gehört dem „exoterischen“, bürgerlichen Marx an, der die ideologischen Versatzstücke der zu seiner Zeit kursierenden Theorien natürlich nicht alle auf einmal abschütteln konnte. Entscheidend für seine letzte, von Engels endgültig zum „Historischen Materialismus“ verzerrte, Werkphase war die Adaption von Hegels objektivistischer Metaphysik, die bekanntlich materialistisch gewendet wurde. Statt der idealistischen Identitätslogik einer „absoluten Identität“ von „Begriff“ und „Anschauung“ stützt der „exoterische Marx“ sich auf die materialistische Identitätslogik eines teleologischen Klassenkampfes. In ihm führt der geerdete Weltgeist eine regelmäßige Abfolge von Zuspitzungen in den Klassenverhältnissen herbei, sodass die Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse zu sprengen beginnen, bis mit kausaler Notwendigkeit die klassenlose Gesellschaft eintreten werde. Die marxistische Theoriebildung folgte nicht nur in der Sowjetunion diesem materialistischen Objektivismus in weiten Teilen, den sie als „historischen“ oder „dialektischen Materialismus“ bezeichnete.
Dieser aus der marxistischen Theoriegeschichte stammende objektivistische Überhang war lange der weitverbreitete status quo des Marxismus. Doch als quasi über Nacht das „real existierende revolutionäre Subjekt“ der staatskapitalistischen Sowjetunion zusammenbrach, wurde dieses Paradigma endgültig obsolet: Wenn mit dem östlichen Staatskapitalismus der angebliche Protektor und Katalysator des notwendig eintretenden weltweiten „Sozialismus“ kollabiert war, ließ sich der „historische Materialismus“ einfach nicht mehr mit der realen weltgesellschaftlichen Lage zur Deckung bringen.
Im Unterschied zu allen anderen linken Theorien zog die „fundamentale Wertkritik“ bereits in den 1980ern und dann vor allem den folgenden zwei Jahrzehnten aus dieser Situation ihre weitreichenden Schlüsse. Wenn mit dem „revolutionären Subjekt“ der Sowjetunion auch das Paradigma des „historischen Materialismus“ gegenstandlos geworden ist, musste mit der kategorialen Grundlage dieses Paradigmas und seiner Theoriebildung etwas im Argen liegen. Die „fundamentale Wertkritik“ zog erstmalig die Konsequenz einer radikal kritischen Aufarbeitung von Gegenwart und Vergangenheit der Linken.
Es ist hier nicht der Ort, die einzelnen inhaltlichen Stränge der „fundamentalen Wertkritik“ darzulegen, bis sie in der krisis-Gruppe einen institutionellen Ausdruck fand. Hervorzuheben ist jedoch, dass sowohl die radikale Eigenständigkeit der Theoriebildung als auch das Primat des negativen Inhalts gewissermaßen als Effekte dieses reflektierten Zurücktretens hinter die Immanenz der marxistischen Modernisierungsepoche zu verstehen sind. Gleichwohl blieb auch die „fundamentale Wertkritik“ von ihrer ideologischen Herkunft gezeichnet, aus der es sich erst heraus zu kämpfen galt. Das verlieh der Theoriebildung in jener Zeit erneut eine widersprüchliche Stellung.
Einerseits vollzog die „fundamentale Wertkritik“ durch den Bezug auf den „esoterischen Marx“ und die Konkretisierung seiner Fetischkritik an der Krisenrealität den Bruch mit dem marxistischen Objektivismus. So gesehen näherte sie sich der fetischkritischen Objektivität-Subjektivität-Dialektik an. Auf der anderen Seite lebte der objektivistische Überhang der marxistischen Tradition fort, wenn auch nicht vorwiegend auf geschichtsphilosophischer, sondern auf kapital- und erkenntnistheoretischer Ebene.
Aus naheliegenden Gründen manifestierte sich dieser unterschwellige Objektivismus der „fundamentalen Wertkritik“ in einer weitgehenden Ausblendung der Subjektivität und ihrer ideologischen Widerspruchsverarbeitung. Dass sich die kapitalistisch-patriarchale Vergesellschaftung zu einem objektiven Selbstzweck verselbständigt hat, nimmt nichts daran zurück, dass diese Verselbständigung durch das Denken und Handeln der Subjekte hindurchgehen muss. Daran ändern auch die Präponderanz der versachlichten Objektivität und die immer kleiner werdenden Spielräume der Krisensubjektivität nichts. Der objektivistische Überhang ging bei Rest-krisis stattdessen so weit, dass die „Ideologisierung der herrschenden Verhältnisse“, also die kontingente Eigenleistung des Bewusstseins bei der Ideologiebildung, von Norbert Trenkle als „fetischistischer Reflex“ auf eine „fetischistische( ) Wirklichkeit“[190] bezeichnet wurde.
Die „strukturtheoretische“ Metaphysik trieb jedoch auch in Sachen Kapitallektüre und -analyse ihre Blüten, wie an anderer Stelle dargelegt wurde.[191] Die weltgeistphilosophisch verhunzte „Wertkritik“ warf allmählich alle kategorialen Bestimmungen der Kapitalkritik – ob die „abstrakte Arbeit“, die „Substanz des Kapitals“, oder die „Verwertung des Werts“ – über Bord, um am Ende zu einer ganz eigenen, jenseitigen Theorie zu gelangen. Die Wertgeister haben eine neue „Ware 2ter Ordnung“ ausgemacht, welche in der „Aktiva-Seite der Zentralbank-Bilanz“[192], also in kreditgewährenden Zahlungsforderungen, bestehe.
Dieser krude Pseudo-Materialismus einer „Ware 2ter Ordnung“ ist das Symptom für den Stand der „Kapitalkritik“ bei krisis. Wenn der Krisenkapitalismus sich von der abstrakten Arbeitssubstanz emanzipiert habe und inzwischen sogar das „fiktive Kapital“ zum „Wachstum“ beitrage, meldet sich der Zweckoptimismus der postmodernen Volkswirtschaftslehre zu Wort. Und so haben sich die objektivistischen Wertgeister nach diversen erfolglosen „Verbreiterungs“-Versuchen in ihr abgewracktes Schloss zurückgezogen, in dem es fortan davon spukt, dass der Krisenkapitalismus seine „Krise (…) überwinden und auf den Wachstumspfad zurückfinden“[193] konnte.
Der Rückfall von Teilen der „fundamentalen Wertkritik“ in den bzw. ihr Hängenbleiben am bürgerlichen Objektivismus bildete den Zündstoff für die krisis-Spaltung. Die Negation der subjektiven Eigenleistung sowie die „strukturtheoretisch“ deformierte Kapitallektüre mussten sich als Hemmnis auf dem Weg zur Wert-Abspaltungs-Kritik erweisen. Gegenüber der „strukturtheoretischen“ Einkleidung einer vermeintlichen Kritik an der Objektivität machten Robert Kurz und Roswitha Scholz damals nicht nur die Gebrochenheit dieser Objektivität geltend, sondern ebenso die Notwendigkeit einer Kritik an der Subjektform. Der objektivistische Überhang der Theoriebildung sollte durch eine Erkenntnis- und Ideologiekritik des Subjekts ausgemerzt werden. Darin liegt der inhaltliche Grund für den Bruch zwischen Exit und krisis.
Dieser theoriegeschichtliche Vorlauf von krisis-Spaltung und Neugründung von Exit ist bedeutsam, möchte man den Mechanismen der Exit-Spaltung auf die Schliche kommen. Bereits der frühe Streit um die Geschichtstheorie spülte die Folgen dieses theoriegeschichtlichen Hintergrunds an die Oberfläche. Er kostete die Gruppe drei aktive AutorInnen und konnte nur deshalb abgewehrt werden, weil Robert Kurz in seiner „Geschichte als Aporie“ die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie in der Auseinandersetzung vor allem mit Ulrich und Wallner verteidigte. Nichtsdestotrotz hatte der historistisch-hermeneutische Angriff auf die noch in ihrem Entstehungsprozess begriffene Geschichtstheorie einen wegweisenden Charakter.
Zum Zwecke der Legitimation ihres Angriffs auf den geschichtstheoretischen Stand, der in Wahrheit der eigenen formallogisch-inhaltlichen Schwindsucht entsprang, griffen die Exit-Zombies zu einem politischen Taschenspielertrick: Er bestand in der inhaltlich nicht ausgewiesenen Suggestion, in der Exit-Spaltung wiederhole sich dasselbe Muster wie in der krisis-Spaltung. So wie ehedem gegen Lohoff und Trenkle müsse auch heutzutage gegen einen hegelianisch-marxistischen Objektivismus vorgegangen werden, der nicht nur mit den „traditionsmarxistischen“ Atheisten, sondern auch mit der Geschichtstheorie von Robert Kurz und meiner Kritik „Dialektik und Geschichte“ in einen Topf geworfen wurde.
Der Theoriebildungsprozess von Rest-Exit ist durch die krisis-Spaltung offenbar sistiert worden. Er hat für die überlebten Theoriezombies im Jahr 2004 einfach aufgehört, um fortan als Endlosschleife einer mystischen Wiederkehr des ewig Gleichen vor sich hin zu blubbern: Im geschichtstheoretischen Bereich mussten die kritische Geschichtstheorie von Robert Kurz sowie meine Intervention „Dialektik und Geschichte“ für ein angeblich subsumtionslogisch-objektivistisches Geschichtsverständnis à la Lohoff und Trenkle Pate stehen. In Sachen theologischer Wende wurde den atheistischen Kritikern ein „historisch-materialistischer“ Objektivismus in Kontinuität mit krisis unterlegt. Und die moralisierende Leidensphilosophie stellte gleich jede analytische Theoretisierung des Leidens unter den Verdacht eines begriffsneutralisierenden Objektivismus’. Die krisis-Spaltung muss auf die Beteiligten derart traumatisch gewirkt haben, dass ihre Verarbeitung nur über den Weg der permanenten Reproduktion jener traumatischen Konstellation möglich zu sein scheint.
In der fetischistischen Wirklichkeit jedoch war statt der ewigen Wiederkehr des Gleichen der Fortgang des Theoriebildungsprozesses in vollem Gange. Während der theoretische Inhalt der objektivistischen krisis-Wertgeister zu einer „gespenstischen Gallerte“ kryptischer Warenordnungen mutierte, veränderte die krisis-Spaltung latent auch die Stoßrichtung bei Exit. Von den Schriften von Robert Kurz abgesehen, trat die Kritik an dem objektiven Kapitalfetisch oder überhaupt der fetischistischen „Gesamtpraxis“ zugunsten soziologischer oder ideologiekritischer und „psychoanalytischer“ Perspektiven zurück. Dieser Umschwung war gewissermaßen ein naturwüchsiges Phänomen: Nach der ersten Phase des objektivistischen Überhangs galt es nun, die Kritik an der subjektiven Dimension sozusagen „nachzuholen“ und auszubauen.
Auf diese Weise wohnte der Wert-Abspaltungs-Kritik eine ähnlich ambivalente Stellung bei Exit inne wie der „fundamentalen Wertkritik“ bei krisis. Sie konnte durch die hervorstechende und inhaltlich überlegene Präsenz von Robert Kurz etwa ein Jahrzehnt lang ausbalanciert werden. Nach seinem Tod rottete sich um diese Ambivalenz herum die „verfaulte Dissidenz“ zusammen: Wie bereits Vampir Wallner verwendeten die Post-Wert-Abspaltungs-KritikerInnen den kontrafaktischen Objektivismus-Vorwurf gegen die Geschichtstheorie von Robert Kurz, um mithilfe seiner in die Theoriebildung eine subjektivistisch-hermeneutische Kontingenzmetaphysik einzuschmuggeln. Dadurch wird aber der Bruch mit dem wertkritischen Objektivismus ad absurdum geführt: Die Hintergrundfolie des krisis-Objektivismus wird nicht herangezogen, um die Kritik an der fetischistischen Objektivität durch die radikale Kritik der Subjektivität zu erweitern, sondern um gerade andersherum die subjektivistische Metaphysik zum Angelpunkt der Theoriebildung zu deklarieren.
Dadurch wird deutlich, dass der Objektivismus-Vorwurf in bestimmten Fällen nicht nur dreist und verlogen, sondern auch sachlich falsch ist. Denn schon nach der Exit-Spaltung hatte sich die theoriegeschichtliche Situation im Vergleich zur krisis-Spaltung modifiziert: Überwog dort noch das Herauskämpfen aus dem wertkritischen Objektivismus, neigte sich spätestens mit dem frühen Streit um die Geschichtstheorie das Pendel bedenklich in Richtung des anderen Pols subjektivistischer Metaphysik. Wenn schon, dann wurde die Exit-Spaltung vom Schatten des Umschlags in die subjektivistische Ideologie und nicht in einen Objektivismus begleitet.
Zu den verschwiegenen kleinen, aber feinen Unterschieden von Exit-Spaltung und krisis-Spaltung zählt auch, dass die Diagnose des Objektivismus bei Robert Kurz und mir keine inhaltlich-theoretische Bestimmung mehr abgibt. Als identitätslogischer Keulenschlag operierte sie stattdessen mit pejorativen Unterstellungen, die jede Mühe einer immanenten und eigenständigen Kritik der inkriminierten Position scheut. In Wahrheit trägt diese Instrumentalisierung nicht zu einer inhaltlichen Bekämpfung der „strukturtheoretischen“ Metaphysik bei. Sie leistet vielmehr einer Delegitimierung der radikalen Kritik an der gesellschaftlichen Objektivität Vorschub, die umstandslos als „objektivistisch“ verunglimpft wird. Von hier an ist der nächste Schritt zur restlosen Dekonstruktion dieser Objektivität ein vergleichsweise kleiner.
Ökonomietheoretischer Reduktionismus
Die Delegitimierung der objektiven Fetischkritik hat die theoriegeschichtliche Tendenz „kategorialer Kritik“ in ihr Gegenteil verkehrt. Schließlich ist die Wert-Abspaltungs-Kritik gerade durch die Kritik an der fetischistischen Objektivität entstanden, was vor allem die Kritik des ökonomischen Kapitalfetischs anbelangt. Bekanntermaßen führte diese Kritik zur radikalen oder kategorialen Krisentheorie, die sowohl das Zentrum als auch das Alleinstellungsmerkmal der Wert-Abspaltungs-Kritik darstellt.
Damit werden aber auch die rezeptionsgeschichtlichen und theoretischen Parameter grundlegend umgestaltet. Galt einst noch die Losung „Mit Marx über Marx hinaus“, laufen substantielle Reflexionen in Bezug auf die Marxsche Fetischkritik heute unter ferner liefen. „Ohne Marx hinter Marx zurück“ lautet demnach die Parole, weshalb als neue Bezugsgrößen nunmehr wahlweise Paulus sowie der heilige Josef oder Walter Benjamin und das „Ding an sich“ von Kant brillieren.
Demgegenüber gilt es, die radikal kritischen Elemente der eigenen Theorietradition ob ihres fragmentierten Charakters umso ernster zu nehmen. „Mit Marx über Marx hinaus“ bedeutet, die noch nicht ausgeleuchteten Dimensionen seiner Kritik aufzugreifen und in der Vermittlung mit der konkreten Krisenkonstellation über sich hinauszutreiben. Das gilt einmal mehr für seine „Kritik durch Darstellung“.
Entgegen der landläufigen Ansicht lässt sich diese Sentenz von Marx nämlich nicht auf einen ausschließlich erkenntniskritischen Modus herunterbrechen. Ihr ist vielmehr die durch die Darstellung der bürgerlichen Apologien zu extrahierende Kritik an der fetischistischen „Sache“, der fetischistischen Objektivität selbst, inhärent. Wie ist das zu verstehen?
In seiner „Kritik durch Darstellung“ bewahrt Marx die widersprüchliche Einheit von kategorialer Erkenntnis- bzw. Ideologiekritik (kritische Darstellung der „affirmativ-kritischen“ Interpretationsideologien) und kategorialer Fetischkritik der versachlichten Kapitalkonstitution (darstellende Kritik des konkreten „Gangs in sich“ des Kapitals). Die kategoriale Erkenntniskritik richtet sich auf die Kritik der wissenschaftsmetaphysischen Subjektivität in ihrer „theoretischen Praxis“ aus, die kategoriale Fetischkritik nimmt die durch sie legitimierte negative Objektivität der fetischistischen „Gesamtpraxis“ ins Visier, die, über die „praktische Praxis“ vermittelt, als „Realmetaphysik“ der Wert-Abspaltung prozessiert.
Wie schon die Formulierung von Marx nahelegt, befinden sich die „Darstellung“ als „kritische Darstellung“ und die „Kritik“ als „darstellende Kritik“ in einem reziproken Bedingungsverhältnis. Die Kritik an dem objektiven Fetisch (darstellende Kritik) muss durch die Kritik der ihn rechtfertigenden Subjektivität (kritische Darstellung) hindurchgehen. Erst durch die radikale Erkenntnis- und Ideologiekritik der wissenschaftsmetaphysischen Erkenntnissubjektivität lässt sich die Kritik an der fetischistischen Sachlichkeit in ihrer objektiven Eigenlogik herausdestillieren. Die Kritik der fetischistischen Sachlichkeit kann eben nicht positiv, um nicht zu sagen: positivistisch angeeignet werden, sondern muss negativ durch die „affirmativ-kritischen“ Interpretationstheorien hindurchgehen.
Obwohl sich also kategoriale Erkenntniskritik der wissenschaftsmetaphysischen Subjektivität und kategoriale Fetischkritik der „realmetaphysischen“ Objektivität wechselseitig implizieren, sind sie auf der anderen Seite dennoch zugleich irreduzible Kategorien. Zwar kann die kategoriale Fetischkritik des erkenntniskritischen Moments nicht entbehren, weswegen sie nicht unmittelbar in ihrer Analyse auf die „realmetaphysische“ Objektivität losgehen kann. Dennoch durchbricht sie die erkenntniskritische Dimension der metaphysischen Reflexion; mit der Erkenntniskritik vermittelt übersteigt sie zugleich deren Horizont, indem sie zur fetischistischen Eigenlogik der in sich vermittelten Objektivität durchstößt, die von jener immer schon blind vorausgesetzt wird.
Dieses fetischkritische Abstraktionsniveau hängt für die „handlungstheoretische“ Regression von Rest-Exit mittlerweile jedoch eindeutig zu hoch. Nachdem ihrer subjektivistischen Metaphysik eine Konfusion von Konstituens und Konstitutum in der realfetischistischen Objektivität-Subjektivität-Dialektik unterlaufen ist, setzt diese sich im Verhältnis von Erkenntnis- bzw. Ideologiekritik (Darstellung der die Sache legitimierenden Theorien) und Fetischkritik (Kritik der in sich vermittelten Objektivität selbst) fort. Weil der subjektivistische Geltungsanspruch den ganzen Erkenntnisprozess auf eine Frage der passenden Denkformen der wissenschaftsmetaphysischen Subjektivität reduziert hat, bleibt Rest-Exit an der Darstellungsdimension der „theoretischen Praxis“ kleben.
Diese Selbsttäuschung zeitigt die Konsequenz, dass die darzustellende Sache von der Darstellung selbst sukzessive verdrängt wird. Statt der widersprüchlichen Einheit von Erkenntnis- bzw. Ideologiekritik der wissenschaftsmetaphysischen Subjektivität und kategorialer Fetischkritik der versachlichten Objektivität findet eine sukzessive Rücknahme der Fetischkritik in die Erkenntniskritik statt. Infolgedessen verschwinden die fetischistische „Gesamtpraxis“ und das von ihr erzwungene unmittelbare Fetischhandeln der Subjekte („praktische Praxis“) in der rein erkenntnistheoretischen Dimension einer isolierten „theoretischen Praxis“.
Daraus erhellt sich ein anderes bezeichnendes Syndrom der Rest-Theorie. Während die Integration neuer Gegenstandsbereiche in Hinblick auf die in sich gebrochene Objektivität vollständig ausgeblieben ist, kreisen ihre Texte nur noch um die wissenschaftsmetaphysische Subjektivität und ihre Denkformen. Die Traktate von Rest-Redaktion und -Vorstand befassen sich, sofern sie sich nicht in soziologistischen Trivialanalysen ergehen, nahezu ausschließlich mit erkenntnis- bzw. ideologietheoretischen Sachverhalten.
Das lässt sich an den verschiedensten Publikationen nachweisen. Nehmen wir zum Beispiel die personifizierte akademische Tollwut: Was sich als eine „Kritik“ an „Gesellschaftlicher Form und konkreter Totalität“ ankündigt, erschöpft sich realiter in einer einzigen erkenntnistheoretischen Untersuchung von Theoretikern, die sich diesem Sachverhalt widmen. Der programmatische Titel „Fetisch Alaaf“ kommt nicht mit einer Silbe auf die fetischistische „Gesamtpraxis“ zu sprechen, sondern rattert wieder nur fetischtheoretische Abhandlungen anderer TheoretikerInnen durch. Dieses Phänomen obwaltet sogar schon im Geschlechterbuch, das keineswegs das „Geschlecht des Kapitalismus“, also die fetischistische Sachlichkeit der Abspaltungsform zum Inhalt hat, sondern einen ideologiekritischen Aufriss gewisser feministischer Theorien vorstellig macht.
Die Abstraktionshöhe der fetischistischen Objektivität partout nicht mehr erreichend, fallen Erkenntnis- bzw. Ideologiekritik („kritische Darstellung“ der affirmativen Interpretationstheorien) und Fetischkritik der versachlichten Objektivität („darstellende Kritik“ der Fetischkonstitution) schlussendlich zusammen. Die Hypostasierung der objektivierten Gedankenformen saugt der gesellschaftlichen Konstitution ihren realabstrakten und versachlichten Fetischcharakter aus. Dieser gar nicht mehr latente Idealismus der Theoriezombies repräsentiert den Rückfall selbst noch hinter den „exoterischen“ Marx in die bürgerliche Aufklärungsvernunft des 18. und 19. Jahrhunderts.
Zu allem Überfluss gründet das Selbstverständnis der Wert-Abspaltungs-Kritik indes zu sehr in jener Kritik der versachlichten Objektivität, als dass man einfach leichthin auf sie verzichten könnte. Die Kritik des objektiven Ökonomiefetischs und die damit verknüpfte kategoriale Krisentheorie bildeten von Anfang an ein, wenn nicht sogar das theoriegeschichtliche Zentrum „kategorialer Kritik“. Deshalb kann auf diese Dimension schon aus Gründen der Außenwirkung nicht ganz verzichtet werden.
Seit dem Tod von Robert Kurz herrscht diesbezüglich jedoch Ebbe in Rest-Redaktion und -Vorstand. Für die Theoriezombies eröffnete sich dadurch eine beträchtliche Schwierigkeit. Musste die gesamte Ökonomiekritik von Robert Kurz irgendwie substituiert werden, schiebt sich in ihren eigenen Texten zwischen die zu einem stummen Hintergrundrauschen sich verflüchtigende Sache und die eigene „Kritik“ wie in einem unendlichen Regress immer wieder der subjektivistische Idealismus, dessen erkenntnis- und ideologietheoretische Entgrenzung niemals zum harten Kern der versachlichten „Gesamtpraxis“ durchdringt. Zwar suggeriert man terminologisch eine „kategoriale Kritik“, indem man von objektiver „Fetischkonstitution“, sachlichem „Kapitalverhältnis“ oder gesamtgesellschaftlicher „Abspaltungsform“ schreibt. Sobald man sich mit dieser fetischistischen Objektivität konkret auseinanderzusetzen versucht, schnappt aber sofort der idealistische Reflex ein, der diese fetischistische Objektivität wieder nur in der vermeintlichen „Kritik“ von subjektiven Denkformen ausdrücken kann.
Aller ausgebufften Werbetechniken zum Trotz ist mit der idealistischen Verkürzung kein Hof zu machen. Weil sie die „realmetaphysische“ Geltung der versachlicht-objektiven Fetischkonstitution auf die metaphysische Geltung der wissenschaftlichen Subjektivität und ihrer Gedankenformen eingedampft hat, musste sie bezüglich der kategorialen Kritik am objektiven Ökonomiefetisch alsbald die Waffen strecken. Gewiss vermochten das intellektuelle Wiederkäuen von Kurz-Zitaten und die Publikation seiner noch unveröffentlichten Artikel die eine oder andere Leerstelle in Sachen Kapitalanalyse vorübergehend zu kaschieren. Eine eigenständige Akkumulationstheorie lässt sich darauf allerdings in keiner Weise aufbauen. Deshalb warf Rest-Exit erneut den eklektizistischen Staubsauger an, um die theoretische Leerstelle der „Kritik der Politischen Ökonomie“ mit Fremdinhalten zu „befüllen“.
Dieser Zugriff auf Fremdinhalte wirkte schon entscheidend auf die Exit-Spaltung ein. Der Teufelspakt mit dem wertkritischen Dracula muss vor dem Hintergrund dieser theoretischen Leerstelle verstanden werden. Seine Denunziation der „Geschichte von Fetischverhältnissen“ sollte eigentlich nur eine Zwischenetappe auf dem Weg zum neuen ökonomietheoretischen Krösus des Exit-Zusammenhangs sein. Und tatsächlich tobte sich das querulantische Gebaren von Graf Aabromeit nicht nur in der Geschichtstheorie, sondern mehrfach auch hinsichtlich der „Kapitalkritik“ aus.
Dieser Konnex wurde schon im Geld-Traktat geknüpft. Eigentlich dazu konzipiert, um der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie mithilfe seiner hermeneutischen Esoterik einer „rein konkreten“ Vormoderne den Garaus zu machen, offerierte es schon erste Spuren dessen, was als ökonomietheoretische Neuformierung von Exit angedacht war. Ein Passus des Traktats verdient es, ausführlicher zitiert zu werden. Er beschäftigt sich mit der Definition der Realabstraktion: „Daher ist der Wert ein Abstraktum, ein Realabstraktum, das einen bestimmten Grad der Arbeitsteilung (!), das Vorhandensein eines bestimmten Volumens von Handelsaktivitäten (!) und damit Geld, einer bestimmten Anzahl von lohnabhängigen arbeitenden Menschen, das Vorhandensein und den Gebrauch eines gewissen technologischen Niveaus der Arbeitsmittel (…) sowie noch einige andere Voraussetzungen kultureller (!!), ja sogar klimatischer (!!!) Art erheischt.“[194] Muss man diese „Bestimmung“ des Wertbegriffs wirklich noch kommentieren?
Dass dieser Unsinn, der auch noch ausdrücklich als Definition des Werts hervorgehoben wird, in einem Heft abgedruckt wurde, spricht abermals für sich. Von Teilen in Redaktion und Vorstand unbeanstandet durch das Korrekturverfahren durchgewinkt, präsentiert das Geld-Traktat die kurioseste Definition des „Wertbegriffs“, die jemals in einem Exit-Heft getätigt wurde. Was die „klimatischen Voraussetzungen“ des Werts betrifft, gibt es für den wertkritischen Dracula wie auch Rest-Exit keinen Zweifel daran: 25 Grad Celsius Außentemperatur bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und die Mehrwertproduktion sprudelt nur so vor sich hin.
Was aus diesen Zeilen als ökonomietheoretischer Reduktionismus hervorquillt, hat einen eigenen ideologischen Hintergrund. Indem die „Realabstraktion“ aus der „Voraussetzung“ eines „Volumens von Handelsaktivitäten“ abgeleitet wird, erscheint sie als eine marktförmige Kategorie. Aber die Realabstraktion findet nicht in der Realisationssphäre des Marktes statt; sie vollzieht sich in der kapitalistischen Produktion, sodass das „Handelsvolumen“ die Realabstraktion zur Voraussetzung hat und nicht andersherum. Der wertkritische Dracula ergeht sich in eine Marktideologie, die den Wert aus der Perspektive des Geld- und Warensubjekts begreift. Indem der Markt als Realisationssphäre des Mehrwerts zum Ganzen des Ökonomiefetischs überhöht wird, fallen Realabstraktion, „abstrakte Arbeit“ und die „gespenstische Gallerte“ des Werts aus der Reflexion heraus.
Da dieser Angriff auf den bisherigen Stand der Wertkritik von meiner Seite aus mit einer polemischen Antwort erwidert wurde, wobei auch der ökonomietheoretische Reduktionismus bereits klar benannt wurde[195], war die Galgenfrist von Graf Aabromeit nur kurz bemessen. Als er des Widerstands von gewisser Seite gegen sein Treiben gewahr wurde, gab er seinen Vorstandsposten auf, verließ Exit und schloss sich wieder, wie bereits erwähnt, als Autor seinem ideologischen Heimathafen – der krisis-Gruppe – an.
Für die Theorieverwaltungsmaschinerie von Rest-Exit machte sich dieser „Verlust“ sofort bemerkbar. Nach dem Ausfall von Graf Aabromeit war der buchstäblich allerletzte Kandidat aus dem Zusammenhang für die Inszenierung einer objektiven Ökonomiekritik von Bord gegangen. Deshalb war eine Weitung des Radius von Nöten und tatsächlich stieß der eklektizistische Staubsauger auf eine letzte Option: Zum Glück trieb noch der gesamtideelle Vulgarisierer der Krisentheorie sein Unwesen in der szenemedialen Landschaft, auch wenn er nur lose mit Rest-Exit verbunden ist. Zur allgemeinen Erleichterung erklärte er sich zur „Befüllung“ der ökonomiekritischen Leerstelle bereit.
Es sei an dieser Stelle lediglich in Parenthese angemerkt, dass der Stand der theoretisch-inhaltlichen Auseinandersetzung dadurch in ein unwirkliches Stadium eingetreten ist. Sofern man sich zur Analyse der objektiv-fetischkritischen Dimension bei Rest-Exit auf das theoretische Söldnertum von Konicz beziehen muss, weil in Rest-Redaktion und -Vorstand diesbezüglich ein endloses Schweigen vorherrscht, hat sich der Maßstab der Auseinandersetzung ins Absurde verzerrt: Um Rest-Exit in ihrer ökonomietheoretischen Position zu kritisieren, muss man auf Fremdautoren ausgreifen, die weder in Redaktion noch im Vorstand irgendeine Position innehaben. Damit befinden sich die theoretisch Untoten buchstäblich unter aller Kritik.
Im Vergleich zu den „wertkritischen“ Gehversuchen von Graf Aabromeit scheint bei Konicz zumindest noch ein Bewusstsein über die kategorialen Zusammenhänge der Ökonomiekritik gegeben zu sein. Wenn er in seinem Buch „Kapitalkollaps“[196] von der „gesellschaftlichen Realabstraktion“ und dem „Wesen dieser Realabstraktion“[197] schreibt, bewegt man sich in den herkömmlichen wertkritischen Kategorien. Wendet man sich von dieser nominal wertkritischen Terminologie dem Kleingedruckten zu, hat es damit jedoch ein rasches Ende.
Das zeigt sich, wenn Konicz auf den Krisenbegriff zu sprechen kommt. So sei „ein genauer Blick auf diesen inneren Widerspruch des Kapitals notwendig, denn er konstituiert dessen innere Schranke“. Und siehe da: „Zentral (!!) ist hier der tendenzielle Fall der Profitrate.“[198] Was an dieser Stelle – die grundlegend für seine gesamte Argumentation ist – als „zentraler“ Mechanismus der „inneren Schranke“ attribuiert wird, ist in Wahrheit ein bloß „relatives“ Charakteristikum der Krisenhaftigkeit des Kapitals.
Die Profitrate ergibt sich aus dem Verhältnis des Gewinns (Profit) zum vorgeschossenen Gesamtkapital. Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ drückt somit das Gesetz der Produktivkraftsteigerung aus: Die „steigende Zusammensetzung des organischen Kapitals“ (Marx) bedeutet nichts anderes, als dass für das vorgeschossene Kapital das „konstante Kapital“ im Verhältnis zum angewandten „variablen Kapital“ für jedes Unternehmen beständig ansteigt. Diese steigenden Vorauskosten für eine gegebene Anzahl produktiv anwendbarer Arbeitskräfte sind dem Kapital daher seit seiner Durchsetzung im 18. und 19. Jahrhundert eigen.
Die Subreption einer krisentheoretischen Begründung durch den „tendenziellen Fall der Profitrate“ laboriert an einem „rohen Empirismus“ (Marx): Wie der Konkretismus seines Buches demonstriert, nimmt Konicz den empirischen Standpunkt der Profitrate ein. Aber die realmetaphysische Konstitution lässt sich aus der empirischen Profitrate gar nicht ableiten, noch nicht einmal mittelbar aus ihr ablesen. Die „realmetaphysische“ Substanz „abstrakter Arbeit“ und ihre permanente Verwertung erscheinen gar nicht unmittelbar in der Empirie der „praktischen Praxis“.
Die hier angesprochene Vermittlung von der „realmetaphysischen“ Konstitution und ihrer empirischen Manifestation lässt sich am prägnantesten an dem Verhältnis von Mehrwertrate bzw. Mehrwertmasse und Profitrate veranschaulichen. Diese Konstellation bildet ein vielfaches Vermittlungsverhältnis und lässt keine Ableitungen der Mehrwertmasse aus der empirischen Statistik („Profitrate“) zu. In die Profitraten von Unternehmen und Branchen gehen heute als Löwenanteil die „fiktive Kapitalbildung“ durch Differenzspekulationen am Aktienmarkt ebenso ein wie die kreditgetriebene Scheinakkumulation in globalem Maßstab. Insofern kann der Profit in der Realität wie den bürgerlichen Statistiken zeitweilig sprudeln, obwohl ihm seine gesamtgesellschaftliche Substanz „abstrakter Arbeit“ ausgeht.
„Realmetaphysische“ Konstitution und empirische Wirklichkeit stehen vielmehr in einem Spannungsverhältnis zueinander. Deshalb lassen sich die realen Wertgrundlagen auch gar nicht positivistisch an der Profitrate oder bürgerlichen Statistiken festmachen, sondern können nur durch die Negativität der theoretischen Abstraktion aus der empirischen Wirklichkeit „herausgeschält“ (Marx) werden. Das Abstraktionsniveau der Ökonomiekritik muss dieses Spannungsverhältnis in ihrer Analyse durch die theoretische Eigenleistung der Kritik austragen.
Doch der epistemische Ausgangspunkt von Konicz krankt nicht nur an seinem Empirismus. Das Gesetz des tendenziellen Profitratenfalls steht für ihn auch in einem historischen Kontext. So heißt es in Bezug auf die Fundamentalkrise und ihre theoretische Herleitung bei Marx: „Marx deutet in dieser hellsichtigen Prognose das emanzipatorische Potential (!) an, dass der krisenhaften Produktivkraftentfaltung innewohnt, und tatsächlich ist der Ausgang dieses Zusammenbruchs der ‚auf dem Tauschwert beruhenden Produktion’ absolut offen.“[199] Konicz sieht wie jeder andere Volkswirtschaftler auch in der Krise eine „Chance“, ja sogar ein „emanzipatorisches Potential“.
Dessen ungeachtet fällt das „emanzipatorische Potential“ des Krisenkapitalismus nicht gänzlich vom Himmel. „Aber das Kapital“, fährt Konicz fort, „sollte (!!) bewusst überwunden werden, da es, seiner Eigendynamik überlassen, in die Barbarei führen würde.“ Zum Glück kommt den depravierten Individuen die Krise hierfür zu Hilfe, denn sie verschafft die „eigentlich“ richtige Bewusstseinsform: „Die gegenwärtige Systemkrise ist daher eigentlich eine klassische revolutionäre Situation, wie sie Marx im Vorwort Zur Kritik der Politischen Ökonomie vor rund 160 Jahren dargelegt hat.“[200]
Konicz hat jenen objektivistischen Überhang der fundamentalen Wertkritik nicht abstreifen können, weshalb er von einer „objektiven“ Lage zur „revolutionären Situation“ schreibt. Aber es gibt gar keine „objektive revolutionäre Situation“ und das aus zwei Gründen: Zum einen tilgt die Fetischgesellschaft auf ihrer realen Erscheinungsebene den Zusammenhang ihrer Krise mit der Entsubstantialisierung der „abstrakten Arbeit“ und erscheint dem bürgerlichen Bewusstsein deshalb als eine „multiple Krise“, von deren innerer Eigenlogik es keinerlei Schimmer hat. Dieses Element des fetischistischen Scheins geht ihm völlig verloren. Zum anderen stellt der irrationale Selbstzweck der „Verwertung des Werts“ von sich aus gar keine „objektive revolutionäre Situation“ her, weil die Kritik („revolutionäres“ Potential) immer von der kontingenten Eigenleistung des Individuums abhängt.
Dass der gesamtideelle Vulgarisierer die kontingente Eigenleistung des Bewusstseins zugunsten des objektiven Krisenstadiums des Kapitalismus zurücknimmt, erinnert nicht von ungefähr an den „fetischistischen Reflex“ von Trenkle. Er demonstriert dadurch sein Verhaftet-Sein im „Historischen“ bzw. „Dialektischen Materialismus“ des „exoterischen Marx“, dessen bekannteste Passage sodann zitiert wird: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen (…) Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“[201]
Für Konicz ist wie für den Arbeiterbewegungsmarxismus der Kapitalismus ein Glied in seiner materialistischen Geschichtsphilosophie. Weil sie von dem jede bisherige Gesellschaftsformation übergreifenden objektivistischen Motor des Widerspruchs zwischen „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ gekennzeichnet ist, dieser Widerspruch aber irgendwann unhaltbar wird und das „objektiv richtige Bewusstsein“ auf diese Untragbarkeit stoße, diagnostiziert er inmitten der transnationalen Trümmerwüste des zerfallenden Weltkapitals die „eigentliche revolutionäre Situation“.
Stellt sich nur noch die Frage, worin sich die objektivistische Entwicklung eines sich selbst aufhebenden Widerspruchs von „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ nach dem Kapitalismus fortsetze? Würden die Individuen ihr „eigentlich richtiges Bewusstsein“ und die „objektive“ Lage einer „revolutionären Situation“ erkennen, dann wäre der Kapitalismus bald überwunden. Was aber, wenn ihr Bewusstsein nicht so ausschlägt, wie der materialistische Weltgeist es für es vorgesehen hat? Dazu heißt es: „Ohne eine emanzipatorische Überwindung des Kapitalverhältnisses aber gibt es keine Befreiung, sondern nur Vernichtung oder neue Sklaverei (!!!).“[202] Wenn sich der Kapitalismus in seiner objektivistischen Selbstaufhebung nicht zufällig selbst vernichtet, spekuliert Konicz in Sachen Post-Kapitalismus auf eine neue Art des Feudalismus. Oder kommt die „neue Sklaverei“ als eine Variation der antiken Sklavenhaltergesellschaft zurück?
Dass der Kapitalismus im Stadium seiner Fundamentalkrise vor einer möglichen „Vernichtung“ stehen könne, ist lediglich eine Konzession von Konicz an die radikale Krisentheorie. Er nimmt die Fundamentalkrise nämlich nur zu dem Zweck auf, um sie bereits in ihren Grundzügen zu entstellen. Für seinen materialistischen Objektivismus kann es in Wahrheit gar keine „innere Schranke“ geben, weil die objektivistische Metaphysik den ontologischen Widerspruch zwischen „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ postuliert, der ewiglich anhält, bis er von sich aus in die befreite Gesellschaft übergeht. Sollte der Kapitalismus sich nicht selbst in den „Kommunismus“ ergießen, muss nach seinen geschichtsphilosophischen Prämissen auf die bisherigen „Sklavenverhältnisse“ von Plebejer/Patrizier, Grundherr/Leibeigener und Kapitalist/Arbeiter eben eine Epoche der „neuen Sklaverei“ folgen. Sie wird irgendwann wieder durch den Widerspruch von „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ aufgerieben usw.
Nun stellt sich in Anbetracht dieses freimütigen Objektivismus die Frage: Gab es da nicht mal Vorbehalte bei Rest-Exit gegenüber einer objektivistischen Deduktionslogik im eigenen Zusammenhang? An dieser Stelle wird der nur mehr instrumentelle Umgang der Exit-Zombies mit der Theoriebildung vollends sichtbar. Wurden die wert-abspaltungs-kritische Geschichtstheorie von Robert Kurz und die kritische Intervention „Dialektik und Geschichte“ ebenso unbegründet wie fälschlich immerzu als „objektivistische Ableitungslogik“ gebrandmarkt und als androzentrische Subsumtionslogik verunglimpft, übernimmt die subjektivistische Metaphysik der Exit-Zombies für den Gegenstand der „Kapitalkritik“ willfährig den Objektivismus von Tomasz Konicz. Er wird nicht etwa als androzentrischer Objektivist und deduktiver Ableitungslogiker kritisiert, sondern avanciert stattdessen zum führenden „Theoretiker“ der Textmanufaktur. Ein abermals schlagender Beweis dafür, wie das Kriterium der Wahrheit längst zugunsten taktischer Notwendigkeiten in den Wind geschossen wurde.
Koniczs „roher Empirismus“ und seine objektivistische Metaphysik treffen sich schließlich in dem Gesetz des tendenziellen Profitratenfalls. Es erlaubt scheinbar eine subsumtionslogische Ableitung eines empirisch verifizierbaren Gesetzes. Dadurch wird jedoch eine weitere Verkürzung in Kauf genommen: Sich auf den empirischen Standpunkt der Profitrate eines Einzelkapitals stellend, die sodann in eine objektivistische Metaphysik materialistischer Widerspruchsverhältnisse einsortiert wird, frönt Konicz einem „methodologischen Individualismus“. Deshalb bleibt ihm auch die Reflexion der „realmetaphysischen“ Konstitution von Grund auf versagt, vermag er in seiner objektivistischen „Krisenanalyse“ doch immer nur von der Profitrate einzelner Unternehmen oder Branchen auszugehen.
Doch diese „kategorial-kritischen“ Einsichten, wie sie von Robert Kurz in seinem posthumen Werk „Geld ohne Wert“ hinterlassen wurden, klingen in den Ohren des gesamtideellen Vulgarisierers wie abgehobene Spekulationen. Als Beleg für den „Kapitalkollaps“ wird demzufolge angeführt: „Da im Produktionsprozess verausgabte Lohnarbeit die Quelle des Mehrwerts bildet, geht die ‚Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals’ bei gleichbleibenden Aufwendungen für das variable Kapital mit einem Fall der Profitrate einher.“[203] Konicz entblättert frank und frei das Problem der Relativität der Profitrate: In der Tat kann der „Fall der Profitrate“ mit „gleichbleibenden Aufwendungen für das variable Kapital“ einhergehen. Setzen wir voraus, dass die Ausbeutungsintensität und -extensität dieser „Aufwendungen für das variable Kapital“ gleichbleiben, koinzidiert dem Fall der Profitrate realgesellschaftlich eine gleichbleibende oder sogar steigende Mehrwertmasse. Das spricht aber gegen den von Konicz apostrophierten „zentralen“ Charakter dieses Gesetzes, denn die fetischistische Geltung besteht in der „realmetaphysischen“ Qualität der Mehrwertmasse „abstrakter Arbeit“, nicht im empirischen Profit.
Aufgrund seiner Perspektive eines Einzelkapitals gegenüber der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse bewusstlos bleibend, biegt Konicz das Problem zum Ansatz einer Pseudo-Lösung um: „Der (nun geschrumpfte) Anteil des variablen Kapitals innerhalb des Produktionsprozesses teilt sich in notwendige Arbeitszeit (Lohn) und Mehrarbeit (Mehrwert) auf – die Relation zwischen diesen beiden Elementen des variablen Kapitals konstituiert die Mehrwertrate.“[204] Wieder kapriziert er sich auf den relativen Charakter der Rate des Profits oder des Mehrwerts, weshalb er vom „Anteil“ des „variablen Kapitals innerhalb des Produktionsprozesses“ schreibt, der „nun geschrumpft“ sei.
Das als „zentral“ titulierte und in der Profitrate aufgefundene Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate stellt sich für die „innere Schranke“ des Kapitals in Wahrheit als sekundär heraus. Denn wie Marx im „Kapital“ aufzeigt und Robert Kurz in seinem posthumen Werk „Geld ohne Wert“ diese Einsicht weiterentwickelt, kann der tendenzielle Fall der Profitrate durchaus mit einer Erhöhung der Mehrwertmasse einhergehen – und alleine auf diese gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse kommt es in der Akkumulation von Kapital an. Das erklärt sich dadurch, dass das Ansteigen der Vorauskosten vor allem für das „konstante Kapital“ durch den Anstieg der produzierten Mehrwertmasse überkompensiert werden kann. Wenn der Anstieg der Vorauskosten mit einer gelingenden Akkumulation einhergeht, dann verträgt sich eine prosperierende Mehrwertproduktion sehr wohl mit dem tendenziellen Profitratenfall.
Dabei handelt es sich übrigens nicht nur um eine fiktive Möglichkeit. In diesem Verhältnis drückt sich der realgeschichtliche Prozess des Kapitals aus. In den Durchsetzungs- und Modernisierungsepochen des „automatischen Subjekts“ ging der „tendenzielle Fall der Profitrate“ mit einer zusätzlich angewandten Masse an „abstrakter Arbeit“ einher. Wie Robert Kurz in „Geld ohne Wert“ darlegt, hat bereits Marx diesen Zusammenhang benannt: „Hier wird (von Marx, DS) mit großer Klarheit der bloß relative Charakter des Problems formuliert: Der Fall der Profitrate ist Ausdruck des inneren Widerspruchs, er bringt auch das reale Problem der stets steigenden toten Vorauskosten von Kapitalakkumulation; aber das Kapital kann sich trotzdem weiter verwerten, solange die absolute Menge der gesellschaftlich angewandten Arbeitskraft wächst, unabhängig davon, dass sie relativ zum Anwachsen des Sachkapitals sinkt.“[205]
Deshalb ist auch die Konklusion seiner Deduktion der „inneren Schranke“ krisentheoretisch gegenstandslos: „Sinkt der Anteil des variablen Kapitals innerhalb der Warenproduktion, dann muss auch die Profitrate sinken (wenn die Mehrwertrate gleich bleibt).“[206] Das stimmt zwar als Konstatieren für die empirische Entwicklung der Akkumulationsgeschichte – was Konicz gerade nicht meint –, sagt aber über die Fundamentalkrise und ihren inneren Mechanismus – den er zu meinen vorgibt – nicht das Mindeste aus.
Das „Sinken“ des Anteils des „variablen Kapitals“ am Gesamtkapital ist eine säkulare Entwicklung, die durch den Zwang zur Produktivkraftsteigerung bewirkt wird. Die Entsubstantialisierung des Kapitals hängt aber nicht an der relativen Abnahme des „variablen Kapitals“ an den Vorauskosten des Produktionszyklus, sondern an der Entwertung der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse. Diese steht logisch wie historisch auf einem ganz anderen Blatt. Damit fällt Konicz jedoch unter das Verdikt von Robert Kurz in „Geld ohne Wert“: „Da der Fall der Profitrate aber eben bloß eine relative Bedeutung hat und den basalen Selbstwiderspruch des Kapitals nur indirekt ausdrückt, setzt er als solcher dem Kapital auch keine absolute innere Schranke.“[207]
Da sein empirischer Objektivismus den Krisenmechanismus der Fundamentalkrise fälschlicherweise an dem „tendenziellen Fall der Profitrate“ festmacht, kann Konicz das Spezifikum der „inneren Schranke“ nicht mehr von den vorherigen Epochen der Kapitalakkumulation unterscheiden. Denn der tendenzielle Fall der Profitrate, auf den er sich kapriziert, ist auch ihnen inhärent. Das führt dazu, dass er die absolute „innere Schranke“ der Fundamentalkrise mit anderen „schweren Systemkrisen“ und „Durchsetzungskrisen“[208] der kapitalistischen Geschichte gleichsetzt und die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ zudem als Ausdruck von „Überproduktionskrisen“ sowie einer „Überakkumulation des Kapitals“[209] versteht, sodass die „schleichende Erosion der Arbeitsgesellschaft“ als „systematische Überproduktionskrise“[210] bezeichnet wird.
Der „Krisentheoretiker“ hat das krisentheoretische ABC erneut über Bord geworfen. Es gehört zu den Grundlagen der Theorie einer postmodernen Fundamentalkrise, dass sie im Gegensatz zu allen anderen „Wirtschaftskrisen“ der Akkumulationsgeschichte keine Durchsetzungskrise, sondern die „innere Schranke“ des Kapitals abgibt, die eben gerade nicht in einer Überproduktion oder Überakkumulation besteht wie in früheren Krisen, sondern in der Entsubstantialisierung des Kapitals. Konicz selbst gesteht mit diesen Kategorien ein, dass er die Fundamentalkrise nicht als eine der globalen Entwertung der „abstrakten Arbeit“, sondern als eine Disproportionalitätskrise wie in den bisherigen Durchsetzungskrisen versteht.
Dadurch verdichten sich sein empiristischer Objektivismus sowie die ihm innewohnende Perspektive des „methodologischen Individualismus“ zu einer marktideologischen Matrix. Konicz wandelt auf den Spuren von Lohoff und Aabromeit. Für ihn besteht die Essenz der heutigen Krise in einem Problem der Mehrwertrealisation des überakkumulierten Kapitals am Markt und nicht etwa in der Entsubstantialisierung der in der Produktion zu verwertenden „abstrakten Arbeit“. Nähme er seine eigene theoretische Grundlage ernst, müsste sich Konicz in die sozialdemokratische Realpolitik begeben, um dafür zu sorgen, dass durch Lohnerhöhungen und „deficit spending“ das überakkumulierte Kapital auf genügend Kaufkraft am Markt stoße. Durch diese „revolutionäre Situation“ könne die Krise und mit ihr der Kapitalismus endlich überwunden werden.
Doch ist das Gesetz vom tendenziellen Profitratenfall nur eine von zwei Argumentationssträngen für den „Kapitalkollaps“. Der zweite bezieht sich auf das Verhältnis von Gebrauchswert und Tauschwert. Um es zu erläutern, muss Konicz sich an die Definition des Wertbegriffs und der „abstrakten Arbeit“ machen. Anstatt sich an einer eigenen Bestimmung dessen zu versuchen, was er als Realabstraktion versteht, heißt es: „Das Wesen dieser Realabstraktion hat Marx anhand einer Analogiebildung (…) zu illustrieren versucht.“[211]
Die angedeutete und von Konicz auch zitierte Passage rekurriert auf eine bekannte Stelle in der Erstausgabe des „Kapital“. Sie lautet: „Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Tieren, die gruppiert die verschiedenen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien usw. des Tierreichs bilden, auch noch das Tier existierte, die individuelle Incarnation des ganzen Tierreichs. Ein solches Einzelnes, das in sich selbst alle wirklich vorhandenen Arten derselben Sache einbegreift, ist ein Allgemeines, wie Tier, Gott usw.“[212] Marx referenziert mit diesem Beispiel auf das Verhältnis von „relativer Wertform“ der Ware („wirklich vorhandene Arten“ der Warenkörper) und „Äquivalentform“ („individuelle Incarnation des ganzen Tierreichs“ im Geld).
Der gesamtideelle Vulgarisierer möchte das Wesen der Realabstraktion charakterisieren, kapriziert sich dafür jedoch auf eine Stelle von Marx, die auf die Erscheinungsebene des Marktes in ihrem realen Widerspruch von Ware und Geld abzielt. Die Marktideologie der krisis-Wertgeister und des wertkritischen Draculas lässt schon wieder grüßen. Das ist allerdings klar gegen den Wortlaut und Sinngehalt des Marxschen Textes gerichtet. Denn sowohl vor als auch nach dem angeführten Zitat stellt Marx klar, dass er mit diesem Gegensatz von Ware und Geld gerade nicht das „Wesen der Realabstraktion“, sondern die „Erscheinungsform des Werths“[213] thematisiert. Indem Konicz das Wesen unmittelbar an seiner Erscheinungsebene festzumachen sucht, reproduziert er ideologisch den gesellschaftlichen Fetischismus, der den Zusammenhang seiner Erscheinungsebene mit dem sie hervorbringenden Wesen tilgt.
Daraus ergibt sich eine notwendige Schlussfolgerung. Wenn der Vulgarisierer der Krisentheorie in dieser Analogiebildung eine Definition der „Realabstraktion“ von Marx am Werke sieht, folgt daraus, dass für ihn das „Wesen der Realabstraktion“ mit der „individuellen Incarnation des ganzen Tierreichs“ in eins fällt. Damit wird jedoch das „Wesen der Realabstraktion“, das in den betriebswirtschaftlichen Räumen kapitalistischer Produktion gesamtgesellschaftlich hergestellt wird, mit seiner handgreiflichen Erscheinungsform im Geld gleichgesetzt.
Diese kontrafaktische Identifizierung hebelt den erreichten Stand der Kapitalkritik aus den Angeln. Anstatt den übergeordneten Widerspruch von kapitalistischer Produktion des Mehrwerts als fetischistische Substanz „abstrakter Arbeit“ und seiner Realisation am Markt qua universeller Konkurrenz der Marktsubjekte zu entfalten, wird das fetischistische Wesen der Realabstraktion ausgeblendet und in die handgreifliche „Erscheinungsform des Werths“ verlegt. Damit hat sich Konicz jedoch in die Erscheinungsebene des marktförmigen Kapitals verstrickt, sodass auch er die „Realabstraktion“ in letzter Konsequenz in den Metamorphosen des Marktes verortet und damit kategorial verkennt.
Wird die „Realabstraktion“ einerseits auf seine handgreifliche Erscheinungsform im Geld eingedampft, verortet er die „innere Schranke“ stattdessen in seinem Gegenpol, der Ware. In ihr sei der Selbstwiderspruch des Kapitals in nuce vorhanden: „Der Gebrauchswert wird zum Ausdruck von Wert, das Konkrete drückt ein Abstraktes aus (…) Dieses Gegen- und Miteinander des Abstrakten und des Konkreten ist in jeder Ware (…) angelegt, die ja immer Wert und Gebrauchswert zugleich ist.“[214] Setzte er für den „zentralen“, aber nicht kategorialen Widerspruch des tendenziellen Profitratenfalls am idealtypischen Einzelkapital in Form seiner Profitrate an, kapriziert sich sein „methodologischer Individualismus“ nun auf die – wiederum idealtypisch verstandene – einzelne Ware des Geldsubjekts.
In diesem Resultat ist jedoch die Genesis der versachlichten „Realmetaphysik“ erloschen. Der Widerspruch besteht zwischen der durch die Realabstraktion Arbeit gesellschaftlich hergestellten Gesamtsubstanz „abstrakter Arbeit“ und den Leibern der Warenkörper. Dieser Widerspruch zwischen der realabstrakten Wertsubstanz und ihrer stofflichen Warenträger entspricht dem Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Realabstraktion und ihren stofflichen wie natürlichen Voraussetzungen, in deren Substraten sie sich inkorporieren muss.
Der „methodologische Individualismus“ hängt sich hingegen an dem Widerspruch von „Gebrauchswert“ und „Wert“ sowie am „Gegen- und Miteinander des Abstrakten und Konkreten“ auf. Aus diesem ideologischen Standpunkt der einzelnen idealtypischen Ware heraus wird der wesentliche Widerspruch des Kapitals als Widerspruch zwischen der abstrakten „Wertseite“ und der stofflichen „Gebrauchswertseite“ deduziert. Demzufolge fährt Konicz fort, dass es „letztlich (…) dieser (!!) in jeder Ware angelegte Widerspruch zwischen dem zur Verwertung strebenden Wert und dem als notwendiges Übel mitgeschleppten Gebrauchswert“ sei, „der die kapitalistische Produktionsweise in die Selbstzerstörung (!!!) treibt.“[215]
Aus dem Widerspruch der einzelnen Ware von Gebrauchswert und Wert wird kurzerhand die „Selbstzerstörung“ des Kapitals abgeleitet. Diese Hypertrophie des bornierten Einzelstandpunkts hat den übergeordneten Gesamtzusammenhang des fetischistischen Selbstzwecks der Kapitalakkumulation in seiner strukturellen Gespaltenheit von gesamtgesellschaftlicher Mehrwertproduktion und -realisation am Markt in Gänze verpuffen lassen. Dadurch wird im Namen der Krisentheorie jedoch ihr negativer Inhalt vollkommen entstellt.
Der kategoriale Selbstwiderspruch des Kapitals besteht nicht in der einzelnen Ware und dem in ihr sich manifestierenden Widerspruch von Gebrauchswert und Wert. Auf dieser Ebene manifestiert sich lediglich der sekundäre Widerspruch der gesellschaftlichen Realabstraktion zu ihren stofflich-natürlichen Voraussetzungen. Aber diese Bezugsebene ist nicht mehr diejenige der radikalen Krisentheorie. Die Herleitung der „inneren Schranke“ erfolgt einzig und allein auf der Ebene der fetischistischen Substanz „abstrakter Arbeit“ und ihrer selbstzweckhaften Verwertung, die durch die immanenten Mittel des Kapitals selbst untergraben werden.
Der Selbstzweck der Kapitalakkumulation muss sich nämlich des Mittels der universellen Konkurrenz bedienen. Diese universelle Konkurrenz zwingt die Unternehmen, ihre Marktanteile dadurch zu vergrößern, dass sie über die Verbilligung ihrer Waren die konkurrierenden Unternehmen ausstechen. Als Mechanismus dieser Verbilligung kommt langfristig nur die stetige Produktivkraftsteigerung infrage, die den „variablen“ Kapitalteil sukzessive durch den „konstanten“ Kapitalteil ersetzt.
Dieser Mechanismus muss irgendwann notwendigerweise den Punkt erreichen, an dem in gesamtgesellschaftlichem Maßstab absolut mehr abstrakte Arbeitssubstanz aus der Produktion herausgenommen wird als die Erweiterung der Märkte zu kompensieren vermag. Diese „innere Schranke“ des Kapitals erwächst nicht aus dem Widerspruch zwischen abstrakter Wertsubstanz und stofflichem Gebrauchswert, sondern aus dem Widerspruch innerhalb der realabstrakten Wertverwertung selbst: Ab einem gewissen Punkt muss die absolute Herausnahme der mehrwertschaffenden Potenz „abstrakter Arbeit“ die Erweiterung der Märkte konterkarieren, weil die gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse stärker zu schmelzen beginnt als die Erweiterung der Märkte rentable Arbeitskraft zu absorbieren vermag.
Diese von Marx hergeleitete „innere Schranke“ ist, so die These der kategorialen Krisentheorie, mit dem exorbitanten Produktivitätssprung der Dritten Mikroelektronischen Revolution zur Realität geworden. Seitdem unterminieren die konkurrenzvermittelte Herausnahme der „abstrakten Arbeit“ aus der Produktion und die damit gesetzte irreversible Entsubstantialisierung des Kapitals den Selbstzweck der Verwertung. Wenn dieser Punkt erreicht ist, formuliert Robert Kurz in „Geld ohne Wert“, „schlägt die relative Verminderung der Arbeitskraft gegenüber dem Sachkapital in eine absolute Verminderung der auf dem erreichten Produktivitätsstand noch anwendbaren (kapitalproduktiven) Arbeitskraft um, also auch der (relative) Fall der Profitrate in den absoluten Fall der Profitmasse (des Gesamtkapitals oder bei Marx des ‚Gesellschaftskapitals’).“[216]
Die Implikationen der radikalen Krisentheorie liegen somit auf der Hand. Weil die Produktion von Gebrauchswerten von der Verwertung der realabstrakten Arbeitssubstanz abhängt, ist die gesamte stoffliche Reproduktion von der fetischistischen Eigenlogik der Ver- bzw. Entwertung des Werts abhängig. Je stärker sich die „innere Schranke“ der ausbleibenden Mehrwertproduktion zuspitzen wird, umso größere Teile der vorhandenen Produktionskapazitäten werden stillgelegt werden – wodurch die grundlegende Bedürfnisbefriedigung der Menschheit vor dem Abgrund steht. Die Tendenz einer ansteigenden planetarischen Stilllegung der Produktionsruinen stofflicher Abfallprodukte hat schon ganze Weltregionen von den globalen Distributionsketten abgekoppelt und schlägt nun auch voll auf die westlichen Zentren durch.
Dieser gesamtgesellschaftliche Zusammenhang wird vom gesamtideellen Vulgarisierer auf den Kopf gestellt. Bei ihm findet eine Verschiebung des Krisenbegriffs als „innere Schranke“ des Kapitals auf eine ganz andere Ebene statt. Er verortet die „Selbstzerstörung“ des Kapitals in dem dinglichen Widerspruch zwischen „konkretem Gebrauchswert“ und „abstraktem Tauschwerts“, womit die Begründung sowie die Implikationen der radikalen Krisentheorie in ihr Gegenteil verkehrt werden: „In dieser Passage kommt der Widerspruch zwischen den konkreten Gebrauchswert und abstrakten Wertpolen der Waren zum Ausdruck. Die spätkapitalistische Welt kann aufgrund konkurrenzvermittelter Produktivitätssteigerungen in Gebrauchswerten ersticken (!!!), während zugleich sich der Wert verflüchtigt (!), weil es zu einer Entsubstantialisierung des Kapitals kommt, bei der das Kapitalverhältnis sich selbst seiner Substanz, der wertbildenden Arbeit, beraubt.“[217]
Hieraus erhellt sich die Crux des ganzen Ansatzes: Indem der gesamtideelle Vulgarisierer den Widerspruch zwischen Form (des abstrakten Wert-Pols) und Stoff (des konkreten Gebrauchswert-Pols) zum eigentlichen Selbstwiderspruch des Kapitals und damit zum Hebel seiner „Krisentheorie“ stilisiert, definiert er die falsch bestimmte „innere Schranke“ des Kapitals in dessen sogenannte „äußere Schranke“ um. Oder anders formuliert: Was er in seinem Kapitel als „innere Schranke“ lanciert, ist in Wahrheit die angeblich „äußere Schranke“ des Kapitals. Sie ist jedoch auf einer anderen Ebene angesiedelt als die Entwertung des Werts und die Entsubstantialisierung des Kapitals und gehört gar nicht zum Kanon der kategorialen Krisentheorie im engeren Sinne.
Im „rohen Empirismus“ krächzt deswegen auch das „Gegen- und Miteinander des Abstrakten und des Konkreten“. Anstatt den primären Widerspruch (die „innere Schranke“) auf der „abstrakten“ Ebene des durch den Produktivitätssprung der Mikroelektronischen Revolution bewirkten Abschmelzens der Fetischsubstanz Arbeit zu bestimmen, um daraus die Folgen für die „konkrete“ Ebene der stofflichen Bedürfnisbefriedigung abzuleiten, hat in diesem „Gegen- und Miteinander“ schlussendlich das „Konkrete“ über das „Abstrakte“ obsiegt. Der stoffliche Konkretismus kann die Realabstraktion nur noch als dingliche Gegenständlichkeit im Geld fassen, weshalb auch sein stofflicher Konkretismus naturalistische Konnotationen annimmt. Anders kann die Konklusion nicht verstanden werden, in deren Zukunftsausblick sich einerseits „der Wert verflüchtigt“, während andererseits „die Welt in Gebrauchswerten ersticken kann“. Das ist mittelfristig absolut ausgeschlossen, weil mit der „Verflüchtigung des Werts“ auch keine Gebrauchswerte mehr produziert werden können.
Mit dem Pochen auf dem „inneren“ Charakter der Fundamentalkrise fällt jedoch ein Schatten auf die auch in „wertkritischen“ Kreisen so oft bemühte „äußere Schranke“. Ordnet man sie in den Theoriebildungsprozess ein, so ist festzuhalten, dass sie gegenüber der „inneren Schranke“ eine absolut untergeordnete Rolle einnahm. Das leitet zur zweiten Differenz von „innerer“ und „äußerer“ Schranke über: Die „innere Schranke“ ist das kritische Resultat einer theoretisch bestimmten Analyse. Vergleichbares lässt sich über die „äußere Schranke“ nicht sagen.
Diese angeblich „äußere Schranke“ bezieht sich auf eine ganz andere Ebene als die „innere Schranke“ des Kapitals, nämlich auf die stoffliche Dimension der Kapitallogik. Sie ist einer Destruktivität sekundären Grades unterworfen, welche der Produktivitätszwang in Bezug auf seine materiellen Voraussetzungen generiert. Diese Destruktivität sekundären Grades, auf die Konicz ausschließlich Bezug nimmt, hat eine eigene Logik, die nicht mit derjenigen des Verwertungszwangs verwechselt werden darf.
Diese Logik geht auf die materiellen Folgen der Produktivkraftsteigerung zurück. Sofern die Steigerung der Produktivkraft durch das Mittel der universellen Konkurrenz permanent erzwungen wird, muss auch der materielle Output als Träger der Wertsubstanz pro Zeiteinheit zunehmen. Denn Steigerung der Produktivität bedeutet ja nichts anderes, als den stofflichen Output pro abstrakter Zeiteinheit zu erhöhen. Was sich als gesamtgesellschaftliche Wertsubstanz in einem Reproduktionszyklus in zum Beispiel 2000 Waren darstellt, inkorporiert sich im folgenden Zyklus in 8000, dann 35 000 Waren usw. Selbst bei gleichbleibender Wertsubstanz steigt durch den Zwang zur fortwährenden Produktivkraftsteigerung der materielle Ressourcenverbrauch exponentiell an.
Wie gesagt sind die „innere Schranke“ der Entsubstantialisierung des Kapitals und die sogenannte „äußere Schranke“ des exponentiellen materiellen Verschleißes auf zwei verschiedenen Abstraktionslevels angesiedelt. Damit ist jedoch für beide Verhältnisse eine ganz unterschiedliche epistemologische Situation gegeben. Das gesellschaftliche Selbstverhältnis fetischistischer „Gesamtpraxis“ ist in seiner „inneren Schranke“ sehr wohl theoretisch bestimmt zu begründen, auch wenn es sich „hinter dem Rücken“ der Akteure als realer Schein des Fetischs vollzieht. Die Rückkoppelungseffekte dieser „Gesamtpraxis“ auf den „Stoffwechselprozess der Natur mit sich selbst“ können nicht in derselben Weise einsehbar sein wie das gesellschaftliche Selbstverhältnis. Weil die Reproduktion des natürlichen Stoffwechselprozesses mit sich selbst im Unterschied zu dem gesellschaftlichen Selbstverhältnis ein nicht von den Subjekten (mit)geschaffenes Verhältnis erhält, entzieht es sich einer vergleichbaren Theoretisierbarkeit entscheidend.
Damit soll keinesfalls einem erkenntnistheoretischen Skeptizismus in Anbetracht des Naturverhältnisses das Wort geredet werden. Es können auch in Bezug auf den „Stoffwechselprozess der Natur mit sich selbst“ distinkte Einsichten gewonnen werden. Sehr wohl aber soll auf die unterschiedliche Theoretisierbarkeit beider Verhältnisse, des Selbstverhältnisses der Gesellschaft und desjenigen der Natur, hingewiesen werden. Diese erkenntniskritische Voraussetzung geht in dem ganzen Diskurs um die „äußere Schranke“ verloren.
Obwohl die „Klimakrise“ in keinem inneren Zusammenhang mit dieser „äußeren Schranke“ steht, hat sie auch in „wertkritischen“ und „wert-abspaltungs-kritischen“ Kreisen allmählich die Funktion der „Fundamentalkrise“ übernommen. Dabei werden einfach Kategorien von der mittlerweile negierten „inneren Schranke“ übernommen und auf ein ganz anderes Gebiet appliziert. Das Gerede von den „tipping points“ gibt eine solche typische Verdinglichung ab, die den „Klimakollaps“ bis auf Jahres- und Monatszahlen datieren zu können meint.
Dass mit dem Begriff der „äußeren Schranke“ derart Schindluder getrieben wird, um mithilfe seiner die „innere Schranke“ zu negieren, exponiert den problematischen Gehalt dieser Kategorie. Stattdessen ist aus einer wert-abspaltungs-kritischen Sicht umso mehr darauf zu insistieren, dass die „innere Schranke“ einer Entsubstantialisierung des Weltkapitals in ihrem konkreten Zerfallsverlauf kritisch darzustellen ist, wohingegen die theoretisch unbestimmte „äußere Schranke“ zweifelhaft bleibt und für die Krisentheorie keinen substantiellen Beitrag liefert.
Unterstützt wird diese These von denjenigen, welche die „innere“ in die „äußere Schranke“ umgebogen haben. Musste für die „innere Schranke“ des gesamtideellen Vulgarisierers, die gar keine solche war, der „exoterische“ Marx des Profitratenfalls und der idealtypischen Ware herhalten, wird in Bezug auf die „äußere Schranke“ postuliert: „Die wissenschaftliche Diskussion um tipping points des Klimawandels spiegelt die Gesetzmäßigkeiten der materialistischen Dialektik (!!) wider, die nun vom bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb neu ‚entdeckt’ werden…“[218]. Die akademische Hilfsdozentin dürfte von so viel bruchloser Übereinstimmung der „materialistischen Dialektik“ Koniczs mit dem gängigen Wissenschaftskitsch zu Tränen gerührt worden sein.
Konicz hat jede innovative Entwicklung der Kapitalkritik in den letzten beiden Dekaden verschlafen und ist deshalb auf dem Stand von krisis stecken geblieben. Vermochte sein Objektivismus schon die kritische Darstellung des objektiven Krisenprozesses nicht zu bewältigen, meint er nun mithilfe seiner das Naturverhältnis zu entschlüsseln. Ging der gute alte „Diamat“ in Sachen Kapitalkritik und Krisentheorie bereits sang- und klanglos unter, macht er sich jetzt über den „Stoffwechselprozesses der Natur mit sich selbst“ her: „Das von Marx formulierte materialistische Theorem besagt“, führt er aus, „dass beständige quantitative Änderungen in einem komplexen System – in diesem Fall der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre – an einem bestimmten Punkt zu einer qualitativen Änderung führen, die das System in einen gänzliche anderen Zustand versetzt. Dieses System des ‚Umschlagens von Quantität in Qualität’ (!), wie es etwa Friedrich Engels im Anti-Dühring formuliert (!), ist irreversibel.“[219]
Wie schon bei den Theoriezombies reicht es auch beim gesamtideellen Vulgarisierer nicht einmal mehr zum „exoterischen Marx“. Die Marxsche Herleitung der „inneren Schranke“ wird durch den „Dialektischen Materialismus“ von Engels ersetzt, nun appliziert auf das Naturverhältnis. Infolgedessen ist seinem „dialektisch-materialistischen Gesetz“ des „Umschlagens von Quantität in Qualität“ eine solch insignifikante Allgemeingültigkeit eigen, dass es auf alles und nichts zutreffen kann: es mag auf den historischen Prozess möglicherweise genauso zutreffen wie auf die „CO2-Konzentration in der Atmosphäre“, das Anwachsen vereinzelter Bienen zu einem Bienenschwarm oder auf das Artensterben. Besonders eindrücklich macht es sich, allerdings mit negativen Vorzeichen versehen, an der Publikationstätigkeit von Konicz selbst geltend: Die schiere Quantität seiner Publikation hat in der Tat eine neue Qualität der ökonomietheoretischen Vulgarisierung hervorgebracht, deren „historischer Materialismus“ Engelscher Provenienz mehr an sowjetische Ökonomietheorie denn dialektische Fetischkritik erinnert.
Gegen die Intention des Autors wird dabei sichtbar, dass seine „äußere Schranke“ letztlich doch nur ein Surrogat der verkannten „inneren Schranke“ ist. Anstatt das gesellschaftliche und das natürliche Selbstverhältnis in seiner unterschiedlichen Eigenqualität wahrzunehmen, greift er zur Erklärung des letzteren auf dasselbe Schema wie bei der „inneren Schranke“ zurück – wenn auch in ihrer Engels’schen Fassung. Beide haben dieselbe identitätslogische Quelle des „dialektischen Materialismus“: Analog zum „Gesetz“ des tendenziellen Profitratenfalls, dessen „Umschlag von Quantität in Qualität“ dadurch verursacht wird, dass die „Produktivkräfte“ dem „Produktionsverhältnis“ entwachsen sind, manifestiert sich auch in der „äußere Schranke“ von „tipping points“ der „CO2-Konzentration“ ein unumkehrbarer „Umschlag von Quantität in Qualität“.
Mit der Verschiebung der theoretisch bestimmbaren „inneren Schranke“ des gesellschaftlichen Selbstverhältnisses auf die unbestimmte Diagnose einer angeblich „äußeren Schranke“ hat Konicz den Kern der kategorialen Krisentheorie endgültig zersetzt. Und das übrigens unter fleißiger Mithilfe von Thomas Meyer, der das Buch „Kapitalkollaps“ mit redigiert und ihm damit den Segen eines Exit-Standpunkts verliehen hat.[220]
So hat sich die aus der Melange von Empirismus, Objektivismus und „methodologischem Individualismus“ erwachsene Unbestimmtheit bereits begrifflich in der Theoriebildung abgelagert. Die „Krise“ bestehe im „Wachstum“ des stofflichen Outputs – und nicht etwa in der „inneren Schranke“ einer Entsubstantialisierung des Weltkapitals. Wenn Konicz vom „Wachstum“[221] der vergangenen Jahrzehnte oder vom „Wachstumszwang dieses Wirtschaftssystems“[222] sowie davon schreibt, das Ziel des Kapitalismus sei „das unaufhörliche Wachstum des Kapitals“, hat sich seine „Wertkritik“ mit der postmodernen „Wachstumskritik“ und „Postwachstumskritik“ amalgamiert.
Die damit herbeigeführte theoretische und kategoriale Unbestimmtheit in Bezug auf die Theorie der Fundamentalkrise des Weltkapitals passt zur Rest-Redaktion wie die Faust aufs Auge. In einem Text des Scholzschen Theoriezombies, dessen Titel die bekannten Töne anschlägt („Marxismus, Feminismus, Kritische Theorie heute… und die Wert-Abspaltungs-Kritik“), wird, wie sollte es sein, die alte Leier des „Ihr vertretet keine Wert-Abspaltungs-Kritik!“ angeworfen. Zur Abwechslung lohnt es sich diesmal jedoch, einem Satz aus dem Traktat eine vertiefte Aufmerksamkeit zu widmen. Denn der postmoderne Krisenzustand der Wert-Abspaltung wird bisweilen auf eine innovative Weise geschildert. So proklamiert die Infiguration der wissenschaftlichen Passion: „Es gibt allerdings historische Modulationen (!!) als Ganzes, die zeigen, dass es auch anders sein kann (!), also die kapitalistisch-patriarchale Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung auch an ihr (selbst auch barbarisches!) Ende kommen kann (!!!).“[223]
Sofort schlägt einem/r wieder der Geist der wissenschaftlichen Taliban entgegen. Bisher war uns nicht bekannt, dass die radikale Krisentheorie auf einer „Modulation“ beruhe, die gar noch „historisch“ sei. Ehedem gründete sie noch auf der dialektischen Vermittlungsleistung, welche die Krisenphänomene der Erscheinungsebene als Ausdruck des wesenhaften Zerfalls des Weltkapitals nachwies, wodurch sie sich erst als „kategoriale Kritik“ qualifizierte.
Mehr noch aber erregt etwas anderes an dieser Aussage Bedenken. Wenn diese in der eigenen Wissenschaftsmanufaktur berechneten „historischen Modulationen als Ganzes“ aufweisen, dass die Wert-Abspaltung an ihr Ende – ja sogar, wer hätte das erwartet, an ihr „barbarisches“ Ende – geraten kann, dann hat sich die Kontingenzmetaphysik mithilfe der Relativität des tendenziellen Profitratenfalls in den Kern der Anti-Krisentheorie hineingefressen. Es „kann“ womöglich ein „barbarischer“ Zerfall der Weltgesellschaft eintreten – aber vielleicht kommt auch alles ganz anders. Ob es sich eventuell gar so fügen wird, dass die „spätkapitalistische Welt“ am Ende doch „in Gebrauchswerten erstickt“? Wer möchte darüber schon ernsthaft befinden?
Die „postmodern-immanente Wende“ und der neue Praxisfetisch
In dieser prognostischen Beliebigkeit manifestiert sich ein Menetekel für die Zukunft von Rest-Exit. Ließ sich die negative Wahrheit „kategorialer Kritik“ bislang an ihren Vorhersagen über die gesellschaftliche Krisenentwicklung bemessen, die sich in den allermeisten Fällen bewahrheiteten, hält sich die Textmanufaktur heute alle Türen offen. Der „Kollaps der Modernisierung“ (Robert Kurz) wird in eine potentielle Möglichkeit unter anderen Optionen umdefiniert, sodass die Zukunft als kontingenter Raum erscheint, in dem sich die jeweiligen Entwicklungen so, aber auch ganz anders zutragen können.
Wie gesagt ist für diese formallogisch-inhaltliche Schwindsucht zuvorderst der subjektivistische Idealismus verantwortlich. Seine erkenntnistheoretische Totalisierung hat die Konstellation von „Darstellung“ und „Kritik“ in eine asymptotische Relation verwandelt: Er mag sich bis ins Unendliche in die objektive Fetischkonstitution zurückschieben, die versachlichte „Gesamtpraxis“ kann er doch immer wieder nur auf der Ebene der Denkformen verhandeln. Sobald er nach der realabstrakten „Realmetaphysik“ ausgreift, löst sich diese wie durch Zauberhand in die bloße Metaphysik der Gedankenformen auf. Dadurch wird eine kritische Analyse der versachlichten „Realmetaphysik“ an und für sich bereits sabotiert.
Allerdings rührt die prognostische Unbestimmtheit bei Rest-Exit nicht alleine von der subjektivistischen Metaphysik und ihrer idealistischen Beschränktheit her. Obzwar die Rest-Theorie noch immer an dem Objektivismus der krisis-Spaltung zu laborieren hat, prozessiert die Zerfallsdynamik des objektiven Weltkapitals weiter und bahnt sich ihren realgesellschaftlichen Verlauf. Weil nicht nur der Gedanke zur fetischistischen Realität treibt, sondern der fetischistische Krisenprozess sich auch der Reflexion aufdrängt, ist diese zugespitzte Krisendynamik erklärungsbedürftig. Der „Kollaps der Modernisierung“ hat im Vergleich zu den vergangenen Dekaden eine Metamorphose durchlaufen, die theoretisch aufgearbeitet werden muss.
In Folge der sogenannten Finanzkrise von 2008 hat der objektive Krisenprozess der weltkapitalistischen Fundamentalkrise in den letzten gut fünfzehn Jahren eine sichtbar neue Qualität gewonnen. Die nochmalige Dynamisierung des Entwertungszwangs lässt sich empirisch an verschiedenen Phänomenen aufweisen. Die Erosion transnationaler Handelsketten, eine neue Zollpolitik, der Fokus auf Sicherung „kritischer Infrastruktur“, aber auch die Erosion der internationalen Organisationen wie NATO und UNO sowie das Aufkommen eines scheinbar neuen Nationalismus illustrieren, dass sich die objektive Zerfallsdynamik des transnationalen Entwertungszwangs qualitativ verschärft hat. Was im bürgerlich-medialen Diskurs fälschlicherweise als „Deglobalisierung“ oder als „Ende der Globalisierung“ bezeichnet wird, bedarf einer akkumulationskritischen Einordnung, die sich nicht mit solchen billigen Schlagwörtern zufrieden gibt.
Die hier in Rede stehende „postmodern-immanente Wende“ ist in ihren konkreten Verlaufsformen bereits mehrfach dargelegt worden.[224] Sie soll hier deshalb in Kürze zusammengefasst werden. Entscheidend ist dafür der realfetischistische Krisenprozess seit den 1980er Jahren, als sich die „innere Schranke“ des Weltkapitals zum ersten Mal aufzurichten begann. Dieser Übergang von der fordistischen Modernisierungsepoche zur postmodernen Epoche der Fundamentalkrise manifestierte sich in der unmittelbar transnationalen Geltung des Weltkapitals. Sie unterschied sich drastisch von der internationalen Struktur des Weltmarkts zu Zeiten des „Kalten Kriegs“ und stellte sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch real als unmittelbar global vereinheitlichter Weltmarkt dar.
Dabei reimt sich die frühpostmoderne Transnationalisierung des Weltkapitals von Anfang an auf „innere Schranke“. Die unmittelbar transnationale Konfiguration des Weltmarkts war das Produkt einer Flucht nach vorn vor seinen eigenen Widersprüchen, die sich weder im nationalen noch im internationalen Rahmen ausdrücken konnten. Die aus dieser Flucht hervorgegangenen transnationalen Vermittlungszusammenhänge des Weltkapitals waren notwendigerweise prekär, da ihnen keine Verwertung „abstrakter Arbeit“ zugrunde lag. Sie kamen vor allem in der „fiktiven Kapitalbildung“ an den Finanzmärkten sowie den transnationalen „Defizitkreisläufen“ (Robert Kurz) zum Tragen, die ihrerseits nur kreditvermittelt und über Staatsverschuldung aufrechterhalten werden konnten.
Waren diese transnationalen Vermittlungszusammenhänge bereits ein Produkt der Entsubstantialisierung des Kapitals und somit langfristig auf Sand gebaut, erlaubten sie es den westlichen Staaten doch, den globalen Entwertungsdruck für eine gewisse Zeitspanne zu strecken. Die Scheinakkumulation von „fiktiver Kapitalbildung“ und globaler „Defizitkonjunktur“ war zwar substanzlos, ging aber doch als Profit in die Unternehmensbilanzen ein, was wieder zu Investitionen führte usw. Die fiktive und kreditstipulierte Akkumulation, wie sie in den transnationalen Vermittlungszusammenhängen stattfand, federte den Entwertungszwang ab und zögerte ihn dadurch bis zu einem nicht unerheblichen Grad hinaus.
Zudem erlaubten es „fiktive Kapitalbildung“ und globale „Defizitkonjunktur“, den Druck der Entwertung auf die peripheren Regionen des Weltmarkts zu externalisieren. Die Ausnutzung des transnationalen Kosten- und Effizienzgefälles veranlasste in den westlichen Staaten eine Politik der Standortkonkurrenz und Effizienzsteigerung im Namen der neoliberalen Marktideologie, die diese Externalisierungseffekte zusätzlich befeuerte. Deshalb war diese Phase vom Kollaps jener Staaten und Weltregionen begleitet, die von diesen Vermittlungszusammenhängen abgeschnitten waren oder unter ihrem Produktivitätsniveau besonders zu leiden hatten.
Obgleich der negative Universalismus des Weltkapitals von einer unmittelbar transnationalen Konstitution begleitet wurde, war die nationalstaatliche Partikularität deshalb nicht verschwunden. Sie stand aber besonders unter dem Druck der globalen Krise: Die anti-sozialen Programme der neoliberalen Krisenverwaltung zielten qua Deregulierung und Flexibilisierung aller Märkte sowie Kürzung des Sozialhaushalts sozusagen auf eine Dekonstruktion nationaler Souveränität. Sie sollte sich nunmehr wie ein profitorientiertes Unternehmen gegen die anderen Staaten in der Konkurrenz des Weltmarkts aufstellen.
In der Finanzkrise von 2007/8 implodierte die drei Dekaden obwaltende Streckung und Externalisierung des Entwertungsdrucks. In ihr kam die fehlende Resilienz der Globalisierung zum Tragen. Die Transnationalisierung des Weltkapitals, die hinter dieser Globalisierung steht, streckte zwar den Entwertungszwang durch die „fiktive Kapitalbildung“ und die „Defizitkreislauf“-Konjunktur, aber sie konnte kein eigenständiges Fundament der Verwertung „abstrakter Arbeit“ und somit der Akkumulation von Kapital hervorbringen. Weder die Differenzspekulationen auf den Aktienmärkten noch die kreditgetriebenen „Defizitkreisläufe“ oder die prekären Wertschöpfungsketten basierten auf der Verwertung der Arbeitssubstanz in globalem Maßstab und damit einem Anstieg der gesamtgesellschaftlichen Mehrwertmasse. Es war schon damals absehbar, dass ihre Existenz eine zeitlich beschränkte sein würde.
Mit der Finanzkrise hat nun ein unmittelbarer Zerfallsprozess der transnationalen Vermittlungszusammenhänge eingesetzt. Dienten „fiktive Kapitalbildung“, transnationale „Defizitkonjunktur“ und die prekären Wertschöpfungs- und Handelsketten in der frühen Postmoderne noch als Instanzen einer Streckung und Externalisierung des Entwertungsdrucks, führte die Implosion des Weltkapitals im Zuge der sogenannten Finanzkrise zu einer Dysfunktionalität dieser transnationalen Vermittlungszusammenhänge.
Die begriffliche Verwässerung des bürgerlichen Diskurses um die „Globalisierung“ in der frühen Postmoderne wurde durch die mediale Behandlung der spätpostmodernen „Deglobalisierung“ noch übertrumpft. Deshalb sind diesbezüglich einige Richtigstellungen erforderlich. Dass die für die Wertschöpfung unerlässlichen transnationalen Vermittlungszusammenhänge durch ihren Zerfall zusehends dysfunktional für die fetischistische „Gesamtpraxis“ werden, bedeutet auf der anderen Seite nicht, dass die Globalisierung rückläufig wäre. Die transnationale Geltung des Weltkapitals ist genauso wenig um einen Jota zurückgegangen wie der durch die universelle Konkurrenz veranlasste Zwang zur Produktivitätssteigerung. Ebenso wenig ist das globale Kosten- und Effizienzkriterium nichtig geworden.
Der Unterschied der späten Postmoderne zur frühen Postmoderne besteht darin, dass die transnationale Fetischkonstitution der Wert-Abspaltung zwar an ihrer Geltung nichts eingebüßt hat, aber als prekärer Vermittlungszusammenhang nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Es zeichnet sich in der spätpostmodernen Notstandsepoche also eine paradoxe und gegenläufige Tendenz ab: Während einerseits nach wie vor die transnationale Geltung die „realmetaphysischen“ Kriterien von Ver- bzw. Entwertung sowie der global gültigen Produktivität diktiert, kann sich seit der Finanzkrise andererseits die globale „Gesamtpraxis“ immer weniger in den Vermittlungszusammenhängen dieser transnationalen Geltung reproduzieren.
Damit sind aber die letzten Pufferfunktionen des Weltkapitals weggebrochen. Die transnationalen Vermittlungszusammenhänge ermöglichten im Laufe der frühen Postmoderne nämlich nicht nur eine Streckung und Externalisierung des Entwertungsdrucks. Sie verschafften der weltkapitalistischen Reproduktion sogar einen gewissen Spielraum, um ökonomische Widersprüche und politische Spannungen auszutarieren oder sogar zu entzerren. Indem dieser transnationale Filter im Gefolge der Finanzkrise rapide zu schrumpfen begann, schlugen der ökonomische Druck der globalen Entwertung wie auch die politischen Spannungen zunehmend ungebremst auf die westlichen Teile der Weltgesellschaft durch.
Die durch die manifeste Erosion dieser globalen Vermittlungszusammenhänge bewirkte Entladung der kriseninduzierten ökonomischen wie politischen Spannungen führt im bürgerlichen Diskurs über die angebliche „Deglobalisierung“ nun dazu, auf einmal die „ordnungsstiftende“ Kapazität der partikularen Nationalstaatlichkeit als „Krisenretterin“ anzurufen. Die Parolen der spätpostmodernen Notstandsverwaltung lauten deshalb: Sicherung und Ausbau der „kritischen Infrastruktur“ vor ökonomischen Effizienzforderungen, zur Not auch mit Zöllen; Gewährleistung sicherheitsrelevanter Importe und Handelsketten auch gegen das Kostenkriterium sowie Militarisierung in Anbetracht der immer ungefilterter aufeinandertreffenden politischen Spannungen. Der Rekonstitutionsversuch der nationalstaatlichen Souveränität in der späten Postmoderne ist das Gegenstück zur Dekonstruktion dieser Souveränität in der neoliberalen Epoche der Frühpostmoderne.
Auch in dieser Hinsicht findet durch die politisch-mediale Wahrnehmung der „Deglobalisierung“ eine Verkehrung des „Globalisierungs“-Diskurses statt. Das neoliberale Krisensubjekt erblickte noch im globalen Markt und seiner „Naturgesetze“ den Ausweg aus dem sich aufbauenden Entwertungsdruck. Als Übel schlechthin erschien ihm deshalb die nationalstaatliche Zerfallspartikularität, deren Staats- und vor allem Sozialhaushalt als das eigentliche Hindernis des ökonomischen „Wachstums“ ausgemacht wurden. Angesichts der postmodern-immanenten Wende soll im Zuge der Erosion der transnationalen Vermittlungszusammenhänge jetzt gerade die durch die neoliberale Krisenverwaltung geschredderte nationale Staatlichkeit den Ausweg aus der „Deglobalisierung“ weisen.
Es muss wohl nicht eigens erläutert werden, dass diese neopolitische Notstandsverwaltungsideologie einer Rekonstitution der zerfallenden nationalstaatlichen Souveränität ebenso zum Scheitern verurteilt ist wie die frühere Hoffnung auf die Globalisierung des Kapitals. Die Entwertung des „Staatshaushalts“ und der damit verbundene Zerfall der nationalstaatlichen Souveränität haben sich im Vergleich zur frühen Postmoderne noch einmal exorbitant beschleunigt. Nimmt man dazu noch den verschärften globalen Entwertungszwang, kann es allenfalls als schlechter Witz verstanden werden, dass die sich immer weiter zersetzende Souveränität die wegbrechenden transnationalen Vermittlungen durch „Einflusssphären“ der „Großmächte“ auffangen und stabilisieren solle.
In Wahrheit läutete die späte Postmoderne für die westlichen Zentren jenen Prozess ein, den die peripheren Weltmarktregionen schon durchlaufen haben: den nunmehr ungebremsten Zerfall nationalstaatlicher Souveränität. Die fetischistische Gesamtgewalt des Politikfetischs wird gerade durch die Restitutionsversuche nationaler Souveränität nicht zuletzt in militärischer Hinsicht in den Zustand beschleunigter Auflösung, den „molekularen Bürgerkrieg“ (Hans Magnus Enzensberger), eintreten. Im Unterschied zur frühen Postmoderne fällt diese Auflösung nationalstaatlicher Partikularität im Westen mit der Zunahme der politisch-militärischen Spannungen zwischen wie auch in den zerfallenden Staaten zusammen, die nicht mehr durch die transnationalen Vermittlungen abgemildert werden können.
Die auf der Ebene des objektiven Krisenprozesses sich ausweisende Theorie einer „postmodern-immanenten Wende“ musste für den Subjektivismus von Rest-Exit ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Trotzdem kam man schon während der Exit-Spaltung nicht umhin, sich mit dieser „kategorial-kritischen“ Analyse auseinanderzusetzen. Sie wurde in meinem Artikel „Querfront allerorten!“ entwickelt, der damals ohne Gegenstimme im Heft 17 publiziert worden war, aber schon wenige Nummern später Gegenstand eines bemerkenswerten Gegentextes wurde.
In diesem Gegentext wurde erstmals für alle Beteiligten sichtbar, dass die inhaltliche Auseinandersetzung gänzlich durch vortheoretische Impulse ersetzt worden war. Die absonderlichen Umstände des Traktats die „‚Die Demokratie frisst immer noch ihre Kinder’ – heute erst recht!“ lassen sich schon daran ablesen, dass die Hilfsdozentin für Interdisziplinarität aufgrund taktischer Interessen nachträglich einen Artikel kritisierte, für dessen Publikation sie sich wenige Monate zuvor noch selbst ausgesprochen hatte.
Paradigmatisch ist wieder einmal die Herangehensweise dieses Traktats. Anstatt das Phänomen des postmodernen Neofaschismus eigenständig zu bestimmen, krallt sich die akademische Assistenz umgehend an den verhandelten Denkformen fest, um von dort aus ihr übliches Rumpeln zu praktizieren. Dass es ihr der eigenständigen theoretischen Darstellungsleistung ermangelt, versetzt sie in ihrer eigenen Selbstwahrnehmung erst recht in die Lage, „nachzuprüfen, inwiefern die Argumentation von Robert Kurz“ und vor allem diejenige in meinem Artikel über den Neofaschismus „heutigen, Realitäten standhält…“[225]
Was nun meinen Artikel „Querfront allerorten!“ anbelangt, so stellt er die Entstehung des Neofaschismus in den Kontext der postmodernen Zerfallsepoche. Die frühe Postmoderne wird in ihm vor allen in ihren ökonomischen und politischen Dimensionen beleuchtet, um den Übergang in die späte Postmoderne aus ihrer eigenen Krisendynamik heraus nachzuzeichnen. Dabei gilt es zu betonen, dass den Krisenentwicklungen der frühen Postmoderne als objektive Voraussetzung des Umschlags in die späte Postmoderne ein eigenes Kapitel („Das postmoderne Zeitalter der Fundamentalkrise, der Streit um Europa und die Vormachtstellung Deutschlands innerhalb der europäischen Krisenverwaltung“) mit ganzen sechzehn Seiten gewidmet wird.
Das Hauptanliegen des Theoriezombies besteht nun darin, der theoretischen Bestimmung einer „postmodern-immanenten Wende“ ans Bein zu pinkeln. So wendet er ein: „Kurz zeigt in seiner Kritik des Manifests ‚Weil das Land sich ändern muss’ auf, wie sich rechtes und ein bürgerlich-demokratisches Denken vermischen können, eine Tendenz, die heute mehr denn je sichtbar wird. Wie der Text von Kurz zeigt, macht es somit wenig Sinn, Rechtsentwicklungen mit AfD, Pegida usw. beginnen zu lassen, wie Daniel Späth dies in seinem Text ‚Querfront allerorten!’ (…) tut.“[226]
Die formallogisch-inhaltliche Schwindsucht sieht sich abermals außerstande, das Phänomen des postmodernen Zerfallsfaschismus eigenständig zu begründen und theoretisch herleiten zu können. Ihr Vergleichsmaßstab besteht deshalb auch niemals in ihrem eigenen Inhalt, sondern in dem intellektuellen Wiederkäuen, das sich diesmal hinter den Inhalten von Robert Kurz verschanzt. Da Kurz aber verstorben ist, bevor er die Etablierung des Neofaschismus vor allem seit 2013/14 theoretisch einordnen konnte, muss sich das ruhelose Wiederkäuen auf einen anderen Gewährsmann beziehen: Diesmal sind es nicht „Untersuchungen vor einem poststrukturalistischen Hintergrund“, die in einem Atemzug mit Robert Kurz genannt werden, sondern die „Arbeiten von Wilhelm Heitmeyer u.a. in den letzten Jahrzehnten“[227], wobei auf den sozialdemokratischen Soziologen gleich zweimal verwiesen wird.
Lassen wir das intellektuelle Wiederkäuen beiseite, kommt in diesen Zeilen außerdem eine sonderbare Asymmetrie zum Vorschein. Behauptet die akademische Anwärterin, ich würde die „Rechtsentwicklungen mit AfD, Pegida usw. beginnen lassen“, behandelt mein Artikel in Wahrheit nicht nur die frühe Postmoderne seit den 1980er-Jahren auf sechzehn Seiten, sondern kontrastiert die postmoderne Fundamentalkrise sogar mit der Modernisierungsepoche des Kapitals. Aber die Wissenschaftsfetischistin hat sich auf diese Unterstellung geradezu eingeschossen.
Sie kehrt in nur leichten Abwandlungen immer wieder. So wird zum Beispiel insinuiert, ich lasse „die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Hinblick auf die heutige Rechtsentwicklung unhistorisch beiseite“[228] und mein Text lege nahe, „dass bei Späth die rechten Entwicklungen und Parteien als ‚Ereignis’ über uns kommen.“[229] Ab wann würde mein Querfront-Artikel der „Nachprüfung“ durch die Wissenschaftsfanatikerin im Wartestand dieser „Phase“ der frühen Postmoderne genügend Rechnung getragen haben, wenn es ganze 16 Seiten nicht tun? Ab 30 Seiten? Oder ab 50?
Diese Ausblendungen der akademischen Hilfskraft in spe lassen sich indessen nicht nur durch die affektive Grundierung des Traktats erklären. Die Sache wiegt wesentlich schwerer. Weil ihr armseliger Idealismus bei den frühen Aufklärern hängen geblieben ist, kann sie den „Vorlauf“ der frühen Postmoderne wieder nur als einen ideologischen Vorlauf, also einen Vorlauf innerhalb der hypostasierten Gedankenformen, verstehen: als einen Vorlauf auf der Ebene „bürgerlich-demokratischen Denkens“. Die Unterstellung, mein Artikel spare die Entwicklung seit den 1980er Jahren aus, ist nicht in erster Linie Ausdruck einer Bösartigkeit, sondern vielmehr der Unfähigkeit ihrer subjektivistischen Metaphysik, den objektiven Bedingungszusammenhang der transnationalen „Realmetaphysik“ in ihrer fetischistischen „Gesamtpraxis“ als Voraussetzung für den postmodernen Neofaschismus reflektieren zu können.
Die subjektivistische Metaphysik hat sich mit ihrer idealistischen reductio ad absurdum jedes Kriteriums beraubt, die Etablierung des postmodernen Zerfallsfaschismus mit dem verschärften Zerfallsprozess der objektiven „Gesamtpraxis“ zu vermitteln. Durch das Eindampfen des Problemkontextes auf die Eindimensionalität bloßer Denkformen verflüchtigt sich der Idealismus der Hilfsdozentin erneut in einen Allgemeinplatz, weil jeder objektive Referenzrahmen verloren gegangen ist: „Die postmoderne negative Freiheit ging schon immer mit rechten Tendenzen als vermeintlichem Gegenpol einher, was spätestens seit Ende der 1980er Jahre sichtbar wurde. Seltsamerweise spart Späth aber diese Phase im Hinblick auf einen Rechtsdrall heute weitgehend aus.“[230]
Der inhaltlich bestimmten Theorie der „postmodern-immanenten Wende“ wird eine verallgemeinernde Unbestimmtheit entgegengeworfen. Den objektiven Prozess der zugespitzten Krisendynamik durch die „postmodern-immanente Wende“ einfach durchgestrichen, kann das Problem der „rechten Tendenzen“ abermals nur in der ideologietheoretischen Dimension verortet werden. Damit gerät der Verweis auf „rechte Tendenzen“ zu einer unkonkreten Abstraktion, welche die Sachlage verschleiert: „Rechte Tendenzen“ im Sinne eines modernen Faschismus gab es schon seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; sie lebten in der Bundesrepublik ebenso fort wie in der frühen und auch der späten Postmoderne. In dieser Perspektive sind letztlich alle Katzen grau und keine differentia specifica mehr vorhanden.
Entkleidet man diese Debatte um die „postmodern-immanente Wende“ ihrer vortheoretischen Initiierung und hebt sie auf ein substantielles Niveau, dann drückt sich in ihr ein originär theoretisches Problem aus. Es ist das aus den Konflikten um die Geschichtstheorie bekannte Verhältnis von historischer Kontinuität und Diskontinuität, das hier zur Debatte steht; nun jedoch in Bezug auf den Prozess der postmodernen Krisenepoche selbst. Exakt formuliert geht es dabei um die Frage, inwiefern die Krisendynamik nach der Finanzkrise von 2008 konstitutiv für den Neofaschismus ist oder ob er stattdessen eine Fortsetzung der „rechten Tendenzen“ seit den 1980er Jahren abgibt.
Die Hilfsdozentin hat sich dabei klar auf die Seite der Kontinuität gestellt. Ihre Einwände, der Querfront-Text lasse „Rechtsentwicklungen mit AfD, Pegida usw. beginnen“, die wie ein „‚Ereignis’ über uns kommen“ würden, werfen mir ein Überstrapazieren der Diskontinuität zwischen früher und später Postmoderne vor. Die durch ihren idealistisch-subjektivistischen Reduktionismus getrübte Vorstellung, mein Artikel würde „die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Hinblick auf die heutige Rechtsentwicklung unhistorisch beiseite“ lassen, hebt anstelle dessen die Kontinuität des Neofaschismus seit der frühen Postmoderne hervor. Eigentlich existiere der postmoderne Zerfallsfaschismus schon seit den 1980er Jahren, weshalb seine Kritik „in der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung längst vorliegt“. Mein Text wolle lediglich „vermeintlich selbstdenkerisch Neues generieren( )“[231]. Nichts Neues unter der Sonne demnach auch in Bezug auf den postmodernen Zerfallsfaschismus.
Mit diesen Anwürfen gegen den Querfront-Artikel im Gepäck wendet sich die Hilfsdozentin sodann expressis verbis der theoretischen Bestimmung einer „postmodern-immanenten“ Wende zu. Es wird eingeworfen: „Unklar ist auch, was er meint, wenn er von einer postmodern-immanenten Wende spricht. Die von Späth thematisieren Entwicklungen sprechen doch eher dafür, dass wir uns im Zeitalter des Auslaufens der Postmoderne (!!) oder gar des Endes der Postmoderne (!!!) befinden, spätestens seit dem Finanzcrash 2007/8, und hier ein Umschlag in eine neue Qualität stattfindet.“[232]
Wirklich eine köstliche Wendung: Hatte der Scholzsche Theoriezombie meinem Querfront-Artikel mehrfach eine Überbetonung der Differenz zwischen früher und später Postmoderne vorgeworfen, instauriert er nun selbst mit der Finanzkrise von 2008 einen regelrechten Bruch. Wurde die Theorie der „postmodern-immanenten Wende“ einer Ausblendung der übergreifenden Momente seit der frühen Postmoderne bezichtigt, hat die Hilfsdozentin nun gerade diese überspannenden Elemente sausen lassen, indem sie mit der Finanzkrise sogar das „Ende der Postmoderne“ gekommen sieht.
Zuerst einer Hypostasierung der Kontinuität das Wort redend, die völlig beiseite ließ, dass sich der Neofaschismus in Form von Parteien, Bewegungen und einer medialen Öffentlichkeit in den westlichen Zentren tatsächlich erst in der späten Postmoderne etabliert hat, schießt ihre Kontinuitätshypostasierung plötzlich in eine Verselbständigung der Diskontinuität über. Auf der Basis dieser subjektivistischen Differenzhypostase statuiert sie nun sogar einen satten Epochenbruch, der das „Ende der Postmoderne“ eingeläutet und ein neues post-postmodernes Zeitalter hervorgebracht habe.
Man könnte wohlwollend einwenden, die akademische Hilfskraft argumentiere implizit auf zwei unterschiedlichen Ebenen, ohne dass es ihr bewusst wäre. Die Kontinuitätsthese, die im gegenwärtigen postmodernen Zerfallsfaschismus lediglich eine Fortsetzung seiner Existenz seit den 1980er Jahren ausmacht, beziehe sich auf die zerfallsfaschistische Ideologie der Krisensubjektive. Die Betonung der Diskontinuität seit der Finanzkrise von 2007/8, die mit einem Epochenbruch zwischen postmoderner und post-postmoderner Epoche einhergehe, hebe hingegen auf die objektive gesellschaftliche Konstitution und ihre Krisendynamik ab. In diesem Fall würde jedoch der objektive Epochenbruch hin zur Post-Postmoderne auf die ungebrochene Kontinuität subjektiver Denkformen aus der vergangenen Postmoderne stoßen – wie man es auch dreht und wendet, der Topf ist partout nicht in der Lage, wenigstens ein einziges Mal seinen Deckel zu finden.
Diese Willkür hat nichtsdestotrotz ihre eigene Logik. Sie ist die intrinsische Konsequenz der wissenschaftsmetaphysischen Denkform und so hat alles am Ende dann doch seine identitätslogische Ordnung. Es wiederholt sich in Bezug auf die Postmoderne dasselbe identitätslogische Schema, das die subjektivistische Metaphysik bereits auf die Geschichtstheorie appliziert hatte. So wie dort zunächst die Fetischkategorie als übergreifende Bestimmung der Menschheitsgeschichte pejorativ des Objektivismus’ bezichtigt wurde, wehrt die passionierte Hilfsdozentin auch für die postmoderne Zerfallsepoche jede übergreifende theoretische Kategorie ab.
Folgerichtig verschafft sich die subjektivistische Matrix in der bekannten „Gegenüberstellung“ Raum. Sie reißt den inneren Vermittlungszusammenhang zwischen früher und später Postmoderne durch ihre kontingenzideologische Differenzhypostasierung auseinander: Wie in geschichtsphilosophischer Hinsicht die „rein konkrete“, von jeder objektiven Verselbständigung unbeleckte Vormoderne als schierer Gegensatz zum realabstrakten Fetisch der Moderne firmierte, soll nun auch die Post-Postmoderne (späte Postmoderne) als radikales Gegenteil zur Postmoderne (frühe Postmoderne) jedem übergreifenden Bezugsrahmen abhold sein.
Diese beschwerliche und sich auf Schritt und Tritt selbst widersprechende Auseinandersetzung hat freilich jedem inhaltlichen Eigenwert entsagt. Das tut aber dem Umstand keinen Abbruch, dass das imaginierte Zeitalter „nach der Postmoderne“ für das Selbstverständnis der Theorieverwaltung einen prägenden Stellenwert einnehmen sollte. Wenn der Krisenkapitalismus mit der Post-Postmoderne in eine neue Epoche eingetreten ist, muss sich auch die Textmanufaktur für diese Zeit „nach der Postmoderne“ neu aufstellen. Das sich selbst dementierende Herumhantieren mit der Kontinuität und Diskontinuität des postmodernen Krisenprozesses war lediglich das Vorspiel, um dem Exit-Zusammenhang eine neue Richtlinie zu dekretieren.
Es war der universitären Sekundantin vorbehalten, diese neue Ausrichtung festzulegen. In einer internen Mailkorrespondenz des Beirats heißt es: „Wohlgemerkt: Theoriebildung, kritische Distanz hat bei uns auf jeden Fall Vorrang, wir laufen nicht den Bewegungen hinter her und machen Theorie bloß zur Bewegungsunterstützung.“ So weit, so gut. Wie die Erfahrung lehrt und auch hier bestätigt, kommt das Entscheidende jedoch immer nach dem „aber“: „Wir leben heute aber auch nicht nur mehr in der ‚verwalteten Welt’, sondern haben es mit dem veritablen Zerfall des Kapitalismus zu tun. Es ist zu schauen, wo es evtl. Bewegungen (!) gibt, die überschießende Momente haben, in die wir uns einmischen (!) können, um deren geistigen Horizont im Sinne Kritik der gesellschaftlichen Synthesis zu erweitern.“[233]
Die verschrobene „Begründung“ für die lüsterne „Schau“ auf die Bewegungslinke ist in ihren Schlussfolgerungen hervorzuheben. Ja, in der „verwalteten Welt“ seien ein „Vorrang“ der „Theoriebildung“ und eine „kritische Distanz“ zur Bewegungslinken noch angezeigt gewesen. Aber inmitten des „veritablen Zerfalls des Kapitalismus“ muss die ohnedies wegbrechende Theoriebildung durch ein „Einmischen“ in die „praktische Praxis“ kompensiert werden.
Um diese nächste allzu offensichtliche Revision des bisherigen Stands der Theoriebildung einigermaßen plausibel machen zu wollen, vollführt die Forscherin für Interdisziplinarität allerdings eine besonders abstruse Volte. Die neue Nachrangigkeit der Theorie und ihre Distanzlosigkeit zur linken Szene werden aus dem objektiven Übergang zur neuen Epoche der Post-Postmoderne deduziert. So in etwa nach dem Motto: Wir armen Würstchen können gar nicht anders, als uns der Bewegungslinken an den Hals zu werfen, weil uns der Übergang von der „verwalteten Welt“ zum „Kollaps“ der Post-Postmoderne dazu zwingt, jedwede theoretische Distanz und Eigenständigkeit über Bord zu werfen!
Damit ergeht sich der Scholzsche Theoriezombie jedoch in eine astreine „Strukturtheorie“. Er verwendet in krisis-Manier jenes subsumtionslogische „Schema“, das die kontingente Eigenleistung des theoretischen Bewusstseins aus der Dynamik des Kapitalfetischs ableitet. Baute er ehedem den Popanz eines Objektivismus-Vorwurfs gegenüber Robert Kurz, mir, den atheistischen Kritikern usw. auf, um der Theorie die eigene subjektivistische Metaphysik einzutrichtern, ist ihm zum Zwecke der Eliminierung der theoretischen Eigenständigkeit die objektivistische Ableitung der neuen Distanzlosigkeit gegenüber der Bewegungslinken aus dem Epochenbruch zwischen „verwalteter Welt“ und Post-Postmoderne durchaus willkommen.
Dieser Zynismus hat jedem Wahrheitsanspruch abgeschworen und wäre als theoretischer Gegenstand nicht weiter ernst zu nehmen, handelte es sich nicht um eine Spaltung innerhalb der ehemaligen Heimstätte der Wert-Abspaltungs-Kritik. Jedenfalls ist damit verbürgt, dass das eigene wissenschaftsversessene Brett vorm Kopf in der Zwischenzeit nach allen möglichen Seiten einer subjektivistischen und einer objektivistischen Metaphysik hin abgedichtet worden ist. Bisweilen entdeckt eben auch die hermeneutische Subjektivistin den strammen Hegel oder sollte man besser sagen: den strammen Lohoff in sich.
Indessen wurde diese objektivistische Deduktion nur zu dem Zwecke unternommen, den „Vorrang“ der „kritischen Distanz“ gegenüber der Szenelinken zu relativieren. Dabei ist nicht davon abzurücken, dass der Auftrag „kategorialer Kritik“ darin besteht, die objektiven Krisenprozesse und ihre ideologischen wie sozialpsychischen Entäußerungen in einer theoretischen Kritik auf den Begriff zu bringen. Dass diese Ideologiekritik auch die „praktische Praxis“ der Bewegungslinken miteinbezieht, versteht sich von selbst.
Aber auch diese Ideologiekritik der Zerfallslinken in ihrer „praktischen Praxis“ bleibt für sie noch immer ein Gegenstand der theoretischen Kritik. Ihr Verhältnis zur „praktischen Praxis“ ist ein theoretisches, im Falle „kategorialer Kritik“ also ein ideologiekritisch-analysierendes. Sie kann sich gar nicht „einmischen“ in die „praktische Praxis“, ihr keine Anweisungen oder dergleichen geben, weil theoretische Kritik und praktische Kritik durch die Fetischkonstitution selbst strukturell voneinander getrennt sind.
Die strukturelle Getrenntheit bringt es mit sich, dass nicht nur „theoretische Praxis“ und „praktische Praxis“, sondern auch theoretische Kritik und praktische Kritik einer jeweils eigenen „Logik“ unterworfen sind. Eine „kategorial-kritische“ Theoriebildung muss, um nur zwei Aspekte anzuführen, in ihrem Wahrheitsanspruch kompromisslos sein und hat sich nicht um Allianzen zu kümmern; zudem ist sie dazu in der Lage, die Fetischkonstitution in ihrer theoretischen Kritik zu transzendieren. Eine „kategorial-kritische“ Gegenpraxis, die momentan allerdings nicht in Sicht ist, käme stattdessen gar nicht umhin, sich mit strategischen und taktischen Sachlagen zu befassen, die auch die Frage nach Bündnissen und Allianzen beinhaltet. Überdies verbleibt eine kritische Praxis notgedrungen in der Immanenz, die sich in der „praktischen Praxis“ nicht überschreiten lässt, bis das kapitalistische Patriarchat als transnationales Fetischverhältnis abgeschafft wird.
Die hier nur angerissenen Divergenzen zwischen theoretischer Kritik und praktischer Kritik können von „kategorialer Kritik“ nicht einfach übersprungen werden. Der interdisziplinäre Theoriezombie gesteht demgegenüber offenherzig ein, dass die Post-Wert-Abspaltungs-Kritik sich in die „praktische Praxis“ der Bewegungslinken nachgerade lustvoll „einmischen“ müsse. Gleich darauf setzt er nach, dass zudem „Handlungsspielräume unbedingt (!!!) auszunutzen (!)“ seien, „um die aktuelle Lage zu verbessern“. Auf diese Weise verschmelzen theoretische Kritik und „praktische Praxis“ der Bewegungslinken jedoch bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander.
Die einzige Dimension, in der die Wert-Abspaltungs-Kritik den „geistigen Horizont“ der Bewegungslinken „im Sinne einer Kritik der gesellschaftlichen Synthesis zu erweitern“ hätte, ist diejenige der theoretischen Kritik. Würde sie diese Dimension überschreiten, hätte sie sich selbst aufgegeben. Das angesprochene „Erweitern“ des „geistigen Horizonts“ der Bewegungslinken muss in Wahrheit von dieser Bewegungslinken selbst anhand ihrer Rezeption radikal gesellschaftskritischer Theoriebildung erfolgen. Dabei lässt sich „kategoriale Kritik“ keinesfalls in der „praktischen Praxis“ durch „Einmischung“ umsetzen und sie kann schon dreimal keine „Handlungsspielräume ausnutzen“, da sich aus der abstrakten Theoriebildung gar nicht die konkrete Praxis vor Ort ableiten lässt – was wiederum auf die irreduzible Eigenständigkeit beider Sphären verweist. Die einzige Konsequenz, die dieses „Einmischen“ in die Bewegungslinke mit seinem „unbedingten Ausnutzen von Handlungsspielräumen“ zeitigt, ist die Unterwerfung von Rest-Exit unter die Eigenlogik der Szenelinken in ihrer „praktischen Praxis“. Darin kulminiert der neue Praxisfetisch von Rest-Exit.
Nach der kategorialen Krisentheorie ist von den Exit-Zombies somit auch die kritisch-theoretische Distanz zur Bewegungslinken und ihrer Szene einkassiert worden. Wie zu sehen war, hat dieser handlungstheoretisch-bewegungslinke Regress sich bereits weit in die Infrastruktur vorgefressen. Die szeneinterne und mitunter auch szeneexterne Bündnispolitik hat sich engmaschig institutionalisiert: Mit dem „Ökumenischen Netz“ und der antideutschen Ideologie hat man die eigene strategische Reichweite erheblich erweitert. Und sowohl die „Graswurzelrevolution“ als auch die Anleihen der Konicz-Texte aus dem linken Blätterwald zeitigen die Chance, sich auch zukünftig in die Bewegungspolitik „einzumischen“.
Demzufolge wimmelt es heute in den Traktaten von Rest-Exit nur so vor praxisnahen Avancen. Auf diesem „Feld“ der Theoriebildung, die gar keine mehr ist, glänzt besonders der notorische Plagiator Thomas Meyer. Nachdem er Rest-Exit an die „Graswurzelrevolution“ heranführen wollte, waren auch die „WachstumskritikerInnen“ aus naheliegenden Gründen ein begehrtes Objekt. Leider haben die „revolutionären Subjekte“ in der spätpostmodernen Notstandsverwaltung nur eine geringe Halbwertszeit.
So schrieb der notorische Plagiator über Äußerungen von Greta Thunberg vor noch nicht langer Zeit: „Hier spricht Greta Thunberg aus, dass die Rentabilität abzulehnen (!) ist. Notwendiges Ziel ist es, die Welt als lebenswert zu erhalten. Sich etwas vorrechnen zu lassen, ist also keine Option.“[234] Wenn schon in Greta Thunberg eine verkappte Wertkritikerin erblickt wird, dann steht dem Bündnis mit den Klimabewegungen nichts mehr im Wege. Ruft man sich den aggressiven Anti-Israelismus von Thunberg nach ihrer klimapolitischen Phase ins Bewusstsein, wird der notorische Plagiator sich wohl ein anderes „revolutionäres Subjekt“ suchen müssen. Oder vielleicht entdeckt Rest-Exit sogar in den diversen Spielarten des transnationalen Anti-Israelismus „Handlungsspielräume“, die „unbedingt auszunutzen“ sind?
In Anbetracht dieser neuerlichen Revision am Stand der Theoriebildung gilt es eindeutig festzuhalten: Ohne die kategoriale Voraussetzung einer radikalen Eigenständigkeit der Theoriebildung bei gleichzeitiger Distanz zu den gesellschaftlichen Formen, aber auch zum universitären Betrieb und zur linken Szene wäre die Wert-Abspaltungs-Kritik niemals entstanden. Die kompromisslose Eigenständigkeit der Theorie ist die primäre Errungenschaft, welche die Gründung der „fundamentalen Wertkritik“ vor allen anderen „kritisch-affirmativen Interpretationsideologien“ der linken Theorieszene ausgezeichnet und sich bis zur Spaltung bei Exit erhalten hat.
In dieser Liaison mit der linken Bewegungspraxis kommt unterdessen mehr zum Vorschein als der Regress der Rest-Theorie. Sie reagiert auf den verschärften Existenzkampf von Gesellschaftskritik insgesamt im Zuge der späten Postmoderne. Es darf durchaus nicht unterschätzt werden, dass das Ernstnehmen der theoretischen Eigenleistung radikale Gesellschaftskritik in eine vertrackte Lage versetzt. Der Übergang der westlichen Zentren von der frühpostmodernen Krisen- in die spätpostmoderne Notstandsverwaltung hat nicht nur die bürgerliche Zerfallssubjektivität, sondern auch die Zerfallslinke in den Strudel der unmittelbaren Existenzbewältigung hineingerissen. Die nun in der westlichen Linken materiell spürbar werdende Degradierung, die sich zu der schon länger abzeichnenden sozialpsychischen Degradierung gesellt, scheint über jeden noch so zarten Hauch einer inneren Distanz zu den kollabierenden gesellschaftlichen Formen hinwegzurollen. In der Perspektive des postmodernen Aufmerksamkeitszirkus hat man mit radikaler Gesellschaftskritik in der Tat nur zu verlieren.
Wenn er auch auf der theoretischen Ebene fürderhin nichts mehr beizutragen hat, spürt der affirmative Instinkt „fauler Dissidenz“ dieses strategische Dilemma umso sensibler. Mit der auch für eine/n selbst zu abstrakten und komplexen Theoriebildung lockt man in der Zerfallslinken keinen Hund mehr hinterm Ofen hervor. Und da man inzwischen den Imperativen der „praktischen Praxis“ folgt, erscheint das „unbedingte Ausnutzen“ von „Handlungsspielräumen“ innerhalb der Szenelinken aus Sicht der Theoriezombies als probate Reaktion, um den unübersehbaren theoretischen Bedeutungsverlust durch das „Einmischen“ in die linke Szenelandschaft auszugleichen.
Mag das ungebrochene Insistieren auf der theoretischen Distanz für radikale Gesellschaftskritik in der gegenwärtigen Situation auch die Perspektive einer mittel- oder gar langfristigen Marginalisierung bedeuten, kann es hier kein Vertun geben. Die Wahrheit „kategorialer Kritik“ liegt in ihrem negativen Inhalt und sonst nirgendwo – nicht in der Verfügbarkeit einer gewachsenen Infrastruktur, nicht in der Wahrscheinlichkeit ihres realen Erfolgs und ganz sicher nicht in ihrer Reputation bei der Bewegungslinken. Wir von fractura – Gruppe für „kategoriale Kritik“ zögern keine Sekunde lang, diese randständige und scheinbar bedeutungsschwache Stellung „kategorialer Kritik“ dem eigenen Seelenausverkauf an die Bewegungslinke vorzuziehen.
Fetischkritischer Reduktionismus und die Apotheose der Staatlichkeit
Der neue Praxisfetisch stellt das letzte Mosaiksteinchen in der großen Transformation der ehemaligen Wert-Abspaltungs-Kritik dar. Die radikale Distanz zur linken Bewegung gab einst den ersten Anstoß zur Etablierung „kategorialer Kritik“. Indem sie dank des unbändigen Drangs zur „Einmischung“ in die Bewegungspraxis eingerissen wurde, hat Rest-Exit den gesamten Theoriebildungsprozess rückabgewickelt, weshalb Rest-Redaktion und -Vorstand auf dem vor-kritischen Niveau der frühen 1980er-Jahre angekommen sind.
Nun haben zwar die mannigfachen Avancen des eklektizistischen Staubsaugers das eigene Spektrum bereits in jeder erdenklichen Richtung erweitert. Aber auch wenn man zu den expliziten Allianzen mit dem „Ökumenischen Netz“ und der antideutschen Ideologie die impliziten mit der „a&k“ oder der „Graswurzelrevolution“ hinzunimmt, bleibt damit die Wirkmächtigkeit der eigenen „Handlungsspielräume“ immer noch stark begrenzt. Es bedurfte einer relevanten gesellschaftlichen Institution, um dem eigenen Einfluss auf die „praktische Praxis“ wirklich Nachdruck verleihen zu können.
Auf was das Ganze zusteuert, hätte unter normalen Bedingungen der theoretischen Revision mehrere Jahrzehnte beansprucht. Im Zuge des „Corona“-Virus jedoch, das auch in Anbetracht der formallogisch-inhaltlichen Regression von Rest-Exit als Brandbeschleuniger wirkte, nahm dieser Prozess eine abrupte Abkürzung. Schon bald sollte sich herausstellen, wer hier als Adressat der eigenen praxisfetischistischen Ambitionen visiert wurde.
Als im April 2020 am Ende des ersten „Lockdowns“ Diskussionen um mögliche Öffnungsschritte aufkamen, sah sich die Theorieverwaltungsmaschinerie dazu verpflichtet, in die Debatte einzugreifen. Einen Monat nach Merkels Kritik an den „Öffnungsdiskussionsorgien“ meldete sich der Post-Pfaffe mit einer „Kritik am Lockerungswahn (!!)“ zu Wort. Die Kritiker der „Lockdowns“ kurzerhand pathologisiert, legt er noch einmal nach. So verwahrte er sich gegen jene ohnehin zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallenden Segmente der Linken, die gegen den Ausnahmezustand protestierten und welche „(d)ie Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in falscher Unmittelbarkeit zu attackieren (!) oder dabei von Corona-Regime bzw. Corona-Diktatur (!!!) zu sprechen“[235] gedachten.
Und warum darf man das Kind nicht beim Namen nennen? Warum soll der Ausnahmezustand nicht als das bezeichnet werden, was er ist, nämlich als ein diktatorischer Zustand? Weil eine solche Haltung „die Gefährlichkeit des Virus ebenso“ unterschätze „wie die Rolle von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten im Kapitalismus.“[236] Abgesehen davon, dass die „Gefährlichkeit“ des Virus in der ostentativen Propaganda des Ausnahmezustands für die Gesamtbevölkerung drastisch übersteigert wurde, bleibt der Verweis auf „Demokratie“ und „Menschenrechte“ im „Kapitalismus“ seltsam erratisch.
Die Problematisierung von „Freiheit, Demokratie und Menschenrechten im Kapitalismus“ zielt natürlich auf die Minderheit der „Maßnahmenkritiker“. Sie griffen den Ausnahmezustand damals im Namen der Freiheit und der Rechtsgarantien politischer Subjektivität an: Der Notzustand nehme den Subjekten das Recht auf die eigene Bewegungs- und Versammlungsfreiheit, die Unversehrtheit des eigenen eigenen Körpers etc., weshalb er ein unrechtmäßiger Akt sei. Deshalb kaprizierten sich die „Maßnahmenkritiker“ darauf, den Ausnahmezustand auf Basis der legalen Rechtsgarantien der demokratischen Verfassung – nicht zuletzt auf derjenigen der Freiheitsrechte – anzuprangern.
Der seelenlose Adorniten-Heide problematisiert den Legalismus der „Maßnahmenkritiker“ nur deshalb, um im Vergleich dazu den Legitimismus des Ausnahmezustands mit der regierenden Notstandsexekutive an der Spitze in einem umso helleren Licht erstrahlen zu lassen. Diese dem Politikfetisch immanente Polarität von Legalismus und Legitimismus[237] wird einzig mit dem Zweck lanciert, letzterem eine Berechtigung zu attestieren. Haltet euch mit der Kritik am autoritären Notzustand zurück, denn es könne „weder darum gehen, die regierungsamtlichen Maßnahmen (!) mit den Forderungen nach individuellen Freiheitsrechten zu attackieren, noch darum, sie als ‚solidarische‘ Maßnahmen misszuverstehen.“[238]
Die Exit-Zombies haben allem Vermuten nach auch in Sachen „Corona“-Virus die „Faktenchecker“ des ZDF konsultiert. Ganz in ihrem Sinne wird eingefordert, dass die Notverordnungen zwar nicht als „solidarische Maßnahmen missverstanden“, dafür aber umso eifriger umgesetzt werden sollen. Die den autoritären Ausnahmezustand bagatellisierende Formulierung von den „regierungsamtlichen Maßnahmen“ könnte dabei glatt der Medienabteilung des Kanzleramts entsprungen sein.
Zwischen der legitimistischen Notstandsideologie des Adorniten-Heiden und seiner moralistischen Leidensphilosophie herrscht eine Interdependenz. Wie andernorts gezeigt wurde, ist der Legitimismus eine immanente Ideologie des „status irrationalis“, die seiner fetischistischen Eigendynamik der Aufrechterhaltung des souveränen Gewaltinhalts um seiner Fortexistenz willen an jenem Punkt beispringt, an dem sich die legale Rechtsförmigkeit als insuffizient erweist.[239] Im Ausnahmezustand während „Corona“ standen sich beide Ideologien gegenüber: Forderten die legalistischen „Maßnahmenkritiker“ eine Verrechtlichung der moralisch aufgeladenen Politik der Angst, propagierten die legitimistischen „Maßnahmenbefürworter“ eine Moralisierung der Notstandserlasse über den rechtlichen Zugriff hinaus.
Es verwundert daher nicht, dass sich der Post-Pfaffe auf moralisch-legitime und nicht rechtlich-legale Kategorien bezieht: „Die Regierungen geben ihre Verantwortung an die ‚Eigenverantwortung‘ ihrer mündigen Bürger_innen weiter (…) Der Begriff ‚Verantwortung‘ lässt an Moral denken. Das Problem ist aber nicht die Moral, sondern das Denken.“[240]
Allerdings ist die Moral das Problem, oder genauer: die moralische Leidensphilosophie des Adorniten-Heiden, für den die normative Bindung der Ausnahmezustandserlasse einfach nicht ausreichend war. Zuvor noch Partei für die regierende Notstandsexekutive ergreifend, um sie vor dem Vorwurf der „Corona-Diktatur“ in Schutz zu nehmen, fiel nun auch sie in Ungnade. Für ihn kam es einem Verrat an ihrer „Verantwortung“ gleich, dass sie im Zuge des „Lockerungswahns“ die Zügel schleifen ließ und ihre moralische Pflicht an die „Eigenverantwortung“ der Bevölkerung delegierte.
Sich verzückt in die „Handlungsspielräume“ der Notstandsexekutive hineinimaginierend, nehmen sich Merkel, Drosten und Lauterbach neben dem Böttcherschen Theoriezombie schon beinahe als anti-autoritäre Softies aus: „Politische Entscheidungsträger stehen nicht nur unter dem Druck der wirtschaftlichen Krise, sondern auch unter dem Druck derer, die darauf drängen, endlich wieder zur ‚Normalität‘ des kapitalistischen Alltags zurückkehren zu können.“[241] Sie sind auch wirklich arme Schweine, diese Charaktermasken des Politikfetischs.
Weil es ihnen an dem richtigen moralischen Verantwortungsbewusstsein – repräsentiert im „Dogma“ des moralisch-leidensphilosophischen „Evangeliums“ – gebreche, bestehe die Gefahr, dass die politische Funktionsintelligenz mit ihren „Maßnahmen“ ins Wanken gerate. „Es spricht einiges dafür“, heißt es weiter, „dass sich unter diesem Druck die politische Debatte – unter Betonung der Eigenständigkeit politischen Handelns – von der Debatte um wissenschaftliche Einschätzungen der Gefährlichkeit des Virus trennt.“[242] Der Notstandslegitimismus der Exit-Zombies ist ins Lager der Politikberatung gewechselt, um für eine noch striktere Durchhaltung der „regierungsamtlichen Maßnahmen“ als in der exekutiven Praxis zu werben.
Jetzt wird erkennbar, welche Instanz dem „Einmischen“ und „unbedingten Ausnutzen“ von „Handlungsspielräumen“ in der Praxis eine gesellschaftliche Geltung vindizieren solle. Denn „(t)rotz aller Widersprüchlichkeiten“, schallt es von der Kanzel des seelenlosen Moral-Apostels, „trägt die Einschränkung von Kontakten (!) aber wesentlich dazu bei, die Ausbreitung des Virus zu unterbrechen und Alte und Kranke sowie andere Risikogruppen, also in der kapitalistischen Normalität ‚Überflüssige‘, zu schützen (!!!) Das ist ein nicht zu unterschätzender Effekt (!!).“ Sein „immanenter Gott“ kommt in der Notstandsdiktatur des Politikfetischs endlich zu sich. Es ist die Apotheose der Staatlichkeit, deren leibhafter „Lebensschutz“ von „Alten und Kranken“ emanzipatorische „Handlungsspielräume“ verspricht.
Diese ungenierte Huldigung des Politikfetischs zog sich quer durch die gesamte Rest-Redaktion. Auch der notorische Plagiator ließ sich hierbei nicht lumpen: „Nun unterscheiden sich die Corona-Maßnahmen – trotz berechtigter Kritik im Einzelnen (partielle Inkonsistenz der Maßnahmen, Verharmlosung der ‚Kollateralschäden’ u.a.) – von den gewohnten autoritären ‚Reaktionsmustern’ sowohl dadurch, dass das Virus kein Phantom, sondern gefährliche Realität ist, als auch dadurch, dass sie – entgegen dem Trend (!!) – gefährdete Menschen und Gruppen schützen sollen (!!), die als Kranke und Alte zum nicht (mehr) verwertbarem Humankapital gehören (!!!).“[243] Was eine rührselige Ode an die Staatlichkeit als Repräsentantin des „Lebensschutzes“, deren dringlichstes Bedürfnis die Rettung „gefährdeter Menschen“ sei.
Die legitimistische Notstandsideologie des „Lebensschutzes“ preiste eine weitere phantasmagorische Voraussetzung über das Wesen des Staates ein. Mit der eindimensionalen Zuordnung von der Absicht des „Lebensschutzes“ einerseits und ihrer Umsetzung durch die „regierungsamtlichen Maßnahmen“ andererseits wird eine mehr oder weniger ungebrochene Übersetzung der Intention der politischen Charaktermasken in die „politische Praxis“ proklamiert. Rest-Exit supponiert eine Deckungsgleichheit von Intentionen und Resultaten der Handlungen innerhalb der „praktischen Praxis“ der Politik.
Deshalb avancierte die Gesinnung eines maximalen „Lebensschutzes“ zum obersten Wert an sich. Die Intention des „Lebensschutzes“ bei den politischen Charaktermasken habe erst den Ausnahmezustand bewirkt und zur Realisierung dieses Zwecks in der „politischen Praxis“ geführt. Diese im Notzustand realisierte Verwirklichung der „lebensschützenden“ Intention habe sogar „entgegen dem Trend“ zur Rettung von besonders gefährdetem Leben geführt.
Mit diesen drei Begründungsebenen von Legitimismus, leiblichem „Lebensschutz“ und Realisation der intentionalen Zwecksetzungen durch den Staat bezeugt Rest-Exit den staatsimmanenten Gehalt der eigenen politischen Ideologie. Alle drei Begründungsebenen setzten die Staatlichkeit als eine nicht-fetischistische Instanz voraus, in der sich der moralisierende Legitimismus, dessen Intention im politischen „Lebensschutz“ besteht, direkt in der „praktischen Praxis“ umsetzen ließe. Damit teilt Rest-Exit den Kern einer jeder modernen politischen Ideologie.
Die fetischistische „Gesamtpraxis“ der Wert-Abspaltung involviert nämlich auch jene partikulare Objektivität der Staatlichkeit. Wie andernorts in einem ersten Aufriss entfaltet wurde, steht die Staatlichkeit unter dem objektivierten Selbstzweck des „status irrationalis“; er konstituiert die „praktische Praxis“ des Politikfetischs gemäß der Aufrechterhaltung der Souveränität um ihrer Fortexistenz willen. Demzufolge muss die Staatlichkeit samt ihrer politischen Praxis als ein verselbständigter und einem blinden Selbstzweck unterworfener sozialer Fetischzusammenhang verstanden werden.
Aus diesem Selbstzweck geht unter anderem die polare Dichotomie von Legalismus und Legitimismus hervor. Denn weder die legalen noch die legitimen Denk- und Handlungsmuster wären für sich alleine in der Lage, dem fetischistischen Selbstzweck Genüge zu tun: Es treten realgesellschaftliche Situationen ein, in denen die Aufrechterhaltung der Souveränität um ihrer Fortexistenz willen nicht mehr durch den legalen Vollzug der politischen Praxis garantiert werden kann. Auf der anderen Seite würde ein ununterbrochener „Ausnahmezustand“ sich selbst abschaffen, da die legitimistische ultima ratio des „status irrationalis“ nicht auf Dauer durchzuhalten ist.
Begriffslos bezüglich des fetischistischen Charakters der Politik, deren reale Erscheinungsebene für sich genommen wird, unterscheidet sich die Position von Rest-Exit im Grundsatz nicht von den Denkformen sowohl der Parteipolitik als auch der Gesamtbevölkerung. Während im bürgerlichen Diskurs eine „maßnahmenkritische“ rechtsliberale Minderheit im Laufe des Ausnahmezustands für die legalistische Rekonstitution der Demokratie und ihrer Freiheitsrechte agitierte, propagierte die „maßnahmenbefürwortende“ linksliberale Mehrheit, flankiert von Rest-Exit, eine legitimistische Konstitution, die den obersten moralischen Wert des „Lebensschutzes“ über die legale Rechtmäßigkeit des Notstandsregimes stellte.
Dabei ging es bei „Corona“ weder um demokratische Freiheiten noch um „Lebensschutz“. So stellt es sich den Beteiligten nur auf der Ebene der politischen Praxis in ihrer strukturellen Dichotomie von legalen und legitimen Handlungsmustern dar. Vielmehr rangen beide Fraktionen um die bestmögliche Ausgestaltung des „status irrationalis“ einer Aufrechterhaltung souveräner Gesamtgewalt um ihres Fortbestands willen, wobei sie jeweils plausible Argumente vorbringen konnten – mit der Einschränkung freilich, dass der übergreifende fetischistische Selbstzweck vollkommen ausgeblendet wurde, der diese Argumente realiter ad absurdum führt.
Was die zweite Ideologie des leiblichen „Lebensschutzes“ durch den Ausnahmezustand angeht, sei wenigstens zu Protokoll gegeben, dass der Autor einen gewissen Widerstand des Fremdschämens überwinden musste, um sich auf dieses Niveau der Auseinandersetzung überhaupt einlassen zu können. Dass in einem Kontext, der sich als „wert-abspaltungs-kritisch“ missversteht, überhaupt die These diskutiert wird, der Ausnahmezustand habe zum „Schutz“ von „Alten und Kranken“ sowie „Gefährdeten“ beigetragen, müsste sich eigentlich von selbst verbieten.
Setzt man diesen politikaffirmierenden Kitsch ins Verhältnis zum Ökonomiefetisch, wird die romantische Verklärung des Politikfetischs bei Rest-Exit offenbar: Die Behauptung des „staatlichen Lebensschutzes“ befindet sich auf derselben ideologischen Linie wie diejenige des bürgerlichen Alltagsverstands, die kapitalistische Produktion diene der menschlichen Bedürfnisbefriedigung. Dieser stoffliche bzw. leibliche Konkretismus verweist nur auf die kategoriale Absenz einer Kritik des objektiven Politikfetischs, die noch begriffsloser als der ökonomietheoretische Reduktionismus ist.
Man muss diesen stofflichen Konkretismus nur beim Wort nehmen, um seine absurden Axiome zu dechiffrieren: Wenn für den Politikfetisch der „Lebensschutz“ eine relevante Kategorie wäre, dann ließen sich die „regierungsamtlichen Maßnahmen“ nicht erklären. Selbst wenn man die offiziellen Zahlen der „Corona“-Toten zugrunde legt, wäre in Sachen „Lebensschutz“ vielmehr das totale Verbot des Rauchens oder der „Krieg“ gegen Krankenhauskeime (mindestens ebenso wie der gegen „Corona“) sowie der „Lebensschutz“ psychisch erkrankter Menschen angesagt gewesen. Am ehesten müssten jedoch nicht Ausgangssperren, sondern im Gegenteil ein Ausgehzwang eingeführt werden: Mindestens eine Stunde obligatorisches Walken der Gesamtbevölkerung pro Tag, um dem „Massensterben“ an Herz-Kreislauf-Toten ein Ende zu bereiten.
Das stoffliche und leibliche Element steht eben nicht für sich, sondern ist immer schon der „realen Subsumtion“ durch die politische Realabstraktion ausgesetzt. Der Politikfetisch ist ein „status irrationalis“: Sein sich in dem „permanenten Kriegszustand“ der frühmodernen Konstitutionsepoche herausbildender und seit dem 18. Jahrhundert im modernen „Verfassungsstaat“ versachlichender Selbstzweck einer Aufrechterhaltung souveräner Gesamtgewalt um ihrer Aufrechterhaltung willen abstrahiert die politischen Handlungen auf diesen Selbstzweck hin. Die politische Realabstraktion verleiht nur jenen politischen Handlungen eine Geltung, die sich der Aufrechterhaltung der Souveränität um ihrer Fortexistenz willen einfügen. Der Inhalt dieser vom „status irrationalis“ konstituierten politischen Handlungen hat damit gar keine unmittelbar stoffliche oder leibliche Qualität, sondern ist immer schon auf den fetischistischen Selbstzweck hin zugeschnitten, womit er bestenfalls als Abfallprodukt eines irrationalen Selbstverhältnisses in Betracht kommt.
Der kategorialen Illusionen nicht genug, verfällt Rest-Exit mit der Apotheose des Politikfetischs schließlich der Fata Morgana einer zwecksetzenden Intentionalität der „politischen Praxis“. Dem politischen Handeln wird in seiner legalistisch-legitimistischen Polarität eine prinzipielle Intentionalität eingeräumt, die über ein rationales Zweck-Mittel-Verhältnis verfüge. Dieser Modus kommt beim Post-Pfaffen zum Tragen, wenn er die euphemistisch angeführte „Einschränkung von Kontakten“ (Mittel) dem „Lebensschutz“ von „Alten“ und „Kranken“ (Zweck) intentional zuordnet. Für ihn fließt die Intention der Handlung weitgehend in die Realisation der Handlung ein.
Mit dem seelenlosen Adorniten-Heiden verfällt Rest-Exit der nächsten politischen Fiktion. Denn die Intention der Gesinnung bricht sich in der „praktischen Praxis“ an dem politischen Selbstzweck und seiner Realabstraktion. Die ideologische Polarität von „Gesinnungsethik“ (repräsentiert in der Regierungslinie) und „Verantwortungsethik“ (repräsentiert in den „Maßnahmenkritikern“) verweist auf die reale strukturelle Getrenntheit von der Intention der Handlung und ihrer Realisation in der „praktischen Praxis“, zwischen die sich der fetischistische Selbstzweck schiebt.
Das hat zur Folge, dass die politische Realabstraktion all jene Elemente der politischen Intention durch ihren Vollzug für obsolet erklärt, die sich gegen die Aufrechterhaltung der Souveränität um ihrer Fortexistenz richten. An ihrer objektiven, in der „praktischen Praxis“ vollzogenen Realabstraktion bricht sich der Inhalt der Intention und wird „hinter dem Rücken“ der politischen Charaktermasken zugunsten der Erfordernisse des fetischistischen Selbstzwecks nivelliert. Der „status irrationalis“ wird nicht durch eine rationale Zweck-Mittel-Relation bestimmt, die sich der willentlichen Umsetzung fügt, sondern von einem irrationalen Selbstverhältnis, dessen leerer Selbstzweck zu einer einmaligen Restriktion und Verstümmelung des sozialen Lebens geführt hat, weil er sich längst schon gegenüber allen intentionalen Zwecksetzungen verselbständigt hat.
Im Rahmen dieser Kritik kann eine Aufarbeitung von „Corona“ nicht erfolgen. Sie wird zu einem späteren Zeitpunkt Gegenstand einer eigenen Analyse werden. Festzuhalten ist in diesem Kontext allerdings die Apotheose der Staatlichkeit bei Rest-Exit: Der moralinsaure Legitimismus hat sich die Intention des leiblichen Wohls und des „Lebensschutzes“ auf die Fahnen geschrieben, die durch den staatlichen Ausnahmezustand „entgegen dem Trend“ der Fundamentalkrise besonders „Gefährdete“ rette. Ein Hauch von Sozialismus macht sich um den „immanenten Gott“ des staatlichen Ausnahmezustands breit.
Und so hat sich zu guter Letzt die „realmetaphysische“ und historisch in sich prozessierende Fetischvergesellschaftung für Rest-Redaktion und -Vorstand auf einen simplen Dualismus zusammengezogen: „Böser Fetisch“ versus „guter Anti-Fetisch“. Als „böser Fetisch“ figuriert der ökonomische „Wachstumszwang“. Er stößt vorgeblich, induziert vom „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“, dadurch an seine „äußere Schranke“, dass die „spätkapitalistische Welt in Gebrauchswerten erstickt“. Im Angesicht dessen zeichnet sich plötzlich „sprunghaft“ das „dialektische Bild“ des „guten Anti-Fetischs“ staatlichen „Lebensschutzes“ ab. Der „immanente Gott“ der Staatlichkeit stellt die Instanz bereit, die „das ‚Anhalten’ des Flusses in der Zeit“ als „revolutionäre Veränderung“ bewerkstelligen und dabei dem „unbedingten Ausnutzen“ der „Handlungsspielräume“ den erhofften Nachdruck verleihen soll.
Dieser fetischkritische Reduktionismus für wertkritische Dünnbrettbohrer hat sich auf das gängige Niveau des theoretischen Schattenreichs eingependelt. Im Unterschied zu allen anderen Vulgarisierungen entspricht die Notstandsverwaltungsideologie von „Corona“ jedoch nicht mehr den bisherigen theoretischen und spirituellen Abirrungen. Sie setzt vielmehr eine realpolitische Position frei, deren „Maßnahmen“-Autoritarismus Hand in Hand mit den politischen Funktionseliten den staatlichen Notzustand propagierte.
Der theoriegeschichtliche Gang in sich lässt sich nicht bestechen. Aller demokratisch-kollektivpluralistischen Öffnung der Theorie und aller szenelinken wie katholisch-gutmenschlichen Bündnispolitik zum Trotz, hat der sprechende Gang der Theorieentwicklung sein Urteil gefällt: Als autoritäre Scharfmacher des staatlichen Notzustands haben Rest-Redaktion und -Vorstand jene theoretische Glaubwürdigkeit verspielt, der ihre instrumentelle und theorieverwaltende Grundhaltung sowieso in hermetischer Indifferenz begegnet.
In Wahrheit besteht in der theoretischen Glaubwürdigkeit „kategorialer Kritik“ jedoch ihr oberstes Faustpfand. Sie ist das Äquivalent zu ihrer negativen Wahrheit der Kritik, die sich gegenüber den postmodernen Zerfallsideologien als inhaltlich überlegen erwiesen hat. Auf alle Aspekte des formallogisch-inhaltlichen Regresses trifft jene im Volksmund bekannte Redensart zu, die sich an der Verherrlichung des staatlichen Notzustands im Besonderen bewahrheitet: Wer einmal die fetischistische Gewaltkonzentration des Ausnahmezustands verherrlicht, dem glaubt man nicht – und wenn er auch zukünftig eine „Staatskritik“ inszenieren sollte.
Und so widerfährt den SeelenverkäuferInnen letztlich doch noch theoretische Gerechtigkeit. Der Teufelspakt vergilt den Theoriezombies Gleiches mit Gleichem und so schließt sich am Ende der Kreis: Was mit dem inneren Ausnahmezustand der Exit-Spaltung und ihrer machtpolitischen Austragung begann, endet in der Glorifizierung des äußeren staatlichen Ausnahmezustands während „Corona“. Mit diesem neuen Hang zum inneren und äußeren Notstandsautoritarismus hat der sprechende Gang in sich der Theoriegeschichte seinen Rubikon überschritten – und marschiert seither unverbrüchlich in Richtung Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik.
Epilog: Des Kaisers neue Kleider, oder: Die Stunde der SeelenverkäuferInnen
„Kein einziger dieser Inhalte ist aber aus rein subjektivem Räsonnement heraus dem Label nur äußerlich angehängt worden und deshalb wieder leichthin abtrennbar. Vielmehr handelt es sich um Entwicklungen des grundlegenden theoretischen Ansatzes selbst, die in oft jahrelangen äußeren und inneren Konflikten herangereift sind. Nichts davon ist zufällig oder bloß von Einfällen und oberflächlichem, affektgesteuertem Gutdünken bestimmt.“[244]
(Robert Kurz)
Diese programmatischen Formulierungen klingen wahrlich wie aus einer vergangenen Ära. Legt man über die Folie des Geistes dieser Zeilen den Tofu-Brei der Rest-Theorie, könnte der Kontrast kaum schärfer ausfallen. Bereits der dezidierte Anspruch der von Kurz zitierten Formulierung würde die übergreifende Inkonsistenz des Theorie-Kadavers heute in seinen einzelnen Bestandteilen erschüttern.
Das Rest-Skelett wird aus einer Ansammlung disparater theoretischer Fragmente gebildet, die aus ganz unterschiedlichen und sich teils widersprechenden Theorierichtungen akquiriert werden: kapitaltheoretischer Objektivismus und antideutscher Subjektivismus reichen sich in vollendeter Inkonsequenz die Hand, während beide atheistischen Theorieansätze wiederum nur lose mit dem spirituellen Katholizismus zusammenhängen. Überstrahlt wird dieser vegetierende Korpus von dem überdimensionierten Totenkopf „wissenschaftlich-theoretischer Überlegungen“, unter dem sich die verbleibenden Rest-Knochen allesamt dann doch noch guten Gewissens versammeln können.
Inständig hatte Rest-Exit gehofft, ihrer theorieverwaltenden Kritiksimulation werde eine längere Galgenfrist gewährt. Der Gläubiger forderte die offene Rechnung jedoch zeitnah ein. In Zeiten der Fundamentalkrise ist auch der Teufel vor dem kommenden Kriseneinbruch nicht gefeit und so pochte er justament auf die revisionistische Schuldigkeit der Exit-Zombies.
So benötigte es gerade einmal sieben Jahre nach dem Tod von Robert Kurz, um den drei Jahrzehnte andauernden Theorieprozess bei Exit buchstäblich zu zerschlagen. Jedwede Erkenntnis wird heute der Rest-Theorie „äußerlich angehängt“, weil der formallogische Regress die innere Dialektik von „Darstellung“ und „Kritik“ zu einem starren Gegensatz verdinglicht hat. Diese Äußerlichkeit kulminiert in der identitätslogischen Keule, deren darstellungslose Kritik jedem x-beliebigen Inhalt wahllos angeheftet wird und deshalb „wieder leichthin abtrennbar“ ist.
Diese identitätslogische Abstraktion sistiert schon seit geraumer Zeit die „Entwicklungen des grundlegenden Ansatzes selbst“. Anstelle einer Ausarbeitung der durch den realen Krisenprozess sowie den Theoriebildungsprozess auf die Tagesordnung gesetzten Themenkomplexe agiert der inhaltliche Regress nur mehr „willkürlich“: weder die theologische Wende noch die Wissenschaftsaffirmation oder das moralische Leidensapriori ergeben sich aus dem Gang in sich des theoretischen Ansatzes. Und angesichts des geschichtstheoretischen Revisionismus war der Kahlschlag direkt Ausfluss eines „affektgesteuerten Gutdünkens“, das mit seinen Inhalten posthum auch die Person Robert Kurz zu negieren suchte.
Am signifikantesten tritt das Abrissunternehmen an der Wert-Abspaltungs-Kritik allerdings in der subjektivistischen Metaphysik in Erscheinung. Der formallogisch-inhaltliche Regress ist vom „rein subjektiven Räsonnement“ durchwoben, das den Geltungsgrad der metaphysischen Gedankenformen nicht mehr zu transzendieren vermag. Die regressive Geltung wird fortan „bloß von Einfällen bestimmt“, weil der subjektivistische Idealismus den Kontakt zur fetischistischen Realität verloren hat. Er reicht nicht mehr an die objektive Kritik der Wert-Abspaltung heran, weshalb sie in Bezug auf die Kapitaltheorie gleich ganz an einen Fremdautor ausgelagert wurde.
Und auch die „jahrelangen äußeren und inneren Konflikte“ sind der Demenz verfallen. Die Kritik der antideutschen Ideologie war nicht nur ein „äußerer Konflikt“, sondern spielte als „innerer“ bereits in die krisis-Spaltung hinein. In ihr spiegelte sich die Frage des Bruchs mit der bürgerlichen Aufklärungsvernunft wider, die für die Wert-Abspaltungs-Kritik eine zentrale theoretische Errungenschaft darstellt. Was „herangreift“ war in „jahrelangen Konflikten“, ist binnen weniger Jahre in sich zusammengesackt; allenthalben tummeln sich gegenwärtig antideutsche Inhalte im Rest-Kadaver, wobei man sich selbst dafür nicht zu schade war, die Theorieleichen vergangener interner Konflikte für die „Weiterentwicklung“ des Inhalts zu reanimieren.
Der posthum veröffentlichte Text von Robert Kurz mit dem Titel „Faule Dissidenz“ erweist sich in Rekurs auf die Exit-Spaltung in mehreren Belangen als instruktiv. Mit ihm hat er ein Testament hinterlassen, das mehr als andere Artikel mit seinem Vermächtnis verknüpft ist. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es wie ein Mahnmal gegen jene Regressionen auf der Inhalts- und Beziehungsebene wirkt, die mit den inneren Konflikten „kategorialer Kritik“ verbunden sind.
Die hier in Rede stehende formallogisch-inhaltliche Regression führte dazu, dass die „verfaulte Dissidenz“ von Anfang an den Stand der Theoriebildung ins Visier nahm. Das Regiment der Unbestimmtheit ist eben nicht nur ein gruppendynamisches und sozialpsychisches Phänomen, sondern wesentlich eines des theoretischen Inhalts. Indem Rest-Exit durch den Verweis, die Geschichtstheorie sei ein nur rudimentäres Gebiet, auf dem gar kein solcher Stand der Theoriebildung existiere, den ersten Sprengsatz an „kategoriale Kritik“ anlegte, offenbarten die Theoriezombies, dass ihr theoretisches Verständnis dem „zufälligen“, „oberflächlichen Gutdünken“ verfallen war.
Zweifelsfrei gibt es einen objektiven Stand der Theoriebildung. Er ist inhaltlich konzise bestimmbar, auch wenn er nicht auf einen Spruch zu bringen und durch seinen Prozesscharakter nicht in Stein gemeißelt ist. Bräuchte man für diesen Stand noch einen zusätzlichen Beleg, er läge in der Abrissbirne der „faulen“ bzw. „verfaulten Dissidenz“, die im Inneren des Zusammenhangs gegen immer dieselben inhaltlichen Positionen Front macht. „Worauf bezieht sich“ das Unbehagen im eigenen theoretischen Zusammenhang, fragt Robert Kurz in seinem Artikel, „soweit“ es „unter dem Label als solchem wegtauchen möchte?“
Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen, um diese Frage zu beantworten: „Nach den bisherigen Erfahrungen in wechselnden Konstellationen meist auf Punkte wie die sogenannte Praxisfrage (angebliche ‚Abgehobenheit’ der Position ohne Nährwert für den Aktivismus), gelegentlich auf die kategoriale Arbeitskritik und die Krisentheorie, die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung, die Kritik der Aufklärungsvernunft und nicht zuletzt die Israelsolidarität bzw. die Polemik gegen den linken Antisemitismus. Kein einziger dieser Inhalte ist aber aus rein subjektivem Räsonnement heraus dem Label nur äußerlich angehängt worden und deshalb wieder leichthin abtrennbar…“[245]
Von Anfang bis Ende der Exit-Spaltung ging es um nicht mehr und nicht weniger als um diese Kerninhalte „kategorialer Kritik“. Sieben Jahre nach der Spaltung ist die Zeit „herangereift“, um Bilanz zu ziehen. Führen wir uns also den Stand der Theoriebildung bei Rest-Exit im Spiegel dieser einzelnen Kerninhalte der Wert-Abspaltungs-Kritik zu Gemüte.
Da ist zum ersten der revisionistische Punkt der „sogenannten Praxisfrage (angebliche ‚Abgehobenheit’ der Position ohne Nährwert für den Aktivismus)“ – erfolgreich implementiert mittels des auch institutionell verankerten „Einmischens“ in die szeneinternen „Handlungsspielräume“. Neben der „‚Abgehobenheit’ der Theorie“ wäre da zum zweiten „die kategoriale Arbeitskritik und die Krisentheorie“ – als theoretische Gegenstände gänzlich aufgegeben und durch den empiristischen Objektivismus des gesamtideellen Vulgarisierers verballhornt worden.
Zudem existiert „die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung“ – um deren objektive Dynamik es auffallend still geworden ist, während der „Feminismus“ andererseits auf ein „Feld“ wie jedes andere heruntertransformiert wurde und bisweilen sogar den naturbeherrschenden Androzentrismus „naturwissenschaftlicher“ Erkenntniswahrheit preist. Außerdem erweist sich „die Kritik der Aufklärungsvernunft“ als eine zentrale Errungenschaft – annihiliert durch eine Reproduktion der kantischen Aufklärungsphilosophie sowie die neue Liaison mit der antideutschen Ideologie. Bleibt „nicht zuletzt die Israelsolidarität bzw. die Polemik gegen den linken Antisemitismus“– sie ist beizeiten einer Akzeptanz antisemitischer Entgleisungen gewichen[246].
Wie abzusehen war, fällt die Bilanz vernichtend aus: Des Kaisers neue Kleider sind bloßer Schwindel – in Wahrheit ist er bis auf die Knochen des vegetierenden Rest-Kadavers nackt und nichtig. Einzig seine Abrissbirne einer identitären Keule legt die Vermutung nahe, dass er sein Unwesen über die ihm gesetzte Galgenfrist hinaus zu treiben bereit ist. Aber weder die neue bündnispolitische Aktivität noch die Öffnung des Ansatzes in eine demokratische Kollektivtheorie können diesen Tatbestand kaschieren, sie beschleunigen nur mehr die nicht mehr zu übersehende Verwahrlosung von Rest-Exit.
Die hier entfaltete Kritik erschöpft sich nun keineswegs in einer nachträglichen Bearbeitung der Exit-Spaltung. Sie ist mindestens ebenso sehr das Produkt einer zukünftigen Antizipation wie einer retrospektiven Kritik – neben ihrer theoretischen Glaubwürdigkeit kommt „kategorialer Kritik“ in der Fähigkeit zur Antizipation zukünftiger Entwicklungen ein weiteres Faustpfand zu. Die Stunde der SeeelenverkäuferInnen hatte nämlich schon geschlagen, als die Exit-Spaltung noch in vollem Gange war.
Es soll nicht verhohlen werden, dass ich in der letzten Mail an die Redaktion vor meinem Rauswurf ausdrücklich auf die Tragweite des Konflikts für die Wert-Abspaltungs-Kritik hingewiesen habe. Das macht insofern einen Unterschied, als niemand von den Beteiligten sagen kann, er oder sie hätten von den kategorialen Konsequenzen des damaligen Konfliktes nichts geahnt: Die Wert-Abspaltungs-Kritik wurde von den Theoriezombies bei Rest-Exit ganz bewusst und willentlich zu Grabe getragen.
Meine letzte Mail an die Redaktion mag daher als ein Zeugnis dafür fungieren, dass durchaus ein Bewusstsein über die gravierenden inhaltlichen Implikationen einer möglichen Exit-Spaltung vorhanden war. Von den Denunziationen ad hominem des psychologistischen Terrors schon sattsam traktiert, stellte ich in dieser Mail klar, dass ich auch weiterhin „inhaltlich begründet gegen diese Einebnungstendenz der Wert-Abspaltungs-Kritik in eine Theorie des gemeinen linken Hausverstands, in der alle ein bisschen Recht und alle ein bisschen Unrecht haben dürfen und jeder innere Zusammenhang der Theorie aufgelöst wurde, Einspruch erhebe( ).“[247]
Insbesondere trachtete ich danach, die Reduktion auf die persönliche Beziehungsebene zu durchbrechen. Alleine auf diese Weise konnte der inhaltliche Bruch sichtbar gemacht werden, der dem persönlichen Bruch vorherging und ihn in Wirklichkeit bedingte: „(W)enn mich die Redaktion deshalb nicht mehr aushält, wäre das in der Tat unerfreulich, markierte dann aber eine inhaltliche Zäsur im Theoriebildungsprozess der Wert-Abspaltungs-Kritik, die es zur Kenntnis zu nehmen gälte.“
Mich der psychologisierenden Auflösung des ganzen Konflikts entziehend, versuchte ich in meiner Mail, die eigentlichen Triebkräfte der Exit-Spaltung abschließend zu benennen. Denn damit stand nicht weniger auf dem Spiel als die mögliche Zukunft einer wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung: „Man/frau mag den innerhalb von Redaktion und Vorstand sich herauskristallisierenden inhaltlichen Widerspruch mit unverschämten Einschätzungen über den persönlichen Charakter anderer, spekulativer Motivsuche oder sich verselbständigender Gesinnungsforschung wegpsychologisieren wollen, er wird die Theoriebildung in ihrem weiteren Prozess so oder so einholen und sich ganz bestimmt nicht dadurch aufheben lassen, dass ihr mich in eine Zwangsjacke steckt.“ Quod erat demonstrandum.
Anhang
„Denn der Mensch ist ewig der gleiche“ Zum Verhältnis von Dialektik und Geschichte: Eine Kritik an dem Text „Geld – ist doch klar, oder?“
Was ist hier umstritten?
Es gehört zur Eigenart radikaler Gesellschaftskritik, in ihrem inhaltlichen Zustand fortwährend umstritten zu sein. Der Anspruch radikaler Gesellschaftskritik und ihre an die Identität bürgerlicher Subjektivität rührende Analyse stehen immer schon vor einem Vorbehalt, denn was dem bürgerlichen Alltagsbewusstsein nicht unmittelbar eingängig erscheint, macht sich leicht des Irrationalen und Verrückten verdächtig. Insofern musste sich die Geschichte der Wert-Abspaltungs-Kritik, wollte sie ihren Anspruch einer Kritik „konkreter Totalität“ (Roswitha Scholz) nicht vorzeitig ad acta legen, als eine der theoretischen Kontroversen und polemischen Auseinandersetzungen vollziehen, um überhaupt erst einmal zur Konkretisierung des „kategorialen Bruchs“ (Robert Kurz) mit bürgerlicher Theorie gelangen können.
Demgegenüber sollte zumindest im wert-abspaltungs-kritischen Kontext der innere Zusammenhang der Theoriebildung unumstritten sein. Die wert-abspaltungs-kritische Theoriebildung ist in ihrem Gehalt heute das Produkt eines theoretischen Prozesses, der zwar noch nicht besonders weit in der analytischen Erschließung der „konkreten Totalität“ vorangeschritten ist, seinen inneren Konnex aber gleichwohl nicht einfach willkürlichen Einfälle verdankt, sondern einer inhaltlich begründeten Ausarbeitung, die aus der Reflexion der konkreten Krisendynamik entspringt. Das heißt auf der anderen Seite freilich nicht, dass selbst im inneren Kreis der Theoriebildung ein Konsens über alle möglichen Aspekte der Wert-Abspaltungs-Kritik vorherrschen würde.
Jede/r Autor/in, der/die sich publizistisch oder an den Diskussionen der Theoriebildung beteiligt, hat eine eigene Sozialisation durchlaufen, eine spezielle individuelle Lebensgeschichte durchlaufen und natürlich eine unterschiedliche vergeschlechtlichte Sozialisation erfahren, was immer auch mit einem bestimmten Blickwinkel auf die „Sache an sich“ einhergeht. Gerade auch gegen einen wertkritisch-androzentrischen Harmoniezwang ist darauf zu pochen, dass es einen „abstrakt allgemeinen Standpunkt“ nicht geben kann. So hat Roswitha Scholz in einem Interview darauf verwiesen, dass auch zwischen ihr und Robert Kurz keine Einigkeit über alle Fragen der Theoriebildung vorherrscht und tatsächlich gibt es z.B. über die von Robert Kurz in Ansätzen entwickelte Geschichtstheorie keine einhellige Position, was vor allem die Frage betrifft, ob vormoderne und moderne Herrschaftsverhältnisse unter den Oberbegriff „Fetischgesellschaften“ überhaupt zusammengefasst werden können. Zwar ist das Themenfeld mit den Passagen in „Geld ohne Wert“ und den Texten „Aporien der Geschichte“ von Robert Kurz sowie Artikeln von Carsten Weber eröffnet worden, aber bei wie so vielen anderen besteht hier zweifelsohne noch Präzisierungsbedarf.
Unterschiedliche Auffassungen über so doch recht spezielle Fragestellungen wie die, ob vormoderne Gesellschaften Herrschaftsverhältnisse oder wirklich Fetischgesellschaften waren, erweisen sich also als unvermeidlich und werden ob der Komplexität der mit ihnen verbundenen Gegenstandsbereiche auch weiterhin existieren. Hier muss schlicht und einfach der besseren Begründung der Raum gewährt werden, die das alleinige Kriterium sein kann: Die theoretische Fassung vormoderner Gesellschaften kann nicht mit einem theoretischen Handstreich präjudiziert werden, sie bedarf der intensiven Durchdringung des historischen Materials, an dem die jeweils theoretische Auffassung sich aufweisen muss. Dabei müssten vor allem die bisher veröffentlichten Texte zur Geschichtstheorie berücksichtigt und die gewonnenen Erkenntnisse in einen theoretischen Bezug zu ihm gesetzt werden. Es wäre der absolute Mindestanspruch eines solchen theoretischen Begründungsversuchs, am inhaltlichen Zusammenhang der zu diesem Themenbereich erschienenen Texte zu argumentieren und die eigene Argumentation an ihnen auszuweisen.
Insofern wirft es ein trübes Licht auf den in der letzten Exit erschienen Text „Geld – ist doch klar, oder?“ von Richard Aabromeit, dass dessen Bemessungsgrundlage in ihrem Verhältnis zur wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung durchweg zweifelhaft bleibt. Diese Einschätzung mag auf den ersten Blick als ungerecht erscheinen, immerhin bezieht sich Aabromeit expressis verbis auf „Geld ohne Wert“ von Robert Kurz, das er als „bahnbrechende(n) Essay“ bezeichnet, wobei es zugleich „fast unvermeidlich“ sei, „immer wieder auf ihn (Robert Kurz, DS) zurück(zu)kommen“[248]. Er bezeichnet es weitergehend sogar als einen „wuchtige(n) Fels in dieser Gischt des Vulgärmaterialismus“[249]. Dieser fast schon enthusiastisch klingenden Einschätzung zum Trotz erhebt Aabromeit aber zugleich den Anspruch, „an einigen Stellen“ über das Werk „hinaus zu argumentieren“[250]. Das lässt aufhorchen: Was genau ist hier denn umstritten?
Was die Publikationen zur Geschichtstheorie anbelangt, findet sich eine Zusammenfassung für die Wert-Abspaltungs-Kritik in eben diesem posthum erschienenen Werk von Robert Kurz. Die dort und in den drei Texten „Geschichte als Aporie“ abgehandelten Problemaufrisse legen immerhin einen geschichtstheoretischen Grundriss vor, der freilich richtig eingeordnet werden muss: Weder in der „Geschichte als Aporie“, die eher einen intervenierenden Charakter trägt, noch in „Geld ohne Wert“ ging es Robert Kurz um eine konsistente Abhandlung vormoderner Gesellschaften. Auch in seinem letzten Werk nahm er mit seinem eigenen geschichtstheoretischen Hintergrund das vormoderne „gelt“ lediglich zum Anlass, um in Differenz zum modernen Geld den „historischen Bruch“ kenntlich zu machen, der sich zwischen beiden Fetischgesellschaften auftut.
An diesen unausgearbeiteten, aber gleichwohl begründeten Ansätzen einer Geschichtstheorie als einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ hat sich auch und gerade eine Kritik zu halten, die den Anspruch formuliert, über den bisherigen Stand „hinauszugehen“. Zu dieser Bemessungsgrundlage gehören neben ihren Resultaten auch der Nachvollzug ihres Prozesses, der konstitutiv in sie eingegangen ist: Die Theorie einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ ist das Resultat einer Kritik, welche durch bürgerliche Geschichtsphilosophie und die ihr zugrundeliegenden Denkformen konkret negierend hindurchgegangen ist.
Diese konkrete Negation betrifft vorwiegend die zwei zentralen, seit dem 18. Jahrhundert entstandenen Geschichtsphilosophien, die gewissermaßen den allgemeinen Rahmen bürgerlicher Historizitätsvorstellungen bilden: Einmal die klassisch-aufklärerische Geschichtstheorie, die den bisherigen Verlauf der Menschheitshistorie im Medium einer aufsteigenden Kontinuität interpretiert, sodass das von Anfang an existente Potential der Aufklärung sich über die Jahrtausende langsam entfaltet habe, bis die bürgerliche Gesellschaft als die beste aller Welten zu sich gekommen sei; zum anderen eine sich gegen diese übergreifende Fortschrittstheorie kehrende Geschichtsauffassung des historischen Ablaufs, welche gerade andersherum die historische Spezifität der jeweiligen Epochen dadurch zu fassen trachtet, dass sie sich auf die disparate Eigenqualität der jeweiligen Gesellschaften beruft, die spätestens dann verkennt würde, wenn sie in eine übergeordneten geschichtstheoretische Betrachtung integriert werde.
Die von Robert Kurz vorgelegte Geschichtstheorie einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ negierte nun diese beiden Pole von Fortschrittsoptimismus sowie historischem Geschichtsrelativismus. Wie Robert Kurz in der „Blutigen Vernunft“ aufweist, implizieren sich beide Geschichtstheorien wechselseitig und können auch nur in dieser reziproken Verwiesenheit kritisiert werden: Daher ist einerseits „(d)ie Idee eines „gesetzmäßigen“ (pseudonaturgesetzlichen) Fortschritts von aufeinander brav aufbauenden Entwicklungsstufen mit der Moderne (…) ausgeschlossen… Genau in diesem Sinne wird auch der sogenannte historische Materialismus unhaltbar, der sich als bloßer Wurmfortsatz der aufklärerischen Geschichtsmetaphysik erwiesen hat“.[251] Andererseits muss auch ein „historischer Relativismus und Agnostizismus“[252] überwunden werden, der als Kehrseite der „Fortschrittsmetaphysik“ in Form einer „Kontingenzmetaphysik“ auftritt. Ein historischer Relativismus, der vor allem der geschichtswissenschaftlichen Strömung des Historismus (aber auch dem Poststrukturalismus) zugerechnet werden kann, in der philosophischen Tradition jedoch gleichursprünglich mit der Fortschrittsideologie ins Leben trat: „Wie Rankes heutiger Zunftkollege Reinhart Kosselek jüngst gezeigt hat, findet sich die Spur dieser geschichtstheoretischen „Relativierungspolitik“ schon im Aufklärungsdenken des 18. Jahrhunderts selber.“[253]
Diesen wert-abspaltungs-kritischen Maßstab einer Kritik an bürgerlicher Geschichtsteleologie teilt Aabromeit hierbei nach eigenem Bekunden. So lässt er kein Missverständnis daran aufkommen, dass es gerade diese Fortschrittsideologie ist, welcher seine geschichtstheoretische Kritik eine Abfuhr erteilen möchte. So würde die bürgerliche Geschichtsteleologie auf der „fetischistische(n) und apriorische(n) Annahme einer kulturell aufwärts gerichteten (…) Geschichtsentwicklung von der primitiven Steinzeit bis hin zu unserer oft so genannten demokratischen Technologie“[254] gründen und damit einer ideologischen Fortschrittshybris Vorschub leisten. Insoweit scheint die Aabromeitsche Geschichtstheorie auf einem gemeinsamen Konsens mit der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie zu gründen; seine Unklarheit in Bezug auf die wert-abspaltungs-kritische Theoriebildung muss folglich einen anderweitigen Ausgangspunkt haben.
Geschichtsphilosophie als verlängerte Erkenntnistheorie und der Status des „kategorialen Bruchs“
Tatsächlich wird eine erste augenscheinliche Ambivalenz der Aabromeitschen Theorie im Verhältnis zu einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ nicht in seinen einleitenden geschichtstheoretischen Ausführungen sichtbar, sondern eher in seinen erkenntnistheoretischen Erwägungen. Inspiziert man/frau seine diesbezüglichen Erläuterungen etwas genauer, kündigt sich ein gewisser Dualismus an, der zwischen einer „begrifflichen Ebene“ einerseits und einer „stofflich-empirische Ebene“ andererseits verläuft. Aabromeits Terminologie schließt eine solche Interpretation jedenfalls nicht aus, wenn er von „kategorischen Analysen, Erklärungen und Kritiken“[255] schreibt, denen auf der anderen Seite die „jeweils empirisch-historischen Ereignisse“[256] gegenüberstünden.
Ein erster Eindruck, der sich auch bei näherer Betrachtung kaum relativiert. Auf die Gefahr der Retrojektion moderner Begrifflichkeiten auf vormoderne Gesellschaften hinweisend, heißt es, „dass das für uns Heutige größte Schwierigkeiten bereitet. Trotzdem sollte diese Schwierigkeit (der Retrojektion moderner Begriffe, DS) stets im Hinterkopf behalten werden, gerade dann, wenn keine tauglichen Begriffe auffindbar (!) sind“[257]. Sind keine richtigen Begriffe „aufzufinden“, müsse man/frau sich mit „vorläufigen, provisorischen Begriffen“[258] zufrieden geben oder bei besonders brenzligen Sachverhalten sogar ganz neue bilden: „(V)orläufige Schlussfolgerung: man wird sich an die Bildung zahlreicher Neologismen zur adäquaten Bestimmung vergangener Geschichte gewöhnen müssen.“[259] Wobei es mit der innovativen Begriffsbildung dann offenbar doch nicht ganz so streng zugeht, denn „(i)n diesem Aufsatz habe ich aber auf die Erfindung solcher Neologismen weitestgehend verzichtet.“[260]
Dieser Handhabung mit „aufgefunden“, „vorläufigen“ oder gar „neu erfundenen Begriffen“ gegenüber befindet sich eine Dimension, in der ganz andere Mechanismen herrschen. Hier regiert ein kontingentes Regime „empirischer Tatsachen“[261], die von sich als „Ereignisse“ Auskunft geben. Werden Begriffe im Idealfall noch dingfest gemacht – ob nun „aufgefunden“ oder „neu gebildet“ –, bleiben die „empirischen Tatsachen“ in ihrer Herkunft seltsam unbestimmt, seien sie schließlich als „historische Ereignisse (…) passiert (!)“[262]. Noch ausführlicher wird die Entstehung dieser „Tatsachen“ aber andernorts behandelt, um zu dem Schluss zu gelangen: „Aber das ist es ja schon: Die Ereignisse sind nicht ‚nacheinander abgelaufen’, sondern sie haben sich – schlicht ereignet (!)“[263].
Hier wird bereits in erkenntnistheoretischer Hinsicht eine Verdinglichungstendenz in Aabromeits Text ersichtlich. Die jeweils tautologische Erklärung von „theoretischer Abstraktion“ (als „aufgefundener Begriff“) und Empirie (als „sich ereignendes Ereignis“) verweist auf eine theoretische Leerstelle, wie sie für bürgerliche Denkformen typisch ist. Theoretische Abstraktion („Begriff“) und Empirie („empirische Tatsachen“) sind nicht einfach zwei verschiedene Ebenen, sie stehen in einem Vermittlungsverhältnis, in dem sie sich zwar wechselseitig durchdringen, ohne in diesem Prozess jedoch ihrer jeweiligen Eigenständigkeit verlustig zu gehen. Sie sind vermittelt und gleichwohl nicht-identisch und diese widersprüchliche Vermittlung ist nur als negativ dialektischer Widerspruch zu begreifen.
Bei Aabromeit verselbständigen sich stattdessen theoretische Abstraktion und Empirie gegeneinander als voneinander separierte Entitäten. Ein Begriff kann nicht „aufgefunden“ werden; wenn schon, dann bildet er sich am entsprechenden Gegenstand. Und „historische Ereignisse“ geschehen nicht aus sich heraus, sie bedürfen immer der theoretischen Reflexion („Begriff“), die sich einen Reim auf sie zu machen hat. Es gehört normalerweise zum Einmal-Eins jedweder Dialektik, dass nichts in der Welt für sich stehen kann, sondern jede „Tatsache“ theoretisch zu erschließen ist und jeder Begriff der Vermittlung mit der empirischen Gegenständlichkeit bedarf. Erst mit dieser wechselseitigen Durchdringung kommt kritische Erkenntnis überhaupt zustande.
Schon auf dieser basalen erkenntnistheoretischen Ebene des Verhältnisses von Theorie und Empirie stellt sich eine markante Diskrepanz zwischen Aabromeits Auffassung und der Wert-Abspaltungs-Kritik ein. Die Verselbständigung gegeneinander von „kategorial-begrifflicher Ebene“ einerseits und empirisch-disparater Ebene von „Tatsachen“ andererseits ist eine Konsequenz bürgerlicher Identitätslogik, die beide Ebenen zuerst in eins setzt, sodass sie ihr anschließend unvermittelt in zwei Sphären auseinanderfallen. In „Geld ohne Wert“ kritisiert Robert Kurz mit Heinrichs Positivismus auch die bürgerliche Identitätslogik im Allgemeinen, die darin ihre Wurzeln hat, „(a)uf der einen Seite (…) die aus ihrem wirklichen prozessierenden Dasein abgelösten allgemeinen Kategorien (…)“ zu verdinglichen, während „auf der anderen Seite eine ‚Empirie’, die genauso begriffslos und mit der kategorialen Ebene unvermittelt ‚beschrieben’ wird wie von den gewöhnlichen akademischen ‚Tatsachenwissenschaften’, deren Horizont so weit reicht wie ihre Nase.“[264]
Lassen wir die Nasenlänge von Heinrich beiseite und halten uns lieber an die von Aabromeit entworfene Erkenntnistheorie. Es liegt nämlich im Wesen der bürgerlichen Identitätslogik, dass sie in ihrer erkenntnistheoretischen Verdinglichung nicht bei sich bleiben kann: Der Widerspruch zwischen „Begriff“ und „empirischer Tatsache“ stellt gewissermaßen ein kategoriales Raster dar, das allerlei divergente Gegenstände und unterschiedliche Abstraktionsebenen in seine rein formale Urteilsform eingliedert. Das basale Urteil bürgerlicher Erkenntnistheorie, das die Objektwelt unter den „Begriff“ des Subjekts subsumiert, um sodann einen kontingenten empirischen Rest zurückzulassen („empirische Tatsachen“), überträgt seine Erkenntnismatrix auf alle weiteren theoretischen Dimensionen, auch auf die geschichtstheoretische, wodurch der Zwang der blinden Identisch-Setzung gewissermaßen auf die Spitze getrieben wird. Daher nivelliert bürgerliche Identitätslogik mit der erkenntnistheoretischen Nicht-Identität auch die Inkongruenz von Geschichte und Subjektgeschichte, realer historischer Dynamik und „Begriffsdynamik“.
Eine solch kontrafaktische Übertragung der erkenntnistheoretischen Identitätslogik auf den Bereich der Menschheitsgeschichte betreibt nun auch Aabromeit. Entgegen seines auftrumpfenden Habitus’ ist unser wertkritischer Geschichtsphilosoph in Wahrheit nämlich ein bescheidener Mann. Seinen „aufgefundenen Begriff“ in der Faust und das sich „ereignende Ereignis“ in der Tasche zieht er in das weite Feld der Kategorienbildung hinaus und bastelt sich seine ganz eigene Welt zusammen, die jeden Sachverhalt in diesen Dualismus aufspaltet, um den ewigen, nie enden wollenden Widerstreit von „Kategorien“ und „empirischen Tatsachen“ womöglich doch noch zur Kongruenz zu bringen.
Wie schon seine Erkenntnistheorie spaltet sich ebenso seine Geschichtstheorie in zwei Teile auf. So gibt es für ihn einen „empirischen Teil“ der Geschichte und einen „kategorial-empirischen Teil“, wobei diese Differenz den zentralen Hebel seines Ansatzes ausmacht. Über diesen „kategorialen Bruch“ können wir lesen: „Daher wird die bisherige Geschichte der Menschheit kategorial, aber nicht empirisch, mit einem großen Bruch genau in zwei Teile eingeteilt, ohne eine Höher- oder Vorwärtsentwicklung dabei anzunehmen.“[265] Die „empirische Geschichte“ ordnet Aabromeit nun den religiös-personal konstituierten Gesellschaften der Vormoderne zu. Hier regiert noch das Gesetz der Gesetzlosigkeit, das von einem Augenblick auf den anderen sich „ereignende Ereignisse“ geschehen lässt und überhaupt nicht so richtig theoretisch begriffen werden will – die Kontingenz der empirischen Heteronomie in Reinform also. Empirische „Ereignisse“ „passieren“ nach Aabromeit nun zwar auch weiterhin in der modernen Fetischkonstitution, mit dem Unterschied indes, dass nun auch der „kategoriale Begriff“ auf den Plan tritt. Sogleich herrscht eine Ordentlichkeit, in der sich alles an seinem Platz befindet und die „Tatsachen“ streng abgeleitet werden können. Für diese „kategorial-empirische Geschichte“ ist deshalb ein „sauber begründbarer, dialektisch-kategorialer Zugang“[266] möglich.
Setzte Aabromeit seinen „kategorialen Bruch“ noch einigermaßen aufmerksamkeitsträchtig in Szene, bleibt es um dessen historisch-konkrete Darstellung hingegen auffallend still. Die Emanation der „begrifflich-modernen Gesellschaft“ aus der bloß „empirisch-vormodernen Gesellschaft“ ist ein ganz erstaunlicher Vorgang für ihn, der sich jedweder präzisen Einordnung entzieht: Die „Kategorie“ ist sich selbst genug und angesichts dieser brachialen Transsubstantiation hin zum heiligen „Begriff“ will man historisch nicht knauserig sein; der „Beginn der kapitalistischen Konstitutionsphase“ wird entsprechend großzügig veranschlagt: „(J)e nach individuellem Geschmack (!) also zwischen dem 13. (!) und 18. Jahrhundert“[267].
Für den Wertkritiker kommt diese „Einordnung“ des „kategorialen Bruchs“ keineswegs einem bedauernswerten Missgeschick gleich – nein, seine historische Unbestimmtheit hält er sich sogar noch zugute: Seine „Geschichtsauffassung vermeidet es konsequent, permanent auf Exaktheit vorspiegelnde historiographische Daten zurückgreifen zu müssen…“[268] Wann denn nun genau der „historische Bruch“ als sich „ereignendes Ereignis“ angebrochen ist, mit solchen Fragen auf der Ebene „empirischer Tatsachen“ muss sich Aabromeit deshalb nicht weiter herumschlagen, gestaltet sich hier doch sowieso alles als disparat und wild empirisch wuchernd; schließlich hat er den Umschlag der „empirischen Geschichte“ hin zu ihrer modernen Einheit mit den allumfassenden „Kategorien“ begrifflich erwiesen, was kümmert im Zuge dessen das eine halbe Jahrtausend mehr oder weniger?
So „wollte es der Zufall“, dass „zwischen dem „12. (!) und 13. Jahrhundert die erste „Lohnarbeit (…) im weitesten Sinne“[269] aufkam, wobei diese neuerliche Vordatierung kapitalismusähnlicher Verhältnisse um ein ganzes Jahrhundert den Kohl auch nicht mehr fett macht. Aber auch damit war der Beginn des Kapitalismus noch nicht gegeben: Der eigentliche Ursprung der Moderne in ihren „gesellschaftlichen und technologischen Grundlagen für die Entstehung der Wert-Abspaltungs-Formation“[270] ist diesmal kein Produkt des „Zufalls“, bei näherer Betrachtung reicht hin und wieder auch der „Prinzenkuss eines Karls des Großen“[271] aus, um erste Ansätze des Kapitalismus schon in der „Zeit zwischen etwa dem neunten (!) bis etwa dem 17. Jahrhundert“[272] aufkeimen zu lassen. Womit der „historische Bruch“ in seinen Eckdaten auf ein knappes Jahrtausend datiert wird – „je nach individuellem Geschmack“, versteht sich. Im Grunde genommen kann sich ein solcher Standpunkt jede historische Analyse sparen.
Allerdings wäre es zu kurz gegriffen, es bei der schlichten Feststellung zu belassen, dass Aabromeits „kategorischen Analysen, Erklärungen und Kritiken“ gar keiner „näher zu datierende(n)“ Präzisierung bedürfen. Dieser Denkzwang historischer Unbestimmtheit muss vielmehr aus dem inhärenten Aufbau seiner Geschichtsphilosophie heraus erklärt werden. Und wirklich unterminieren Aabromeits Prämissen es von Grund auf, den „historischen Bruch“ auch nur irgendwie konkretisieren zu können. Denn sein Verständnis des Übergangs von der begriffslosen „empirischen Geschichte“ der Vormoderne zur „begrifflich-empirischen Geschichte“ der Moderne entspricht einem rein erkenntnistheoretischen, wobei die identitätslogische Verdinglichung diese unvermittelte Wandlung nur als mysteriösen Übergang zu denken vermag. Vor dem „historischen Bruch“ obwaltete deswegen noch die vormoderne Geschichte der empirischen Kontingenz, bar jedweder „Kategorien“; hier sind folglich alle Katzen grau. Erst mit dem transzendenten Einbruch des „Begriffs“ in die geschichtliche Bewegung lichtet sich urplötzlich das Dunkel. Innerhalb der aus der Identitätslogik hervorgehenden Verdinglichung zwischen „empirischer Geschichte“ der Vormoderne einerseits und „kategorial-empirischer Geschichte“ der Moderne andererseits kann ein vermittelter Übergang nicht einmal mehr erkenntnistheoretisch, geschweige denn geschichtstheoretisch aufgewiesen werden, sondern einzig noch das unvermittelte Umschlagen von einem Pol in den anderen.
Dazu ist nicht einmal eine sehr aufwendige Interpretation vonnöten. Aabromeit selbst gesteht recht unverhohlen, dass es ihm mit der historischen „Choneographie“ nicht so wichtig ist. Die konkret historische Wandlung von der „empirischen“ hin zur „begrifflich-kategorialen Geschichte“ beschäftigt ihn eher am Rande: „Daraus folgt, dass die nicht näher zu datierenden kategorischen Analysen, Erklärungen und Kritiken gar keine Choneographie erlauben, sondern ‚lediglich’ zeigen müssen, dass sie die jeweils empirisch-historischen Ereignisse verstehbar und kritisierbar machen, sie also begriffen, mental erfasst haben.“[273] Für Aabromeit gestaltet sich die Welt nach einem „sauberen“ Schema: Seine beiden Denkschablonen von „kategorialem Begriff“ und „passierenden“ historischen „Ereignissen“ jederzeit griffbereit, überträgt er sie als „empirische Geschichte“ und „kategorial-empirische Geschichte“ umstandslos auf die historische Prozessualität. Auf diese Weise ist er jedoch nicht mehr in der Lage, historisch gleichursprüngliche Prozesse zu reflektieren. Das gilt wiederum sowohl für die erkenntnistheoretische als auch die historische Ebene, weshalb er mit der „Synchronizität“ von „empirischer“ und „begrifflicher Geschichte“ vorsorglich auch jedwede historische Gleichursprünglichkeit über Bord wirft. So würde eine jede Analyse fehlgehen, die „den Schluss nahelegt( ), datierbare historische Ereignisse wären synchron zu den theoretischen Kategorien und Begriffen passiert oder in die Welt gekommen.“[274]
Diese Zurückweisung einer historischen „Synchronizität“ zwischen „historischen Ereignissen“ und „theoretischen Kategorien“ geht mit einem ganz spezifisch gelagerten Geschichtsverständnis Hand in Hand. Aabromeit gelangt dadurch nämlich zu einem unvermittelten Verständnis von kurzfristiger Prozessualität und langfristiger Entwicklung, historischer Diskontinuität und historischer Kontinuität. Seine diesbezügliche Auffassung lässt sich vor allem im Kontrast zur Geschichtstheorie von Robert Kurz herausschälen. So ergibt sich in der Theorie einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ das kontinuierliche und übergreifende Moment von Vormoderne und Moderne ausschließlich aus der fetischistischen Verselbständigung gesellschaftlicher Verhältnisse gegenüber den ihn ausgelieferten Individuen. Das diskontinuierliche Element wiederum ergibt sich aus der völlig andersgelagerten Qualität dieser Verselbständigung in beiden Fetischkonstitutionen. Bei Aabromeit wird stattdessen historische Kontinuität mit der „empirischen Geschichte“ in eins gesetzt; hier obwaltet die Kontingenz des sich „ereignenden Ereignisses“ und des blinden „Zufalls“, wo alles einfach „passiert“. Die historische Diskontinuität begründet sich für ihn auf der anderen Seite durch den Wandel hin zum „kategorialen Begriff“.
Nun waren und sind aber fetischistische Herrschaftsverhältnisse nie nur in ihrer Kontinuität „empirisch“ und ihrer Diskontinuität noch zusätzlich „kategorial“. Das lässt sich in Bezug auf vormoderne Gesellschaften allein schon dadurch vor Augen führen, dass die Unterscheidung von kategorialem Wesen (als Göttlichkeit) und Erscheinung (in der empirischen Welt) der vormaligen Theologie und ihrer originären Denkform entstammt. Dass diese personal-sakrale Differenz von Wesen und Erscheinung mit der modernen der Realkategorien nichts am Hut hat, steht auf einem anderen Blatt; der fetischistische Charakter vormoderner Gesellschaften trieb jedenfalls schon damals die Menschen dazu, sich einen „Begriff“ von ihrer unverstandenen und herrschaftsförmigen Gesellschaft zu machen, in der sie eben keineswegs aufgingen – intuitiv-nonverbal werden sie zumindest nicht kommuniziert haben.
Es sind dies eigentlich triviale Sachverhalte. Die ganze Konfusion kommt bei Aabromeit nur dadurch herein, dass für ihn als überzeugten Identitätslogiker jedwede dialektische Bestimmung sich unumgänglich in zwei Blöcke aufteilt, deren „Vermittlung“ sodann in etwa einer Kollision von tektonischen Platten gleicht. Er ist beständig bestrebt, das, was er identitätslogisch getrennt hat, anschließend wieder zusammenzuführen, was ihm aber nie gelingt, weil er Vermittlung nur als identitätslogische Gleichsetzung denken kann, durch die ihm wieder alles in disparate Blöcke auseinanderfällt. Dadurch ist es ihm verunmöglicht, die diskontinuierlichen Momente der historischen Kontinuität und die kontinuierlichen des „historischen Bruchs“ zu begreifen, er oszilliert immer nur zwischen der „empirischen Geschichte“ als Ausdruck historischer Kontinuität und der „kategorial-empirischen Geschichte“ als diskontinuierlichem Einbruch, die unmittelbar und voraussetzungslos und daher historisch beliebig ineinander umschlagen.
Der „historische Bruch“ hin zur modernen Wert-Abspaltungs-Form war nun aber keinesfalls ein voraussetzungsloser Umschlag. Die moderne Fetischvergesellschaftung ist noch in ihrer kontingenten Entstehungsphase Teil eines kontinuierlichen Prozesses und insofern in einem weiter zu fassenden historischen Bezugsrahmen zu begreifen. Versucht man/frau, die kontinuierlichen Voraussetzungen des Kapitalismus mit seiner kontingenten Konstitutionsphase zusammenzudenken, so ist der Übergang zwischen vormoderner und moderner Fetischkonstitution entgegen der Aabromeitschen Weitläufigkeit zeitlich durchaus präzise zu fassen: Mit Robert Kurz ist darauf zu insistieren, dass die Etablierung der protoförmigen Wert-Abspaltung im 15. Jahrhundert einsetzte. Um der im Aabromeitschen Text transportierten Ungewissheit den Raum zu nehmen, wie sie sich bezüglich der historischen Konkretisierung des „kategorialen Bruchs“ einstellt, wird uns ein Exkurs zur frühen Konstitutionsphase des Kapitalismus nicht erspart bleiben. Denn die Geschichtstheorie von Robert Kurz stützt ihre recht präzise historische Einordnung auf mehrere Begründungsebenen.
Das erste Argument für diese Datierung besteht in der Etablierung der frühmodernen Weltzirkulation, die sich um die Mitte des 15. Jahrhunderts vollzog. Die von Wallerstein als „Weltsystem“ bezeichnete Zirkulationssphäre, die nicht nur Europa, sondern auch den Kolonialhandel in Übersee umfasste, fundierte eine historisch gänzlich neuartige Struktur der materiellen Reproduktion, die nicht mehr mit derjenigen religiös-personaler Fetischkonstitutionen kompatibel war. Die subsistenzwirtschaftliche Basis der personal vermittelten Herrschaft der Vormoderne war zu jener Zeit bereits in gewissem Maße obsolet geworden, sodass innerhalb der frühmodernen Weltzirkulation erstmals eine einseitige Exportausrichtung der östlichen Regionen Europas auftrat, die sich auf den Verkauf insbesondere von Weizen kaprizierten, während die nordwestlichen Regionen Europas auf diesen Weizenexport angewiesen waren, da sie sich selbst auf die Herstellung „hochwertigerer“ Produkte beschränkten. Die subsistenzwirtschaftliche und auf direkten Abhängigkeitsverhältnissen basierende materielle Reproduktion der religiös-personalen Fetischkonstitution wurde im Zuge des 15. Jahrhunderts durch diese protokapitalistische Weltzirkulation in Ansätzen bereits durchbrochen.
Gleichursprünglich mit der Verdichtung dieser Weltzirkulation machte sich außerdem eine andere Formbestimmtheit bemerkbar. Die im 15. Jahrhundert sich konfigurierende politische Form hatte nichts mit den Monarchien des Mittelalters zu tun, die noch auf dynastischen Verflechtungsverhältnissen und nicht einer territorialen Homogenität ihrer Territorien beruhten. Was Machiavelli erstmals für die italienischen Stadtstaaten formulierte und als Staatsräson umriss, galt noch in der Wende zum 17. Jahrhundert als gleichsam frevelhaft, obwohl es längst geschichtliche Realität geworden war: Dass jedwede auf „Treu“, „Glauben“ und „Ehre“ fundierte Handlungsdevise angesichts der neu entstandenen Politikform zum Scheitern verurteilt ist. Damit ist das zweite Argument für die Periodisierung des „kategorialen Bruchs“ benannt: Was sich im 15. Jahrhundert bereits in seinen Anfängen abzeichnete, war die Selbstzweckhaftigkeit des politischen Realfetischismus, der die aus dynastischen Verbindungen und lehensrechtlichen Abhängigkeitsverhältnissen erwachsenen Gemeinwesen mittelalterlicher Fetischkonstitution Zug um Zug zerschlagen sollte.
Im Laufe des 15. Jahrhunderts entpuppte sich somit die wertimmanente Gleichursprünglichkeit von Ökonomie und Politik, Weltmarkt und Staatlichkeit. Allerdings war dieses Verhältnis noch ganz protoförmig und blieb in seinen kategorialen Formen deshalb auch empirisch gebunden: Auf der ökonomischen Ebene der Weltzirkulation an das Goldgeld, das noch keines abstrakte Arbeitssubstanz repräsentierte, auf der politischen Ebene in Form der Bindung der Staatsräson an den empirischen Leib des Monarchen, als Zurechnungspunkt staatlicher Souveränität gewissermaßen der Vorläufer des Verfassungsstaates. Erst mit dem Ende der Konstitutionsphase im 18. Jahrhundert sollten diese protoförmigen Realkategorien in den „Gang in sich“ des „übergreifenden Subjekts“ (Marx) und seiner realabstrakten Formbestimmtheit übergehen. Es ist also darauf zu insistieren, dass die im 15. Jahrhundert sich bemerkbar machende Verschränkung von Weltzirkulation als „Weltsystem“ und protoförmiger Staatlichkeit bis dato ganz unbekannte Formprinzipien entband, welche die an die personale Repräsentanz gebundene Reproduktionsstruktur der religiösen Fetischgesellschaften bereits hinter sich gelassen hatten.
Es wäre allerdings unzureichend, den diskontinuierlichen Einschnitt des 15. Jahrhunderts nur anhand des Aufkommens von Weltzirkulation und Staatlichkeit erweisen zu wollen. Schließlich setzte mit den Protoformen des Werts auch deren kategoriale Bedingung ein, nämlich die Protoform der Abspaltung. Ich behalte es mir vor, die historische Prozessualität der Abspaltung an anderer Stelle etwas näher zu beleuchten, hier sei zunächst einmal konstatiert, dass die Hexenverfolgung einen konstitutiven Charakter für das „Weltsystem“ hatte und für die Entstehung der Wert-Abspaltungs-Form somit unabdingbar war. Die Zerschlagung der informellen Einflussmöglichkeiten, die Frauen in der Vormoderne noch zustanden, und die Enteignung ihres Wissens über Geburt, Gesundheit und diverse handwerkliche Tätigkeiten waren die realgeschichtlichen Bedingungen androzentrischer Fetischkonstitution, um sich die Weiblichkeit und ihre nunmehr von der Abspaltungsform her geprägten Tätigkeiten als kostenlose Ressource aneignen zu können. Indem die Frau aus der entstehenden Öffentlichkeit vertrieben und in die sich konsolidierende Sphäre bürgerlicher Familialität gezwungen wurde, schaffte sich das bürgerliche Subjekt eine kostenlose materielle und sozialpsychologische Voraussetzung, von der es jedoch zugleich abhängig blieb. Das dritte Argument für die zeitliche Einordnung des „kategorialen Bruchs“ ergibt sich damit aus der Entstehung dieser „ursprüngliche Abspaltung“ einer flächendeckenden Hexenverfolgung: Mit den Protoformen der Wertverwertung entwickelte sich in jenem historischen Bruch des 15. Jahrhunderts gleichursprünglich die sie bedingende Abspaltungsform, wodurch das vormoderne „Ein-Geschlecht-Modell“ zerschlagen und durch das gänzlich anders strukturierte „Zwei-Geschlechter-Modell“ (Laqueur) der Moderne substituiert wurde, konstituiert durch die Vernichtung von Frauen in der Hexenverfolgung.
Welcher Verharmlosung und zynischen Interpretationen seitens der akademischen Forschung gerade die Hexenverfolgung ausgesetzt ist, dafür ließen sich zahlreiche Beispiele angeben. Aus ihnen sticht das in der Spätmittelalterforschung recht prominente Buch „Der Spiegel des 14. Jahrhunderts“ von Barbara Tuchmann hervor, das einen eher literaturwissenschaftlichen denn geschichtswissenschaftlichen Stil prägt. Obwohl die Autorin darin nachzeichnet, wie im apokalyptischen Weltbild dieser Zeit neue Dämonologien aufkamen, die das Hexenbild modifizierten wie auch popularisierten, also den irrationalen Gehalt der Hexenideologie unterstreicht, äußert sie sich über die Hexenprozesse folgendermaßen: „Da Geständnisse in Hexenprozessen durch die Folter erpeßt wurden, spiegeln die Anklagepunkte meist eher die diabolischen Vorstellungen der Verfolger als die der Verfolgten wider. Weil überdies die Anklagten häufig Fanatiker, Verrückte oder gestörte Menschen waren, übernahmen sie auch bereitwillig die Vorstellungen, die ihnen nahegelegt wurden.“[275] Die Irrationalität soll keine der Verfolger, sondern eine der Verfolgten gewesen sein; eine wahrlich perfide Betrachtungsweise, die bei Tuchmanns historischem Weltbild allerdings nicht anders zu erwarten war. Ihrem Buch ein Zitat des englischen Dichters John Dryden voranstellend, wird darin die Grundhaltung der bürgerlichen Geschichtsverdrängung auf den Punkt gebracht: „Denn der Mensch ist ewig der gleiche, und nichts verliert die Natur, obwohl alles sich ändert.“[276]
Der „kategoriale Bruch“ hin zur Wert-Abspaltung, das gilt es zu unterstreichen, ist eine historische Zäsur, die sich ziemlich genau auf das 15. Jahrhundert datieren lässt. Die Entstehung der Protoformen von Wert und Abspaltung liefert dafür das beste Argument, denn diese historisch ganz unbekannten Realkategorien sollten innerhalb der nächsten Jahrhunderte ihre eigenen fetischistischen Prinzipien ausentwickeln, die nicht nur das Gesicht Europas veränderten, sondern das des gesamten Globus’. So kontingent und unvorhergesehen diese kapitalistischen Protoformen dabei über die Menschen kamen, sie sind nicht einfach vom Himmel gefallen; von nun an begannen sie jedoch die vormoderne Fetischkonstitution abzuräumen, bis sich im 18. Jahrhundert der „Gang in sich“ der Wert-Abspaltungs-Form als realfetischistisches Formprinzip durchgesetzt hatte.
In Bezug auf den „kategorialen Bruch“ und seine historische Konkretisierung kann das nur heißen, dass sein kontingenter und diskontinuierlicher Einschnitt seinerseits historische Bedingungen hatte und insofern nur vermittelt mit einer gewissen kontinuierlichen Entwicklung zu begreifen ist. Diese Dimension wird in Robert Kurz’ Geschichtstheorie nicht thematisiert, was ihm aber nur schwer zum Vorwurf gemacht werden kann, war die Epoche des Übergangs vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit als eigener Inhalt nicht sein Thema, da er sich auf die Konstitutionsgeschichte des 15. Jahrhunderts konzentrierte. Eine am historischen Material sich versichernde theoretische Analyse dieses geschichtlichen Vorlaufs des „kategorialen Bruchs“ würde jedoch dazu führen, seine von Robert Kurz vertretene Datierung zu erhärten.
Als Zusammenhang zwischen diskontinuierlichem Bruch im 15. Jahrhundert und der ihm vorhergehenden historischen Bedingungen vermag die Epoche des europäischen Spätmittelalters allerdings überhaupt erst dadurch kenntlich gemacht zu werden, dass sich die kritische Analyse gegen den Ballast seiner bürgerlichen Interpretationen imprägniert. Das Jahrhundert zwischen der Mitte des 14. und der Mitte des 15. Jahrhunderts wird in der akademischen Forschung nämlich als „Krise des Spätmittelalters“ bezeichnet, wobei bereits die Terminologie auf die zugrundeliegenden fortschrittsmetaphysischen Axiome hinweist. Angefangen mit Wilhelm Abels 1935 erschienenen Habilitationsschrift „Agrarkrisen und Agrarkonjunktur“ verfestigte sich in der Forschung zum Spätmittelalter eine Konzeption, nach der sich die mittelalterliche Gesellschaft im 14. Jahrhundert durch innere Krisenprozesse aufzulösen begann, eine Auflösung, aus der sodann die moderne Gesellschaft hervorgegangen sei.
Abel, vom Fach her Ökonom und nicht Historiker, sieht die Ursache für diese „Krise“ in einer Disproportionalität der damaligen Angebots- und Nachfrageverhältnisse. Anhand von Preistabellen versucht er aufzuweisen, dass die Getreidepreise im 14. Jahrhundert einen massiven Verfall erlebt hätten bei gleichzeitig stark ansteigendem Lohn der Stadtbevölkerung, vor allem der dort ansässigen Handwerker. Obzwar die akademische Forschung inzwischen diese plumpe Rückprojektion von Wertkategorien und den sie tragenden „Krisenbegriff“ heutzutage mitunter zurückweist, bleibt sie in vielen Fällen nach wie vor der Vorstellung eines inneren Zerfalls des spätmittelalterlichen „Feudalismus“ verhaftet. Der akademische Marxismus nimmt diese These übrigens kritiklos auf und streitet sich mit der bürgerlichen Version nur mehr um die Datierung dieser „Krise“.[277]
Eine kritische Geschichtstheorie würde demgegenüber eine andere theoretische Deutung des hundertjährigen Zeitraums zwischen 1350 und 1450 nahelegen. Schließlich herrschte hier noch der religiös-personale Fetischismus vor, sodass in dieser Zeit das spezifisch gesellschaftliche Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft noch Bestand hatte. Allerdings musste diese Verfasstheit ab der Mitte des 14. Jahrhundert erstmals einen empfindlichen Schlag einstecken, der jedoch nichts mit einer inneren „Krise“ des Spätmittelaltes zu schaffen hat: Der Erosionsprozess der religiös-personalen Fetischgesellschaft entstand nicht aus einer ihr immanenten Krise, vielmehr war es der kontingente und gewissermaßen „externe Faktor“ der Pest, der diese Gesellschaftsformation zum Zerfall brachte. Zum ersten Mal 1347 in Südeuropa wütend, erfasste die Seuche bis 1351 den gesamten europäischen Kontinent und raffte ein Drittel bis die Hälfte der Gesamtbevölkerung dahin, um bis ins 15. Jahrhundert hinein in immer neuen Wellen Schrecken und Tod zu verbreiten.
Die katastrophalen Folgen des „schwarzen Todes“ trafen nun auch die Konstitutionsprinzipien der damaligen Fetischkonstitution mit voller Wucht; das religiöse nicht weniger als das personale. Was ersteres anbelangt, sanktionierte das „Große Schisma“ von 1378 den Zerfall der vormodern-religiösen Denkform, eine Entwicklung, die sich aus der Unfähigkeit der Kirche ergab, im Zuge der Seuche ihre institutionellen Aufgaben und ihren heils- sowie trostspendenden Auftrag weiterhin wahrzunehmen. Priester weigerten sich aus Angst vor Ansteckung, Grabesreden zu halten und entzogen sich der Abnahme der Beichte, wo immer die Pest wütete; die in ihrem Übertragungsweg unbekannte Seuche wurde nicht nur von der Kirche selbst, sondern von allen Menschen als existenzielle Glaubenskrise erlebt, denn dass sie von Gott veranlasst war, stand außer Frage.
Dass die akademische Forschung wie für diese Zeit insgesamt auch hinsichtlich der religiös-mentalen Verfassung der Menschen mit konträren Attribuierungen operiert, ergibt sich aus der widersprüchlichen gesellschaftlichen Situation selbst. Einerseits wird von einer Blüte, ja einem Eifer neuer Religiosität ausgegangen, der das Früh- und Hochmittelalter beinahe als weltlich und nüchtern im Glauben erscheinen ließ. Der Ursprung dieser neuen Frömmigkeit liegt auf der Hand: Je prekärer die religiöse Denkform wurde, desto konservativer beharrten die Menschen auf einer kosmischen Anschauung, die jedoch sowohl mental wie realgeschichtlich zu erodieren begann. Andererseits kristallisierten sich parallel dazu erste individualistische Ansätze heraus, die auf die anstehende Reformation verweisen; wenngleich sie noch in die religiöse Denkform eingebettet und insofern noch nicht „säkularisiert“ waren. John Wyclif, aber auch Jan Hus waren von ihrer Mentalität her als „Frühreformatoren“ Personen des 14. und nicht des 15. Jahrhunderts, ihre „Frühreformation“ kündet noch nicht vom protokapitalistischen Arbeitsethos, wohl aber von der Zersetzung der übergreifenden religiösen Denkform.
Bei den hundert Jahren des späten Mittelalter handelt es sich offensichtlich um eine historische Ungleichzeitigkeit, an deren Ende sich schließlich die protoförmige Wert-Abspaltung konsolidiert hatte. Der sich in diesem Zeitraum vollziehende Übergang kann dabei auf der allgemeinsten geschichtstheoretischen Abstraktionsebene als mentaler wie realgesellschaftlicher Übergang von der Theologie zur Politik nachgezeichnet werden. Die religiöse Denkform des Mittelalters war nicht nur an den Universalitätsanspruch des Christentums gekoppelt, sie fußte auch auf dessen personal-kirchlicher Repräsentanz mit dem Papst an der Spitze. Wie gravierend das Schisma die kirchliche Machtstellung treffen musste, wurde spätestens im Konzil von Konstanz (1414-18) unübersehbar, als der Konziliarismus die personale Repräsentanz des Papstes und damit auch seine zentrale Position für das abendländische Christenheitseuropa in den Schatten stellte. Fortan war die Einheit des abendländischen Christentums passé, denn das Konzil von Konstanz sollte sich nur als ein Zwischenglied auf dem Weg zur Gründung der Nationalkirchen und deren verweltlichter Integration in den absolutistischen Staat herausstellen.
Doch der durch die Pest induzierte Zerfall manifestierte sich nicht nur als ein mentaler der religiösen Gedankenformen. Er erfasste außerdem noch die über die personale Konstitution vermittelte materielle Reproduktion. Und das nicht nur innerhalb der Kirche. Das Massensterben musste die personalen Abhängigkeitsverhältnisse der mittelalterlichen Fetischkonstitution in einer historisch einmaligen Vehemenz vakant werden lassen. War die materielle Reproduktion bis hierhin auf den bevölkerungsreichen Stand des Hochmittelalters ausgerichtet, sah sie sich innerhalb von wenigen Jahren vor völlig neue Bedingungen gestellt: Wüstungen machten sich in ehemaligen Höfen und Dörfern breit, und wenn auch die Lehensabhängigkeit noch nicht außer Kraft gesetzt war, gab es von heute auf morgen doch wesentlich mehr zu beackerndes Land als Bauern; die willkürliche Bereicherung nahm mit der Pest sodann auch neue Formen an, da in der allgemeinen „Unrast“ dieser Zeit (wie Frantisek Graus das Spätmittelalter treffend genannt hat) nicht nur gültige Normen kaum mehr aufrechtzuerhalten waren, durch den „schwarzen Tod“ stand die gesamtgesellschaftliche, über personale Verflechtungs- und Abhängigkeitsverhältnisse konfigurierte Besitzstruktur als solche zur Disposition.
So resultiert die in Bezug auf die materielle Reproduktionsstruktur zu konstatierende Gegensätzlichkeit der akademischen Forschungsergebnisse gleichfalls aus dem widersprüchlichen und ungleichzeitigen realgeschichtlichen Verlauf. Sie lässt sich vor allem an den Untersuchungen zur gesellschaftlichen Situation der Bauern im Spätmittelalter illustrieren: Einmal habe sich hier eine erfolgreiche Phase des bäuerlichen Befreiungskampfes zugetragen, ein andermal markiere das Zeitalter einen blutigen Niedergang der bäuerlichen Autonomiebestrebungen. Diese paradoxe Stellung der Bauern im Spätmittelalter entspringt dabei dem von der Seuche induzierten Zerfallsprozess der über personale Abhängigkeiten zusammengehaltenen materiellen Reproduktion mittelalterlicher Fetischgesellschaften, der sich auch auf die Stellung der Bauern auswirkte: Fanden sie einerseits einen historisch unbekannten Freiraum vor, in dem die alten personalen Bindungen kaum mehr tragfähig waren, dauerte es andererseits noch bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts, bevor mit den Protoformen von Wert und Abspaltung ein anderes gesellschaftliches Verhältnis an deren Stelle getreten war. Die sich in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts häufenden Bauernaufstände sind als Reaktionen auf eben diese widersprüchliche historische Konstellation zu analysieren. Ohne diese Verwerfung der materiellen Reproduktion hätte sich die Weltzirkulation des 15. Jahrhunderts und ihre einseitigen Export- und Importstrukturen folglich nie konstituieren können.
Eine solche geschichtstheoretische Kategorisierung des 14. Jahrhunderts als Übergangsphase zur frühmodernen Wert-Abspaltungs-Form im Laufe des 15. Jahrhunderts impliziert nun keinerlei fortschrittsideologische Prämissen. Als kontingenter, aber gleichwohl brachialer Faktor lässt sich die Pestseuche nur schwer mit der übergeordneten Fortschrittsgeschichte einer „Krise des Spätmittelalter“ vereinbaren. Sofern die akademische Forschung die Pest als Krisenmoment heranzieht, kann sie deren Auswirkungen gleichwohl nicht auf gesamtgesellschaftlicher Ebene reflektieren, weil sie keinen adäquaten Begriff der religiös-personalen Fetischkonstitution des Mittelalters hat. Deswegen wird die oftmals bereits am Anfang des 14. Jahrhunderts situierte „Krise“ als Höhepunkte einer ehemaligen Expansionsphase der mittelalterlichen „Wirtschaft“ betrachtet, in dessen Verlauf die Pest ein wichtiges, aber am Ende doch nur flankierendes Element sein solle. Der Bogen streckt sich in dieser Anschauung vom „Aufschwung des Mittelalters“ über die „Krise des Spätmittelalters“ um schließlich bei der Neuzeit anzugelangen; der tatsächlich zufällige Anlass der Pest und die mit ihr in Gang gesetzten Erosion mittelalterlicher Fetischverhältnisse muss aus dieser Warte ihrer konstitutiven Rolle entkleidet und inhaltlich ungedeckt in eine übergreifende Fortschrittsperspektive gebannt werden.
Doch selbst noch der gesellschaftlich extern erzeugte Auslöser der Pest machte keine schlichte „Tatsache“ aus. Sogar die Seuche hat einen eigenen realgeschichtlichen Bedingungszusammenhang. Dass die Pest derart verheerend wüten konnte, ging auf die „technischen“ Verbesserungen der hochmittelalterlichen Subsistenzproduktion und das damit einhergehende Bevölkerungswachstum zurück, in dessen Gefolge das gesellschaftliche Leben in Europa für damalige Verhältnisse eine enorme „Verdichtung“ erfuhr. Ohne die seit spätestens dem 11. Jahrhundert einsetzende Verdichtungstendenz der europäischen Bevölkerung wären die Konsequenzen der Pest nicht derart katastrophal für die mittelalterlichen Fetischkonstitution gewesen; ihre Folgen zu Zeiten des Frühmittelalters hätten sonst womöglich noch im Rahmen der religiös-sakralen Fetischform ausgestanden werden können. Mit dieser Argumentation soll keineswegs ein regressus ad infinitum angedeutet werden, der noch jede Wirkung irgendwie aus einer vorhergehenden Ursache abzuleiten bestrebt ist; das Verhältnis von Verdichtung des mittelalterlichen Lebens und Pestausbruch ist ein ganz zufälliges, das sich einer Ursachen-Wirkung-Reihe im kausalen Sinne sperrt. In diesem Zusammenhang sollte lediglich die sonderbare Vorstellung widerlegt werden, „Ereignisse“ würden ganz ohne Bedingungszusammenhang „passieren“, was nicht einmal für die Pest und ihren scheinbar rein kontingenten Ursprung gilt.
Als skizzenhafter Umriss der hundert Jahre zwischen 1350 und 1450 erhebt unser Exkurs nicht den Anspruch einer ausführlichen Abhandlung dieser Epoche, eine eigenständige theoretische Analyse dieses Zeitraums steht noch aus; er gibt im Grunde genommen lediglich eine Präzisierung des „kategorialen Bruchs“ hin zu den Protoformen von Wert und Abspaltung wieder. Uns ging es dabei nur darum, den „historischen Bruch“ in seinen realgesellschaftlichen Voraussetzungen darzustellen, um durch diese dialektische Bewegung hindurch die diskontinuierlichen und (aus der Binnenperspektive betrachtet) kontinuierlichen Momente dieses Übergangs in ihrer realgesellschaftlichen Vermittlung anzudeuten. Presst man/frau das 14. Jahrhundert nicht in ein teleologisches Korsett, sondern geht auf die Eigenheiten des historischen Materials ein, dann kann die geschichtliche Phase des „kategorialen Bruchs“ und seines Vorlaufs sehr wohl zeitlich präzise eingegrenzt wie theoretisch eindeutig bestimmt werden: Das sich in der Mitte des 14. Jahrhundert mit der Pest einstellende Vakuum im Laufe der Erosion religiös-personaler Fetischgesellschaften dauerte ungefähr hundert Jahre an, bis an seine Stelle die Protoformen von Wert und Abspaltung traten. Diese Konstitutionsphase dauerte in etwa dreihundert Jahre an, bis sich auf ihrer Basis der realfetischistische Selbstzweck durch die 1. Industrielle Revolutiondes 18. Jahrhunderts als „Gang in sich“ etablierte.
Wenden wir uns vor diesem Hintergrund wieder Aabromeits Geld-Text zu. Unsere Überlegungen zu dem „kategorialen Bruch“ und die ihm vorhergehende Phase des Spätmittelalters wurden ja dadurch veranlasst, dass in ihm eine historische Unklarheit in puncto Historisierung dieses „kategorialen Bruchs“ obwaltete, für die es gar keinen Anlass gibt. Wie wir bereits feststellen durften, verdankt sich diese Unbestimmtheit einer Übertragung erkenntnistheoretischer Denkformen auf geschichtstheoretische Kategorien. Analog zu seiner Erkenntnisform spaltet sich für Aabromeit auch die Geschichte in die zwei Blöcke von „empirischer“ und „kategorial-empirischer Geschichte“, denen ein historisch ganz unbestimmter Umschlagspunkt zugrunde liegt. In diesen dualistischen Rahmen können von da an alle historischen Artefakte problemlos eingegliedert werden: Entweder hat es sich im Kontext der Vormoderne „ereignet“, dann ist es nur „empirisch“; oder aber es hat in der Moderne seinen Entstehungskontext, dann wird es obendrein noch zu einem „kategorial-begrifflichen“ Gegenstand.
Diese Bestimmungen befallen nun auch das titelgebende Fetischmedium des Geldes, dem Aabromeit sich im Folgenden annähert. So kommt er in seinem Text auf den Unterschied zwischen vormodernem „gelt“ und modernem Geld zu sprechen. Den zentralen Status dieser Unterscheidung für seine Geldtheorie hervorhebend, führt er aus: „Für die folgenden Ausführungen bleibt ergo wichtig zu berücksichtigen, dass eine kategorische Einordung des Geldes meiner Ansicht nach erst ab Beginn der Konstitutionsphase des Kapitalismus (…) sinnvoll und zielführend sein kann“ – hier lassen sich „Begriffe auffinden“, noch ganz ohne sie neu bilden zu müssen, wodurch die reibungslose Ableitung der „Fakten“ aus dem Begriff nur so flutscht –, „für die zeitlich davorliegenden Epochen“, also die „empirische Zeit“ der Vormoderne hingegen „ist der Begriff ‚Geld’ rein stofflich (!) bzw. empirisch zu verstehen“[278].
In diesen Sätzen hat sich auf einmal alles überschlagen; Aabromeits „Kategorien“ purzeln wild durcheinander: Ob nun das „gelt“ der Vormoderne oder modernes Geld, das Fetischmedium war immer schon als materiales Ding „stofflich“ gewesen. Und „synchron“ dazu haben sich die Menschen selbstverständlich auch einen „Begriff“ vom „gelt“/Geld gebildet, nur eben jeweils einen ganz anderen. Es kann gar kein „rein stofflicher Begriff“ existieren, weder vom „gelt“ noch vom Geld noch von sonst irgendwas – es handelt sich hier um eine astreine contradictio in adjecto.
Dieser himmelschreiende Widerspruch rührt von Aabromeits Identitätszwang her, der alles erst einmal miteinander amalgamiert, um bei der entsprechenden Gelegenheit dann willkürliche Unterscheidungen einzuführen. Kennzeichnet die „kategoriale Geschichte“ noch die Einheit von Form (des „Begriffs“) und stofflichem Inhalt (der „empirischen Tatsachen“), besteht für ihn das Merkmal vormoderner Gesellschaften darin, dass sie aus dem stofflichen Inhalt minus der Form bestehen sollen („empirische Geschichte“). Weil er diesen scheinbar reinen Inhalt vormoderner Gesellschaften logischerweise jedoch nur im Medium der Begriffsform bestimmen kann, kommt Aabromeit in Kalamitäten, schließlich wurde die Einheit von „empirischer Stofflichkeit“ und „kategorialem Begriff“ zuvor noch als Spezifikum für die moderne Vergesellschaftung reserviert. Um innerhalb dieses Zirkelschlusses doch noch eine Differenz zwischen Vormoderne und Moderne ausmachen und damit sein ganzes Projekt retten zu können, behauptet er eine Pseudo-Differenz, die in jener sich beißenden Paradoxie mündet: Dem „rein stofflichen Begriff“ als einer rein „inhaltlichen Form“.
In diesem Selbstwiderspruch wird ein prinzipielles Problem des Aabromeitschen Textes sichtbar. Was hier als ideologische Matrix zur Geltung kommt, ist nicht mehr als ein ganz orthodoxer Idealismus. Dieser erkenntnistheoretische Reduktionismus springt auf den historischen Prozess über und kehrt dort als Reduktionismus einer idealistischen Geschichtsphilosophie wieder, die sich fortwährend und immerzu mit ihren eigenen „Gedankenformen“ beschäftigt. Aabromeit zielt keineswegs auf eine Analyse des Geldes, sondern auf eine „Erklärung des Begriffs vom heutigen Geld“ bzw. des „Begriff(s) und des Wesen(s) des heutigen Geldes“[279]; ihm ist die reale Metamorphose der Geld- bzw. „gelt“-Gegenstände ziemlich wurscht, dreht es sich doch um den „begrifflichen bzw. kategorischen Wandel, den das Geld (…) durchgemacht hat“[280]; und auch Marx habe nicht etwa die Warenform kritisch expliziert, sondern den „Begriff für die kategoriale Herleitung der Widersprüchlichkeit der Ware…“[281]
Die Verkehrung ist bei Aabromeit eine totale; in seiner idealistischen Identitätslogik steht alles auf dem Kopf: Die Essenz des vormodernen „gelts“ wird nicht aus dem jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnis hergeleitet, dessen Vermittlungszusammenhang auch seine Handhabung bedingt, im krassen Gegensatz dazu hängt der Charakter des Geldes bei ihm davon ab, welcher seiner Denkformen es gerade untergeordnet wird. Er fasst das „gelt“/Geld nicht so, wie es als gesellschaftlich vermittelter Gegenstand ist, vielmehr hat es das zu sein, was seine vergegenständlichten Denkformen jeweils von ihm fordern.
Insofern kann es nur als Euphemismus bezeichnet werden, Aabromeits Abhandlung des vormodernen „gelts“ irgendwie mit einer theoretisch Anstrengung in Verbindung zu bringen. Die auf diese Epoche draufgeklatschte Denkform ist ja die reine Unvermitteltheit des „Ereignisses“; was in der „empirischen Geschichte“ statthat, ist das metaphysische Prinzip der vorbegrifflichen Kontingenz und deshalb kann hier alles so, aber auch ganz anders sein. Wer mag darüber schon befinden? Zum Teufel damit, ob die „referierte These von Laum“ nun „in Gänze zutreffend ist oder nicht“[282] und vielleicht ist das Erscheinen der ersten antiken Philosophen Europas „ein zumindest diskussionswürdiger Zufall“ – ein „Prinzenkuss“ war hier wohl nicht „aufzufinden“ – „möglicherweise“ aber doch „auch gar keiner?“[283] Und ob Heinsohn/Steiger in ihrer Eigentumsanalyse „zutreffend“ argumentieren „oder nicht“, danach kräht kein Hahn, immerhin dünken sie dem „individuellen Geschmack“ Aabromeits als „sehr inspirativ“[284].
Deswegen stört es auch nicht weiter, „wenn die einzelnen“ im Text referierten „Positionen nicht alle auf derselben Abstraktionsebene liegen“[285], wachsen die „empirischen Tatsachen“ in Zeiten der Vormoderne ohnehin wie Kraut und Rüben durcheinander, einzig und allein durchbrochen vom transzendenten Einschlag des „Ereignisses“, das sich zu jener Zeit noch wie von Geisterhand vollstreckte. So verwundert sich Aabromeit darüber, dass sich die angeführten „gelt“-Untersuchungen auch noch erdreisten, es überhaupt theoretisch analysieren zu wollen, sodass sie „fast alle krampfhaft versuchen, dem Geld nur irgendeine originäre Geschichte oder Eigenschaft, sei es eine sakrale, eine praktische (!), eine juridische anzudichten.“[286] Wie das vormoderne „gelt“ ganz unpraktisch gehandhabt wurde, bleibt das mystische Geheimnis Aabromeits.
Ihm ist es schlichtweg unverständlich, warum die bisherigen „gelt“-Theorien noch nicht den Grad an willkürlicher Rhapsodie erlangt haben wie die seine. Dass sie allesamt auf einer theoretischen Begründung ihrer jeweiligen Erklärungsvorschläge beharren, ist für ihn geradezu ein echtes Manko: „Es ist in meinem Augen verwunderlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, einfach hinzunehmen (!), dass zahlreiche verschiedene geschichtliche Fakten und Ereignisse zusammenkommen mussten, damit Geld entstehen und sich anschließend entwickeln konnte.“[287] Seine Verwunderung können wir leicht aufhellen: Nicht einmal die akademische Stupidität ist derart schamlos, dass sie sich solch ein zusammenhangloses Aneinanderreihen divergenter theoretischer Ansätze erlauben würde.
Dieses Räsonieren fern einer auch nur bruchstückhaften Einordnung des jeweiligen „gelts“ in den historischen Kontext und bar jeder analytischen Bewertung der verschiedenen „gelt“-Theorien stellt für Aabromeit deshalb keinesfalls eine Unverschämtheit gegenüber seinem Publikum und den von ihm behandelten Autor/Innen dar, nein, sie ist der ganze Stolz seiner „gelt“-Theorie. Da lautet das Motto doch glatt: Der Begriffsloseste von allen gewinnt! Und wirklich heftet es sich der Wertkritiker voller Inbrunst ans Revier, dass er die „eklektizistisch(e) und summarisch(e)“[288] Theorieverwilderung auf ein neues Niveau gehoben hat. Was eine „waghalsige und vieles zusammenfassende These“ von der „Herkunft und der präkapitalistischen Historie des Geldes“, die in der Tat „wenig kompliziert und angenehm kurz“[289], ja geradezu von erschlagender Banalität ist: Macht euch das „gelt“ wie es euch gefällt! Wow, ist ihm damit nicht ein toller Coup gelungen?
Welche widersinnigen Konsequenzen sich Aabromeit damit einhandelt, wird an einer anderen Stelle überdeutlich. Die „empirische Geschichte“ als Ausbund disparater „Tatsachen“, die aus unergründlichen Anlässen schlicht „passieren“, ist das ganz Andere der theoretischen Abstraktion (die für Aabromeit allein im Begriff besteht), recht eigentlich eine exotische Epoche wundersamer Anwandlungen. Über die Qualität der Zeit in vormodernen Gesellschaften sinnierend, heißt es, „ob das auf einem Zeitpfeil geschah oder auch nicht, ist final meines Achtens noch nicht wirklich geklärt“ – wie in dieser Epoche eben Alles im Ungefähren liegt – und so „ist es durchaus denkbar, dass die Zeit entweder ganz anders abgelaufen ist oder sogar etwas ganz und gar Anderes ist, als wir uns es heute denken – oder am Ende gar nicht existiert (!), sondern nur ein modernes intellektuelles Hilfskonstrukt (!) darstellt…“[290]
In seiner Geld-„Theorie“ sonst so bodennah, schlägt hier das Esoterische Aabromeits voll durch. Seine beiden Denkschablonen kennen entweder ausschließlich durch den Begriff erzeugte Realität („kategorial-empirische Geschichte“ der Moderne) oder die rein unbegriffliche Empirie („empirische Geschichte“ der Vormoderne), die an sich anti-begrifflich, also unbegreiflich, und somit nur mehr völlig irrational ist. Das hat freilich nicht das Geringste mit vormodernen Fetischkonstitutionen und dem ihnen inhärenten Status des „gelts“ zu tun; hier öffnet sich einzig und allein der irrationale esoterische Abgrund des wertkritischen Alltagsverstands, in dem jeder Erklärungsansatz für vormoderne Gesellschaften verbannt wird, liegt doch „die Erklärung für die Fakten in diesen Fakten selbst“[291], die es sodann in buddhistischer Kontemplation „hinzunehmen“ gelte. Gab es früher wirklich eine Zeit? Oder vielleicht auch nicht? Im metaphysischen Reich vormoderner Kontingenz ist eben alles möglich.
Hoch lebe der Konkretismus!
Dieser Mystizismus ist nun keineswegs ein singulärer Ausreißer Aabromeits, sondern basaler Bestandteil seiner idealistischen Geschichtstheorie. So wie der „kategoriale Begriff“ andauernd in die „empirische Tatsache“ und das „rein stoffliche“ in das „kategorial-stoffliche“ Geld umkippt, gehen in seinem identitätslogischen Urteil auch „rationale Theorie“ und spirituelle Mystik einzig sprunghaft ineinander über. Was hierbei übersprungen wird, ist die sich zwischen seinen identitätslogisch auseinandergerissenen Denkformen eröffnende Kluft, in deren irrationale Tiefen wir schon sattsam blicken durften.
Während seiner kontemplativen Anwandlungen ist Aabromeit dabei die begriffliche Abstraktion realiter ein Dorn im Auge. Und weil für Aabromeit die Welt nur ein Abglanz seiner beiden Denkschablonen sein soll, verbietet er nicht nur sich selbst eine theoretisch-abstrakte Bestimmung des vormodernen „gelts“, sondern umstandslos auch allen anderen: „(A)nders gesagt: vielleicht ist es ja so, dass keine einzige der geschilderten Herkunftsmöglichkeiten (des vormodernen „gelts“, DS) abstrakt genug sein kann (!) und muss (!)“[292] Aabromeit erweist sich als ausgemachter Konkretist.
Auch Aabromeit hat also seinen ganz eigenen Kult einer „Alltagsreligion“, der in seinem unvermittelten Konkretismus einer gar nicht mehr latenten Theoriefeindlichkeit frönt. Seine „eklektizistisch und summarisch“ zusammengestotterte Aneinanderreihung von vormodernen „gelt“-Theorien war nur der methodologische Ausdruck dieses Affekts gegen die theoretische Abstraktion. In der oben angeführten Passage schimmert unterdessen ein Umgang mit den Begriffen „Abstraktion“ und „Konkretion“ durch, der uns derweil die Gelegenheit gibt, auf einer grundsätzlichen Ebene die Verzerrungen des Aabromeitschen Textes kenntlich zu machen. Die eigenartige Sichtweise des ganzen geschichtsphilosophischen Dualismus wird schon daraus ersichtlich, dass Aabromeits Denkschablonen ihm die Welt immerzu mit umgedrehten Vorzeichen vorgaukeln. Die Realität erscheint ihm deshalb nie als das, was sie ist, während seine Denkformen sich andererseits niemals in der Realität wiederfinden lassen. Deshalb sind sich die erkenntniskritischen Kategorien von „abstrakt“ und „konkret“ bei ihm auch selbst der Gegenstand – und damit völlig gegenstandlos; wodurch die Welt schon vor jeder Korrelation mit einem Sachverhalt in dieses dichotomische Denkschema eingeteilt wird.
Als „abstrakt“ gilt ihm dasjenige, was sich unter seine „begrifflichen Kategorien“ subsumieren lässt. Sie repräsentieren für ihn den höchsten Punkt der theoretischen Abstraktion, weshalb sie auch nur mit einiger Mühe „aufgefunden“ oder manchmal sogar „neu gebildet“ werden müssen. Als „konkret“ nimmt er anstelle dessen all diejenigen „Tatsachen“ und „Fakten“ wahr, die er unter seine kontingent-empirische Denkform unterordnet. Je nach vorherrschender Willkür und „individuellem Geschmack“ kann dieser epistemologische Hiatus von „konkret“ und „abstrakt“ nun auf die verschiedensten Objekte verteilt werden, deren Eigenständigkeit dabei in etwa so ernst genommen wird wie diejenige des „historischen Bruchs“ hin zur Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung.
In einer fetischkritischen Dialektik bedeutet theoretische Abstraktion hingegen keinesfalls begriffliche Abstraktion, sondern das reflexive Einholen des realgesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs („Daseinsformen“), der erst die „begrifflichen Kategorien“ („Gedankenformen“) konstituiert. Weil die realgesellschaftliche Konstitution die Bedingung der begrifflichen Abstraktion abgibt, muss die theoretische Abstraktion, um diesen Bedingungszusammenhang bestimmen zu können, durch Begriffskonstellationen einen höheren Abstraktionsgrad erreichen als die begrifflichen Kategorien, die sich als unbedingte aufschwingen und damit notwendigerweise den Abstraktionsgrad einer Fetischkritik unterschreiten. Indem Aabromeit aber die begriffliche Abstraktion als höchsten Abstraktionspunkt inauguriert, ist er dort, wo er sich am abstraktesten dünkt, völlig konkretistisch.
Eine komplementäre Verwirrung schlägt sich auf Seiten dessen nieder, was ihm als „Konkretion“ erscheint. Der fetischkritische Anspruch einer konkreten Kritik liegt nicht in einer eigens dafür vorgesehenen Denkform (Kontingenz der sich „ereignende Ereignisse“) begründet, im Gegenteil vermag ein Gegenstand nur alsdann als konkreter entfaltet werden, wenn die kritische Reflexion ihn in den Vermittlungen des realfetischistischen Bedingungszusammenhangs aufzuweisen vermag, weil eben diese Vermittlungen den Gegenstand wesentlich bedingen und seinen konkret gesellschaftlichen Gehalt erzeugen. Aabromeit wiederum fasst diejenigen Objektbestimmungen als konkret zusammen, die sich mit der begrifflichen zugleich jeder anderen Vermittlung entziehen, und so ist seine Analyse dort vollkommen unvermittelt und abstrakt einzeln, wo er glaubt, konkret zu sein.
Diese neuerliche Konfusion hat wieder einmal damit zu tun, dass die Matrix von Aabromeit jeden Vermittlungszusammenhang auf einen unvermittelten Widerspruch nivelliert. Wie schon „Begriff“ und „empirischer Rest“, „kategoriale Geschichte“ und „empirische Geschichte“, „Kontinuität“ und „Diskontinuität“, „kategorialer“ und „rein stofflicher Begriff des Geldes“ eröffnet sich nun auch zwischen „abstrakt“ und „konkret“ eine schier unüberbrückbare metaphysische Differenz.
Aus wert-abspaltungs-kritischer Sicht stehen theoretische Abstraktion und konkrete Analyse demgegenüber in einem dialektischen Verhältnis. Die konkrete Analyse des jeweiligen Gegenstands kann nur durch die theoretische Abstraktion hindurch geleistet werden, die als Einholen des realgesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs und seiner den Gegenstand hervorbringenden Vermittlungen qua Begriffskonstellationen einen viel höheren Abstraktionsgrad erreicht als die „begriffliche Kategorie“. Die konkrete Analyse ist durch die theoretische Abstraktion hindurchgegangen, weil sie den Gegenstand in seinen realfetischistischen Vermittlungen durch Begriffskonstellationen kritisiert und insofern ist konkrete Kritik ein Resultat der theoretischen Abstraktion, nicht etwa deren Gegenteil.
Hinsichtlich einer Theorie des vormodernen „gelts“ kann das folglich nur bedeuten, dass die analytische Bestimmung der vormodernen Gesellschaftsformationen zu einem noch höheren Abstraktionsniveau gelangen muss als die Kritik der kapitalistischen Fetischvergesellschaftung. Schließlich muss sie in der prozessualen Dynamik kritischer Reflexion nicht nur ihren eigenen realgesellschaftlichen Bedingungszusammenhang einholen, sondern darüber hinaus noch den vormoderner Gesellschaften. Die analytische Erfassung des vormodernen „gelts“ muss demnach selbst im Vergleich zur Kritik der modernen Wert-Abspaltungs-Form eine noch höhere Vogelperspektive einnehmen, da sich der „kategoriale Bruch“ nur von diesem „Standpunkt“ aus in eine kritische Geschichtstheorie überführen lässt. Im Kontrast zu Aabromeits Diktum, „dass keine einzige der geschilderten Herkunftsmöglichkeiten“ der vormodernen Opfergegenständlichkeit „abstrakt genug sein kann und muss“, pocht die „Geschichte als Geschichte von Fetischverhältnissen“ darauf, dass die Bestimmung der vormodernen Fetischgesellschaften samt ihrem „gelt“ den höchsten Abstraktionsgrad zu erreichen hat, will sie nicht hinter gewonnene Einsichten zurückfallen.
Die idealistische Denkform Aabromeits hat diese notwendig abstrakt-theoretische Ebene vormoderner Fetischkonstitutionen jedoch in zweifacher Hinsicht bereits im Ansatz eskamotiert: Ist schon sein unmittelbar gesetzter Begriff nicht in der Lage, das ihn hervorbringende realabstrakte Fetischverhältnis der Moderne theoretisch zu erfassen, weil er mit der ursprünglichen Setzung des Begriffs jeden realgesellschaftlichen Bezug eliminiert hat, sieht er sich bezüglich der vormodernen Fetischgesellschaften erst recht nicht imstande, deren realgeschichtlichen Bedingungszusammenhang zu reflektieren. Schließlich treibt hier ja der vermittlungslose Rest seiner dinglichen Denkschablone als sich „ereignendes Ereignis“, „empirische Tatsachen“ und „rein stofflicher Begriff des Geldes“ sein Unwesen. Sein eklektizistischer Mix in der „Auffindung“ des vormodernen „gelts“ ist der Ausdruck seiner Denkunfähigkeit, vormoderne Fetischkonstitutionen als eigenen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang zu reflektieren.
Was die Geschichtstheorie von Robert Kurz betrifft, kommt sie zu einem gänzlich anderen Ergebnis als Aabromeit. Robert Kurz hat in den entsprechenden Kapiteln von „Geld ohne Wert“ und den Texten „Geschichte als Aporie“ eine konkrete Analyse des vormodernen „gelts“ vorgelegt, die sich zu einem Abstraktionsniveau aufgeschwungen hat, das sowohl moderne als auch vormoderne Fetischgesellschaften in ihrer Einheit und Differenz darzustellen vermag. Diese „kategoriale Differenz“ zwischen moderner und vormoderner Gesellschaft wurde in dieser Geschichtstheorie durchaus inhaltlich begründet und ließe sich so zusammenfassen: Was sich in der Moderne verselbständigte, waren die realabstrakten Kategorien als „sachlich-materieller“ Verdinglichungszusammenhang, der die „objektiven Gedankenformen“ erst konstituiert, während der vormoderne Fetischismus auf einer geistigen Verselbständigung basierte (Religiosität), die jedoch als „kosmische Weltanschauung“ unmittelbar personal begründet wurde und somit eine materielle Dimension der Reproduktion miteinschloss. Dass auch die vormodern-religiöse Denkform nicht etwa „passiert“ ist, sondern sich selbst im „Stoffwechselprozess mit der Natur“ (Marx) herauskristallisierte, wäre eine gesonderte Betrachtung wert, nimmt diese Differenz aber nicht zurück.
Anders formuliert: Das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlichen „Daseinsformen“/materieller Reproduktion und gesellschaftlichen „Gedankenformen“ durchzieht sowohl die vormoderne als auch die moderne Fetischkonstitution, wobei es sich eben jeweils völlig unterschiedlich darstellt: In der Vormoderne war es vor allem die geistig-religiöse Verselbständigung der „Gedankenformen“, welche die unmittelbar-personalen „Daseinsformen“ und die Auseinandersetzung mit der „ersten Natur“ prädisponierte, in der Moderne ist es hingegen die „materiell-sachliche“ Verselbständigung der Realabstraktion und ihrer „Daseinsformen“, welche die „Gedankenformen“ und den Bezug zur „ersten Natur“ präformieren.
Diese Differenz ahnt Aabromeit dunkel, weil er nicht darum herumgekommen ist, sich mit Robert Kurz’ Geschichtstheorie befassen zu müssen. Aber weil er („begriffliche“ Gedanken)Form und („rein stofflichen“ Begriffs)Inhalt voneinander abspaltet und als Idealist gar nicht zum Problem der „Daseinsformen“ durchstößt, unterläuft ihm eine doppelt falsche Identifikation: Zuerst wirft er begriffliche und gesellschaftliche Formbestimmung ineinander, um aus dieser „Gedankenform“ die moderne Vergesellschaftung hervorgehen zu lassen, womit er die falsch verstandene geistige Verselbständigung („kategorialer Begriff des Geldes“) auch noch der falschen Epoche zuordnet. Die formlose Denkbestimmung der kontingenten Empirie und ihre „Faktizität“ hingegen schiebt er der grauen Zeit bzw. Unzeit der Vormoderne in die Schuhe, sodass seine ebenso missverstandene materiell-sachliche Verselbständigung („rein stofflicher Begriff des Geldes“) historisch wiederum inkorrekt in der religiös-personalen Fetischkonstitution verortet wird. Was sich bei dem Wertkritiker immerzu verselbständigt, sind die Purzelbäume seiner okkulten Denkschablonen, niemals aber gesellschaftliche Verhältnisse.
Nun soll nicht abgestritten werden, dass die „Geschichte von Fetischverhältnissen“ in der Unterscheidung zwischen vorwiegend materiell-sachlicher Verselbständigung der modernen realabstrakten Kategorien und vorwiegend geistig-personaler Verselbständigung der Vormoderne als jeweils spezifisches Vermittlungsverhältnis von „Daseins-“ und „Gedankenformen“ noch nicht besonders weit gediehen ist. Das liegt wie erwähnt in erster Linie daran, dass Robert Kurz in „Geld ohne Wert“ die vormoderne Opfergegenständlichkeit gewissermaßen als Anlass dafür nimmt, den qualitativen Unterschied zwischen vormoderner und moderner Fetischgesellschaften herauszuarbeiten. Und auch die Frage, ob es sich bei der Vormoderne um eine Fetischgesellschaft handelt, ist noch nicht geklärt.
Gleichwohl bleibt also unabhängig von der Fetischfrage die grundsätzliche Abgrenzung einer religiös-personalen Gesellschaft und der daraus sich ergebenden Opfergegenständlichkeit eines „gelts“ von der realabstrakten Vergesellschaftung der Moderne und seinem Fetischmedium in Robert Kurz’ Geschichtstheorie klar dargestellt. Und dieser Theorie erweist sich als argumentativ gestützt. Die Differenz zwischen Vormoderne und Moderne ist keine im Ungefähren, auch nicht unklar ausgeführt, sondern schlicht unausgearbeitet. An dieser Theorie müsste Aabromeit sich in einer möglichen Kritik der Geschichtstheorie von Fetischverhältnissen bemessen.
Genau dieser Maßstab bleibt in Aabromeits Text jedoch durchgehend außen vor. Erweist es ihm ansonsten außerordentliche Schwierigkeiten, irgendeinen Sachverhalt zu transzendieren, ist er seinem Selbstverständnis nach wenigstens „darüber hinaus“, sich in seiner „Kritik“ auch nur irgendwie am inneren Zusammenhang der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie auszuweisen. In seiner vagen Vorstellung von der ganzen Sache an sich bildet der noch unpräzisierte, aber durchaus begründete Status dieser Differenz von realabstrakter Fetischkonstitution der Moderne und realgesellschaftlicher Fetischkonstitution der Vormoderne Aabromeits Einfallstor, um eine Geschichtsphilosophie zu instaurieren, die in die aufklärungsphilosophische Dichotomie zurückfällt, indem er den Gegensatz von Vormoderne und Moderne in einen von „abstrakt“ und „konkret“ umdefiniert.
Das noch nicht weiter ausgearbeitete, von ihm aber auch gar nicht durchdrungene Desiderat einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ nun dafür zu benutzen, um dem ganzen Ansatz unter der Hand einen ganz anderen Bedeutungsinhalt zu unterschieben, ist ein Ausdruck intellektueller Unredlichkeit, die „kategoriale Kritik“ durch ihren Reduktionismus auf die Alltäglichkeit des gesunden Menschenverstands unschädlich zu machen trachtet. So „entwickelt sich möglicherweise auf dem Boden der noch nicht allgemein anerkannten neuen Theorie eine Dissidenz anderer Art, die eher zum Bremsen oder zum Rückwärtsgang aufgelegt ist und auf dem Boden des Neuen diverse Elemente des Alten einzuschmuggeln sich anheischig macht.“[293]
Mit seinem revisionistischen Geschichtsidealismus handelt sich Aabromeit neben seinen schreienden Selbstwidersprüchen auch schwerwiegende methodologische Aporien ein, gerade weil er seine eigenen Gedankenformen zur Methode vergegenständlicht. Dieses methodologische Defizit erhellt sich vor dem Hintergrund seines Konkretions- und Abstraktionsverständnisses: Abstrakt, weil begrifflich vermittelt ist für ihn allein ein Merkmal des modernen Geldes; konkret und unvermittelt sei hingegen das vormoderne „gelt“ als „empirische Tatsache“ gewesen. Angesichts der Opfergegenständlichkeit können sodann alle Theorien Recht haben oder eben auch keine, weil ein theoretischer Begründungsansatz für Abromeit diesbezüglich einem Überanspruch gleichkommt, ja eigentlich einer Verwechslung der beiden Ebenen von „konkret“ und „abstrakt“.
Da in Aabromeits Idealismus begriffliche und gesellschaftliche Form jedoch ununterscheidbar sind, stellt er mit den „begrifflichen Kategorien“ unweigerlich auch jede andere Formbestimmtheit religiös-personaler Gesellschaften beiseite. Die „empirische Geschichte“ soll eine völlig formlose gewesen sein – in Aabromeits Diktion „konkret“ –, aber ein formloser gesellschaftlicher Bedingungszusammenhang ist am Ende keiner mehr. Vor dieser vermittlungs- und begriffslosen „rein stofflichen“ Leere einer „passierenden Faktizität“ hängen die Artefakte vormoderner Fetischkonstitutionen leblos in der Luft und können nach Belieben herauspickt und aneinandergereiht werden: Aabromeit verfällt in einen virulenten „methodologischen Individualismus“.
Augenscheinlich wird dieser „methodologische Individualismus“ besonders bei der „empirischen Tatsache“ der vormodernen Opfergegenständlichkeit. Als „rein stofflicher Begriff“ war das „gelt“ in jener Epoche metaphysischer Kontingenz für ihn noch ein richtig empirisches Ding, so sinnlich rund und zum Anfassen. Da funkeln die Augen Aabromeits, denn, ei, damals strotzte das „gelt“ noch richtig vor Konkretion! „(V)ielleicht sind die zu diesen Zeiten vorherrschenden Verhältnisse derart direkt sakral-religiös-personal, dass konkret und empirisch bleibende (!) Erklärungsversuche zur Herkunft des Geldes doch ausreichend sind.“[294] Im Taumel der konkretistischen Anwandlungen hat sich wieder einmal unbemerkt ein barer Unsinn eingeschlichen: Jede Erklärung (wiederum gleichgültig von was) ist zugleich theoretisch („begrifflich“) und empirisch, sie kann nie nur theoretisch oder empirisch „bleiben“.
Sein „methodologischer Individualismus“ ist dabei aber nur eine abgeleitete Konsequenz seines Eklektizismus’ und tritt durch ihn deshalb auch am Prägnantesten zutage. Aabromeits angebrachte und bestenfalls gelegentlich kommentierte Theorien über den Ursprung des „gelts“ können nicht auf ein einhelliges Abstraktionsniveau eingedampft werden, weil ihre Erklärungskraft an der theoretischen Vermittlung mit dem jeweils behandelten Gesellschaftszusammenhang einen genuinen Bezugspunkt findet. Verschiedene Theorien, die das „gelt“ aus „Schuld“, „Eigentum“, „Tausch“ usw. hervorgehen lassen, können nicht gleichberechtigt Anspruch auf Wahrheit erheben, da die jeweiligen „Begriffe“ auf reale gesellschaftliche Dimensionen und Stratifikationen innerhalb des vormodernen Fetischs verweisen. Damit sei nicht behauptet, dass sich diese Erklärungsansätze notwendig ausschließen müssen, aber sie sind doch auf der ihr jeweils zukommenden Abstraktionsebene zu gewichten.
Ziehen wir als Beispiel die Eigentumstheorie von Heinsohn/Steiger heran. Einmal davon abgesehen, inwieweit „Eigentum“ für die Vormoderne überhaupt eine zulässige Kategorie sei, müsste zuerst einmal die genuine Eigenständigkeit von Eigentum innerhalb des vormodernen Fetischismus geklärt werden. Aus Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik hat „Eigentum“ in der Vormoderne keinerlei Gemeinsamkeiten mit ihrer modernen Funktion innerhalb der Wertverwertung, vielmehr nahm es seine spezifische Rolle im Kontext der personalen Abhängigkeitsverhältnisse an, die sich ihrerseits an der Vorstellung der göttlichen Hierarchie orientierten. So wurde das feudale Ständesystem des westeuropäischen Mittelalters über das kosmische Weltbild legitimiert, wodurch ein möglicher Zusammenhang von „Eigentum“ und religiös-personaler Fetischgesellschaft aufschimmert.
Über einen solche, sich am historischen Material bildende und auf den gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang reflektierende Geschichtstheorie könnte eine aussagekräftige Analyse des vormodernen „Eigentums“ geleistet werden. Diese Vorgehensweise müsste Aabromeits selbst dann noch leisten, wenn er eine andere Theorie über vormoderne Gesellschaften verträte als diejenige von Robert Kurz einer personal-religiösen Konstitution: In diesem Fall läge es an ihm, das vormoderne „Eigentum“ in Bezug zu seinem neuen Verständnis dieser Gesellschaften zu setzen, um durch die Vermittlung mit diesem realgesellschaftlichen Bedingungszusammenhang auch das untersuchte Artefakt als gesellschaftlich bestimmtes, eben konkretes, fassen zu können. An diesen Punkt langt Aabromeit aber nie an, weil er vormoderne Gesellschaften an sich für unförmig hält, was allerdings dazu berechtigt, alle möglichen Erklärungen in schierer Eindimensionalität einzuebnen.
Nun liegt es aber in der Eigenheit identitätslogischer Denkformen, dass sie sich nicht funktional verwenden lassen wie ein Hammer oder ein Elektro-Schrauber. Ihnen haftet die unangenehme Eigenschaft an, dass sie sich notwendigerweise auf alle Bereiche erstrecken, weil sie sich selbst in ihrer Ursprungslogik absolut gesetzt haben. Und so „passiert“ es Aabromeit, dass sich sein „methodologischer Individualismus“ nicht auf die Vormoderne begrenzt, sondern auch auf die Realkategorien der Wert-Abspaltung übergreift. Gleichsam musterhaft verfährt dieser „methodologische Individualismus“ moderner Kategorien mit der Lohnarbeit. Wie uns bereits weisgemacht werden sollte, sei die Lohnarbeit ein Produkt des 12. und 13. Jahrhunderts. Dem schiebt Aabromeit nun nach, dass die „im weitesten Sinne als Lohnarbeit“ zu bezeichnenden Tätigkeiten erstmals im „Bergbau, bei Gerbern und gelegentlich auch Bauernhöfen“ stattgefunden habe“ – freilich ohne diese These in Bezug auf historisches Material zu erhärten –, um dann fortzufahren, diese „Lohnarbeiter“ seien „entwurzelt (…) und dadurch in gewisser Weise von den personalen Bindungen zur Scholle, zum Grundherren oder Zunftmeister wenn nicht (!) effektiv gelöst, so doch ein wenig (!) entfernt, diszediert, worden.“[295]
Aabromeit hantiert in seiner Geld-Theorie ausschließlich phänomenologisch und so kommt aus dem Aufaddieren von „Bergbau“ und „Gerbern“ schon beinahe so etwas wie eine Industrie heraus; auch wenn das „Faktum“ von „lehensabhängigen Bauern“ dem Sinn des ganzen Konstrukts etwas dazwischen funkt, weshalb sie auch nur „gelegentlich“ die „Lohnarbeit“ verrichtet hätten. Hier fehlt wieder jede Bezugnahme auf die gesellschaftliche Form; vor dieser gähnenden Leere können dann, durch äußerliche Assoziationen geleitet, gesellschaftlich ganz inkompatible „Daseinsformen“ nach Lust und Laune hochgerechnet werden.
Wobei: So ganz bleibt die gesellschaftliche Konstitution diesmal nicht außen vor, wie der Rekurs auf die „personalen Bindungen“ bestätigt. Aber so, wie sie dabei Einzug erhält, kommt die metaphysische Unbestimmtheit des ganzen Ansatzes erst recht zu voller Blüte: Nimmt man/frau den historischen Prozess der sich herausbildenden „konkreten Totalität“ von Wert und Abspaltung ernst, dann kann die Lohnarbeit nur als eine intrinsische Realkategorie des fetischistischen Formzusammenhangs der Wert-Abspaltung verstanden werden, weshalb sie auch erst nach der „ursprünglichen Akkumulation“ im 18. Jahrhundert einen gesamtgesellschaftlichen Einfluss hatte. Solange sich innerhalb der vormodernen religiösen Fetischgesellschaft des sogenannten „Feudalismus“ die Menschen „ein wenig“ von ihren „personalen Bindungen zur Scholle, zum Grundherren oder Zunftmeister entfernt“ haben, ist das „Faktum“ Lohnarbeit absolut ausgeschlossen. Aabromeits Selbstrelativierung („ein wenig Loslösung von personaler Bindung“) befördert allein die willkürliche Beliebigkeit seiner theoretischen Operationen zutage, deren hypostasierter Zweifel noch die banalsten Selbstverständlichkeiten „kategorialer Kritik“ in Frage stellt.
Für eine durch die Kritik des „methodologischen Individualismus“ hindurchgegangene Geschichtstheorie löst sich das Problem des Anfangs der Lohnarbeit indes ganz anders auf. Ihr ging nämlich wie jeder modernen Realkategorie ein historischer Prozess voraus, dessen protoförmiger Gehalt zu einer Produktionsweise führte, die als „Protoarbeit“ im Rahmen der kapitalistischer Konstitutionsphase begrifflich gefasst werden könnte. Wie „Wallerstein“ darlegt, hat sich durch die Herausbildung der Weltzirkulation eine eigentümliche Produktionsform entwickelt, die weder als lehensabhängig noch als Lohnarbeit bezeichnet werden kann. Was im Osten Europas als „neue Leibeigenschaft“ des 15. Jahrhunderts und als „Refeudalisierung“ des nordwestlichen Europas firmiert, war die passende sklavenartige Produktionsform unter den Bedingungen des protokapitalistischen Weltsystems, die im Sklavenhandel in Übersee ihr Pendant hatte.
Der vom Arbeiterbewegungsmarxismus fälschlicherweise auf den Kapitalismus bezogene Begriff der „Ausbeutung“ hat wenn schon für diese protokapitalistische Weltwirtschaft seine Berechtigung. Denn der noch ausschließlich zirkulativ abgeschöpfte Reichtum bedurfte noch der subjektiven Willkür und des unmittelbaren Zwangs. Deshalb konnte es auch keine abstrakte Wertsubstanz geben: Die Produktion wurde zwar zunehmend auf die Weltzirkulation ausgerichtet, zugleich aber blieb sie weitestgehend mit Subsistenzversorgung durchsetzt und gründete noch auf der unmittelbaren Gewalt der jeweiligen „Protounternehmer“. Es dauerte bis zur Industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts, bis diese protokapitalistischen Verhältnisse in einem neuen qualitativen Umschlag umgewälzt wurden, um fortan als „Gang in sich“ der Verwertung zu prozessieren. Aabromeits Empirismus könnte diese frühneuzeitliche Sklaverei in ihrer historischen Eigenart als protokapitalistische Voraussetzung der Lohnarbeit gar nicht in Betracht ziehen, weil für ihn „Sklaverei“ als „Tatsache“ eben „Sklaverei“ ist. Und das Phänomen des Sklaven gibt es bekanntlich schon seit tausenden von Jahren.
Was die erwähnte Selbstrelativierung von Aabromeit betrifft, handelt es sich bei ihr nicht um eine auf die „Lohnarbeit“ beschränkte Masche, sie erweist sich realiter als durchgängiges Muster seines Textes. In gewisser Weise erfolgt sie aus seinem notorischen „methodologischen Individualismus“: Wo die Reflexion nicht zur Eigenart des gesellschaftlichen Realzusammenhangs durchdringt, hat der Gedanke den Gegenstandsbezug verloren und muss deshalb unbestimmt und unvermittelt bleiben. Insoweit ist seine Unbestimmtheit Methode und erfolgt aus den inneren Widersprüchen seiner identitätslogischen Geschichtsphilosophie.
Aber diese permanenten Selbst-Dementis erschöpfen sich nicht in diesem methodologischen Mangel. In ihnen kommt darüber hinaus ein subjektives Unbehagen zum Tragen, das gegen den wert-abspaltungs-kritischen Inhalt als solchen auszuckt. Aabromeit schwant es insgeheim, dass eine konsequente Ausbuchstabierung seiner Thesen der wert-abspaltungs-kritischen Version eines „kategorialen Bruchs“ in der Mitte des 15. Jahrhundert klar zuwiderlaufen würden; weil er aber seinen Revisionismus vorerst lieber nicht ganz so unverhohlen zu erkennen geben möchte, zieht er seine konträre und weitreichende Vordatierung der „Lohnarbeit“ durch ein auf den Fuß folgendes Dementi wieder in den Bereich schierer Relativität zurück. Dem wertkritischen Alltagsverstand hängen eindeutig die Trauben zu hoch, weswegen er sich selbst nicht über den Weg traut: Im beständigen Angriff auf die Geschichtstheorie von Robert Kurz versucht Aabromeit mit seinen Selbstrelativierungen permanent, sich unangreifbar zu machen: „Es klingt nämlich so, als hätte man vergessen, was man eigentlich konkret kritisieren oder inhaltlich vertreten wollte, ja was man überhaupt denken wollen könnte, wenn man dürfte oder sich getraute.“[296]
Ontologie und Teleologie als letzter Schrei der Geldgeschichte
Mit seinem grassierenden „methodologischen Individualismus“ nähern wir uns allmählich der epistemologischen Basis des Abromeitschen Geschichtsidealismus an. Hat er einmal den spezifischen historischen und gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang vormoderner Fetischgesellschaften zu einem völlig unbestimmten Hintergrundrauschen degradiert, vor dem mal hier mal dort die „Lohnarbeit“ oder „technologische Grundlagen der Wert-Abspaltung“ auftauchen, muss auch die „kategoriale Differenz“ zwischen Vormoderne und Moderne verschwimmen. Erinnern wir uns an die Vogelperspektive: Es benötigt das höchste Abstraktionsniveau, um den vormodernen Fetischismus in Differenz zur Wert-Abspaltungs-Gesellschaft herausarbeiten zu können; wird es verfehlt, bleibt die Reflexion in der Immanenz warenproduzierend-patriarchaler „Gedankenformen“ befangen.
Dieses Verhältnis ist in seiner „kategorialen Differenz“ noch weitreichender zuzuspitzen. Die im Durchgang durch das historische Material spezifizierte Eigenständigkeit vormoderner Gesellschaften wirkt ihrerseits auf die Kritik der Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung zurück, da durch die negative Bestimmung des religiös-personalen Fetischzusammenhangs die Wert-Abspaltungs-Form zusätzlich an historischer Kontur gewinnt. Indem Aabromeit in der Analyse der „empirischen Geschichte“ und des vormodernen „gelts“ neben dem begrifflichen auch den realgesellschaftlichen Bedingungszusammenhang über Bord wirft, kann er die Eigenheit der modernen Fetischvergesellschaftung nicht mehr begreifen, weil eine Bestimmtheit („kategorial-empirische Geschichte“) sich nicht vor der Folie völliger Unbestimmtheit („empirische Geschichte“) herauskehren lässt. Damit verschwindet aber der „kategoriale Bruch“ endgültig zugunsten eines unwandelbaren geschichtlichen Urgrundes.
Mit aller Verve macht sich Aabromeit somit an die nächste Problemstellung heran. Ihm stellt sich auf dieser Stufe seiner Geschichtsphilosophie eine weitere „banale und initiale Frage“ – wie sein Text überhaupt auffallend häufig banale Sachverhalte vor sich her wälzt – „ob der in Rede stehende Gegenstand, hier das Geld, als ahistorisch, also anthropologisch oder gar ontologisch zu fassen sei oder am Ende doch nur historisch spezifisch zu verstehen sei.“[297] Diese ungeheuerliche Alternative in den Raum gestellt, lässt Aabromeit keinen Zweifel daran, in welche Richtung das Pendel für ihn ausschlägt: „Denn der Mensch ist ewig der gleiche“…
Diese stramme Geschichtsontologie ist den Setzungen seiner idealistischen Geschichtsphilosophie von Anfang an inhärent. Die Historie „kategorial in zwei Blöcke“ eingeteilt, währt die „empirische Geschichte“ ewiglich. Sie ist uranfänglich und sich durchhaltend, während je nach Gutdünken irgendwann der „Begriff“ draufgesattelt wird, der sich alsdann auf dieser Basis in sich selbst kreisend fortbewegt. Wie in all seinen Attributen fällt Aabromeit nun auch „historisch“ (ehemals „diskontiuierlich“) und „unhistorisch (ehemals „kontinuierlich“) in zwei konträre Wesenheiten auseinander, wobei das „Historische“ mit der „Ereignung“ des „kategorialen Begriffs“ zusammengemanscht wird, sodass für das „Ahistorische“ noch die „empirische Geschichte“ übrigbleibt. Schon wieder stehen wir an der Klippe des metaphysischen Abgrunds, die leider niemals reflexiv zu überbücken sein wird.
Es konnte nicht ausbleiben, dass Aabromeit innerhalb dieser fundamental ahistorischen Denkform eine Ontologisierung des Geldes instand setzen musste. Hier kommt der „rein stoffliche Begriff vom Geld“ zum Zuge: Ontologisiert wird der „phänomenologisch(e) und empirisch(e)“[298] Gehalt des Geldes, auf dessen ahistorischer Grundlage im Laufe eines knappen Jahrtausends der „kategoriale Begriff“ des modernen Fetischmediums emporgestiegen sei. Hätte Aabromeit die stoffliche Ebene in ihrer gesellschaftlichen Vermitteltheit stattdessen wirklich ernst genommen, wäre er gewahr geworden, dass es einen „rein stofflichen Begriff“ vom Geld in keiner Gesellschaft je gegeben hat: „Das Geld, wie wir es heute (…) vorfinden“ hat eben nicht einmal „phänomenologisch und empirisch etwas mit den präkapitalistischen Artefakten“[299] zu tun.
Dass das moderne Geld seit dem 18. Jahrhundert in seiner Eigenschaft als Wertaufbewahrungsmittel den Goldstoff als Materie der Wertrepräsentanz auserkoren hatte, lag – wie Marx im „Kapital“ gezeigt hat –, an den von der Wertverwertung präjudizierten Bedingungen, in möglichst konzentrierter Form „abstrakte Arbeit“ repräsentieren zu können. Diese auch stoffliche Eigenheit des modernen Geldes (übergehen wir stillschweigend, dass Aabromeit in seinem Idealismus zu dieser stofflichen Ebene gar nicht vordringt) hebt sich krass vom stofflichen Inhalt der vormodernen „Opfergegenständlichkeit“ ab, wie ihm jeder Blick auf eine antike Münze klarmachen würde. Eine Golddeckung des antiken „gelts“ ist jedenfalls nicht bekannt.
Dem ist das Ergebnis der Geschichtstheorie von Robert Kurz entgegenzuhalten: Stofflicher Inhalt und (gesellschaftliche oder begriffliche) Form können immer nur als jeweils spezifischer widersprüchlicher Vermittlungszusammenhang begriffen werden und zwar als historisch vollkommen unterschiedliche Fetischkonstitutionen von Vormoderne und Moderne in ihrer je eigenen dialektischen Verschränktheit mit dem „Stoffwechselprozess mit der Natur“. Das stoffliche Moment kann dabei nicht positiv und für sich genommen werden; es ist nur negativ dialektisch auf den Begriff zu bringen, als das Naturmoment des Menschen und seiner stofflich-natürlichen Voraussetzungen, die beide nicht in der gesellschaftlichen Vermittlung aufgehen, aber auch nicht jenseits von ihr („empirische Geschichte“, „rein stofflicher Begriff vom Geld“) vergegenständlicht werden können.
Einer dialektischen Fetischkritik kann es deswegen nicht darum gehen, das stoffliche Substrat jenseits der gesellschaftlichen Formbestimmung zu verabsolutieren. Der übergreifende, historisch kontinuierliche Aspekt befindet sich bei ihr auf einer ganz anderen Abstraktionsebene als jedwede stoffliche oder sonst wie konzipierte Ontologie. Er ist ein ausschließlich gesellschaftlicher, eben die gemeinsame Eigenart sich verselbständigender Fetischverhältnisse, die einen jeweils eigenen Bezug zur materiellen Reproduktion und zur „Zweiten Natur“ herstellen.
Dass das stoffliche Moment nicht von der gesellschaftlichen Vermittlung isoliert betrachtet werden kann, wird nicht zuletzt in der androzentrischen Naturbeherrschung des „warenproduzierenden Patriarchats“ kenntlich. Diese androzentrische Naturbeherrschung war vormodernen Gesellschaften völlig fremd; und ihr ungleich destruktiverer Naturbezug wandelt auch die stofflichen Voraussetzungen in einer historisch einmaligen Art und Weise um, was auf eben diese natürlich-stoffliche Verfasstheit zurückschlägt. Noch das Naturmoment am Menschen und in seinen stofflichen Voraussetzungen negativ dialektisch entwickelnd, hat die Geschichtstheorie von „Fetischverhältnissen“ mit einer Ontologie nichts zu schaffen, höchstens mit einer negativen[300].
Als Ontologie der „empirischen Geschichte“ kann die epochal identifizierte „ahistorische Historie“ allerdings unmöglich bei sich bleiben. Aabromeits Denkschablonen werden erneut von ihrem okkulten Eigenleben eingeholt: Realiter möchte er nur die „empirische Geschichte“ und den „rein stofflichen Begriff vom Geld“ ontologisieren, auf denen dann die „kategoriale Geschichte“ der Moderne aufgebaut habe. Aber weil „Begriff“ und „Sache“ gegen Aabromeits Willen beständig aufeinander zustreben, ahistorisiert Aabromeit mit dem „rein stofflichen Begriff vom Geld“ nicht nur seine eigene Denkschablone, sondern auch den Gegenstand als solchen: Aabromeits Ontologisierung des Werts geriert sich in seinem Text deshalb auch weitestgehend schamlos. Da hat er wohl etwas an dem wert-abspaltungs-kritischen und von ihm vorgeblich vertretenen Anspruch einer Kritik an der Retrojektion moderner Begriffe auf vormoderne Gesellschaften missverstanden: Die Kritik an dieser begrifflichen Rückprojektion war keinesfalls als Freifahrtschein gedacht, die Sache selbst dafür umso hemmungsloser zu ontologisieren!
Wir dürfen demnach zur Kenntnis nehmen, dass wertanaloge Formbestimmungen sich in der Geschichte immer schon großer Beliebtheit erfreuten. Sei es die „zeitliche Nähe“ von „monetäre(r) wie (…) alphabetische(r) Abstraktionsleistung der Griechen“, die auf einmal „für kaum zufällig“[301] befunden wird, seien es die ersten Atemzüge des „automatischen Subjekts“ im weströmischen Reich, dessen Münzen „neben den Abbildern vom jeweiligen Herrscher auch Zahlen“ darstellten, „die möglicherweise eine Art Wertangabe bedeuten könnten“[302], die „abstrakte Arbeit“ quoll bereits in jener Zeit aus den vielfältigen Falten der vormodernen Weltgeschichte hervor. Sowieso kristallisiert sich das weströmische Reich als Kapitalismus in potentia heraus, mit all dem „Handel“ und den „Arbeitskräften“[303] anno dazumal; ja, sogar schon tausend vor unserer Zeitrechnung konnte „Eigentum“ als „Darlehen“[304] verliehen werden: „Das war in der Tat neu!“[305]
Aabromeit könnte sich angesichts des Nachweises seiner Wertontologie auf den Standpunkt herausreden, dass er ja angekündigt habe, keine „Neologismen“ zu bilden, sondern mit der Verwendung seiner „Kategorien“ das Missverständnis der Rückprojektion in Kauf nehme. Weshalb seine „aufgefundenen Begriffe“ gar nicht ontologisch gemeint seien. In diesem Fall würde er aber endgültig eingestehen, dass er Begriff und Sache nicht zusammendenken kann, was wiederum keinerlei Berührungspunkte mit der Wert-Abspaltungs-Kritik aufweisen würde. Wie man/frau ihn auch dreht und wendet, die Perspektive Aabromeits steht beharrlich auf dem Kopf.
Resümieren wir die bis hierhin präsentierten „waghalsigen“ Ergebnisse seiner Geld-Theorie, ergibt sich folgendes Bild: Nachdem er zunächst auf erkenntnistheoretischer Ebene die dialektische Vermitteltheit von Theorie und Empirie auseinandergerissen hat, goss er seine beiden Denkschablonen eines „kategorialen Begriffs“ und „empirischer Tatsachen“ in eine idealistische Geschichtstheorie, die sich in eine „empirische“ und eine „kategorial-empirische Geschichte“ aufteilte. Diesen mystischen Übergang verortete er großzügig zwischen dem 9. und 18. Jahrhundert. Anschließend wandelte er die wert-abspaltungs-kritische Differenz zwischen realabstrakter Konstitution der Moderne und realgesellschaftlicher des vormodernen Fetischs in eine von „abstrakt“ und „konkret“ um, ohne diese klammheimliche Modifikation auch nur irgendwo auszuweisen oder ins Verhältnis zur bisherigen Theorie zu setzen.
Dieses kontrafaktische Abstraktions- und Konkretionsverständnis leitete uns zu Aabromeits „methodologischen Individualismus“ über, der besonders in der Epoche der „empirischen Geschichte“ in voller Pracht erstrahlte. Den vorläufigen Höhepunkt bildete der nun zur Kenntlichkeit gelangende ontologische Rahmen seiner idealistischen Geschichtsphilosophie, in der mit der „empirischen Geschichte“ sogleich das „phänomenologische Geld“ als „rein stofflicher Begriff“ und darüber hinaus auch der Wert ontologisiert werden. Dass diese Ahistorisierung in Form eines völlig falsch verstandenen Wertbegriffs vorgenommen wurde, der überdies einen niemals existenzfähigen Widerspruch in sich abgibt, muss dabei auch nicht zwingend als mildernder Umstand zu seinen Gunsten gewertet werden.
Die gesamte bisherige Argumentationslinie der Aabromeitschen „Geldtheorie“ an sich vorbeiziehend lassend, stellt sich unweigerlich die Frage ein: Was haben diese Vorstellungen eigentlich mit der Wert-Abspaltungs-Kritik zu tun? Die Antwort ist leicht zu geben: „Nisch“. Von nichts kommt eben nichts und daher erweist sich das tabubrecherisch angekündigte „darüber hinaus“ als ein strammes „dahinter zurück“. Von unten gelingt nun einmal lediglich der denunziatorische Tiefschlag, weshalb wir in Aabromeits Traktat über Robert Kurz und seinen vorgeblich einseitig positiven Bezug auf Bernhard Laum von „recht dürren und enttäuschend unkritischen Worten“ lesen dürfen, wobei er in seiner Geldtheorie gar „erstaunlich eindimensional, oberflächlich und wenig radikal“[306] verfahren sei. Mensch sind wir froh, unseren konkretistischen Wertkritiker mit seinen beiden Denkschablonen am Start zu haben!
So gesehen sind wir also Aabromeit gegenüber bisher in keiner Weise gerecht geworden, sofern an ihn der Maßstab der Geschichtstheorie von „Fetischverhältnissen“ angelegt wurde. Begeben wir uns also in die Immanenz seiner Geschichtsontologie und bemessen ihn an seinem letzten, obgleich ziemlich großräumig breitgetretenen Anspruch einer Kritik an bürgerlicher Teleologie. Mit diesem Mindestanspruch des Aabromeitschen Textes stoßen wir nun zu des Pudels Kern vor. Um ihn hervorzukehren, ist abermals keine diffizile Interpretationsleistung vonnöten. Worauf seine Kritik an der bürgerlichen Fortschrittsideologie im Grundsatz fußt, darauf wirft seine Einsicht ein Licht, dass „(i)nnerhalb des Kapitalismus, also seit dieser ‚auf seinen eigenen Grundlagen prozessiert’ (Karl Marx), (…) sich aber die Geschichte tatsächlich (!) und in ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung nicht nur gemäß dem linearen Zeitpfeil (entfaltet, DS), sondern sie ist auch sozusagen nach oben (!) unterwegs, nämlich gedacht und vorgestellt als ständiger technologischer, kultureller und ethisch-moralischer Fortschritt (!) – der ja in Wirklichkeit eine Folge oder vielleicht auch ein Analogon des Fortschritts bei der Verwertung von Wert ist.“[307]
Aus diesem Satz springt uns schon wieder der ganze Idealismus entgegen. Der Wertkritiker kreist immer nur um „Wahrnehmungen“, „Denkweisen“ und „Vorstellungen“ herum, leider aber nicht einmal um die Sache selbst in ihrer historischen Konfiguration. Mussten diese Konstruktionen in der „empirischen Geschichte“ der Vormoderne noch „empirischen Tatsachen“, „Fakten“ und „Ereignissen“ weichen – mit der Ausnahme, falls für diese Zeit schon „Begriffe auffindbar“ waren –, kommt erst ab dem Umschlag hin zur Moderne der „kategoriale“ Idealismus voll zu sich. Wir nehmen also zur Kenntnis: Die Kritik bürgerlicher Geschichtsteleologie besteht darin, deren Geltungsbereich auf die Moderne und ihre „kategoriale Geschichte“ zu begrenzen, sodass erst seitdem ein „ständiger technologischer, kultureller und ethisch-moralischer Fortschritt“ reüssieren durfte, wenn auch nur als Analogon zum „Fortschritt bei der Verwertung“. Was eine „radikale Kritik“ an bürgerlicher Fortschrittsideologie!
Insbesondere das Zeitproblem muss Aabromeit einige schlaflose Nächte bereitet haben. Es ist gewissermaßen der Daueraufhänger seiner ausschweifenden Überlegungen, sobald sie die Pforte zu den besonders spirituellen Gefilden passiert haben. Und da Aabromeit ein offenherziger Zeitgenosse ist, dürfen wir sogleich an den ihn bedrückenden Widersprüchen teilhaben; Zeit oder Nicht-Zeit, das ist hier die Frage: „Da ich als heute Lebender nur die Möglichkeit habe, ex post zu argumentieren, also gezwungen bin, von heute aus die Historie zu reflektieren, entsteht immer (!) der Eindruck, ich behaupte eine Art Teleologie oder Gerichtetheit dieser Geschichte, weil ja das Ergebnis (das Heute, also der Kapitalismus bzw. das Wert-Abspaltungsverhältnis) schon existiert und auch nicht mehr wegzudenken ist.“[308] In Aabromeits Denkschablonen muss die zeitliche Entwicklung entweder teleologisch ablaufen („gerichtet“ auf dem „Zeitpfahl“) oder ganz und gar entwicklungs-, ja zeitlos im Sinne reiner Kontingenz „empirischer Geschichte“ und ihrer sich „ereignenden Ereignisse“. Wenn Aabromeit Zeit als solche denkt, kann er sie sich immer nur als teleologisch ablaufend vorstellen.
Mit dem Nachweis dieser elementaren Fortschrittsideologie sehen wir uns nunmehr in den Stand gesetzt, den ontologischen Idealismus Aabromeits in seinem zugrundeliegenden geschichtsphilosophischen Dualismus zu überblicken. Dieser Dualismus lässt sich so festhalten: Kontingent-empirisch stellt sich für ihn die ontologische Grundlage „empirischer Geschichte“ dar, eine begriffslose Ära, in der die „faktizitären Fakten“ vermittlungs- und kontextlos „passieren.“ Eine teleologische Aufwärtsentwicklung ermöglicht das Aufkommen des „kategorialen Begriffs“, dessen „sauber begründbarer, dialektisch-kategorialer Zugang“ eine Auf- und Ableitung mit sich bringt, die sofort als historischer Fortschritt gedacht werden muss, weil Begriffsentwicklung und historische Entwicklung bei ihm identisch sind. Seine idealistische Ontologie setzt sich aus einer „historistischen Kontingenzmetaphysik“ à la Historismus/Poststrukturalismus und einer „philosophischen Fortschrittsmetaphysik“ bürgerlicher Vernunftphilosophie zusammen. Damit reproduziert Aabromeit jedoch die beiden Pole der aufklärungsideologischen Geschichtsanschauung: „Es ist nicht die Öffnung des Denkens für ein Voranschreiten im unbekannten Terrain, sondern die Öffnung eines Hinterausgangs zurück in das ursprünglich als obsolet erkannte Räsonieren in der ‚objektiven Gedankenform’ oder im ‚Gehäuse der Hörigkeit’.“[309]
Indessen wäre uns einiges an Aufwand erspart geblieben, würde sich der Aabromeitsche Text wenigstens auf diesen von vorne bis hinten trockenen Aufguss aufklärungsideologischer Versatzstücke begrenzen. Aber das Problem liegt in Wirklichkeit ganz woanders: Aabromeit sieht sich ständig damit konfrontiert, seine eigens formulierten Ansprüche wie ein Besessener im nächsten Atemzug zu dementieren, weil in seinem Gedankengebäude nie das eintreten darf, was er evozieren möchte, würde dann vielleicht sogar ihm die Absurdität des ganzen Unterfangens in die Augen springen. Seinen Attribuierungen sind immer schon ihre eigenen, sie eigentlich ausschließenden Gegensätze inhärent, weswegen auch „Fortschrittsmetaphysik“ und „Kontingenzmetaphysik“ in dem Traktat kreuz und quer durcheinander schießen.
So sind die „faktizitären Fakten“ der vormodernen „empirischen Geschichte“ in ihrer Kontingenz eigentlich für die tiefste Unzeit der personal-religiösen Fetischkonstitution vorgesehen, aber weil der Begriff die Sache im Schlepptau hat, schwappt die moderne „Fortschrittsmetaphysik“ des „kategorialen Begriffs“ auf die graue Unzeit der Vormoderne über. Andersrum macht auch seine „Kontingenzmetaphysik“ ihm nicht den Gefallen, sich auf die „empirische Zeit“ der Vormoderne vertrösten zu lassen; als empirische Kontingenz bricht sie bisweilen in der scheinbar teleologischen Entwicklung des modernen Geldes durch. Je krampfhafter Aabromeit „Fortschritts“- und „Kontingenzmetaphysik“ auf zwei verschiedene Epochen aufzuteilen sich anstrengt, desto ungestümer kippen sie im Laufe seines Textes ineinander um.
Dieses Umkippen wird besonders markant, wenn man/frau den „fortschrittsmetaphysischen“ Strang in Aabromeits Ontologie fokussiert. Die mit der Entstehung des „kategorialen Begriffs“ verbundene teleologische Aufwärtsbewegung seit der Moderne ist tatsächlich nur der Fluchtpunkt einer Geschichtsteleologie, deren ersten Wimpernschläge er schon viel früher entdeckt. Das geschichtlich jüngste Lebenszeichen der Fortschrittsmetaphysik, postuliert Aabromeit, ging mit „der Blütezeit der Athener/innen“[310] einher. Der teleologische Urgrund seiner Fortschrittsmetaphysik spannt sich von der Antike bis hin zum 18. Jahrhundert.
Aus unerfindlichen Gründen vermochten sich diese frühen Keimformen einer Wertverwertung jedoch nicht gesamtgesellschaftlich zu realisieren, weshalb mit den antiken Münzen auch die ersten Wertpotenzen in Athen und Rom „historisch sozusagen eine Siesta einlegten.“[311] Über Bruchstücke hinaus liefert Aabromeit erst das 9. Jahrhundert die Initialzündung zur Verstetigung der „gesellschaftlichen und technologischen Grundlagen für die Entstehung der Wert-Abspaltungs-Formation“, die bis ins 12. und 13. Jahrhundert angehalten hätten. In dem weit gespannten teleologischen Rahmen verschachtelt erzählt Aabromeit eine zweite Fortschrittsgeschichte. Sofern er diese Wandlung noch am ehesten im Hoch- und Spätmittelalter vorzufinden glaubt, geht er von einem teleologischen Übergang vom religiös-personal konstituierten Mittelalter zur realabstrakten Moderne aus. Wobei seine eigenen historischen Anhaltspunkte den Weg weisen: Ob nun die „Lohnarbeit im 12. und 13. Jahrhundert“ oder die „empirische Tatsache“, dass sich im Mittelalter „die Arbeitsteilung weiter aus(differenzierte) und (…) die Basis für intensiveren Handel“[312] schuf, für Aabromeit hat eine langsame Extensivierung des Geldverkehrs und eine Erhöhung der Geldmenge ab dem Hochmittelalter den Übergang in die „kategorial-empirische Geschichte“ ausgelöst.
Diese These ist nun allerdings alles andere als „waghalsig“. Dass sich aus einer „Expansion“ der mittelalterlichen Städte erste Vorreitertechnologien moderner Ökonomie und aus der vormodernen Universität die Vorreiter neuzeitlicher Wissenschaft entwickelt hätten, dieses Verständnis teilt Aabromeit mit der akademischen Forschung zu Spätmittelalter und früher Neuzeit. Exemplarisch für diese Schiene der akademischen Forschung sei Heinz Schillings Buch „Die neue Zeit. Vom Christenheitseuropa zum Europa der Staaten 1250-1750“ erwähnt, dessen historische Eckdaten nicht ohne Grund an die Aabromeits erinnern (9. und dann vor allem 12. und 13. Jahrhundert). Er ist eben leidenschaftlicher Anhänger des Eklektizismus und daher ein solch autonomer Selbstdenker, dass er alles ganz eigenständig nachzudenken befähigt ist: „Der Selberdenker denkt nie so weit, dass er sich in eine Sache hineingedacht hätte und sie grundsätzlich reflektieren könnte; alles steht unter dem ständigen Vorbehalt, dass ihm ja möglicherweise noch etwas ganz Anderes, Unerhörtes einfallen könnte, das er vielleicht irgendwo aus der Literatur geklaut hat…“[313]
Sowohl die akademische Wissenschaft als auch Aabromeit werden in dieser Periodisierung jedoch Opfer ihres „methodologischen Individualismus“, der einzelne Sachverhalte aus dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext herausreißt, um sie dann quantitativ zu „summieren“. Die These einer gleichsam „von unten“ sich vollziehenden Entwicklung hin zum Kapitalismus durch mittelalterliche „Geld“vermehrung und Zunahme des Handels, die sich gemächlich im Laufe der Jahrhunderte verfestigt hätte, ist grundfalsch (und harmoniert nebenbei bemerkt prächtig mit der teleologischen Vorstellung einer „Krise des Spätmittelalters“).
Die Wert-Abspaltungs-Gesellschaft hat sich nämlich keineswegs gemütlich und ohne größere Friktionen gleichsam harmonisch schwingend ausentwickelt. Wie Robert Kurz dargelegt hat, brachen Staatlichkeit und frühneuzeitliche Weltzirkulation im 15. Jahrhundert im Gegenteil „katastrophisch“ über die Menschen herein. Und diese Katastrophe brach gewissermaßen „von oben“ über die Menschheit hinein: Als Rohformen des bereits verselbständigten Selbstzwecks von „Protopolitik“ und „Weltzirkulation“, bedingt von der universellen Proto-Abspaltung der Hexenverfolgung. Gegenüber der Ideologie eines „gemächlichen“[314] Übergangs vom Mittelalter zur Moderne hob Robert Kurz zurecht die „militärische Revolution“ als zentrale Initialzündung der anbrechenden Wert-Abspaltungs-Vergesellschaftung hervor.
Dieser essentielle Status der Feuerwaffenproduktion für die Entstehung der Wert-Abspaltungs-Form wird vor allem dann ersichtlich, wenn man/frau ihn vor dem Hintergrund des „historischen Bruchs“ von 1350-1450 einordnet. Denn die durch die Pest verursachte Erosion der religiös-personalen Fetischgesellschaft musste nicht zwangsläufig in der Herausbildung der protoförmigen Wert-Abspaltungs-Form enden; es hätte aus dieser historischen Konstellation auch eine andere Gesellschaftsweise entspringen können. Der Todesstoß für die vormoderne Fetischgesellschaft trat erst mit der „militärische Revolution“ ein: Nur durch die Suprematie über diese neue protoindustrielle Herstellung von Feuerwaffen in Massenformat konnte die in der Konsolidierung begriffene Staatlichkeit in das durch Pest, Kriege und Schisma erzeugte gesellschaftliche Vakuum hineinstoßen.
Für diese Theorie liegt in der entsprechenden Literatur eine Menge an empirischem Gehalt vor, besonders in Geoffreys Parkers Abhandlung zur „Militärischen Revolution“[315]. Wie aus dem in dieser Literatur aufgeführten Material nachgewiesen werden kann, wurde ein Löwenanteil des nunmehr protoförmigen Geldes (Goldgeld) von staatlicher Seite aus in die Finanzierung der „Militärischen Revolution“ investiert, die sich ja nicht alleine auf die Feuerwaffen beschränkte; mit ihrer Erfindung und ersten erfolgreichen Anwendung der Kanonen 1378 wie auch ihrem ersten großen Erfolg spätestens seit den Hussitenkriegen von 1419-36 war der Startschuss für den Aufbau eines staatlichen Militärapparats gelegt, dessen Finanzierung nicht nur die Schusswaffen als solche, sondern auch die Unterhaltung des damit ausgerüsteten stehenden Heeres sowie die Bestückung der Schiffsflotten und schließlich auch den Ausbau der eigenen Befestigungsanlagen stemmen musste. Die „militärische Revolution“ war der Katalysator der im Entstehen begriffenen frühneuzeitlichen Protoindustrie.
Die zentrale Bedeutung der Feuerwaffenproduktion für die Entstehung der protoförmigen Wert-Abspaltung lässt sich außerdem belegen, wenn man/frau den praktischen Umgang und die Funktion der Feuerwaffen im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts verfolgt. Wie der spezifische Umgang und die daraus erwachsende Funktionalität von Technik immer nur innerhalb eines gesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs zustande kommen, dafür steht in gewisser Weise die Feuerwaffe. Denn sie ist eine Erfindung des Mittelalters, wenn auch des späten: Erste Verbreitung fand sie bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, wobei ihre Nutzung vor allem in den Städten vorangetrieben wurde, die sich auf diese Weise gegen äußere Angreifer verteidigen wollten. Um gesamtgesellschaftlich relevant zu werden, bedurfte es der Monopolisierung der Gewalt durch die sich manifestierende Staatlichkeit, deren Kontrolle über die Feuerwaffen nicht nur die mittelalterlichen Kräfte zügig aufreiben sollte, sondern auch Bedingung der Möglichkeit für die Kolonialisierungen des 15. und 16. Jahrhunderts abgab. Erst die realgesellschaftliche Konstellation einer in die Weltzirkulation eingebetteten Politik und die sie durchdringende Protoform der Abspaltung entbanden das Vernichtungspotential der „militärischen Revolution“.
Als entscheidender Beitrag zur Herstellung des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses hatte die Feuerwaffenproduktion ohne Frage auch eine mentale Komponente. Es drückt mehr als eine bloße historische Gleichzeitigkeit aus, dass ihre Entstehung analog zum Hundertjährigen Krieg von 1337-1453 verlief. Ein Krieg, der bezeichnenderweise als lehensrechtlicher Unterordnungskonflikt im Kontext religiös-personaler Fetischkonstitution zwischen dem englischen König Eduard III. und dem französischen König Philipp VI. seinen Anfang nahm und sich im Laufe der Jahrzehnte in den ersten Staatsbildungskrieg transformierte. Seine europaweite Ausstrahlung, die den Kontinent überspannenden Folgekonflikte und schließlich die „Condottierisierung“ der Kriegsführung, all das wurde in deutlichem Widerspruch zum personal-sakralen Bewusstsein und seiner Verbindung von „Ehre“, „Treue“ und „Tugend“ empfunden. Ohne Frage: Die Kriege innerhalb des vormodernen Fetischismus waren sicher nicht von schlechten Eltern; aber das Zeitalter der ritterlichen „honor“ ging in der auch technologisch vermittelten Verwilderung der Kriegsführung unter, die eine neue Potenz zwischen- und innerstaatlicher Gewalt hervorbrachte.
Diese Anmerkungen zur wesentlichen Bedeutung der „militärischen Revolution“ für die Herausbildung der Wert-Abspaltungs-Form sind wiederum nicht misszuverstehen. Ich möchte mit ihnen nicht apostrophieren, dass die Wert-Abspaltungs-Kritik einer näheren Befassung mit dieser Thematik enthoben sei und sich jede weitere Untersuchung erübrige. Allerdings ist die „Militärische Revolution“ als Basistechnologie für die Entstehung des Kapitalismus der gut begründete Stand der wert-abspaltungs-kritischen Geschichtstheorie und aus diesem status quo heraus lässt sich auf jeden Fall die These eines allmählichen Aufstiegs des Kapitalismus als ideologische Schimäre dechiffrieren. Im Kontext der „militärischen Revolution“ war es der Staat, vermittelt über die Weltzirkulation, der vor allem im 15. und 16. Jahrhundert die gewaltsame Metamorphose von vormoderner Opfergegenständlichkeit („gelt“) in das moderne Zirkulationsmittel (protoförmiges Geld als Goldgeld) exekutierte, indem er eine Zirkulation konstituierte, deren Goldgeld er zweck Finanzierung seines Militärapparats abschöpfen konnte. Das meint die Theorie des „katastrophischen Einbruchs“ des „warenproduzierenden Patriarchats“ über die Menschheit im Laufe des 15. Jahrhunderts.
Aabromeit verstellt sich ob seiner teleologischen Anschauung eines sanft gleitenden Übergangs vom Mittelalter in die Neuzeit schon die Bedingung der Möglichkeit für diese kritische Erkenntnis. Wie sonst auch hat seine zweite teleologische Annahme nichts mit dem realen geschichtlichen Verlauf am Hut, in ihr trifft er zielsicher ausschließlich auf sich und die Regungen seines Gefühlshaushalts: Die Vorstellung von Blut, Krieg und Gewalt behagt dem kontemplativen Wertkritiker nämlich so gar nicht, und gegen Revolutionen hat er schon an und für sich eine tiefsitzende Aversion – und sei es auch nur eine militärische. Für ihn „passiert“ alles immer aus sich selbst heraus und das meistens sogar recht friedfertig – statt Feuerwaffen gibt es den „Zufall“ und in historisch besonders poetischen Momenten mit ein bisschen Glück einen „Prinzenkuss“ – weshalb also die Menschheitsgeschichte in ihrem gemütlichen Prozess nicht einfach kontemplativ „hinnehmend“ begleiten, ungefähr wie ein Fußballspiel im Abendfernsehen?
Dabei müssen wir es für einen Moment offen lassen, ob es seit der dritten und krönenden Fortschrittsgeschichte des „kategorialen Begriffs“ ähnlich gediegen mit der historischen Entwicklung zugegangen ist. Denn die drei verschiedenen übergreifenden Fortschrittserzählungen färben unmittelbar auf den jeweiligen Charakter des „gelts“ ab, sodass die teleologischen Wandlungen des ontologisierten Werts historisch parallel mit dem Aufstieg des Geldes verlaufen. Dieser Aufstieg des vormodernen „gelts“ wird im Folgenden unsere Aufmerksamkeit verdienen. In Anbetracht der von Aabromeit unterstellten Gleichursprünglichkeit in den Entwicklungslinien von „empirischer Geschichte“ einerseits und „rein stofflichem Begriff des Geldes“ andererseits könnte einstweilen nachgehakt werden, wo plötzlich die hinsichtlich dieser Epoche ehemals ausdrücklich zurückgewiesene „Synchronizität“ herkommt, die zwischen einer als gänzlich formlos bezeichneten Gesellschaft und ihrem Geld bestehen soll, das eigentlich ein „gelt“ ist; aber vielleicht ist es doch sinnvoller, sich weiterhin den Zyklen der Aabromeitschen Geld-Teleologie zu widmen.
So lesen wir über den ersten monumentalen Schritt des historischen Geldes: „Man kann vom Geld im weitesten Sinne (also inklusive aller seiner Vorläufer) ab etwa 700 v. u. Z. sprechen, als die von den Lydern weltweit erstmals angefertigten (Edel-)Metallmünzen bei den antiken Griechen (…) eine nennenswerte Verbreitung und wenigstens einen halbwegs häufigen Gebrauch fanden. Alle Gegenstände vor dieser, die von vielen Autor/inn/en ebenfalls als „Geld“ bezeichnet werden, haben eine völlig andere Bedeutung und dienten ausschließlich der sozialen Kommunikation und Interaktion“.[316]
Die Herkunft des Geldes entstammte dieser Ansicht zufolge dem personal bedingten Opferstatus und der ihn umfassenden „soziale ( ) Kommunikation und Interaktion“, wobei dieser „Naturzustand“ des Geldes seit „700 v. u. Z.“ überwunden wurde. Zuvor war es nur uneigentliches „Geld“, von nun an betätigt es sich schon als einigermaßen knackiges Geld. Das Geld ist von da an als „rein stofflicher Begriff“ auf die historische Bühne getreten und als haptischer Gegenstand in „rein konkret(er)“[317] Stofflichkeit vorhanden. Dieser „empirische Begriff des Geldes“ erweist sich seit „700 v. u. Z.“ als stets identisch mit sich und der Welt.
Bald danach durchlief das Geld jedoch eine weitere „Summierung“, in der es ihm gelang, sich zwei neue Eigenschaften anzueignen. Wie so oft in bürgerlichen Romanen darf das antike Griechenland als Fortschrittsbeschleuniger der Weltgeschichte nicht fehlen: „Aber auch seit der Zeit des antiken Griechenlands bis etwa ins 17. Jahrhundert unserer Zeit hat das Geld noch Vorläufereigenschaften (!) im Verhältnis zu unserem heutigen. Seit der Blütezeit der Athener/innen und später der Römer/innen dienten Münzen auch zur Bezahlung (!) irgendeiner Schuld (!) oder als Tauschmittel (!) zum Erwerb von präkapitalistischen Waren (!) und manchmal bereits als Zahlung (!) von Dienstleistungen (!) und für Steuern und Tribute“.[318] Das Geld nimmt für Aabromeit zu dieser Zeit seine ersten beiden Funktionen an: Es fungiert nunmehr als „Tauschmittel“ und „Zahlungsmittel“.
Zwar hagelt es schon jetzt jede Menge Ausrufungszeichen, noch aber war der „rein stoffliche Begriff“ vom vormodernen Geld nicht vollkommen. Es ermangelte ihm noch einer Bestimmung, um zum Sprung in den „kategorialen Begriff“ ansetzen zu können. Und so kam das Hochmittelalter mit dem vielen „Geld“ und „Handel“ ziemlich gelegen, um sich eine neue Eigenschaft zuzueignen. Betrachtet man/frau unterdessen dies „summarische“ Gehabe des „Geldes“, ist der schon seit längerem schwelende Eindruck nicht mehr von der Hand zu weisen, dass es in seinem konkretistischen Eklektizismus seltsamerweise eklatant an Aabromeit erinnert; zwischen ihm und dem Fetischmedium muss eine innigliche Verbindung herrschen.
Nehmen wir den Faden wieder an unserem Ausgangspunkt auf, dem „rein stofflichen Begriff“ vom Geld als „Konkretum“ und seinen gemächlichen geschichtlichen Metamorphosen. Nach dem antiken Durchlauferhitzer fehlte ihm noch eine letzte Eigenschaft, um den „kategorialen Umschlag“ in den „kategorialen Begriff“ wagen zu können. Mit Karl dem Großen und dem Mittelalter war die Zeit für diese letzte Wandlung der „empirischen Geschichte“ reif: „Im europäischen Mittelalter begann das Geld dann zusätzlich (!) die Eigenschaft eines Wertaufbewahrungsmittels (!) und einer Recheneinheit für Handelsgeschäfte anzunehmen.“[319] Nach „Tauschmittel“ und „Zahlungsmittel“ hat das „Geld“ in seinem Gang durch die Menschheitsgeschichte nun auch seine Funktion als „Wertrepräsentanz“ am Straßenrand aufklauben können; und just in diesem Moment ist es wie durch „Zufall“ bestens ausgestattet, um sich in den mystischen Umschlag hin zum „kategorialen Begriff “ zu fügen.
Was will uns dieser literarische Ritt des Geldes durch die „empirische Geschichte“ der Vormoderne sagen? Dasselbe, was uns Aabromeits Märchenstunde den ganzen Text über insinuiert: Dass das mit dem Kapitalismus alles halb so wild abgelaufen sei, weil er ohnehin schon immer in Keimform-Format vor sich hin geblubbert sei. Die drei Geldfunktionen von „Zirkulationsmittel“, „Zahlungsmittel“ und „Wertrepräsentanz“ bilden für ihn keinen inneren Zusammenhang des modernen Fetischmediums Geld, hervorgegangen aus dem staatlich induzierten Goldgeldhunger zur Finanzierung der „militärischen Revolution“, nein, von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit hat sich das „Geld“ fröhlich schunkelnd und poetisch erquickt seine „Vorläufereigenschaften“ recht widerstandslos einverleibt und so kommt es wie es kommen musste: Die Ontologisierung des „rein stofflichen Begriffs vom Geld“ geht mit der Enthistorisierung der modernen Geldfunktionen Hand in Hand.
Dieses erbauliche Märchen von der gemütlichen Teleologie des Geldes stellt in Wirklichkeit den nächsten massiven Revisionismus an der Wert-Abspaltungs-Kritik und „Geld ohne Wert“ dar. Weil dem Wertkritiker aber neben seiner aggressiven auch eine kontemplative Seite in sich trägt, kommt wieder mal nichts zusammen, sodass der Angriff umstandslos in Wattebausch verpackt wird. Aabromeit ist ein hektisch Getriebener seines eigenen Revisionismus und des unendlichen Wunsches, über „Geld ohne Wert“ von Robert Kurz „hinauszugehen“, dem er aber nur verdruckst und relativierend einen Ausdruck zu verleihen vermag.
Die seine Frontalangriffe auf die Wert-Abspaltungs-Kritik begleitenden Zwickmühlen perennierender Selbstdementierung zwecks Wahrung des Scheins erweisen sich nun als geeignetes Terrain, den nächsten schreienden Widerspruch aus dem Boden zu treiben. Über „präkapitalistische Waren“ schwadronierend, ist es Aabromeit insgeheim bewusst, dass eine solche Formulierung aus wert-abspaltungs-kritischer Sicht ganz unzweideutig eine Arbeitsontologie impliziert, weswegen er das revisionistische Auszucken sogleich wieder einzufangen sich Mühe gibt. Das Resultat ist eine Verschlimmbesserung, die eben mal so in eine Fußnote eingepflanzt wird: „Hier ist gemeint: Waren ohne Tauschwert (!).“[320] Weder das eine noch das andere ward in der langen Geschichte der Menschheit jemals „aufgefunden“.
Die Warenform ist eine integrale Formbestimmung innerhalb der Kapitalform und ihrer Verwertung respektive Entwertung. „Waren ohne Tauschwert“ entspricht dem Sinngehalt von Aussagen wie „Baum ohne Stamm“ oder „Haus ohne Tür“. Genauso ist der Tauschwert ein immanentes Moment der kapitalistischen „Daseinsformen“, genaugenommen der Warenform, der auch nur „synchron“ mit dem Gebrauchswert auftreten kann. Es kann keine „Ware ohne Tauschwert“ geben, genausowenig wie eine „Ware ohne Gebrauchswert“; all diese Bestimmungen verweisen wechselseitig aufeinander, weil sie als gesellschaftliche „Daseinsformen“ im Prozess der Wert-Abspaltungs-Form miteinander verschränkt sind und nur innerhalb dieses historischen Bedingungszusammenhang überhaupt erst gesellschaftliche Realität werden konnten. Für Aabromeit ist das Geld mit seiner immanenten Kategorisierung („Tauschwert“) und seinen Geldfunktionen von „Zirkulationsmittel“, „Zahlungsmittel“ und „Wertrepräsentanz“ indessen die „summarischste“ aller „Tatsachen“, ein heißgeliebter Ausbund an stofflichster Konkretion.
Selbstverständlich muss dieser Ontologisierung des „Geldes“ und seiner drei Funktionen eine entschiedene Absage erteilt werden. Dass das „gelt“ vor der Mitte des 15. Jahrhunderts als gesellschaftlich vermittelter Gegenstand mit seinem modernen Geldfunktionen nichts zu tun schaffen hat, ist keine Frage von „Eklektizismus“, „Neologismen“ oder „Hinnahme“, sondern kann anhand den überlieferten Quellen durchaus festgemacht werden. Obwohl die reflektierte und den „historischen Bruch“ in Rechnung stellende akademische Forschung zum vormodernen „gelt“ rar gesät ist, gibt es durchaus wenige Ausnahmen im wissenschaftlichen Milieu, die den ontologischen Rahmen bürgerlicher Theorie und Geschichtswissenschaft zumindest aufzubrechen erlauben und sich in einer kritisch-theoretischen Vermittlung für die fetischkritische Geschichtstheorie fruchtbar machen lassen.
Einen solchen Lichtblick findet man/frau in dem Text „Geld und honor“ von Knut Görich. Wie der Titel seines Artikels bereits andeutet, versucht der Autor, die gesellschaftliche Rolle der sakralen Opfergegenständlichkeit vor dem Hintergrund der Verhaltenskodizes vormoderner Fetischgesellschaften zu erschließen. Zu diesem Zwecke untersucht er die „Geldpolitik“ des Kaisers Friedrich Barbarossa, die vor allem während seiner Italienzüge und den dabei anfallenden „Geldzahlungen“ der von ihm belagerten Städte hervorgestochen sei. Wir befinden uns also inmitten des 12. Jahrhunderts, jener geschichtlichen Zeitspanne, in der sowohl das Gros der akademischen Forschung als auch Aabromeit die Anfänge einer „kommerziellen Revolution“ zu entdecken meinen.
Görichs Theorie des vormodernen „gelts“ zeichnet sich dadurch aus, dass er diese geschichtswissenschaftliche Position einer historischen Belastungsprobe unterzieht. Kritisch deren common sense zitierend, fasst er dessen Grundanschauungen über die mittelalterliche „Wirtschaft“ zusammen: „Später hat man sie (Barbarossas Einkünfte in Italien, DS) mehr im Zusammenhang mit der ‚kommerziellen Revolution’ des 11. und 12. Jahrhunderts gesehen, hat Züge ihrer relativen Modernität in der Rolle des Geldes und in Ansätzen zu einer rationalen Finanzverwaltung erkannt.“[321] Görich verwahrt sich gegenüber einer solch undifferenzierten Übersprunghandlung. Sich gegen den Mainstream der Geschichtswissenschaft stemmend, hinterfragt er die „Bestechlichkeitshypothese“, der gemäß sich die vom Kaiser belagerten Städte von einem Angriff „freizukaufen“ versuchten: „Und doch ist fraglich, ob damit die Funktion der Geldzahlung im Zusammenhang der Konfliktbeilegung zutreffend erfaßt ist. Denn dem erkenntnisleitenden Interesse an der Höhe von Friedrichs Einkünften in Italien folgend wurde die Tatsache der Geldzahlung einfach aus ihrem Kontext gelöst. Möglicherweise erzeugt aber nur dieser Umgang mit den Quellen den Eindruck, die Huld des Kaisers sei käuflich gewesen. Denn die Geldzahlungen an Barbarossa waren ja stets in einen größeren Handlungszusammenhang eingebettet.“[322]
Dieser luziden Erörterung kann nur beigepflichtet werden. In ihr sind wichtige geschichtstheoretische Einsichten enthalten: Tatsächlich erweist sich die wissenschaftliche Ontologie als „methodologischer Individualismus“, der die „empirischen Tatsachen“ einfach aus „ihrem Kontext gelöst“ hat. Nicht weniger trifft der Hinweis zu, dass das „gelt“ in einen anderen gesellschaftlichen Bedingungszusammenhang eingelagert war, weshalb darauf zu insistieren sei, dass die „Geldzahlungen“ in vormodernen Fetischkonstitutionen „stets in einen größeren Handlungszusammenhang eingebettet“ waren.
Obwohl Görich nicht näher auf diesen „größeren Handlungszusammenhang“ eingeht, würde dadurch der Umfang seines Textes gesprengt werden, führt er dennoch einige Indizien dafür an, wie dieser gesellschaftliche Vermittlungszusammenhang sich im 12. Jahrhundert darstellte. Gesellschaftlich primär im Sinne von „gültig“ war, so Görich, der „honor“, das heißt der Ehrbegriff als verpflichtende „Verhaltensnorm“[323]. Den elementaren gesellschaftlichen Gehalt des „honor“ skizzierend, fährt er fort: „In seiner Grundbedeutung meint honor zunächst einmal ‚Ehre und Ansehen’, und der honor des Herrschers bestand aus Amt und Würde ebenso wie aus der Achtung, die er genoß; der honor wurde zur Anschauung gebracht in der Ehre, die dem König immer wieder erneut erwiesen werden musste.“[324]
Der dialektischen Geschichtstheorie fügt sich dieser Stellenwert von „honor“ innerhalb vormoderner Fetischkonstitutionen in ihre bisher gewonnenen Resultate ein. Denn die unmittelbar personal zu leistende Ehrerbietung („honor“) ist nur in einem personal konstituierten Fetischzusammenhang sinnvoll. Hier war noch keine sachlich-materielle Verselbständigung vorhanden, sondern eben eine personale über die religiöse Repräsentanz, entsprechend derer sich die personalen Abhängigkeitsverhältnisse in ihrer Hierarchie ausstaffierten. „Ehre und Ansehen“ vor allem für Papst und Kaiser ergaben sich aus der religiösen Denkweise dieser Zeit, in deren spezifischer Formbestimmtheit beide „Personen“ als oberste innerweltliche Repräsentanten der Transzendenz figurierten.
Die sakral-personal konfigurierte Gesellschaft des Mittelalters gibt ihren Individuen nun die gesellschaftliche Praxis vor. Sie bildet einen eigenen Formzusammenhang aus, wie Görich herausstellt: „Die Formen (der Ehrerbietung, DS), in denen dies geschah, waren angelegt auf öffentliche Kommunikation – Ehre bestand vor der Öffentlichkeit, in der sie erwiesen oder verletzt werden konnte. Die Übergabe von Geld konnte eines unter vielen möglichen Zeichen sein, mit denen der honor öffentlich anerkannt wurde. Was für andere Zeichen im Rahmen der öffentlichen Kommunikation – wie etwa den Friedenskuß galt –, daß sie nämlich angenommen oder verweigert werden konnten, galt auch für Geld.“[325]
Wir wollen den leichtfertigen Umgang Görichs mit dem Begriff „Öffentlichkeit“ nicht schwerer wiegen als er ist, zumal er selbst zu Bedenken gibt, dass „öffentlich“ nicht immer „öffentlich“ ist – „daß Begriffe wie ‚Rechtsstaat’ und ‚öffentlicher Dienst’ den Verhältnissen im 12. Jahrhundert nicht gerecht werden, liegt auf der Hand“[326]. Auch die in der Hypostasierung des „Symbolischen“ aufscheinende Isolierung der vormodernen Fetischkonstitution von ihrem „Stoffwechselprozess mit der Natur“ soll uns nicht aufhalten. Es sei anstelle dessen der bemerkenswerte Umstand herausgestellt, dass den aus den personal konstituierten und über die religiöse Denkform synthetisierten Fetischgesellschaften der Vormoderne ein spezifisches Vermittlungsverhältnis immanent ist, das durch die Norm wechselseitiger Ehrerbietung und Ehrannahme strukturiert ist.
Das bedeute für die mittelalterliche Fetischkonstitution aber auch, dass der „Stoffwechselprozess mit der Natur“ und die materielle Reproduktion über eben diese konstitutive Vermittlung von reziproken „Gaben“ erfolgte und mit Sicherheit nicht über ein „Tauschmittel“, „Zahlungsmittel“ oder „Wertaufbewahrungsmittel“; auch nicht in ihrer Aufsummierung. Denn die reziproke „Ehrerbietung“ und die darin eingebettete „Gabe“ ging nicht nur von „unten“ nach „oben“, ganz im Gegenteil: Papst und Kaiser hatten einen ganz eigenen Kanonen an Verpflichtungen und „Gaben“ gegenüber ihren „Untertanen“, der ihrer sakral legitimierten personalen Rolle korrespondierte. Diese historisch und gesellschaftlich spezifische Vermittlung durch ein reziprokes „Gabenverhältnis“ hielt die „streng ranggeordnete Gesellschaft des Mittelalters“[327] mental sowie materiell zusammen.
Diese prinzipiell nicht mit der realabstrakten Wert-Abspaltungs-Form zu vergleichende Eigenqualität religiös-personaler Vermittlung konnte den spezifischen praktischen Umgang mit dem „gelt“ nicht unberührt lassen. Der Prozess von „Gabe“ und „Gegengabe“ war ein nur sekundärer Vorgang, dem die primäre Notwendigkeit der wechselseitigen Ehrerbietung vorausging. Erst in dem Augenblick, in dem die reziproke Anerkennung des jeweils angebotenen „honor“ vor den Augen des Gemeinwesens vollzogen wurde, setzte auch der materielle Wechselprozess von „Gabe“ und „Gegengabe“ ein.
Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass dieser gesellschaftliche Vorrang der wechselseitigen Ehrerbietung im Vergleich zur materiellen Reproduktion ein weiteres Indiz für die Bestimmung vormoderner Fetischsozietäten als eher geistig-religiös verselbständigte Formationen abgibt (die aber an die materielle Reproduktion gebunden bleibt). Die Opfergegenständlichkeit „gelt“ transportiert in der ihr sich manifestierenden Ehrerbietung noch die ursprünglich transzendente Opferfunktion, die zugleich in ihrer weltlichen Dimension das personale Beziehungsgeflecht verschiedener Abhängigkeitsverhältnisse zu tragen hatte. Die wechselseitige Ehrerbietung ist das vom Bereich der Transzendenz in die weltliche Fetischgesellschaft verlängerte und gewissermaßen sublimierte göttliche Opfer.
Görich gelangt deshalb zu einem differenzierten Ergebnis bezüglich der sogenannten „Geldzahlungen“ an Barbarossa. Im Kodex der Ehrerbietung liegt der bedingende gesellschaftliche Gehalt, in der „gelt“-Gabe hingegen nur ihr sekundärer Ausdruck.
Er wertet sodann auch diese beiden Dimensionen in ihrem Verhältnis zueinander: „Ein Zwischenergebnis sei festgehalten: die Annahme oder Ablehnung eines Geschenks war eine Aussage über den Stand der gegenseitigen Beziehungen. Angebot, Annahme und Ablehnung gehören zu den Verhaltensweisen, mittels derer die Beteiligten Stand und Charakter ihrer Beziehungen regelrecht ‚veröffentlichten’. Solange kein Konsens über die Stellung in der Herrschaftsordnung bestand, entfiel auch die Voraussetzung dafür, daß der Herrscher Geld oder Geschenke annehmen konnte. Mit der Annahme der goldenen Schale voller Münzen hätte sich Barbarossa auf freundliches Verhalten festgelegt, das sozusagen die von Mailand erwartete Gegengabe war; seine Ablehnung war ein nicht minder deutliches Zeichen von Mißtrauen und Konfliktbereitschaft, ein Zeichen für den Verlust der Huld.“[328]
Übrigens reduzierte sich die „Gaben-Gegenständlichkeit“ keineswegs aufs „gelt“. Obzwar es wegen seiner unmittelbar sakralen Opfer-Herkunft als „Gabe“ geeignet war, umfasste dieser reziproke Prozess des „Gaben“-Verhältnisses auch andere Gegenstände. Barbarossa erhielt vom englischen König beispielsweise die ehrausdrückende Gabe eines „prachtvolle(n) Zelt(es), das nur mit Hilfe von Maschinen aufgerichtet werden konnte“; unter den von einer genuesischen Gesandtschaft überbrachten „Gaben“ wiederum befanden sich „Löwen, Strauße, Papageien und exotische (…) Beutestücke“[329]. Was hier gegeben und genommen wird, sind ergo keine „Waren ohne Tauschwert“, sondern spezifische Gegenstände der durch wechselseitige Ehrerbietung konstituierten Vermittlung im Geflecht von „Gabe und Gegengabe“, das sich auf der höchsten „administrativen“ Ebene des Kaisers durch Kuriosität, besondere Qualität oder exklusive Verfügbarkeit und ganz sicher nicht durch irgendwelche „Geldfunktionen“ auszeichnete.
Wenngleich in Görichs Artikel „Geld und honor“ eine gewisse Persistenz moderner Kategorien nicht völlig außen vor bleibt, sei er zum Abschluss dieses Umrisses vom vormodernen „gelt“ noch einmal angeführt. Was er an seiner Zunft kritisiert, trifft vollumfänglich auch auf Aabromeit und seine beständige Retrojektion von modernen „Begriffen“ und „Tatsachen“ auf die Vormoderne zu: „Vielleicht sind diese Beispiele mit der Eindeutigkeit des modernen Bestechungsvorwurfs auch deshalb nur schwer erfaßbar, weil sie einer Zeit entstammten, in der Gaben und Geschenke die Anerkennung von Herrschaft und Unterordnung ganz selbstverständlich verdeutlichten (…). Fraglich ist deshalb, ob mit dem Kriterium der ‚Bestechlichkeit’, genauer gesagt: Der versuchten Bestechung das Verhalten“ in vormodernen Fetischgesellschaften „überhaupt hinreichend erklärt werden kann.“[330]
Der krisentheoretische Paukenschlag
Und fast schon haben wir das Finale der bürgerlichen Märchenstunde über die Geschichte des Geldes erreicht. Zu ihrer Vervollständigung fehlt uns zu guter Letzt die abschließende Teleologie seit Anbeginn des „kategorialen Begriffs“ in der Moderne. Schließlich war die „fortschrittsmetaphysische“ Denkschablone ja ursprünglich für dieses Zeitalter eingeplant. Nach der ersten fortschrittsinduzierten Metamorphose im antiken Griechenland und dem Aufschwung des Hochmittelalters ab dem 9. Jahrhundert erzählt uns Aabromeit eine abschließende Teleologie, diesmal diejenige der „kategorial-empirischen Geschichte“ in der Moderne. Denn: Auch „(d)as Geld hat sich sehr fein für den Kapitalismus herausgeputzt.“[331]
In gewisser Weise war Aabromeits bisheriges Herumtreiben in der empirischen Geschichte nur das Vorspiel für diesen abschließenden Akt seines literarischen Dramas. Die „empirische Geschichte“ hinter sich gebracht, ist der „sauber begründbare, dialektisch-kategoriale Zugang“ zur modernen „kategorial-empirischen Geschichte“ eröffnet. Und zumindest diesbezüglich scheinen wir uns zusammen mit Aabromeit in vertrautem Gelände wiederzufinden. Nicht nur, dass die „kategorial-empirische Geschichte“ qua begrifflicher Ableitung es gestattet, den Kapitalismus voll „mental zu erfassen“, auch die „Kategorien“ haben seitdem als „Wert“, „Abspaltung“ und „Realabstraktum“ einen wohlwollend bekannten Klang angenommen: „Der Wert, der zusammen mit dem Abgespaltenen als das in sich widersprüchliche gesellschaftliche Realabstraktum etwa mit dem Ende des 17. Jahrhunderts (…) etabliert hat, ist einer der beiden zentralen Begriffe der Kategorie des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses…“[332]
Dabei gibt es weitere Anzeichen dafür, dass Aabromeit in dieser Entwicklung „nach oben“ des Wert-Abspaltung-Fetischismus neben der bloß „empirischen Geschichte“ auch seine eigene Konfusion hinter sich gelassen hat. Die Erläuterung des Werts klingt überraschend vertraut, sodass er offenbar die gesamtgesellschaftliche Vogelperspektive wiedergewonnen hat, wenn er schreibt, dass „(d)er Wert entsteht, (…) permanent konstituiert und rekonstituiert“ werde, im Rahmen des „automatischen Subjekts“ (Marx) und seiner „selbstreferenziellen Wertverwertung, also bei der unmittelbaren Produktion von Waren zum Zweck der Mehrwerterzeugung und der Mehrwertrealisierung am Markt.“[333] Immerhin die Deduktionen gelingen noch, und so wird auch die „Substanz des Werts“ (Marx) schließlich „sauber“ bestimmt: „Seine Substanz ist die abstrakt menschliche Arbeit, die im Kapitalismus stets synchron mit der konkret menschlichen Arbeit von den unter das Kapitalverhältnis, formell und/oder reell, subsumierten Arbeitskräfte in den Einzelkapitalien verausgabt wird.“[334]
Um nachvollziehen zu können, welcher Modus dieser modernen Teleologie der Verwertung zugrunde liegt, bietet es sich an, das Aabromeitschen Verständnis der Verwertungsdynamik etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Schließlich liegt es auf der Hand, dass sie den Prozess „kategorial-empirischer Geschichte“ vorantreibt. Die Eigenart der Verwertungsdynamik ausführend, schreibt er: „Nun tendiert aber die selbstreferenzielle Verwertung des Werts zunächst gegen Unendlich (!), da jede effektive Limitierung dem absurden, aber realen Prinzip der Selbstverwertung um der Selbstverwertung willen widerspräche (!).“[335] Soso: Die „Verwertung des Werts“ läuft ins Unendliche. Die „Begründung“: Weil jede „effektive Limitierung“ der „Selbstverwertung widerspräche“. Aber nein, eine „unlimitierte Unendlichkeit“, das passt nicht so recht mit seinem Anspruch einer Krisentheorie zusammen; die scheinbar „unendliche“ Verwertung hat doch ihre Tücken. Aabromeit konzediert den Umstand, dass „Unendlich (…) (i)n den Gesellschaftswissenschaften (…) am besten gar nicht erst als Tatbestand oder Behauptung auftauchen“[336] sollte. Die „Verwertung“ sei doch keine „unendliche“, aber als „Veranschaulichung“ kann sie hingegen nicht schaden: „Die widersprüchliche Bestimmung der Wertverwertung limitiert ohnehin dessen lineare Ausdehnung ins Unendliche. Als Tendenz formuliert, kann es aber zur Veranschaulichung beitragen.“[337]
Indem der „kategoriale Begriff“ des „Unendlichen“ in seiner „Limitierung“ zur Charakterisierung der „Wertverwertung“ Einzug erhalten hat, sind wir, was Aabromeits theoretisches Verständnis der Wertverwertung angeht, aber immer noch nicht wirklich schlauer geworden. Dass „(d)er Wert entsteht, permanent konstituiert und rekonstituiert“ wird und als „Substanz“ die „abstrakte Arbeit“ verwertet, all diese Begriffsungetüme muten zwar irgendwie wert-abspaltungskritisch an, auf der anderen Seite klingen sie aber doch ziemlich abgehoben. Zum Glück kommt der „kategorialen Geschichte“ der Wertverwertung zusätzlich noch die „empirische-stoffliche“ Ebene zu, sodass die eingangs abstrakt gehaltene Einlassung sich umgehend der Konkretisierung befleißigt: „Daher ist der Wert ein Abstraktum, ein Realabstraktum, das einen bestimmten Grad der Arbeitsteilung (!), das Vorhandensein eines bestimmten Volumens von Handelsaktivitäten (!) und damit Geld, einer bestimmten Anzahl von lohnabhängigen arbeitenden Menschen, das Vorhandensein und den Gebrauch eines gewissen technologischen Niveaus der Arbeitsmittel (…) sowie noch einige andere Voraussetzungen kultureller (!), ja sogar klimatischer (!!) Art erheischt.“[338]
Die „theoretische“ Höhenluft ist Aabromeit wohl zu Kopfe gestiegen und so stürzen wir jäh und unverhofft ab, mit ihm und seiner Perspektive einer ansatzweisen Wertkritik. Er wusste offenbar selbst nicht so genau, was er mit all diesen abstrakten „Kategorien“ anfangen sollte und kommt deshalb zu ganz eigenen Ergebnissen: Dass die Realabstraktion sich „eklektizistisch“ aus einem „bestimmten Grad der Arbeitsteilung“, „einem bestimmten Volumens von Handelsaktivitäten“ und „Voraussetzungen klimatischer Art“ zusammenfügt, war der Wert-Abspaltungs-Kritik bis dato jedenfalls noch nicht bewusst: „Das war in der Tat neu!“
Was sich in diesen „banalen und initialen“ Assoziationen „herausgeputzt“ hat, um den klammheimlichen Appell an den wertkritischen Alltagsverstand zu lancieren, ist eine klassische Zirkulationsideologie. Wieder einmal hat Aabromeit den status quo der wert-abspaltungs-kritischen Theoriebildung ignoriert: Für sie wurde die Affirmation bürgerlicher Zirkulationssubjektivität als eine Variante der Aufklärungsvernunft in einem ersten Durchgang bereits entfaltet. In den kant- und hegelkritischen Artikeln habe ich versucht, die wechselseitige Verwiesenheit von „Transzendentalsubjektivität“ (Kant)/„Weltgeist“ (Hegel) und Zirkulationssubjektivität sowohl in ihrer erkenntnistheoretischen, praktisch-handlungstheoretischen wie auch geschichtsphilosophischen Dimension darzulegen. Die Affirmation des „freien und gleichen“ Geld- und Warensubjekts gründete demgemäß auf der inneren Verbundenheit zwischen „Transzendentalität und Zirkulationssubjektivität“[339], „Weltgeist und Zirkulationssubjektivität“.
Die Konsequenz dieses zirkulationsideologischen Standpunkts manifestierte sich in der deutschen Aufklärung auf erkenntnistheoretischer Ebene als idealistische Identitätslogik („Deutscher Idealismus“). Der Wert reduziert sich auf eine Gedankenabstraktion an der Sphäre des Marktes, eine Hypostasierung des Geistigen, die weder Kant noch Hegel in einer Phase ihres Schaffens jemals überwunden haben. Auch Aabromeits idealistische Matrix verweist insofern auf diese blinde Adaption bürgerlicher Zirkulationsideologie. Die Zirkulations- respektive Marktideologie strahlt als Zentrum innerhalb des „Deutschen Idealismus“ sogleich auf alle anderen theoretische Gegenstandsbereiche aus. Sowie der Idealismus die erkenntnistheoretische Form der Zirkulationsideologie abgibt, ist die Teleologie einer Entstehung des Kapitalismus aus der allmählichen Herausbildung eines „freien Marktes“ sein geschichtsphilosophischer Inhalt. Nicht ohne Grund geht der metaphysische Umschlag bei Aabromeit hin zur „kategorial-begrifflichen Moderne“ aus dem Markt hervor: „Das, was damals (im Hochmittelalter, DS) schon begonnen wurde (…), eine immer mehr Geld heischende Art der Produktion von Gütern, entwickelte sich ganz ohne konkretes Ziel, also ohne jede Teleologie, in Richtung Kapitalismus.“[340]
Wenn der Kapitalismus in seiner Verwertung auch kein „konkretes“, sondern allein ein „abstraktes Ziel“ hat, so konnte bislang immer noch nicht herausgefunden werden, wodurch genau sich dieser finale Zweck auszeichnet. Einen etwas besseren Zugriff auf die „kategoriale“ Essenz der Aabromeitschen Werttheorie bietet sich dar, wenn man/frau seiner Periodisierung der modernen Geldentwicklung folgt, da aus ihrem Verlauf das Movens der Verwertung ersichtlich wird. So gliedert er den übergeordneten „tatsächlichen“ Fortschritt der Moderne in drei Entwicklungsstufen, wobei die erste Phase eben mit jenem Übergang von Hochmittelalter zu früher Neuzeit beginnt. Sie fungiert sozusagen als Bindeglied zwischen „empirischer“ und „kategorial-empirischer Geschichte“. Aabromeit führt aus: „Meine Überlegungen werden dabei mindestens drei Phasen der Entwicklung der Wert-Abspaltungs-Verhältnisses, vulgo: des Kapitalismus, zu berücksichtigen haben. Die erste Phase beinhaltet die Start- sowie die Durchsetzungsgeschichte des Kapitalismus, in der sowohl die Wirtschaftstheorie als auch die Wirtschaftspolitik noch ein randständiges, sehr stark von der Scholastik geprägtes, marginales Dasein fristen mussten…“[341]
In der zweiten Phase der Wertvergesellschaftung werden die Verhältnisse dann doch schon mal ungemütlicher. Hier kommen „Durchsetzungskämpfe“[342] ins Spiel, die sich nach fünfhundert Jahren eher gemütlicher Entwicklung aus nicht näher erwähnten Umständen entladen hätten. Über diese zweite Phase heißt es: „Die zweite Phase ist charakterisiert von Höhepunkt und vom Ende der Durchsetzungskämpfe des Kapitalismus bis hin zu seiner großen Blüte, also einer Zeit, während der sowohl die Wirtschaftstheorie als auch die Geld-, Finanz- und Wirtschaftspolitik sich nicht nur rasant entwickelten, sondern auch ihren Höhepunkt (…) erreichten.“[343] Aabromeit hat mit dieser zweiten Phase wohl die Zeit vom 16. oder 17. Jahrhundert über das 19. Jahrhundert im Kopf. Wie aus seiner Datierung der dritten Phase ersichtlich wird, währte die zweite Periode bis zur letzten Phase ab der fundamentalen Krise seit spätestens den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts: „Die dritte und letzte Phase erleben wir gerade allesamt höchstpersönlich, also die Phase der ultimativen Krise des Kapitalismus…“[344]
Worin nun die Triebfeder dieser drei teleologischen Entwicklungsstufen besteht, wird besonders dann manifest, wenn man/frau ihrer Korrelation mit den Geldzyklen nachgeht. Denn indem Aabromeit das Zirkulationssubjekt als erkenntnistheoretischen und geschichtsphilosophischen Bezugspunkt avisiert, wird das Geld in zweifacher Weise als vorgängig setzt. Nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch hinsichtlich der historischen Dynamik wird der Wert damit dem Geld subsumiert: Aabromeit lässt die Wertverwertung logisch wie historisch aus der Geldform entspringen. Daraus erklärt sich auch, warum bei ihm „kategorial-empirische Geschichte“ des Werts und Metamorphosen der Geldform zugunsten der letzteren zusammenfallen.
Der innere Prozess der Verwertung und seine drei Epochen sind Aabromeits Sichtweise gemäß deshalb von den Formwandlungen des Geldes abhängig. Und da sich in der Moderne immerhin die „saubere Ableitung“ eingefunden hat, werden die entsprechenden Datierungen schon deutlich präziser. Die erste Phase der kapitalistischen Geldform wird auf 1688/89 datiert: „Jetzt, also historiographisch etwa im Zeitraum um die englische glorious revolution (1688/89) herum, haben wir ein Konvolut von Voraussetzungen und Tatsachen festzustellen, die allesamt dem tatsächlichen Geld, also dem Geld im Kapitalismus, einen fruchtbaren Boden bereitet haben…“[345] Das Geld beginnt Manieren anzunehmen und verwandelt sich in ein ganz lieblich Ding: „Alle oben genannten Prämissen haben das Geld und seine Vorgänger soweit gedeihen lassen, dass es sich als Fundsache für den anbrechenden Kapitalismus nunmehr fein rausgeputzt hat; schließlich kann das Geld auf der anderen Seite auch nur dann ordentlich (!) und langfristig weiterbestehen (!), wenn es eine reale gesellschaftliche Basis bekommt…“[346]
Wir folgern aus diesen Sätzen: Der erste Schritt des modernen Geldes besteht in seiner Warenwerdung, in der Annahme der Warenform. Aabromeit setzt fort, dass das Geld in dieser Phase nicht nur eine Warenform unter anderen gewesen sei, sie habe überdies den Gehalt der „Königsware“ angenommen: „Bevor irgendetwas anderes zu einer echten Ware im Sinne der kapitalistischen Warenproduktion (zum Zweck der Realisation von Mehrwert in Form des Profits) werden konnte, hatte sich das Geld als, separiert von allen anderen Gütern, also potentiellen Waren, abgehoben und als Königsware erklärt (…)“[347] Mit dieser majestätischen Aura ausgestattet, sorgte das Geld als Movens der Entwicklung dafür, dass sich die Warenform vervielfältigten konnte: „In dieser Rolle hatte es sich zur Aufgabe gemacht, allen anderen Güter qua seines ‚Charismas’ Schritt für Schritt, aber ohne Ausnahmen zuzulassen, zu Waren zu machen (…) Die jetzt bereits formal freien Arbeitskräfte waren in den Stand gesetzt, neben dem Gebrauchswert nun auch (Mehr-)Wert zu produzieren.“[348]
Mit der Warenwerdung des Geldes setzte also auch die historische Dynamik der Verwertung ein. Wenn demnach die Entwicklung des Geldes im Vergleich zum „rein stofflichen Begriff vom Geld“ der vormodernen Fetischgesellschaften schon etwas an Fahrt aufgenommen hat, agiert es dieser Beschleunigung zum Trotz noch ganz im Rahmen des Verträglichen; keinerlei Grund für Panik auf der Titanic: „(U)nd siehe da: Die Zirkulation des Geldes konnte mit einer gesellschaftlichen Basis, dem Wert, munter (!) weiterlaufen; der Preis dafür war theoretisch recht günstig (!): Der Wert musste um seiner selbst willen sich verwerten, sprich: (…) in der empirischen Welt eine Erscheinungsform finden: das Geld…“[349]
Diese erste Phase des „kategorial-empirischen Begriffs vom Geld“ stellt sich jedoch als bemerkenswert kurz heraus. Diesmal durchläuft es schon nach sechs Jahren einen weiteren Wandel. Wir lesen: „Kaum hat sich das Geld als „Königsware“ (Marx) nicht nur durchgesetzt, sondern auch alle möglichen Güter, Gegenstände und Dinge schon zu Waren gemacht (…), schon schickte es sich wieder an den Rückzug vom Warendasein nach Erledigung seiner Aufgabe ganz langsam anzutreten. Denn als 1694 die Bank of England gegründet wurde“ – die Datierungen werden Zug um Zug „exakter“ – „konnte eine ohnehin bereits unter privaten Kaufleuten geübte Praxis, nämlich diejenige mit Banknoten zu operieren und Geschäfte zu machen, nunmehr sich als staatlich sanktioniert fühlen.“[350]
Die zweite Phase des Geldes währt vom Jahr 1694 bis zur postmodernen Krisenvergesellschaftung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie zeichnet sich nach Aabromeit dadurch aus, dass das Geld, kaum zur „Königsware“ avanciert, schon wieder den „Rückzug vom Warendasein“ angetreten hat. Dieser Rückzug vom Warencharakter geht mit einer Entfremdung von den so beschwerlich erworbenen und über lange Zeit eingesammelten Geldfunktionen Hand in Hand, was speziell seine Eigenschaft als „Wertaufbewahrungsmittel“ oder „Wertrepräsentanz“ angeht: „Jedenfalls: Mit der Abkopplung vom Metall und dem Übergang zum Papiergeld konnte das Geld seine Wareneigenschaft selbstverständlich nicht wirklich abschütteln, es sollte ja noch jederzeit in eben dieses Metall umtauschbar sein (…); aber eine erste Annäherung an das Nicht-mehr-Ware-sein, sowie eine Distanzierung vom ‚Wertsein’ hin zum reinen ‚Wertrepräsentieren’ war erst einmal gelungen.“[351]
Bestand die ersten Phase von 1688/89 noch darin, dass das Geld sich und allen anderen Gegenständen den Warencharakter zuwies, wobei es selbst zur „Königsware“ aufstieg, trat es seit der zweiten Phase ab 1694 demnach kontinuierlich von seinem Warencharakter und seinen Geldfunktionen zurück. Damit widerfährt dem Geld eine weitere, ganz wunderliche Wandlung: „Es ist ja auch nicht unmittelbar einsichtig, warum nach der Absonderung der Geldware aus dem Pöbel aller anderen Waren zwecks eleganter Tauschhandlungen und Mehrwertrealisation die Handhabung des Geldes nicht simplifiziert (!) werden sollte, Geld also nur noch als Repräsentant (!) der Königsware (…) weiterleben könnte.“[352]
Auch mittelbar ganz und gar nicht einsichtig sind hier alleine Aabromeits Formwandlungen des Geldes. In der ersten Phase des Geldes ab 1688/89 vereinigte das Geld als „Königsware“ auf sich noch „Warenform“ und „Geldform“, „Wertsein“ und „Wertrepräsentation“; indem es sich ab der zweiten Periode seit 1694 von seinem Warencharakter entfernt, tendiert es dazu, sich ebenso von seinem „Wertsein“ zu „diszedieren“: Das Geld ist jetzt keine Erscheinung seines Wesens mehr (Warenform) und keine „Repräsentanz“ des zu Repräsentierenden („Wertsein“), es verdoppelt sich mit seinen neuen Formwandlungen vielmehr zur „Erscheinung“ seiner eigenen „Erscheinungsform“ und zum „Repräsentanten“ seiner eigenen „Repräsentanz“. Welche Finesse eines „sauber begründbaren, dialektisch-kategorialen Zugangs“!
Der Positivismus frisst seine Kinder: Dass die „Erscheinungsform“ zu ihrer eigenen „Erscheinung“ und die „Repräsentation“ zu ihrer eigenen „Repräsentanz“ mutiert, heißt freilich nur, dass Aabromeit an der kategorialen Ebene des modernen Wert-Abspaltungs-Fetischismus haarscharf vorbeigeschrammt ist. Dieses Defizit rührt wieder von seiner Zirkulationsideologie her, welche die Erscheinungsform fürs Ganze nimmt und dadurch gar nicht mehr zwischen Wesen und Erscheinung, Zweck und Mittel der fetischistischen Vergesellschaftung zu distinguieren vermag. In Bezug auf den übergreifenden Selbstzweck und seines immanenten Mittels schien diese Undifferenziert bereits auf: Wenn Aabromeit an zitierter Stellen den „Sinn der kapitalistischen Warenproduktion“ dem „Zweck der Realisation von Mehrwert in Form des Profits“ subordiniert, nivelliert er den realfetischistischen Zweck der Verwertung respektive Entwertung auf eine unwesentliche Bestimmung, während das Mittel der Realisation von Mehrwert auf dem Markt kontrafaktisch zum Zweck hypostasiert wird. Genau darin besteht ja die bürgerliche Zirkulationsideologie: Dass sie die Metamorphosen von Kauf/Verkauf zum eigentlichen Zweck erhebt, während die „abstrakte Arbeit“ als scheinbare „Naturnotwendigkeit“ der Reflexion entzogen bleibt. Deswegen fehlt auch bei Aabromeit „auf der Darstellungsebene der Vermittlung von Wertsubstanz und Wertgröße der Begriff der Konkurrenz durchgängig.“[353]
Dieselbe identitätslogische Verkehrung im Verhältnis von Selbstweck und Mittel befällt Aabromeit auch bezüglich der Kategorien von Wesen und Erscheinung. Für ihn existiert das Wesen des Geldes in seinem „Wertsein“, das sich aus seiner Warenform ergibt und als dessen „Erscheinungsform“ das Geld nur aufzuwarten habe. Indem sich das „Wertsein“ von dem Geld entfremdet, tritt das Wesen von seiner Erscheinung zunehmend zurück, wodurch sie ein beinahe wesensloses Ding wird. Die Erscheinungsform wird somit zu ihrem eigenen Wesen, eben die „Erscheinung“ der „Erscheinungsform“. Das glorreiche Intermezzo des „kategorialen“ Geldes als stolze Einheit von „Begriff“ und „Erscheinung“ erstreckt sich auf ganze sechs Jahre. Auch etwas kurz für einen so langen Geld-Text…
Mit dieser Entkopplung des Geldes von seinem Zweck und seinem Wesen, die es zu seinem eigenen Zweck und seinem eigenen Wesen werden lässt, wird es durch seine zweite Metamorphose im Jahre 1694 aber in einen äußerst volatilen Zustand versetzt. Falls das Geld sich zunehmend jenseits seines Warencharakters und seinem „Wertsein“ verflüchtigt und damit zur „Repräsentanz“ seiner „Repräsentation“ und zur „Erscheinungsform“ seiner „Erscheinung“ mutiert, flieht es in äußerst luftige Sphären, sodass sich fortan jemand für den geordneten Gang des Fetischmediums verantwortlich zeichnen muss, das gar nicht mehr so „muntere“ Prozessieren des Geldes wieder in die „sauberen“ Bahnen seines „gemächlichen“ Verlaufes zurückzuholen. Und so wollte es wohl der „Zufall“ (oder haben wir einfach nur den nächsten „Prinzenkuss“ verpasst?), dass just in dem Moment der „Staat“ mit seinen „Sanktionen“ um die Ecke galoppiert kommt. Die nächste „empirische Tatsache“ also, als moderne „Kategorie“ immerhin formbestimmt, wenn auch nicht ganz klar in welcher Weise.
Wiedermal eine Übersprunghandlung von Aabromeit, nun also hinein in die politische Formbestimmtheit. Dass er den „Staat“ und seine „Sanktionen“ anführt, weist hierbei bereits auf gewisse staatsideologische Momente hin. Die politische Formbestimmtheit des Staates kann das „übergreifende Subjekt“ und seine Verwertung nicht „sanktionieren“. Denn zunächst einmal kommt der Politik ein eigenständiges Formprinzip zu, dessen Zweck und dessen wesentlicher Inhalt nicht einfach aus der Verwertung abgeleitet werden können. Nun ist die wert-abspaltungs-kritische Staatskritik, die sich bislang vorwiegend auf den „Weltordnungskrieg“ und die zwei Texte „Es rettet uns kein Leviathan“ aufbaut, ein weiteres der vielen unerschlossenen Felder „kategorialer Kritik“, zumindest was ihre realgesellschaftliche Dynamik und ihre kategoriale Formbestimmung angeht.
Dennoch seien kurze Hinweise in Richtung einer möglichen staatskritischen Ausarbeitung angedeutet, weil das Aabromeitsche Staatsverständnis dadurch inhaltlich präziser bestimmt werden kann. Wie an andere Stelle zumindest grob umrissen[354], besteht der Selbstzweck des Staates zuvorderst in seiner Staatsräson. Die ersten Ansätze zur Analyse dieser politischen Formbestimmung lieferte Machiavelli bereits im 16. Jahrhundert während des protoökonomischen Abstiegs des italienischen Raums und den ihn beschäftigenden Kriege der Stadtstaaten, bis Anfang des 17. Jahrhunderts von Bogislaw Philipp von Chemnitz diesen reinen formalen und gegen jedes soziale oder materielle Bedürfnis gleichgültig verfahrenen Staatszweck definierte: Der realfetischistische Selbstzweck der politischen Formbestimmtheit liegt in der Aufrechterhaltung des Staates um des Staates willen begründet.
Wie jede gesellschaftliche Formbestimmtheit hat dieser Selbstzweck der politischen Konstitution auch seinen eigenen Inhalt. Rezeptionsgeschichtlich trat dieser Inhalt mit dem 1576 erschienenen voluminösen Werk „Sechs Bücher über den Staat“ von Jean Bodin zum ersten Mal auf, der den Inhalt staatlicher Gewalt als Souveränität definierte. Die selbstweckhafte Form des Staates war nun derart mit dem politischen Inhalt vermittelt, dass im Leib des Monarchen die souveräne Verfügungsgewalt über das staatliche Gewaltmonopol repräsentiert wurde, an der die Überlebensfähigkeit der frühneuzeitlichen Staatsbildungen hing. Der absolutistische Monarch verfügte über die souveräne Macht über dieses Gewaltmonopol, sein Territorium und seine Untertanen, wobei letztere sich selbst dann nicht gegen ihn zur Wehr setzen dürften, wenn er gegen göttliches Recht und Naturrecht verstieß (worauf Bodin explizit hinweist). Ein für die damalige Zeit unerhörte Hypotrophie dieses leeren transzendent-innerweltlichen Inhalts staatlicher Souveränität, der sich Schritt für Schritt von den Schlacken religiöser Denkform und ihrer Vorstellungen über die Prinzipien eines Gemeinwesens loslöste. Dieser Souveränitätsbegriff Bodins transportiert dabei durchaus einen „Zeitkern“, als die Staaten bis zum 18. Jahrhundert noch insoweit souverän waren, als sie noch nicht innerhalb des „automatischen Subjekts“ und seines Verwertungszwangs agieren mussten.
Diese Eigenständigkeit der Staatlichkeit in Form und Inhalt gegenüber der Ökonomie (damals noch „protoökonomische“ Formen) bedeutet anderseits jedoch nicht, dass Politik und Ökonomie unabhängig voneinander bestehen könnten. Bereits im Zeitalter der Weltzirkulation war der Staat schließlich von den gelingenden Export- und Importlieferungen abhängig und diese Bedingtheit veränderte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts und dem „Gang in sich“ der Verwertung grundlegend: Es war die „1. Industrielle Revolution“ der Dampfmaschine, welche die protokapitalistische Produktionsweise umwälzte und die Verwertung „abstrakter Arbeit“ im sich entwickelnden „Gang in sich“ des Kapitals zur gesamtgesellschaftlichen Voraussetzung werden ließ (auch diese „Revolution“ kommt in der Darstellung Aabromeits nicht gut weg).
Was den Inhalt der Souveränität betrifft, so hing er von nun an am Tropf der gelingenden Verwertung, schließlich musste seither auch der Staat seine Ausgaben finanzieren, das heißt über die Besteuerung der gelingenden Mehrwertproduktion abschöpfen. Dadurch dechiffrierte sich aber die Vorstellung einer unbeschränkten Souveränität und ihrer Verfügungsgewalt über die Ökonomie als politische Ideologie, da der politische Inhalt auf Gedeih und Verderben von der gelingenden Akkumulation abhing. Indem sich Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Verwertung „abstrakter Arbeit“ der Inhalt des Staates wandelte, durchlief auch sein formales Formprinzip der Staaträson eine Metamorphose. War die vorgängige Fetischkonstitution des Selbstzwecks politischer Staatsräson ehemals noch auf den Monarchen zurückverwiesen, entstand mit der flächendeckenden Geld- und Warenform zugleich die abstrakte Rechtsform, weswegen die fetischistische Apriorität des politischen Selbstzwecks und seines „abstrakten Willens“ nun sekundär vom „allgemeinen Willen“ bürgerlicher Rechts- und Staatsbürgersubjektivität exekutiert wurde. Die Staatsräson erfuhr im Laufe des 18. Jahrhunderts eine Verrechtlichung durch die nunmehr abstrakte Staats- und Rechtssubjektivität.
Eugen Paschukanis hat in seiner allerdings historisch einseitigen Formanalyse diese gleichursprüngliche Herausbildung von abstrakter Rechtsform und nahezu gesamtgesellschaftlich durchgesetzter Warenform nachgezeichnet. Im „liberalen Staat“ blieb der formale Selbstweck der Politikform als übergeordneter zwar bestehen, aber er vermittelte sich zugleich mit der abstrakten Rechtsförmigkeit und so machte sich die bürgerliche Klasse des Privateigentums an die Illusion, als Rechts- und Staatssubjekt den Selbstzweck politischer Formbestimmtheit nun selbst „gestalten“ zu können. Doch noch in einem wesentlicheren Sinne verrechtlichte sich die Staatsräson im liberalen Staat des 18. Jahrhunderts: Aus dem permanenten äußeren Kriegs- und Ausnahmezustand frühneuzeitlicher Staatsbildungskriege erwachsend, integrierte der Verfassungsstaat den Ausnahmezustand nunmehr als materialen Paragraphen in seine verfassungsrechtlichen Kodizes.
Kehren wir zu Aabromeit und seinen „staatlichen Sanktionen“ zurück, dann gemahnt seine Formulierung an eine Verkennung des formalen Selbstzwecks des Staates und seinem am Tropf der Verwertung hängenden Inhalt „abstrakter Arbeit“. Erneut auf den Spuren des „Deutschen Idealismus“ wandelnd, reproduziert Aabromeit realiter selbst eine den Staatsfetischismus reproduzierende Apologie der Politik. Dass „staatliche Sanktionen“ den sich verflüchtigenden Gehalt seines Geldes aufzuhalten haben, verweist auf eine juridisch und vertragsrechtlich beschränkte Staatsideologie.
Als realfetischistische Formbestimmung verhält es sich mit der Politik ganz anders. Denn es liegt in der realfetischistischen Erscheinung der Politikform gegründet, dass der Staat sich seit dem 18. Jahrhundert gegenüber den politischen Subjekten entweder als „unbedingte Macht“ des Gewaltmonopols oder als „rechtlich gebundener Verfassungsstaat“ darstellt, je nachdem ob der Pol der Rechtsnormativität oder derjenige einer willkürliche Machtsetzung betont wird. Was in der Verrechtlichung des Ausnahmezustands durch den Verfassungsstaat sich vergegenständlicht, ist die staatsfetischistische Wesens-Erscheinungs-Dialektik: Durchdringen sich Rechtsnorm und Entscheidung, juristischer Normativismus und machtkonzentrierter Dezisionismus wechselseitig in ihrem politischen Wesen staatlicher Souveränität, erscheinen sie jedoch im gesellschaftliches Realverhältnis als unmittelbarer Gegensatz von „Recht“ und „Gewalt“. Hinsichtlich des Staates verfährt Aabromeit abermals unbeirrbar auf der Ebene der Oberflächenbewegung, weswegen er den Erscheinungspol der „juridischen Verfasstheit“ für sich nimmt und zum Ganzen staatlicher Souveränität aufbläht.
Durch diese realfetischistische Dialektik des politischen Wesens staatlicher Souveränität, die sich empirisch nur in dieser gegensätzlichen Verdinglichung von „Recht“ und „Gewalt“ darstellen kann, wird nun aber im Prozess staatlicher Rekonstitution ein noch grundlegender „realer Schein“ erzeugt. Ob nun im Rahmen „normativer Rechtsform“ oder als „dezisionistische Entscheidung“, der politische Fetischismus präsentiert sich im Prozess seiner Vergegenständlichung als die Dimension der handlungstheoretischen „Gestaltung“ schlechthin, angesichts derer die ökonomische Dimension der Verwertung „abstrakter Arbeit“ in Form der Sphäre des Nicht-Gestaltbaren, des „Naturzwangs“, der „naturwüchsigen“ Produktion und Reproduktion erscheint. Die Wertverwertung verdinglicht sich in ihrer negativen Einheit der „Politischen Ökonomie“ zu einem realgesellschaftlichen Zusammenhang, der im Prozess seiner Vergegenständlichung die Vermittlung zwischen ökonomischer Verwertung und politischer Staatlichkeit in einen Gegensatz von politischer Gestaltung einerseits und ökonomischem Naturzwang andererseits verwandelt. Schon der junge Marx kehrte diesen fetischistischen Charakter der „Politischen Ökonomie“ heraus, deren Verhältnis er so kennzeichnete: „Die politische Revolution löst das bürgerliche Leben in seine Bestandteile auf, ohne diese Bestandteile selbst zu revolutionieren und der Kritik zu unterwerfen. Sie verhält sich zur bürgerlichen Gesellschaft, zur Welt der Bedürfnisse, der Arbeit, der Privatinteressen, des Privatrechts, als zur Grundlage ihres Bestehens, als zu einer nicht weiter begründeten Voraussetzung, daher als zur ihrer Naturbasis.“[355]
Aabromeit hat seine juridische Variante des Staates („Sanktionen“) also wieder mal vom „Deutschen Idealismus“ abgekupfert. Wie der kantische und hegelsche Idealismus ergießt er sich ebenso in eine gleich doppelt gelagerte Ideologie der staatlichen Formbestimmtheit: Weil das Geld dem Wert vorausgeht, sich aber von seinem „Wertsein“ sukzessive distanziert, fehlt bei Aabromeit die negative Bestimmung einer Vermittlung von Politik und Ökonomie durch die Verwertung „abstrakter Arbeit“; Politik und Ökonomie konvergieren bei ihm erst auf der nachgeordneten Ebene des Marktes und seiner Metamorphosen. Zusätzlich bleibt er noch der Immanenz des Staatsfetischismus als solchem treu, indem er wie schon der „Deutsche Idealismus“ die staatliche Souveränität auf die Gewährleistung der Vertragsform reduziert und damit dessen juridische Illusion teilt: Aabromeits „Staatsfetischismus“ proklamiert eine juristische Setzungsgewalt des Staates, die er in die ökonomische Formbestimmtheit übergreifen lässt, und die deswegen auch eine Souveränität über Verwertung und Wertsetzung impliziert.
Seinem Gutdünken nach ist er mit dieser „Staatstheorie“ zweifellos über Robert Kurz „hinausgegangen“. So spiegeln es ihm aber wieder nur einmal seine idealistischen Denkschablonen in ihrem merkwürdigen Eigenleben zurück. Aabromeit hat „Geld ohne Wert“ nicht transzendiert, nicht hier, nicht anderswo, einfach nirgends; er wohnt ihm stattdessen inne, ist ihm geradezu immanent, ein wenn auch unbeabsichtigter Gegenstand der dort entfalteten Kritik. Sofern Aabromeit nur „elegante Tauschhandlungen und Mehrwertrealisation“ am Werke sieht, welche die Handhabung des Geldes „simplifiziere“ und das Fetischmedium „nur noch als Repräsentant der Königsware“ erscheinen lasse, dann ist es nicht mehr weit, bis das Geld auf eine „gesellschaftliche Konvention“[356] heruntergebrochen wird. Die nächste affirmative „Banalität“, der entgegenzuhalten ist: Es „kann sich beim Geld (…) nicht um eine bewusste, ‚subjektive’, wiederum äußerlich staatliche Setzung oder gesellschaftliche (vertragliche) Vereinbarung handeln, sondern nur um eine aus blinden, bewusstlosen Prozessen resultierende Gegenständlichkeit…“[357]
Rekapitulieren wir die moderne Entwicklung des Geldes bis hierhin, verläuft dessen Entwicklung bis zur dritten Phase der Krisenvergesellschaftung in etwa folgendermaßen: Zuerst wird das Geld zur „Königsware“, stempelt alsdann alle anderen Gegenstände zu Waren und initiiert somit die „selbstreferenzielle Wertverwertung“. Danach wandelt es sich zur Erscheinungsform seiner eigenen Erscheinungsform (Entfernung von seinem Warencharakter) und zur „Repräsentanz“ seiner „Repräsentation“ (Entfernung von seinem „Wertsein“), weshalb der Staat als Garant der Wertverwertung seinen Auftritt hatte, um das nunmehr zur „gesellschaftliche Konvention“ umfunktioniert Geld in seiner Flüchtigkeit zu zähmen. Worin besteht nun der teleologische Höhepunkt dieser Geschichte über das moderne Geld, die ja als Krisentheorie eine negative Teleologie sein soll?
Um eine mögliche Variante vorwegzunehmen, die sich dem einen oder der anderen während der bisherigen Darstellung aufgedrängt haben könnte: Die Krise kann auf jeden Fall nicht darin bestehen, dass sich der „kategoriale Begriff“ des Geldes mit seiner „Warenform“ von seiner „rein stofflichen“ Dimension abtrennen könne. Das verhindert ja schon die Ontologie eines „phänomenologischen Geldes“, die ewig dauert und sich in der „kategorial-empirischen Geschichte“ der Moderne durchhält. Für Aabromeit ist eine „rein abstrakte“ Form des Geldes, gar ein „abstraktifizierter“ Begriff vom Geld ausgeschlossen, weil es innerhalb der Verwertung zugleich notwendigerweise „konkret“ vorhanden sein muss. Legitimierte ehedem noch die Mathematik Aabromeits „abstrakte“ Fassung des Geldes („limitierte Unendlichkeit“), beruft er sich hinsichtlich der „konkreten“ Dimension auf das für sie vorgesehene Metier: „Wer im Schulfach Physik aufgepasst hat, der/dem kann das (eine „Abstraktifizierung“ des Geldes, DS) selbstverständlich gar nicht passieren: etwas Konkreteres als Papier (!) oder einen elektronischen Impuls (!!) kann die Physik gar nicht bieten!“[358]
Nun gut. Aber wodurch vollstreckt sich die Krise des Geldes dann? Sie muss bei all der wiederkehrenden Thematisierung irgendwie mit jener Entfernung des Geldes von seiner Warenform und seinem „Wertsein“ in Verbindung stehen, welche es zur doppelten Erscheinung und Repräsentanz seiner selbst hat werden lassen. Und tatsächlich rekurriert Aabromeit auch an anderer Stelle auf diesen Konnex: „Kaum hatte die Königsware Geld ihre Aufgabe erfüllt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, so gut wie alles warenförmig zu machen, konnte es sich guten Gewissens (!) selbst von dieser Warenförmigkeit wieder Schritt für Schritt verabschieden (!). Allerdings: Solange unsere Gesellschaft eine solche des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses ist, wird eine vollständige Ablösung des Geldes von seiner Warenförmigkeit entweder nicht gelingen, oder, falls doch (!), nur unter sehr unangenehmen, chaotischen und krisenhaften Begleitumständen.“[359]
Endlich haben wir die Klimax der negativen Teleologie und ihre „unangenehmen“ und „chaotischen“ Folgen für die Menschheit erklommen. Sie kulminiert wie bereits geahnt in der Distanzierungstendenz des Geldes von seinem „Wertsein“ im Zuge der fundamentalen Krise. Lange hat Aabromeit in seinem Gang von der kontingenten „empirische Geschichte“ über den „kategorialen Bruch“ und die „kategorial-empirischen Geschichte“ der Moderne bis hin zu seiner negativen Teleologie für den heiß ersehnten krisentheoretischen Paukenschlag ausgeholt, um abschließend zu verkünden: „Sobald nämlich während der Warenproduktion und der Konstitution des Werts eine bestimmte Menge/Dichte an Wertsubstanz überschritten (!) und auf mehr als eine bestimmte Anzahl von Waren übertragen sowie im Anschluss daran als Kapital (auf erweiterter Stufenleiter) akkumuliert werden soll, wird es sich zeigen, dass allein die vorhandene und extrahierbare Menge an Edelmetall (!) nicht ausreichend ist, um den in der Wertform befindlichen Waren eine adäquate Menge an allgemeinem Äquivalent entgegenzustellen…“[360]
Was eine „Krisentheorie“! Die Golddeckung des Geldes wurde mit dem Ende von Bretton Woods nicht deshalb ausgesetzt, weil die homöopathische „Substanz“ an „abstrakter Arbeit“ zu gering war, um sie noch in Gold (oder sonst einer stofflichen Repräsentanz) darstellen zu können, sondern alleine aus dem Grund einer zu geringen Verfügbarkeit von Edelmetall. Und die globale Krise ist natürlich nie und nimmer eine Konsequenz der mangelnden Mehrwertproduktion, nein, die „Krise“ des Kapitalismus besteht in seiner zu starken Verwertung „abstrakter Arbeit“, eine Verwertung, die sich derart ausgedehnt hat, ja in solch schwindelerregenden Höhen prozessiert, dass sie gar nicht mehr weiß, wohin mit all ihrer „Wertsubstanz“ in der „empirisch-stofflichen“ Welt. Kurzum: Die Krise des Kapitalismus besteht in seiner Fähigkeit zur unendlichen Verwertung.
Aber selbst das holde Gold vermag das lieblich Ding wohl nicht vor Turbulenzen zu schützen, denn die „munter“ laufende „Mehrwertproduktion“ will partout nicht damit aufhören, ihre ganze überflüssige „Wertsubstanz“ in die „empirische“ Landschaft hinein zu kippen: „Auf diese Weise würde, fände man keinen Ausweg, der Handel mit diesen Waren ins Stocken geraten, also die Realisation (!) des erzeugten (!) Mehrwerts auf dem Markt gehemmt, behindert werden oder gänzlich misslingen. Da dies das Ende der Wertverwertung und damit des Kapitalverhältnisses wäre, kann es nicht sein, weil es nicht sein darf.“[361]
Aabromeit ist einfach unwillig, eine objektivierte „innere Schranke“ und die zerbrechende kapitalistische Formbestimmung zu denken, weil das dann doch zu viel des „Munteren“ wäre. Da diese sich zum Weltsystem agglomerierte Fetischkonstitution jedoch nun einmal die Voraussetzung für das gesamte menschliche Leben bildet, kann er letztlich ohne den zerfallenden gesellschaftlichen Zusammenhang überhaupt nichts mehr denken. Übrig bleibt die gähnende Leere einer universellen „Unverständlichkeit“, um was es hier so richtig geht, durchsetzt mit einer immer wirscher auftretenden „subjektiven Verzweiflung“: „Die dritte und letzte Phase erleben wir allesamt höchstpersönlich, (…) in der die Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik und deren theoretische Untermauerung ihr finales Desaster der objektiven Zerstäubung (!), also Zerlegung der Totalität in immer kleinere Teile (!) und damit der Unverständlichkeit (!) des Ganzen sowie der subjektiven Verzweiflung durchmachen müssen.“[362]
Der Positivismus Aabromeits gibt sich in seinem unbedingten Willen zu erkennen, an den kapitalistischen „Kategorien“ und „Begriffen“ bis zum letzten Krisenschub festzuhalten, und so existieren für ihn entweder eine „munter“ und mit „theoretisch günstigen“ Aussichten vor sich hin prozessierende Wertverwertung oder aber der schiere Nicht-Wert. Übrig bleibt entweder ein „sauberes“ Geld mit „gutem Gewissen“ oder ein Schon-Nicht-Mehr-Geld als zunehmend formloser Begriff, auf dem man/frau weitestgehend ungestört, ja fast schon rein „hinnehmend“ in die „postkapitalistische Gesellschaft“ gleiten kann. Welche Rolle der Staat in diesem „gemächlichen“ Übergang spielen soll, bleibt allerdings nur angedeutet. Alles begann mit den ersten „Keimformen“ des Geldes als Träger des Fortschritts in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung; alles beschließt sich mit der „Keimform“ eines Geldes, das schon gar keines mehr sein soll und gerade deshalb den nächsten Evolutionsschritt in den „Postkapitalismus“ auf Wertgrundlage einzuleiten hat.
Ganz ohne Frage: Der Knackpunkt der Aabromeitschen Anti-Krisen-Theorie ist der Marxsche Substanzbegriff, an dem er leider haarscharf vorbeischlittert – und der überhaupt das Ärgernis einer ideologisch abgerüsteten Wertkritik abgibt. Nicht zufällig hat die „Krisis-Gruppe“ ihrerseits längst den Substanzbegriff infrage gestellt und in diesem Sinne liegt das Aabromeitsche Traktat ganz auf der Linie einer Preisgabe der auf die gesellschaftliche Substanz abhebenden Krisentheorie, wie sie einer gewissen theoretischen Verwilderung des im weitesten Sinne wertkritischen Spektrums entspricht. Dieser Sachverhalt bedürfte selbst einmal einer ausführlichen Analyse, die aber in diesem Kontext nicht ansteht; stattdessen soll dieser wertkritische Reduktionismus am Gegenstand der Aabromeitschen Einlassungen noch einmal hinsichtlich des Substanzbegriffs erörtert werden.
Schon auf der grundsätzlichsten Ebene schließt die Aabromeitsche Zirkulationsideologie den Substanzbegriff konsequent aus. Schließlich vermag das zirkulationsideologische Bewusstsein den Wert nicht als in der Produktion hergestellte Substanz zu reflektieren, sondern einzig als Gegensatz von „Tauschwert“ und „Gebrauchswert“, das heißt als scheinbar zwei verschiedene Kategorien. Es ist naheliegend, dass Aabromeits Aufspaltung von „reiner Empirie“ und „kategorial-empirischem Begriff“ einer identitätslogischen Besetzung von „Ware“ und „Geld“ entspringt, wie sie sich auf der Oberfläche des Marktes als Metamorphosen von Kauf und Verkauf darstellen. Diese identitätslogische Spaltung durchzieht folglich nicht nur seine erkenntnistheoretischen und geschichtsphilosophischen, sondern auch seine ökonomietheoretischen Einlassungen. Auch hier wird nun „Tauschwert“ („kategorialer Begriff“) und „Gebrauchswert“ (rein „stofflicher Begriff“) identitätslogisch auseinandergerissen, weswegen Aabromeit in aller „Ordentlichkeit“ die gesellschaftliche Form ersterem zuordnet, während letzterer einen rein natürlichen Inhalt bilden soll. Das basale Defizit seiner erkenntnistheoretischen Verdinglichung kehrt auf der Ebene der Ökonomietheorie mit voll Wucht wieder; weil Aabromeit dadurch jedoch gesellschaftliche Begriffsform und ontologischen Inhalt identitätslogisch voneinander distrahiert, kann er nicht mehr deren spezifisch kapitalistisches Verhältnis bestimmen: Nämlich die Realabstraktion am gesellschaftlichen Naturmoment, die dadurch keineswegs einen ontologischen Inhalt, sondern eine spezifisch gesellschaftliche Substanz hervortreibt, eben die „Substanz des Kapitals“: „Als würde nicht eben das Naturmoment am Menschen kapitalistisch abstraktifiziert, als bestünde nicht gerade darin die real verdinglichende negative Qualität des Kapitalfetischs…“[363]
Aabromeit unterminiert stattdessen das spezifische Verhältnis einer Realabstraktion am Naturmoment des Menschen und seinen stofflichen Voraussetzungen, weil für ihn gesellschaftliche Begriffsform und ontologisierter Inhalt zwei ganz inkompatible Entitäten sind. Zwischen diesen beiden identitätslogisch auseinandergerissenen Polen aufgespannt, oszilliert Aabromeit darum beständig zwischen einem Wertbegriff, der entweder als inhaltlose Form oder aber als formloser Inhalt auf die Bühne tritt. Besonders plastisch kam dies in jener Passage zum Vorschein, in der sich Aabromeit an einer Definition der „Realabstraktion“ versuchte: Einerseits soll sie, konsequent zirkulationsideologisch, aus einem „bestimmten Volumen von Handelsaktivitäten und Geld“ bestehen, also rein über ihre Erscheinungsform des Tauschwerts hergeleitet werden; andererseits aber muss diese ursprünglich vom Inhalt getrennte Form doch irgendwie ein inhaltliches Substrat herholen, was sie sodann im naturalisierten Gebrauchswert findet, sodass die „Realabstraktion“ sogar „klimatischer Voraussetzungen“ bedürfe.
Daraus erklärt sich übrigens auch, warum Aabromeit davon ausgeht, dass die „selbstreferenzielle Verwertung des Werts zunächst gegen Unendlich“ tendiere, „da jede effektive Limitierung dem absurden, aber realen Prinzip der Selbstverwertung um der Selbstverwertung willen widerspräche“. Die inhaltslose Form des tauschwerthaften „Begriffs“ schließt eine innere Schranke kategorisch aus, da eine reine Form tendenziell gegen unendlich gehen kann. Eine ins Unendliche ausgreifende Form kann also in der Tat an keine immanente Schranke stoßen. Ihr einzige mögliche Schranke findet sie am externen Inhalt, also der gebrauchswerthaften Ebene „stofflicher Konkretion“. Sowie der „kategoriale Begriff“ als ins Unendliche gehende Form keine Substanz in sich fasste, so ist der ontologisierte Inhalt der „empirischen Ebene“ jedweder Form ledig. Was somit als „Substanz“ firmiert, ist ein naturalisierter Inhalt bar jedweder gesellschaftliche Formvermittlung. Stattdessen ist zu betonen: In der Verdopplung des Werts in Ware und Geld „handelt es sich so nicht um zwei ihrem Wesen nach verschiedene und einander äußerliche Gegenstände, sondern um die innere Verdopplung der substantiellen Wertform selbst in zwei aufeinander bezogene Erscheinungsformen.“[364]
Worin besteht nun die anti-krisentheoretische Wendung dieser Denkfigur? Aabromeit sieht die Nicht-Krise des Kapitalismus darin, dass sich die rein formale Selbstverwertung so stark verselbständigt, dass sie sich nicht mehr in der stofflichen Dinglichkeit darstellen lässt. Das Ende von Bretton-Woods wird folgerichtig krud naturalistisch gedeutet: Nicht etwa die durch die Entwertung abschmelzende Wertsubstanz ist zu gering, als dass sie sich noch in der materiellen Repräsentanz der Edelmetalle darstellen ließ, vielmehr ist die rein formale Akkumulation für Aabromeit derart in die Höhe geschnellt, dass es zu wenig „rein stoffliche“ gefasste Edelmetalle gebe, welche die überbordende Verwertung in Zukunft darstellen könnten. Aabromeits Anti-Krisentheorie geht nicht von einem Abschmelzen der gesamtgesellschaftlichen Wertsubstanz aus, im Gegenteil macht er das Problem in einer zu starken Verwertung aus, der es an der naturhaften und „rein konkreten“ Inhaltlichkeit verfügbarer Edelmetallkörper ermangelt. Noch einmal anders ausgedrückt: Die lästige Krisensituation des Kapitalismus soll keineswegs in der Entwertung von Tauschwert und Gebrauchswert bestehen, vielmehr besteht die Gefahr in einer Vereinseitigung der tauschwerthaften „Akkumulation“ gegenüber seiner Darstellung im ontologisierten Inhalt von Edelmetallen, der ja seit der Antike ewiglich währt (schon die Römer benutzen Goldmünzen!). Deshalb sei die Krise auch keine der mangelnden Mehrwertproduktion, sondern der „Realisation des erzeugten Mehrwerts auf dem Markt.“ Das ist das glatte Gegenteil von einer radikalen Krisentheorie, die auf einer „inneren Schranke“ mangelnder Mehrwertproduktion fußt und nicht auf einer zirkulationsideologische Verkürzung, die sich mit einem Mangel der „Realisation“ in Bezug auf externe Naturressourcen (Edelmetalle) herumschlägt.
Das Scharnier dieser anti-krisentheoretischen Wendung ist hierbei jene rekonstruierte „Ablösung des Geldes von seiner Warenförmigkeit“. Hiermit nimmt Aabromeit abermals eine klare und unzweideutige Revision an der Marxschen wie auch der wert-abspaltungs-kritischen Geldtheorie vor. Über diesen schon einmal zitierten Zusammenhang heißt es bei ihm: „Allerdings: Solange unsere Gesellschaft eine solche des Wert-Abspaltungs-Verhältnisses ist, wird eine vollständige Ablösung des Geldes von seiner Warenförmigkeit entweder nicht gelingen, oder, falls doch (!), nur unter sehr unangenehmen, chaotischen und krisenhaften Begleitumständen.“ Die Relativierung des „falls doch“ ist eine ums Ganze, weshalb sie auch eher beiläufig eingestreut wird: Alleine die Möglichkeit zu konzedieren, dass sich das Geld von seiner Warenform ablösen könnte, gesteht die Eliminierung des Substanzbegriffs ausdrücklich ein, da ja die Warenform des Geldes an ihrer substantiellen Bestimmung hängt. Im völligen Kontrast zur bloßen „Zeichentheorie“ des Geldes auf Seiten der Neoklassik, die notwendigerweise den Warencharakter des Fetischmediums abstreiten muss. Marx hingegen „setzt sich“ gerade in seiner Warentheorie des Geldes „von vornherein sowohl von der bürgerlichen Klassik als auch vom vor- und nachklassischen ökonomischen Subjektivismus und Relativismus“[365] ab. Es ist sein Verdienst, dass bei ihm „(d)as Geld (…) in seinem Warencharakter weitaus stärker und konsequenter betont“ wird „als in der bürgerlichen Klassik“[366], der das Geld nämlich „in seinem Warencharakter gar nicht so wichtig“ war und „geradezu eine verschwindende Größe gegenüber den eigentlichen Waren“[367] zu sein hatte.
Im Grunde genommen folgt Aabromeits anti-substantielle Geldtheorie damit dem akademischen VWL-Mainstream des 20. Jahrhunderts. Mit dem realpolitischen Problem der Goldbindung erschien es so, dass auch die Warenform des Geldes obsolet werden würde. Aabromeits Leugnung der pekuniären Warenform bewegt sich einmal mehr in dieselbe Richtung wie der bürgerlich-wissenschaftliche Mainstream: „Erst als das Problem der Goldbindung im 20. Jahrhundert praktisch wurde, musste man einen Schritt weiter gehen. An die Stelle einer Vorstellung vom Warencharakter des Geldes qua Gold- und Silberware trat allgemein die Auffassung, dass das Geld wirklich nichts als ein Zeichen oder eine Marke für den Verkehr der eigentlichen Waren sein könne…“[368] Auf der Oberflächenbewegung stellte sich das Geld als reine Formbestimmung dar, die dem Bezug zu ihrem metallischen Körper und damit ihrem Warencharakter verlustig gegangen sei; die notwendige ideologische Konsequenz musste darin bestehen, das Geld als subjektive Setzung des Staates aufzufassen. Das Geld solle „letztlich auf einer gesellschaftlichen Vereinbarung oder dem Akt eines staatlichen Dekrets beruhend, wodurch die ‚Geltung’ allein als staatliche Zwangsfixierung bestimmt sei.“[369] Aabromeit verfolgte diese ideologische Interpretation, wenn er seine zirkulationsideologische Auffassung des Geldes der „staatlichen Sanktionen“ subordinierte, wodurch der fetischistische Selbstzweck eine handlungstheoretische Auflösung erfährt. Allein schon diese handlungstheoretische Auflösung erweist sich als völlig inkompatibel mit einer Fetischkritik wie auch der substantiellen Wertbestimmung, die jede handlungstheoretische Verfügbarkeit über den Wert ausschließt.
Andererseits greift Aabromeit jedoch auch auf den alten „Metallismus“ zurück, der den Wert noch ganz naturalistisch als rein stoffliche Gewichts- oder sonstige Darstellungseinheit verstand. Er greift damit auf Basis der neoklassichen Zirkulationsideologie auf die „oberflächlich als ‚metallisch’ verstandene( ) Basis der Goldware“[370] zurück, eine ideologische „Addition“, die übrigens in der gesellschaftlichen Konjunktur der Spätpostmoderne und ihrem neuen Naturalismus und ontologischem Substantialismus begründet liegt, wie man/frau auch an der Entwicklung der Neoklassik selbst nachvollziehen kann. Gebrauchswerthafte Ontologie eines „oberflächlichen Metallismus“ einerseits und „unendliche Tendenz“ einer reinen Form des Tauschwerts andererseits; der Gegensatz beiden Denkschablonen eröffnete die erbauliche Erzählung auf erkenntnistheoretischer, er beschließt sie nun auf ökonomietheoretischer Ebene.
Vollends nicht mehr zu übersehen ist der Aabromeitsche Revisionismus der radikalen Krisentheorie aber vor allem dann, wenn man/frau sich seine zeitliche Verortung der Krisentheorie vergegenwärtigt. Da die Krise lediglich in der Verselbstständigung des „Tauschwerts“ als reine Form gegenüber dem naturalisierten „Gebrauchswert“ als Edelmetallkörper bestehen soll, erscheint die fundamentale Krise einzig und allein als eine Krise des Geldes, nicht aber eine der abschmelzenden Wertsubstanz und als Katalysator der Aabromeitschen Nicht-Krise stellt sich deshalb die Gründung der Bank vom England im Jahr 1694, weil seitdem jene scheinbare Lösung des Geldes von seinem Warencharakter eingesetzt habe: Aabromeits fundamentale Nicht-Krise beginnt bereits am Ende des 17. Jahrhunderts, ganz sicher aber nicht mit der 3. Industriellen Revolution in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts. Daher auch die erstaunliche Absenz der Industriellen Revolutionen, die für seine Anti-Krise keinerlei Rolle spielen, eben weil er gar nicht und nirgends auf der Ebene der Wertsubstanz argumentiert.
Wie also den Kapitalismus und seine inexistente Krise überwinden? Mit dem Eingriff einer sozialen Gegenbewegung etwa? Oder zumindest durch die theoretischen Anstrengung, in einem Geld-Traktat auch nur irgendwo einmal die bürgerlichen „Trivialitäten“ ansatzweise zu überwinden statt sie in schierster Affirmation in Permanenz zu duplizieren? Nicht doch, die kontemplative Behaglichkeit inmitten der globalen Zerfallsprozesse will man sich aller „subjektiven Verzweiflung“ zum Trotz dann doch nicht nehmen lassen: „Jetzt sind die Charaktermasken und ihre Fantasie gefragt.“[371] Ende der bürgerlichen Märchenstunde.
Und so kommt das Finale dieser Erbauungsliteratur über die Nicht-Krise des Kapitals zu guter Letzt zu sich, in dem es die identitäre Selbstvergewisserung einer naturalisierten Gebrauchswerts auf die ökonomische Ebene übertragt, um damit die radikale Krisentheorie unschädlich zu machen. Dieser anti-krisentheoretische Revisionismus Aabromeits war eigentlich das wahre Ziel, dem gegenüber die „Hinnahme“ beiläufiger historischer Assoziationen nur das Vorspiel darstellten sollten. Was zum Schluss übrig bleibt, ist einzig noch die entscheidende Frage, die für Aabromeit wie alle anderen auch jedoch in die entlegenen Dimensionen metaphysischer Unbestimmtheit entrückt ist: Was zum Teufel nochmal hat das alles eigentlich mit der Wert-Abspaltungs-Kritik zu tun?
Zum Scheitern verurteilt
„Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“
Bürgerlicher Existenz ist das Scheitern von Grund auf eingraviert. Die von dem in die gesellschaftliche Formbestimmtheit gebannten Individuum abverlangte Selbstzurichtung dementiert dessen triebhaftes Begehren ebenso tiefgreifend wie seine sozialen und geistigen Potentiale, die im Laufe der Zwangssozialisation irreversibel zunichte gemacht werden. Erst die kritische Einsicht in die Unhaltbarkeit bürgerlicher Formbestimmtheit und ihrer permanenten Zumutungen vermag den objektiven Selbstzwang der je eigenen Individuation ins Bewusstsein zu heben, der dadurch zwar nicht überwunden, aber doch partiell aufgebrochen und abgefedert werden kann.
Doch nicht nur der individuellen Sozialisation, auch der Reflexion im Medium bürgerlicher Theorie ist das Scheitern von Anfang an eingeschrieben. Denn der von den „objektiven Gedankenformen“ (Marx) bürgerlicher Theorie präfigurierte Inhalt ist ein beschränkter, weshalb seine einseitige Betrachtung sich notwendig in Denkwidersprüche verstricken muss, die sie letztlich selbst konterkarieren. Die kritische Reflexion auf eben diese kategoriale Unhaltbarkeit der bürgerlichen Denkform ist bekanntlich der Ausgangpunkt für „kategoriale Kritik“ (Robert Kurz), die deren begriffslosen Zwang zu transzendieren sucht.
Wie in der individuellen Sozialisation der kapitalistische Alltag dabei als Arbeitswelt und private Sphäre der Familiarität von vornherein erst einmal vorausgesetzt wird, ist auch die bürgerliche Form Theorie immer schon auf die „objektiven Gedankenformen“, das heißt vor allem auf die primäre Erkenntnismatrix der Identitätslogik vergattert. Bar jeder kritischen inneren Distanz zur äußeren Realität treibt die Form Theorie ihrem „Objekt“, der kapitalistischen Gesellschaft, den Widerspruch aus, weshalb sie es buchstäblich in jeder Hinsicht positiviert. Die damit einhergehende beschränkte Polarität des eigenen Standpunkts reproduziert dadurch in sich selbst den geleugneten gesellschaftlichen Widerspruch, den sie auf eine begrenzte Einseitigkeit heruntergebrochen hat, und der sich deshalb umso unerbittlicher in der Reflexion wieder herstellt – nun jedoch als undialektischer Gegensatz im schieren Bewusstsein, der jeden Bezug zum realgesellschaftlichen getilgt hat.
Auf diese Weise setzt sich die bürgerliche Theorie nicht nur in einen veritablen Widerspruch zu sich selbst, vielmehr gerät ihre Identitätslogik überdies zwangsläufig in einen unhaltbaren Gegensatz zur fortlaufenden Entwicklung der äußeren Wirklichkeit. Denn die Verdinglichung bürgerlicher Theorieform fixiert nicht nur eine gesellschaftliche Polarität, um sie zum Ganzen der Vergesellschaftung zu hypostasieren, sie ontologisiert darüber hinaus auch den eigenen partikularen Standpunkt zur geschichtslosen Grundlage. Weil sich aber der Prozess fetischistischer Vergesellschaftung durch die ihn obwaltenden realen Gegensätze hindurch bewegt, sodass mal ihr einer, dann wieder ihr anderer Pol als Bedingungsgrund der gesellschaftlichen Totalität erscheint, ist bürgerlicher Theorie zwangsläufig der dezisionistische Umschlag inhärent: Sobald der eigene polare Standpunkt von einst durch den prozessierenden Gang fetischistischer Wirklichkeit überholt wird, da er sich für die neuen Anforderungen der anstehenden Akkumulationsepoche als dysfunktional erweist, schwenkt die identitätslogische Verkürzung periodisch in die entgegengesetzte Polarität um, die sie ehedem noch theoretisch befehdete; ohne sich über diesen gravierenden Standpunktwechsel auch nur irgendwie Rechenschaft abzulegen. Das oberste Motto bürgerlicher Theorie lautet daher auch: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“
Das aus den inneren Paradoxien bürgerlicher Denkform erwachsende Eingedenken in deren prinzipielle Unfähigkeit zur Erklärung der realgesellschaftlichen Dynamik fokussiert stattdessen durch die Kritik der Identitätslogik hindurch die diversen Widersprüche, wie sie die fetischistische Vergesellschaftung durchziehen. Im Medium der grundsätzlichen Negation all ihrer partikularen Polaritäten versucht radikale Kritik den basalen „prozessierenden Widerspruch“ (Marx) in seiner historisch spezifischen Konstitution auf den Begriff zu bringen. Dadurch vermag sie die rein gedanklichen Antinomien bürgerlicher Theorieform zu transzendieren, indem sie ihre Reflexion an die Widersprüche der realgesellschaftlichen Fetischkonstitution anlehnt, damit die historisch konkrete Dynamik „warenproduzierend-patriarchaler Vergesellschaftung“ (Roswitha Scholz) in den Blick nimmt, und sich auf diese Weise letztlich in den Stand setzt, ihre kategorialen Einsichten einer präzisierenden Selbstkorrektur zuzuführen, ohne deshalb ihre prinzipiellen Erkenntnisse in einem dezisionistischen Umschlag gleich ganz in den Wind zu schlagen.
Nun konnten die von der äußeren realgesellschaftlichen Entwicklung vorgezeichneten Umschläge von bürgerlicher wie linker Theoriebildung indes noch so lange achselzuckend – wenn auch zum Preis der eigenen Glaubwürdigkeit – in Kauf genommen werden, wie der Kapitalismus noch einen Akkumulationsspielraum vor sich hatte. Das unvermittelte Aufgeben des eigenen Standpunkts vollzog sich in den Verwertungspochen des Kapitals noch gleichsam naturwüchsig, getragen von dem bürgerlichen Urvertrauen in die anstehende Epoche der Wertverwertung, dessen Fortschrittsversprechen für das eigene schlechte theoretische Gewissen nicht selten Entschädigung genug war. Als jedoch das nunmehr globalisierte Kapital in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts an seine „innere Schranke“ (Marx) stieß und sich der Entwertungszwang rasant zu verschärfen begann, nahm auch das kategoriale Scheitern bürgerlicher Theorie einen qualitativ neuen Gehalt an.
In Ermangelung einer modernisierungsideologischen Positivierung, die von dem objektivierten Zerfall der „gebrochenen Totalität“ (Roswitha Scholz) hintertrieben wird, lässt sich die Unwahrheit der einstigen Prämissen nicht mehr in der Antizipation eines neuen Akkumulationszeitalters kaschieren; die Kluft zwischen den anachronistischen Axiomen bürgerlicher Denkformen und dem fortschreitenden Prozess gesellschaftlicher Wirklichkeit vermag nicht mehr durch die Affirmation einer anstehenden Modernisierung verdeckt zu werden, weshalb der Mechanismus identitätslogischer Positivierung seitdem ins Leere läuft: Der schamlose Widerspruch linker Krisenideologie heute zu den Voraussetzungen ihrer eigenen, einst getroffenen Analysen steht von nun an, für alle Augen sichtbar, nackt und unverhohlen im Raum. Im Selbstdementi linker Theorie kommt ein Scheitern neuer Qualität zum Vorschein, das sie auf ihrem eigenen identitätslogischen Boden in einer geradezu schizophrenen Spaltung zu zerreißen droht.
Der unverhohlene Widerspruch, der sich seither zwischen den Analysen linker Gesellschaftskritik und der konkret gesellschaftlichen Konstellation des 21. Jahrhunderts auftut, ist das Resultat des historisch spezifischen Krisenprozesses in der postmodernen Zerfallsepoche. Es liegt in der Modifikation des globalen Kapitalismus im Zuge der „postmodern-immanenten Wende“[372] spätestens seit der Finanzkrise von 2007/8 begründet, dass sich die grundlegenden Perspektiven bürgerlicher wie linker Theorie angesichts einer veränderten globalen Situation nicht mehr aufrechterhalten lassen. Die Diskrepanz frühpostmoderner Gesellschaftsanalysen zur konkreten Konstellation der transnationalen Fetischkonstitution im Laufe der spätpostmodernen Notstandsverwaltung ist schlichtweg unübersehbar geworden, ohne dass an ihre Stelle unterdessen ein neuer Begründungsanspruch treten könnte.
Wundersame Wandlungen
Hatte sich der postmoderne Restmarxismus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kurzerhand dem zerfallenden Weltkapital verschrieben, konnte er gleichwohl nicht umhin, das überflüssig gewordene Paradigma der Modernisierung jenseits jeder akkumulationstheoretischen Grundlage weiterhin mit sich zu schleppen. Kaum war das „revolutionäre Subjekt“ des sowjetischen Staatskapitalismus zusammengebrochen, machte sich die Sehnsucht nach einem neuen breit, das fortan die linke Mittelschicht zu vertreten habe.
Zum einen wurde diese Sehnsucht von der politisch-militärischen Entwicklung in den 1990er Jahren motiviert, die der antiimperialistischen Tradition den Boden unter den Füßen wegzuziehen begann. Für die deutsche Linke spielte in diesem Kontext vor allem der Krieg gegen den Kosovo Ende der 1990er Jahre eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dass es sich um einen Krieg gegen einen souveränen Staat handle, der zwecks ökonomischer „Ausbeutung“ und territorialer „Annexion“ von der NATO angegriffen werde, stand in den meisten Fällen fest. Allerdings kristallisierten sich an diesem Krieg divergierende Ansichten über die Frage heraus, wer denn nun eigentlich als imperialistischer Hauptfeind in diesem kriegerischen Akt dingfest zu machen sei. Damit setzte endgültig eine Spaltung in der deutschen Linken ein, die sich schon zuvor bemerkbar gemacht hatte, und sich nun als frühpostmodernes Auseinandersetzungsfeld von Antideutschtum und Antiimperialismus herausschälte.
Zunächst teilte allerdings die am Kosovokrieg im Jahre 1998 sich entzündende Kontroverse in der linken Gesellschaftskritik noch denselben Bezugspunkt des früheren Antiimperialismus. Dass es sich um einen imperialistischen Angriff zwecks Rohstoffaneignung und imperialistischer „Annexion“ handle, stand für den gesamten Postmarxismus zweifelsohne fest; umstritten war alleine, wer in diesem Krieg als primärer Aggressor zu gelten hätte. So identifizierte das Antideutschtum im wiedervereinigten Deutschland den entscheidenden imperialistischen Feind im eigenen Land, dessen militärische Offensive bekämpft werden müsse. Die Vorstellung eines „vierten Reiches“ schien sich endgültig zu bewahrheiten, das Europa wie schon in der ersten Jahrhunderthälfte wieder einmal zu unterwerfen gedenke. Der Kosovokrieg wurde als Beginn eines neuen deutschen Großmachtstrebens wahrgenommen.
Erst vor diesem Hintergrund ist die proimperialistische Ausrichtung des Antideutschtums zu verstehen, wie sie sich letztlich mit dem 11. September 2001 verfestigt hatte. Dem vorgeblichen deutschen Großmachtstreben vermochte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur noch eine Macht entgegentreten, nämlich die letzte verbliebene Weltmacht der USA. So paradox es klingen mag, liegt die spätere Verherrlichung des amerikanischen Krisenimperialismus in einer Wendung innerhalb der antiimperialistischen Denkform selbst, die gegen den aufkommenden gesamtdeutschen Imperialismus das „antiimperialistische Subjekt“ der USA ins Feld führte und sich damit in einer prowestlichen Identifikation erging. Aus dieser einstmals traditionellen Imperialismustheorie ging sodann der bellizistische Eifer der Antideutschen hervor, die in den „Weltordnungskriegen“ der USA geradezu antifaschistische Befreiungskriege erblickten, durch die den ökonomisch unterentwickelten Regionen am peripheren Weltmarkt die Gnade von Demokratie und Freiheit zuteil werde. Bestand einst noch im gesamtdeutschen Imperialismus das zu bekämpfende Gegensubjekt, weitete sich die Perspektive der prowestlichen Brille noch einmal erheblich, nachdem ab dem 11. September 2001 neben Deutschland bald auch die islamische Welt als „völkischer“ Antipode auserkoren wurde. So erfolgte die ideologische Konstruktion einer Verteidigungslinie westlicher Demokratie gegen die Wiederkehr deutscher Ideologie in Gestalt des Islam.
Anders verhielt sich der eigentliche Antiimperialismus zu den weltpolitischen Entwicklungen der 1990er Jahre. Für ihn bestand der priorisierte Feind im US-amerikanischen Imperialismus, der nach dem Zerfall des sowjetischen als letzte Weltmacht übrig geblieben war. Hier wurde nicht zuerst der „Imperialismus im eigenen Land“ als Gegner ausgemacht, vielmehr trachtete der Antiimperialismus danach, das wiedervereinigte Deutschland aus dem Einflussbereich des amerikanischen Hegemons herauszulösen, um darauf aufbauend die diplomatischen Beziehungen zu den peripheren Staaten des Weltmarkts zu vertiefen. Der antifaschistische Befreiungskampf erkor hierbei diverse „revolutionäre Subjekte“ zum neuen Bezugspunkt, wodurch eine anti-westliche Identifikation zutage trat: Konnte schon das Milosevic-Regime kaum mehr als progressive Kraft perzipiert werden, ohne dadurch den Geruch einer revolutionär-antiimperialistischen Kraft ganz zu verlieren, boten sich in den Folgejahren je nach krisenimperialistischer Lage Saddam Hussein, die Taliban oder aber Gaddafi als strategische Verbündete im quasi-antifaschistischen Kampf gegen die NATO und den US-Imperialismus an. Insbesondere das postsowjetische Russland fungierte hierbei als zentrale Schnittstelle im antiimperialistischen Kampf, wobei der Antiimperialismus sich an Putins Leitbild eines Europa „von Lissabon bis Wladiwostok“ orientierte. Vor allem die Achse Berlin-Moskau-Teheran sollte den Widerpart zum US-dominierten NATO-Imperialismus bilden.
Für die „kategoriale Kritik“ galt schon damals sowohl die antideutsche wie antiimperialistische Interpretation des „Krisenimperialismus“ (Robert Kurz) als grundsätzliche Verfehlung der politisch-militärischen Konstellation in der frühen Postmoderne. Weder würden die krisenimperialistischen „Weltordnungskriege“ (Robert Kurz) zu einer Befriedigung der globalen Lage führen, wie es sich der antideutsche Bellizismus einbildete, der deshalb systematisch von der ökonomischen Krise der USA absah, noch waren sie schlicht Kriege um der materiellen „Ausbeutung“ willen, gegen die sich die peripheren Staaten am Weltmarkt in Stellung zu bringen hätten, wie es sich der antiimperialistische „Rohstoffmaterialismus“ (Robert Kurz) ausmalte. Die identitätslogische Apologie heftete sich qua westlicher und anti-westlicher Identifikation an ein nur mehr imaginatives „revolutionäres Subjekt“ und sah dabei in Gänze von der globalen Krisendisposition des Weltkapitals ab. Dass der „monozentrische Krisenimperialismus“ (Robert Kurz) der letzten Weltmacht keineswegs eine ökonomische Bereicherung oder territoriale Annexion anstrebte, sondern als globaler „Sicherheitsimperialismus“ (Robert Kurz) die transnationalen ökonomischen Vermittlungskreisläufe im Prozess fortschreitender Entwertung aufrecht zu erhalten hatte, blieb in der postmarxistischen Imperialismustheorie völlig außen vor.
Mit der konkreten gesellschaftlichen Bestimmtheit musste beiden Ansätzen obendrein noch die historische Spezifität verlustig gehen, die sich im Kosovo-Krieg und den folgenden „Weltordnungskriegen“ ausdrückte. Die Leugnung der fundamentalen Krise ging mit der Verkennung des genuinen Krisencharakters der politisch-militärischen Ebene einher, sodass die gegenwärtige Situation in den anachronistischen Mustern vergangener Epochen gedeutet wurde. So war sich die antideutsche Interpretation nicht zu schade, ihren prowestlichen Bellizismus dadurch zu legitimieren, dass sie sich in die Zeit des 2. Weltkriegs flüchtete, um die Kriege der USA als Befreiungskampf der westlichen Welt gegen den deutschen Faschismus und seine islamische Wiederkehr zu halluzinieren. Die antiimperialistische Sicht wiederum bediente sich aus der anachronistischen Schublade des 1. Weltkriegs und kam zu dem Schluss, dass damals wie heute ein „polyzentrischer Imperialismus“ vorherrsche, innerhalb dessen sich ein gegenimperialistisches Subjekt zur US-Hegemonie zu konsolidieren habe wie einst der sowjetische Staatskapitalismus. Ignorieren musste dieser Anachronismus folgerichtig, dass es in der fundamentalen Krisen keinen Aufstieg eines neuen gegenimperialistischen Subjekts mehr gegen wird.
Je zwanghafter diese identitätslogischen und ahistorischen Matrizes von Antideutschtum und Antiimperialismus der politisch-militärischen Situation vor dem neuen Jahrtausend oktroyiert wurden, desto unausweichlicher offenbarten sie ihren realitätsfremden Gehalt im Laufe der „postmodern-immanenten Wende“. Die spätpostmoderne Metamorphose der politisch-militärischen Krisenkonstellation brachte Zug um Zug den strikten Gegensatz ans Licht, der nunmehr unversöhnlich zwischen den eigenen frühpostmodernen Erkenntnissen und der spätpostmodernen Wirklichkeit klafft. Der „Gang in sich“ fetischistischer Wirklichkeit hat in der spätmostmodernen Notstandsverwaltung eine krisenimperialistische Situation erzeugt, die aus Warte der identitätslogisch verkürzten Betrachtung frühpostmoderner Ideologie ganz und gar unerklärbar sein muss. Exemplarisch lässt sich dieser Sachverhalt an den Entwicklungen in Syrien seit dem Jahr 2011 illustrieren, dürften doch angesichts der dort zu beobachtenden Verschiebungen sowohl Antideutsche als auch AntiimperialistInnen aus dem Augen reiben gar nicht mehr rauskommen.
Meinten die antideutschen Kader in den USA den Garanten der globalen Weltsicherheit zu erkennen, dessen militärische Interventionen alleine die transnationale Ordnung aufrechterhalten könne, muss deren sukzessiver Rückzug aus Syrien schon unter der Obama-Administration ein intellektueller Schlag ins Gesicht gewesen sein. Ein Einschlag, der durch die Politik Trumps noch einmal deutlich härter ausfallen dürfte. Die Krise der USA, die sich in dem teilweisen Rückzug aus Syrien und der Weigerung einer großflächigen Intervention als Preisgabe der transnationalen weltpolizeilichen Funktion zu erkennen gibt, ist mit der probellizistischen Emphase von einst unvereinbar. Die prowestliche Identifikation ist an ihr realgesellschaftliches Ende gekommen, weil nun die absolute Schwäche der einzig verbliebenen Weltmacht auch politisch-militärisch nicht mehr zu übersehen ist.
Nicht weniger heftig fällt der Aufprall auf dem Boden fetischistischer Realität für die antiimperialistischen ApologetInnen aus. Stand ehedem noch fest, dass das postmarxistische Russland, in welcher Abstufung auch immer, notwendiger Bestandteil des antiimperialistischen Gegensubjekts sein müsse, wurde ihr Weltbild spätestens dann in Stücke gehauen, als ausgerechnet eben jenes Russland im Jahr 2015 dazu überging, das krisenimperialistische Vakuum in Syrien zu füllen. Die anti-westliche Identifikation steckt in einer Sackgasse, nehmen nun doch ausgerechnet jene Regionalmächte die ausgefallene sicherheitsimperialistische Funktion der USA vor ihrer eigenen Haustür ein – man/frau denke nur an den Iran –, die früher noch als Bollwerk des Antiimperialismus stilisiert wurden.
Die politisch-militärischen Krisenentwicklungen der späten Postmoderne stehen aus Sicht der westlichen wie anti-westlichen Identifikation auf dem Kopf. Besetzte die westliche Identifikation die USA deshalb als positive Instanz, weil deren Krisenimperialismus die Sicherheit globaler Verkehrs- und Handelswege versprach, müsste sich das Antideutschtum konsequenterweise in publizistische Einlassungen ergehen, die den syrischen „Weltordnungskrieger“ Russland als neuen Stabilitätsgaranten im Nahen Osten abfeiern wie vor noch nicht allzu langer Zeit die amerikanischen „Weltordnungskriege“.
Auch wenn das antideutsche Lager bisher noch nicht so weit gegangen ist, sind in ihm gleichwohl ganz wundersame Wandlungen zu registrieren. In einem Interview der „Bahamas“ durfte Rajko Eichkamp kundtun, wo die Reise der antideutschen Ideologie ihren Endpunkt findet: Vorerst zwar noch nicht bei Putin, dafür aber immerhin in Richtung Sozialdemokratie, der erste Schritt ist also bereist gemacht: „Man muss wieder dazu übergehen, die tatsächlichen Bedürfnisse – die einen anschreien – zu sehen, ernst zu nehmen und versuchen, an diesen Bedürfnissen orientierte politische Initiativen zu entwickeln. Der Vorwurf, der vielleicht bei dem was ich sage, aufkommen könnte: Das sei ja Sozialdemokratie. In gewisser Weise stimmt das auch. Ich schäme mich dessen in keiner Weise…“[373] Und so entfleucht es den einst neoliberalen Hälsen: Ein Prost auf August Bebel!
Was die neu entdeckte Affinität zum russischen „Sicherheitsimperialismus“ in spe anbelangt, könnte die „Bahamas“ von einem befreundeten Bekannten Donald Trumps lernen, was es heißt, die eigenen falschen Voraussetzungen ernst zu nehmen. So verteidigte der Immobilienunternehmer Thomas Kramer, dessen persönliche Nähe zu Trump sich bereits in seiner Ausdrucksweise ankündigt, Russlands Intervention in Syrien mit folgenden Worten: „Der Trump ist für Putin, weil der die rote Linie von Obama in Syrien einhält. Ohne Putin hätten wir heute eine islamische Republik, die uns genauso vor die Türe scheißen würde, wie die anderen da unten. Und nur wegen Putin werden westliche Werte, Freiheitswerte, die nicht islamistisch sind, wieder nach vorne geschoben…“[374] Die wundersame Wandlung des liberalen Bellizismus kommt zu einem ganz eigenen Resultat: Der russischen Sicherheitsimperialismus als Garant „westlicher Werte“.
Auf der anderen Seite sieht sich der einst anti-westliche Antiimperialismus ebenso gezwungen, die Grundpfeiler seiner bisherigen Anschauung aus den Angeln zu heben. Mehr noch: Eigentlich müsste der anti-westliche Antiimperialismus der Trump-Administration geradezu eine innigste Freundschaftsbekundung zukommen lassen. Wenn schon nicht dessen Rückzug aus den diversen militärischen Konflikten, so kommt doch mindestens seine Infragestellung der NATO beinahe schon einem Partisanenkampf gleich. Identifizierte sich der Antiimperialismus deswegen mit den peripheren Staaten des Weltmarkts, weil sie als scheinbare Gegensubjekte zum NATO-Imperialismus und seiner Kriege in Stellung gebracht werden sollten, müsste er, um bei sich bleiben zu können, plötzlich die USA als neues „revolutionäres Subjekt“ apostrophieren und stattdessen den russischen und iranischen Krisenimperialismus in spe aufs Korn nehmen. Und tatsächlich erblickt der Antiimperialismus bis in die Linkspartei hinein in Trump einen Übermittler ebenso unverhoffter wie froher Kunde. Über den angekündigten Abzug der USA aus Syrien ist auf dem Twitter-Account des Bundestagsabgeordneten Alexander Neu, der sich bis dato als anti-amerikanischer Antiimperialist hervorgetan hatte, zu lesen: „Endlich mal eine gute Nachricht. Hoffentlich keine Fake: #Syrien – #USA bereiten offenbar Abzug vor (…)“[375] Der Antiimperialismus traut seinen Augen nicht; wer hätte gedacht, dass die letzte Weltmacht zu einem wahrhaftigen Friedenshegemon mutieren könne: Dem Antiimperialisten Donald Trump sei Dank!
Unverhoffte Freunde
Die blanken Selbstdementis von Antideutschtum und Antiimperialismus beschränkten sich indessen keineswegs auf die militärisch-politische Dimension. Ihren identitätslogischen Standpunkten geht als Ganzen die Fähigkeit zur theoretischen Erklärung spätpostmoderner Krisenverwilderung ab, weshalb die Konfusion pro- und anti-westlicher Identifikation eine allumfassende ist. Daher führen sich ihre eigenen Positionen nicht nur in Bezug auf die politisch-militärische, sondern auch hinsichtlich der ökonomischen Ebene transnationaler Globalisierung ad absurdum. In der theoretischen Bewertung der in der frühen Postmoderne entstandenen transnationalen Konfiguration des Weltkapitals schälten sich in antideutscher wie antiimperialistischer Ideologie zwei Wahrnehmungsmuster heraus, die sich diametral gegenüberstanden.
Einerseits erweckte der Zusammenbruch der Sowjetunion nämlich den Eindruck, dass die westliche Variante der Marktzentrierung nicht nur den „Systemwettbewerb“ für sich entschieden habe, sondern überdies immer mehr periphere Gebiete des Weltmarkts vom Strudel der Fundamentalkrise erfasst würden. Ob nun die Krise Japans Anfang der 1990er Jahre, die durch das Platzen einer Immobilienblase induziert, mit einer massiven Zinssenkung sowie der Politik des billigen Geldes beantwortet wurde, und durch die Asienkrise 1997/98 zusätzlich an Brisanz gewann, oder aber der Staatsbankrott Argentiniens im Jahre 2001 – um die zwei prominentesten Beispiele anzuführen –, es konnte den Anschein haben, als ob die westlichen Zentren die verbliebene Domäne einer gelingenden Akkumulation abgäben, die sich einer Erosion der Peripherie konfrontiert sehe. Die Sicht der westlichen Zentren deutete die Globalisierung als Erfolgsgeschichte, deren Zustand von „Demokratie und Freiheit“ gegen die zerfallenden Staaten am Rande des Weltmarkts zu verteidigen sei.
Daran dockte sodann die antideutsche Ideologie an, die sich Zug um Zug der herrschenden neoliberalen Doktrin angleichen sollte. Die verschärfte Deregulierungspolitik, die schon 1981 von Ronald Reagan in den USA und Mitte der 1980er Jahre von der Thatcher-Regierung in Großbritannien eingeleitet wurde, erfreute sich im Antideutschtum daher einer großen Beliebtheit. Die aggressive Anpreisung der zu protegierenden Freiheit bürgerlicher Subjektivität lag ganz auf der Linie der zwangsindividualisierenden Krisenverwaltung nach innen, weswegen das antideutsche Freiheitsverständnis selbstredend auch dasjenige des Kapitals unter sich befasste, dessen scheinbar ungehemmte Akkumulation nicht von staatlichen Restriktionen gehindert werden dürfe.
Folgerichtig korrespondierte der auf die nationale Ökonomie forcierten Ideologie innerer Deregulierung die Flexibilisierung der nunmehr transnationalen Beziehungen, die im ungehemmten Freihandel zwischen den Staaten den Garant für eine gelingende Akkumulation vorfinden würden. Die westliche Identifikation stellt sich auch über eine ökonomische Vermittlung her, sodass die USA nicht alleine politisch-militärisch, sondern ebenfalls bezüglich des globalen Freihandels als einzige Weltmacht affirmiert wurden. In den Predigern von Deregulierung und Freihandel baute sich eine Verteidigungslinie des westlichen Zentrums in Anlehnung an den angelsächsischen Neoliberalismus auf, die nun auch in der Linken die Autonomie des Menschenrechtssubjekts beschwor, dessen Erhalt der globalen Marktfreiheit zu verdanken sei.
Gegenläufig zur antideutschen Globalisierungsverherrlichung gestaltete sich andererseits die antiimperialistische Interpretation des transnationalisierten Weltkapitals. Begegnete das Antideutschtum dem Kollaps der Sowjetunion mit einer Apologie der Globalisierung, ging sein Widerpart nicht selten gleich ganz zu ihrer Leugnung über. Die transnationale Konstitution des Weltmarkts galt hier weniger als Realität denn als Propagandabegriff des westlichen Neoliberalismus, um die „Ausbeutung“ der „Arbeiterklasse“ in den peripheren Staaten des Weltmarkts legitimieren zu können. Gegen die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und Aufkündigung des Tarifrechts kaprizierte sich der Antiimperialismus auf einen Ausbau des Sozialstaates, der vor allem in Europa und in Abgrenzung zur angelsächsischen Welt umgesetzt werden müsse. Die daraus entspringende Mixtur aus gewerkschaftlich orientierten, regulationstheoretischen und altmarxistischen Versatzstücken votierte wahlweise für die Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich, eine Steuer auf Finanzmarktransaktionen, oder aber gleich ganz für eine erneuerte Variante der Planwirtschaft.
Dieser sozialstaatliche Impuls überschnitt sich in der antiimperialistischen Ideologie mit einer protektionistischen Perspektive in Anbetracht der internationalen Außenhandelsbeziehungen. Insbesondere die Staaten der sogenannten „Dritten Welt“ sollten durch eine von staatlichen Schutzmaßnahmen dominierte Außenhandelspolitik ihren ökonomischen Spielraum gegenüber dem globalen Freihandel behaupten, dessen billige Waren ihre nationale Wirtschaft zerstöre. Die protektionistische Abdichtung peripherer Staaten von den technologisch weiterentwickelten westlichen Zentren fungierte als ökonomische Kehrseite des antiimperialistischen Kampfes, sodass das Putinsche Europa „von Lissabon bis Wladiwostok“ als sozialstaatlich orientierter und protektionistisch geschützter Gegenentwurf zur neoliberal-angelsächsischen Hemisphäre konzipiert wurde.
Beide Interpretationen der Globalisierung wurden von Seiten der „kategorialen Kritik“ schon damals als inadäquate Analysen des Weltkapitals zurückgewiesen. Dass die antideutsche Ideologie in der Globalisierung unter der Hegemonie westlicher Zentren den Hort von Demokratie und Wirtschaftswachstums zu erblicken meinte, den das Weltkapital gütiger Weise in alle Ecken des Globus trage, machte schon damals ihre Ignoranz gegenüber der Fundamentalkrise in der westlichen Welt deutlich. Vor allem die „globalen Defizitkreisläufe“ (Robert Kurz), welche die Staatsverschuldung der USA unaufhörlich in die Höhe trieben, verwiesen auf die fiktive Basis des postmodernen „Finanzkapitalismus“, von der sich auch die USA nicht werden ablösen können. Der Antiimperialismus musste seinerseits in nicht geringen Teilen die transnationale Konstitution des Kapitals als solche leugnen, um seine Mär von der Etablierung eines antiimperialistischen Gegensubjekts qua protektionistischer Abschottung und Regulierung des globalen Handels aufrechterhalten zu können.
Aus dieser Indifferenz gegenüber der gesellschaftlich konkreten Konstitution des transnationalen Weltkapitals musste sowohl in der antideutschen wie antiimperialistischen Ideologie eine Ontologisierung des eigenen „revolutionären Subjekts“ resultieren. So katapultierte sich die erkenntnistheoretische Reflexion des Antideutschtums immerzu zurück auf die Aufklärungsideologie des 18. Jahrhunderts, dessen Subjekt einer vermeintlich reinen Marktfreiheit zum fortwährenden Bezugspunkt avancierte, wobei dessen ahistorisches Ideal noch am ehestem im angelsächsischen Liberalismus der USA und seiner Freihandelspolitik verwirklicht sei. Auf der anderen Seite versetzte sich der Antiimperialismus in die Akkumulationsphase „nachholender Modernisierung“ Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts zurück, wobei natürlich der protektionistisch flankierte wirtschaftliche Aufstieg der Sowjetunion als geschichtslose Hintergrundfolie für eine erneute „nachholende Modernisierung“ im Zeitalter der globalen Fundamentalkrise firmierte.
Indessen geht die spätpostmoderne Krisenverschärfung mit einer Metamorphose des Weltkapitals Hand in Hand, die weder von Antideutschtum noch Antiimperialismus fürderhin mit den eigenen frühpostmodernen Voraussetzungen auch nur irgendwie in Einklang gebracht werden kann. Kaum hatte die Trump-Administration mit protektionistischen Maßnahmen den Freihandel aufgekündigt, einen Handelskrieg in Gang gesetzt und überhaupt die amerikanisch inspirierte Nachkriegsordnung attackiert, versuchte sich die Bundesrepublik als neue Vertreterin der internationalen Ordnung eines freien Waren- und Kapitalverkehrs zu profilieren. Wenn schon die New York Times über die Bundeskanzlerin befindet, Angela Merkel sei „die letzte Verteidigerin des freien Westens“, müsste die antideutsche Ideologie, sofern sie sich beim Wort nimmt, schnurstracks auf einen prodeutschen Kurs umschwenken: Immerhin trachtete die Bundesrepublik, obgleich immer im Kontext der europäischen Union, doch tatsächlich danach, die Freihandelspolitik im Rahmen des status quo zu halten (wie das geplante Freihandelsabkommen mit den USA zeigt, bevor es von Trump verworfen wurde).
So mag es nicht verwundern, dass schon 2011 von einem Vertreter der antideutschen Zunft das Statement abgegeben wurde, man/frau müsse „noch einen Schritt weiter gehen: es ist anti-deutsche Aufgabe, eine partielle Verteidigung des ‚Deutschen’ dort vorzunehmen, wo […] ‚deutsch’ offensichtlich gerade nicht das beinhaltet, was nach wie vor Gegenstand der Kritik zu sein hat, sondern ein Name für die rapide verblassende Erinnerung an die Möglichkeit, nach eigener Façon selig zu werden…“[376] Sieh an, sieh an: Wer hätte gedacht, dass es auf einmal das „Deutsche“ ist, das die ach so bürgerliche „Erinnerung an die Möglichkeit“ repräsentiert, „nach eigener Façon selig zu werden“. Nun ordnet sich diese Aussage von Clemens Nachtmann in die Tendenz bundesrepublikanischer Innen- und Außenpolitik ein, sofern sie seit der Schröder-Regierung sowohl nach innen wie außen eine zugespitzte neoliberale Politik praktizierte. Was vom Antideutschtum nur mehr übrig bleibt, ist, nach Abzug des akzidentiellen „Anti“, die zunehmend nicht mehr nur partielle „Verteidigung des Deutschen“: Hoch lebe der deutsche Liberalismus und die „letzte Verteidigerin des freien Westens“ Angela Merkel!
Die antiimperialistische Ideologie sieht sich in Ansehung der veränderten spätpostmodernen Disposition des Weltkapitals nun ihrerseits dazu gezwungen, die eigene frühpostmoderne Position bis ins Gegenteil zu verkehren, um irgendwie noch bei sich bleiben zu können. Dabei trifft sie auf einen unverhofften Freund. Die US-amerikanische Aufkündigung der internationalen Freihandelsordnung muss für sie in gewisser Weise einen Antikapitalismus in potentia darstellen, nimmt sie doch die „Ausbeutung“ der „antiimperialistischen Staaten“ durch den ungehemmten Waren- und Kapitalverkehr zurück. Und so kam Steffan Stierle im „Neuen Deutschland“ im März 2018 zu dem Befund: „Man muss Trump nicht mögen. Es gibt sogar gute Gründe, ihn zu hassen. Dass aber durch die US-Schutzzölle ein Handelskrieg ausgelöst wird, ist neoliberale Propaganda. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Schutzmaßnahmen und Gegenreaktionen könnten sich hochschaukeln, bis der Freihandelskrieg beendet ist.“[377] Das Ende des „Freihandelskrieges“ unter primärer Beteiligung der US-Administration. Vielleicht doch wieder einmal ein neues „revolutionäres Subjekt“, nun das eines amerikanische Krypto-Sozialismus?
Das in derart beißenden Paradoxien des linken Krisenbewusstseins zu sich kommende Scheitern eines postmodernisierten Restmarxismus an dem eigenen bürgerlichen Urvertrauen hat längst jede theoretische Glaubwürdigkeit verloren. „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“ ist zur letzten Parole einer besinnungslos in den Abgrund taumelnden Weltgesellschaft geworden, die auch aus allen Gassen der abgerüsteten „Gesellschaftskritik“ schallt. Weil die fundamentale Entwertung aber den Umschlag in den entgegengesetzten Pol im Sinne einer distinkten Neupositionierung verunmöglicht, existiert in der barbarischen Immanenz spätpostmoderner Notstandsverwaltung kein tragfähiger Standpunkt mehr und so erstarrt die Linke zum leibhaftigen Widerspruch des sich zwangsläufig Ausschließenden. Das Antideutschtum kippt in den Antiimperialismus um und andersrum, ohne dass sich daraus jedoch eine neue Perspektive ergeben könne, weshalb der scheinbare Gegensatz frühostmoderner Ideologiebildung verwildert und die Melange jener gänzlichen Unbestimmtheit hervorgebracht hat, die sich seither als „antinational“ inszeniert. Das Bündnis von „Interventionistischer Linke“, „Ums Ganze“ und „TOP Berlin“ ist das letzte Refugium eines bedeutungslos gewordenen Postmarxismus in der späten Postmoderne, in dem ehemalige Antideutsche und AntiimperialistInnen inzwischen herzallerliebst gemeinsam Politik betreiben.
Nun findet die Verwilderung der spätpostmodernen Linken aber just in dem Moment statt, in dem sich mit der „postmodern-immanenten Wende“ auch das Erstarken des postmodernen Neofaschismus manifestiert. Dass den Borderlinern neofaschistischer Zerfallssubjektivität jedwede theoretische Glaubwürdigkeit schon von Vornherein abgeht, weil sie ihre Positionen gleichsam im Wochentakt verwerfen[378], ist keineswegs eine Gewähr dafür, sich als Linke/r schon immer auf der „richtigen Seite“ zu wähnen; wie nicht zuletzt die antinationale Diffusität versinnbildlicht. Zumindest dort, wo noch nicht jeder Wahrheitsanspruch in der psychologistischen Immanenz postmoderner Beliebigkeit ertränkt worden ist, muss eine mögliche gesamtgesellschaftliche Gegenbewegung kritische Theorie am Kriterium ihrer zutreffenden oder eben unzutreffenden Analysen der gesellschaftlichen Verhältnisse bemessen, ohne das die transnationale Barbarei globaler Fetischkonstitution nicht überwunden werden kann.
Es ist daher bemerkenswert, dass sich aus dem antideutschen Spektrum eine Stellungnahme findet, welche die Metamorphosen der späten Postmoderne und das Glaubwürdigkeitsproblem kritischer Theorie explizit zur Sprache bringt. Lars Quadfasel eröffnet einen Vortrag aus dem Jahr 2018, der den Titel „Donald Trump und die Selbstzerlegung der herrschenden Klasse“ trägt, mit folgendem Satz: „Die Wahl Trumps war für mich wahrscheinlich, um Mal ausnahmsweise tatsächlich mit so persönlicher Erfahrung anzufangen, wahrscheinlich der größte politische Schock, den ich so erfahren habe, seit den Pogromen hierzulande im Jahre 1991/92…“[379] Und etwas später setzt Quadfasel hinzu: „Heute mit der Wahl Trumps habe ich eher das Gefühl, dass die Kontrastfolie, vor der Deutschland sich dann in der Kritikrichtung, aus der her ich komme, negativ hervorhob, dass diese Kontrastfolie eines zivilisierteren Kapitalismus am Bröckeln oder am Verschwinden ist.“[380]
Bemerkenswert sind diese Worte aus drei Gründen: Zum einen gesteht Quadfasel sich selbst ein theoretisches Defizit ein, dessen Untauglichkeit zur Erklärung der gegenwärtigen Situation in den USA ihn im besten Sinne stutzig werden lässt; ein außergewöhnlich selbstkritisches Verhalten, das angesichts der spätpostmodernen Verwilderung einer „antinationalen“ Linken und dem darin angelegten Zwang zur Identitätsbehauptung wahrlich eine absolute Rarität darstellt. Zum anderen formuliert Quadfasel seine Selbstzweifel zudem auf offener Bühne, was eine noch größere Redlichkeit im Umgang mit der eigenen theoretischen Position aufscheinen lässt. Darüber hinaus ist diese Aussage aber auch deshalb bemerkenswert, weil sie explizit auf das theoretische Scheitern frühpostmoderner Prämissen an der Analyse spätpostmoderner Wirklichkeit reflektiert, und sich damit von dem besinnungslosen Leerlauf identitätslogischer Selbstdementis abhebt.
„Krisis“ am Ende oder: Das Ende der wertkritischen Krisentheorie
Es mag vielleicht weniger überraschend, dafür aber umso bezeichnender sein, dass die vollständige Aufgabe der eigenen kategorialen Erkenntnisse andernorts weit weniger redlich vonstatten geht. Mit dem neuesten Traktat von Ernst Lohoff, das mit dem Titel „Die allgemeine Ware und ihre Mysterien“ überschrieben ist, hat die „Krisis“-Gruppe endgültig ihre Absage an die kategoriale Krisentheorie ratifiziert. Auch wenn hier nicht der Ort ist, eine ausführliche Kritik dieses Textes zu liefern, ist die krisentheoretische Abrüstung von „Krisis“ doch ein zu augenscheinliches Symptom für das Scheitern des Postmarxismus, dass wir uns einen kurzen Blick auf dieses Traktat nicht verkneifen wollen.
Die Preisgabe der kategorialen Krisentheorie, ja überhaupt der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ mag nun deshalb nicht verwunden, da sie sich bereits in dem Buch „Die Große Entwertung“ von Trenkle und Lohoff angekündigt hat. Doch selbst im Vergleich zu dem dort ausgebreiteten Rückfall hinter die radikale Krisentheorie eines Robert Kurz nimmt der neue Text von Lohoff eine Regression vor, die in ihrer Schamlosigkeit nicht mehr zu überbieten ist – wobei der Revisionismus der Marxschen Ökonomiekritik selbstredend nur verdruckst vollstreckt wird. Unter der Hand und ohne jeden theoretischen Ausweis nimmt Lohoff eine völlige Neubestimmung des Geld- und mit ihm des Akkumulationsbegriffs vor, die nicht nur im Widerspruch zur kategorialen Krisentheorie von Marx und erst recht „Exit“, sondern ebenso zu der selbst einmal vertretenen Position steht.
Wie erwähnt wurde der erste Schritt in diese Richtung schon in dem Text „Die große Entwertung“ gewagt, der den Marxschen Substanzbegriff eskamotiert hatte. An dieser Revision setzt nun auch das Lohoffsche Traktat an: „Anders gesagt: die gesellschaftliche Vermittlung findet über die Arbeitsprodukte und damit über die Arbeit statt (vgl. Postone 2003, S 229 ff.), und nur in diesem Sinne kann die Rede davon sein, dass die abstrakte Arbeit die Substanz des Werts bildet. Eine Substanz hat der Wert allein deshalb, weil er ein besonderes gesellschaftliches Verhältnis repräsentiert, das Verhältnis isolierter Privatproduzenten.“[381] Robert Kurz hat in seinem posthum erschienenen Werk „Geld ohne Wert“ in Rekurs auf Michael Heinrich die leicht zu erkennende Subreption nachgewiesen, die der Aufklärungsideologie als solcher und mit Michael Heinrich inzwischen auch „Krisis“ unterläuft.
Nach Lohoff soll die „Substanz des Werts“ alleine darin bestehen, dass der Wert „ein gesellschaftliches Verhältnis repräsentiert“. Damit ergeht er sich jedoch in einer astreinen contradictio in adjecto: Eine Substanz kann nicht aus einem Verhältnis gebildet werden; genauso wenig wie eine „Vermittlung“ aus sich heraus eine Substanz abgeben kann. Es handelt sich eigentlich um eine Aufgabe, die man im dialektischen Grundkurs aufgeschnappt haben sollte: Jede Vermittlung bedarf des Vermittelten, sie kann als solche nicht selbst das Vermittelte sein. Auf die Marxsche Kritik und ihre unzweideutigen Bestimmungen bezogen kann das nur heißen, dass die Kapital- und Wertform die „Substanz des Kapitals“ vermittelt und nicht etwa schon an und für sich diese Substanz ist. Lohoff konfundiert die fetischistische Form (Kapital- und Wertform) mit dem fetischistischen Inhalt („abstrakte Arbeit“), indem er letzteren der ersteren anverwandelt und damit schließlich vollends eliminiert.
Diesen basalen Fehlschluss einmal vollzogen, ist der Volkswirtschaftslehre Tür und Tor geöffnet. Und so eilt Lohoff in der unerschütterlichen Hoffnung, den Ballast Marxscher Fetischkritik restlos hinter sich zu lassen, zu jener Schwelle, deren Übertreten „Krisis“ so sehr ersehnte und sie wieder heim ins Reich einer positiven „Politischen Ökonomie“ führt. Dabei ist die Sache ausgemacht trivial: Weil „Krisis“ den Substanzbegriff fallen gelassen und den Kapitalismus in das nichtssagende Diktum eines „gesellschaftlichen Verhältnisses“ verflüchtigt hat, wohnt jedem inhärenten „Bezugsverhältnis“ der Verwertungslogik die Möglichkeit einer gelingenden Akkumulation inne. Wir dürfen über diesen wundersamen Umschlag in der „Krisis“-Theorie lesen: „Kapital ist kein Ding, sondern ein als Ding erscheinendes gesellschaftliches Verhältnis und dementsprechend ist auch seine Vermehrung Ergebnis gesellschaftlicher Beziehungen.“[382] Die „Beziehung“ stellt das Substitut für den ehemals vertretenen Substanzbegriff dar und so soll es fortan das reine „Beziehungsverhältnis“ sein, das eine „Vermehrung“ von „Kapital“ stiftet – womit „Krisis“ inzwischen, entgegen aller Beteuerungen, stramm gen Heinrich und „Neue Marxlektüre“ marschiert. Natürlich handelt es sich hierbei um einen groben Unsinn: Die „Vermehrung“ des Kapitals ist kein Produkt „gesellschaftlicher Beziehungen“, sondern der Verausgabung „abstrakter Arbeit“ als „Substanz“ des Kapitals. Der Kauf der Ware Arbeitskraft ist die einzige „gesellschaftliche Beziehung“, die eine „Vermehrung des Kapitals“ zustande bringen kann und zwar nicht, wie Lohoff meint, ihres Charakters als „Beziehung“ wegen, sondern weil in ihr die Verausgabung „abstrakter Arbeit“ statt hat.
Für den wertkritischen Theoriehandwerker ist hingegen „gesellschaftliche Beziehung“ gleich „gesellschaftliche Beziehung“; in der Tat der Tiefpunkt androzentrischer Identitätslogik, die alles unter einen Leisten schlägt und die differentia specifica der verschiedenen Beziehungsformen ausradiert hat. Es ist buchstäblich das negierte „Abgespaltene“, das „Krisis“ wieder einholt, nun jedoch selbst in der Inhärenz androzentrischer Ökonomiekritik, die alles in einen Topf wirft und damit dem Kriterium der Differenzierung verlustig geht.
Weil sie die von Roswitha Scholz entwickelte „Abspaltungstheorie“ und die in ihr involvierte Kritik androzentrischer Ableitungslogik grundlegend verwarfen, landet das wertkritische Abrissunternehmen an der kategorialen Krisentheorie bei einem tautologischen Palaver: Hieß es früher noch „Der Wert ist der Wert ist der Wert…“ ist davon in der Spätpostmoderne nur noch „Die Beziehung ist die Beziehung ist die Beziehung…“ übrig geblieben. Lohoff muss die Wert- und Kapitalformen in den im Ungefähren gelassenen Begriff „gesellschaftlicher Beziehungen“ umdefinieren, um auf dem Boden dieser theoretischen Unbestimmtheit den Keil in die Marxsche Krisentheorie zu treiben. Der Lohoffschen Diktion gemäß könnte genauso gut das „gesellschaftliche Verhältnis“ des Rechtssubjekts zur Staatsform oder dasjenige von LehrerInnen zu SchülerInnen eine „Vermehrung des Kapitals“ bewirken.
Getragen wird dieses Konstrukt von einer wundersamen Verwandlung des Marxschen Kapitalbegriffs auf der kategorialen Ebene. Und weil die Unvereinbarkeit des ganzen Unterfangens mit dem bisherigen Marx-Verständnis nur allzu ersichtlich ist, der Bruch mit der „Kritik der politischen Ökonomie“ auf der anderen Seite aber doch möglichst sanft vonstatten gehen soll, behauptet Lohoff einfach, seine neue Bestimmung des Kapitalbegriffs gehe auf eine mysteriöse Wandlung des Kapitalismus selbst zurück. Für „Krisis“ existieren mittlerweile nämlich zwei verschiedene „Kapitalismen“, die genau genommen gar nichts mehr miteinander zu tun haben sollen. Da gibt es einmal einen „alten Kapitalismus“, der „als selbsttragendes System der Wertverwertung“[383] hinlänglich bekannt ist; er korreliert jener Verwertungslogik, welcher „Krisis“ in ihrer frühpostmodernen Theorie noch eine „innere Schranke“ diagnostizierte.
Doch diese Variante des Kapitalismus hat für „Krisis“ an Plausibilität verloren: Wäre er seit den 1980er Jahren in einer ernsthaften Krise gewesen, hätte der Kapitalismus Lohoffs Selbstverständnis nach unverzüglich in dem Moment kollabieren müssen, als er selbst sich in den 1990er Jahren aus wohl eher zufälligem Anlass mit „radikaler Krisentheorie“ zu beschäftigen begonnen hatte. Seitdem sind jedoch mehr als zwei Dekaden ins Land gegangen, der Kapitalismus nicht restlos zusammengebrochen und das „gute Leben“ noch immer nicht am Horizont zu sehen, was Lohoff in eine missliche Lage bringt: Die angebliche „Umwälzung“ des Kapitalismus, wie sie ihm seine spätpostmoderne Brille vorgaukelt, kommt ihm so gesehen sehr gelegen, immerhin hat „(d)er Wechsel der Geldware (…) dem Selbstzwecksystem der Vermehrung abstrakten Reichtums ganz neue Akkumulationsspielräume verschafft.“[384] Hat sich die Wertverwertung nicht wieder einmal als robuster herausgestellt, als man je zu hoffen gewagt hätte?
Dieser „neue Kapitalismus“ mit seinen „ganz neuen Akkumulationsspielräumen“ ist Lohoff zufolge das Produkt einer „Ablösung“[385] von dem alten Modell, das er in seiner frühpostmodernen Phase noch vor Augen hatte. In ihm kämen nun ganz andersartige Grundlagen zum Tragen, die mit dem „alten Kapitalismus“ in der Tat nichts mehr am Hut haben. Die allerneuste dieser Grundlagen besteht für „Krisis“ in einer bisher unbekannten „Geldware“, die zu allem Überfluss in keiner Weise mehr mit der Marxschen Geld- und Werttheorie zu vereinbaren ist. Die Versatzstücke an Restprodukten, die von dem Abrissunternehmen an der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ übrig geblieben sind, lassen sich schlicht nicht mehr in Lohoffs Vision eines „neuen Kapitalismus“ hineinpfropfen. Dass Marx das Geld notwendig als „Wertaufbewahrungsmittel“ herleitet, das als allgemeines Äquivalent die „abstrakte Arbeit“ repräsentiert, ist „Krisis“ ein echtes Ärgernis geworden. Über die Marxsche Herleitung des Warencharakters des Geldes und seiner Golddeckung aus seiner Repräsentanz-Funktion „abstrakter Arbeit“ heißt es: Diese „apodiktische Aussage (…) muss man allerdings relativieren.“[386] Und dass Marx eine Entsprechung für die Geldware in der Golddeckung angelegt sah, sei nicht etwa ein zwingender Bestandteil seiner Kritik des Fetischmediums gewesen, sondern „in seiner Darstellung der Vereinfachung halber“[387] geschehen. Ein ganz eigener Beitrag zur „Rekonstruktion“ der „Kritik der politischen Ökonomie“.
Indem Lohoff die notwendige Funktion des Geldes als Repräsentanz vergangener „abstrakter Arbeit“ negiert, kommt er zu einem Geldbegriff, der weder eine „Wertaufbewahrungsfunktion“ mehr kennt noch einen Warencharakter. Bedauerlicherweise ist ein Geld ohne Warencharakter und Wertaufbewahrungsfunktion aus Sicht der Marxschen Theorie aber ausgeschlossen. Um diesen offenkundigen Sachverhalt zu relativieren, geht Lohoff alsbald dazu über, die Sache mit Scheinproblemen aus der Welt zu schaffen: „Die Herleitung der Notwendigkeit einer Geldware impliziert in keiner Weise, dass sich der Kandidatenkreis auf die Gütermarktwaren beschränken würde.“[388]
Die „Notwendigkeit einer Geldware“ hat gar nichts mit dem „Kandidatenkreis“ auf dem „Gütermarkt“ zu tun, sondern resultiert aus der notwendigen Darstellung „abstrakter Arbeit“ in der Doppelung von „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“. Dass hierbei das Gold zum Fetischmedium auserkoren wurde, liegt an dessen Eigenschaft, möglichst konzentriert „abstrakte Arbeit“ zu repräsentieren und an nichts anderem. Sonst immer die Kategorie der „Vermittlung“ vor sich her tragend, verwandelt sich der reale Widerspruch von „Gebrauchswert“ und „Tauschwert“ bei Lohoff, der Konstitution durch „abstrakte Arbeit“ enthoben, in die konkretistische Spaltung von vorgeblicher „Geldware“ und „Gütermarktwaren“, die beliebig auseinanderfallen und vom wertkritischen Theoriehandwerker fortan je nach Lust und Laune in willkürlichen Kombinationen zu einer neuen „Geldware“ zusammengeschustert werden.
Die sich wohl besonders „kreativ“ dünkende Entdeckungsreise eines „Kandidatenkreises“ für diese „Geldware“ verlässt nur zu offensichtlich das Terrain Marxscher Fetischkritik, weshalb die verzweifelt bemühten Vereinnahmungsversuche von Marx bei näherer Betrachtung mehr und mehr ins Wanken geraten: „Auch wenn Marx diesen die Analyse verkomplizierenden Fall nie (!) untersucht hat, nach der inneren Logik seiner Argumentation kann die Geldware genauso gut den auf den Kapitalmärkten (!) gehandelten Waren entstammen.“[389] Das „neue Geld“ Lohoffs trifft im Marxschen Werk auf eine gähnende Absenz; was seine Legitimierung unter MarxistInnen in der Tat erschweren dürfte. Dass bei „Krisis“ die Bestimmung der Geldware mittlerweile zur Frage eines „Falles“, also einer „Tatsache“, verkommen ist, exponiert nur ihren anhaltenden wissenschaftsgläubigen Positivismus.
Der „inneren Logik“ Marxscher Wertkritik nach ist es selbstredend nicht möglich, dass das Fetischmedium zu einer „auf den Kapitalmärkten gehandelten Waren“ mutieren könne. Ein Geld, das keine „abstrakte Arbeit“ mehr repräsentiert und den Warencharakter abgelegt hat, weist keinen Bezug mehr zu Wertform und -substanz auf, kurzum: Ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das alleine ist der Grund, warum Marx diesen „Fall“ in seinem Werk „nie untersucht hat“. Doch diese Rolle übernimmt für ihn von nun an der wertkritische Theoriehandwerker auf seiner Abenteuerreise: „Das Marx’sche Konzept des Geldes als ausgesonderter allgemeiner Ware schreibt weder fest, dass unbedingt ein Edelmetall den Thron der Warenwelt innehaben muss, noch verengt es den Kandidatenkreis auf Produkte vergangener Arbeit (!).“[390] Damit wird eine neue Ware zur „Königsware“ auserkoren, die nicht mehr im Gold oder sonst einer den gesellschaftlichen Wert repräsentierenden Entität besteht; die jäh ersonnene und theoretisch unausgewiesene „neue Geldware“ findet sich ausgerechnet „auf der Aktiva-Seite der Zentralbank-Bilanz (!)“[391]. Die per Handstreich hervorgezauberte „Königsware“ verkörpert nicht mehr die Repräsentanz von Wert oder, in Krisenzeiten, einer „Entsubstanialisierung des Geldes“ (Robert Kurz), sondern soll in einem elektronischen Buchungsakt bestehen. Die Spekulation auf zukünftigen Mehrwert als felsenfeste Garantie des „neuen Kapitalismus“. Auch nicht schlecht.
Dieser Revisionismus der Marxschen Geldtheorie wurde schon im letzten Buch über den Begriff einer „Ware 2ter“ Ordnung eingeleitet. Lohoffs neue „Königsware“ hat jedoch endgültig jede „gesellschaftliche Beziehung“ zur Verwertung respektive Entwertung des Werts gekappt, was sie nahezu unangreifbar werden lässt: Die Geldtheorie von Krisis schließt eine Entwertung seiner neuen Schein-„Geldware“ kategorisch aus. Daher trachtet er auch danach, die „Entsubstantialisierung des Geldes“[392] aus dem wertkritischen Vokabular zu verbannen.
Diese eigenartige „Geldware“ eines „neuen Kapitalismus“ sei Lohoff zufolge in eine umfassendere Metamorphose der Wertverwertung eingebettet, die dem gesellschaftlichen „Fetisch“ ein anderes Antlitz verleihe. Den „alten Kapitalismus“, der ausschließlich im „Geldfetisch“ bestanden habe, konnte man mehr oder weniger noch mit Marx „enträtseln“; der „neue Kapitalismus“ habe nun aber auf den „alten Geldfetisch“ eine zweite, neue Fetischform draufgesattelt. Wir können über diese summarische Vorstellung zur Kenntnis nehmen: „Das zeitgenössische Geldsystem ist dagegen das Ergebnis der Verschränkung zweier Fetischformen, des Geldfetischs mit dem Kapitalfetisch.“[393] Wie viele weitere Fetischismen sich der „neue Kapitalismus“ mit seinen „ganz neuen Akkumulationsspielräumen“ wohl noch zulegen wird? Einige dürften es schon werden, denn die „neue Königsware“ der „Zentralbank-Bilanz“ hat schließlich „diese Krise“ des alten Kapitalismus „auch nur überwinden (!)“ und ihn nur deshalb „auf den Wachstumspfad (!) zurückfinden (!!) lassen“ können, „weil die Ablösung (!) der Kapitalvermehrung von vorgängiger Arbeitskraftvernutzung, also von vorgängiger Wertproduktion, eine ganz neue Qualität gewann. Seit den1980er-Jahren übernahm die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung die Rolle des eigentlichen (!) Wachstumsmotors (!!).“[394]
Ei, ei, ei. Den „neuen Kapitalismus“ Lohoffs kennzeichnet nicht nur ein bisher ganz unbekanntes Geld, er hat sich obendrein zu einer ganz schön kraftstrotzenden Angelegenheit gemausert! Und wem haben wir das alles zu verdanken? Dem von Lohoff jäh ersonnenen „Kapitalfetisch“. Immerhin fällt auch er unter die dialektisch raffinierte Bestimmung einer „gesellschaftlichen Beziehung“ und weil das unvermittelte „Überwinden der Krise“ durch den neuen „Wachstumspfad“ irgendwo hergekommen sein muss, fasst Lohoff einen unerhörten Gedanken: „Allerdings gibt es neben der in der marxistischen Diskussion wohlbekannten Kapitalbildung durch die Nutzung der (Mehr)wertschöpfungspotenz der Ware Arbeitskraft noch eine zweite, von der marxistischen Diskussion ausgeblendete Variante. Auch die Beziehung, die der Verkauf der Ware Geldkapital vermittelt, kann abstrakten Reichtum hervorbringen (!). Die von tatsächlicher Wertverwertung entkoppelte Kapitalbildung ist keine (!) bloß subjektive Einbildung, der Kapitalfetisch ist wie der Waren- und der Geldfetisch auch Realfetisch.“[395]
Das „fiktive Kapital“ ist gar nicht mehr so fiktiv, nein es ist ein „Realfetisch“, ergo eine „reale Kapitalbildung“. Potzblitz, was für ein Geniestreich! Ein gewitztes Ding, dieser „neue Kapitalismus“, der das einst Undenkbare vollbracht hat: Der „Verkauf der Ware Geldkapital“ ist zur Quelle einer realen Akkumulation geworden! Es bedarf schon eines beinahe infantilen Taschenspielertricks, um diese Absage an die Marxsche Wertkritik noch irgendwie theoretisch ausweisen zu wollen. Sich von der „gesamten innermarxistische(n) Debatte“[396] abgrenzend, was ihm wohl so etwas wie den Hauch der „Subversion“ verleihen soll, will Lohoff von seinem Einschwenken in den Mainstream der postmodernen Volkswirtschaftslehre ablenken, die dem „Finanzkapitalismus“ genau wie er eine Akkumulationsfähigkeit jenseits der Verausgabung „abstrakter Arbeit“ unterstellt. In Wirklichkeit ist die Abgrenzung Lohoffs von der „gesamten innermarxistischen Debatte“ nur der Vorwand dafür, neben dem „esoterischen“ nun auch den „exoterischen Marx“ mundtot zu machen, um sich möglichst reibungslos in das Gros bürgerlicher Volkswirtschaftslehren einzureihen. Es wäre eine theoretische Erniedrigung Marxens, diesem trockenen Aufguss einer stinknormalen bürgerlicher Marktideologie mit einem seiner höhnischen Zitate auf den „Garten Eden“ der bürgerlichen Zirkulation zu begegnen.
Der intellektuelle Absturz von „Krisis“ ist dem Fetischismus „fiktiver Kapitalbildung“ aufgesessen, der scheinhaften Kapitalvermehrung aus dem bloßen „Verkauf der Ware Geldkapital“. Über den „Realfetisch“ des gar nicht mehr nur „fiktiven Kapitals“ ist zu lesen: „Dass Geld auch ohne den Umweg der Vernutzung lebendiger Arbeit Geld hecken kann, ist also nicht (!!) nur eine Fehlwahrnehmung des Geldkapitalisten, der am Profit anderer partizipiert“ – nein, sie ist mittlerweile auch diejenige Lohoffs, der doch in der Tat davon ausgeht, dass der „erfolgreiche Verkauf von Aktien und Schuldtiteln und die Kreditverkettung (…) tatsächlich (!!!) eine eigene, auf Wertantizipation beruhende Form der Kapitalbildung dar(stellt). Die Kreditverkettung und das Auftreten der Waren 2ter Ordnung machen also auch den Kapitalfetisch zum Realfetisch.“[397]
Die Argumentation ist bestechend: Da es gar keine „Substanz des Kapitals“ gibt, sondern lediglich „gesellschaftliche Beziehungen“, und weil der „Wachstumsmotor“ im „neuen Kapitalismus“ in einer so ohrenbetäubenden Lautstärke vor sich hin brummt, muss an dem „fiktiven Kapital“ in der „Zentralbank-Bilanz“ doch irgendwas handfest Wertakkumulierendes dran sein. Dafür verantwortlich zeichnet sich der „Realfetisch“ des „fiktiven Kapitals“, den Lohoff in seiner früheren Theorie noch als „subjektive Einbildung“ missverstanden hatte, der ihm jetzt aber offenbart, dass die neue „Geldware“, die gar keine Ware mehr ist, „tatsächlich“ aus dem „erfolgreichen Verkauf von Aktien und Schuldtiteln“, also aus reinen Markttransaktionen heraus wieder einmal die gute alte Wachstumsmaschine angeworfen habe. Wer das eigene Publikum für so dumm verkauft, dass es die komplette Verkehrung der über Jahrzehnte vertretenen theoretischen Position in ihr schieres Gegenteil einfach so schlucken wird, hat entweder bald keines mehr oder eben dasjenige, das er verdient.
Die vollständige Revision der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ wird unterdessen zweifelsohne auch von außertheoretischen Motiven gespeist. Schon länger war bei „Krisis“ ein Verschmelzungswunsch mit der linken Praxis zu erkennen, will man doch unbedingt einmal „gesellschaftlich wirksam“ werden können – und sei es auch nur in der eigenen Phantasie. Dass mit der Eigenständigkeit kategorial-kritischer Theoriebildung auch der Wahrheitsanspruch zugunsten einer unmittelbaren Praxistauglichkeit fallen gelassen werden soll, dafür finden sich im Lohoff-Traktat erste Anzeichen. Die Theorie des neuen „Kapitalfetischs“ hat sich von der unabdingbaren Eigenleistung radikal kritischer Theorie dispensiert, weshalb er nicht mehr die Frage nach der Verselbständigung gesellschaftlicher Verhältnisse, objektiven „Daseinsformen“ (Marx) und „automatischem Subjekt“ (Marx) aufwirft, nein, Lohoff situiert seinen „Kapitalfetisch“ auf der Stufe von juristischen Eigentumsverhältnissen: „Die Trennlinie zwischen Warenpöbel und Warenkönigin verläuft hier nicht zwischen verschiedenen Waren; vielmehr hängt es davon ab, in wessen Besitz (!) sich eine Ware 2ter Ordnung befindet: ob sie eine besondere Ware ihrer Klasse bleibt oder zur allgemeinen Ware erhoben wird.“[398]
Im Lohoffschen Kapitalfetisch liegt nicht etwa der Fetischismus den Eigentumsverhältnissen als verselbständigte objektivierte Konstitution zugrunde, im Gegenteil sind es die juristischen Eigentumsverhältnisse, die den „Fetischcharakter“ des neuen Geldes herstellen. Wenn man „ohne Marx hinter Marx zurück“ will, landet man eben bei einer liberal verzerrten Kopie des Arbeiterbewegungsmarxismus. Der notorische Hang zur praktischen Anwendung der eigenen Theorieversatzstücke muss sich zwecks Anschlussfähigkeit an die linke Szene dabei keinerlei Sorgen machen; irgendein „Kandidatenkreis“ wird sich schon auftreiben lassen, der diesen lauen volkswirtschaftlichen Aufguss als neuesten Schrei spätpostmoderner Anti-Krisentheorie abfeiert. Ich würde „Krisis“ in diesem Falle ja das „antinationale“ Spektrum empfehlen, das sich um sein Geschwätz von gestern genauso wenig schert wie Lohoff und Trenkle.
Mit seiner „unerhörten“ Kreation liegt Lohoff allerdings genau auf der Linie jenes unangenehmen Zeitgenossen, der als „Selbstdenker“ von Robert Kurz als eine Facette der „faulen Dissidenz“ auf den Arm genommen worden ist: „Der Selberdenker denkt nie so weit, dass er sich in eine Sache hineingedacht hätte und sie grundsätzlich reflektieren könnte; alles steht unter dem ständigen Vorbehalt, dass ihm ja möglicherweise noch etwas ganz Anderes, Unerhörtes einfallen könnte, das er vielleicht irgendwo aus der Literatur geklaut hat…“[399] Es passt zur intellektuellen Schamlosigkeit von Lohoff, dass er einerseits immer noch behauptet, eine „Krisentheorie“ zu vertreten, auf der anderen Seite aber gegen Robert Kurz und vor allem sein letztes Werk „Geld ohne Wert“ schießt. Der identitäre Selbstbehauptungskampf einer dezidierten Anti-Krisentheorie kann nicht von der Abarbeitung an Robert Kurz ablassen. Wie sich retrospektiv herausstellt, haben Lohoff und Trenkle in ihrer Sturm- und Drangphase voreilig mit ihrem theoretischen Übervater zusammen eine auf dem Substanzbegriff gründende radikale Krisentheorie vertreten und so wird der Ablösungskampf mit harten Bandagen geführt, ohne dass Robert Kurz darauf freilich noch reagieren könnte.
Doch es kann schlicht nicht geleugnet werden: Das volkswirtschaftliche Traktat Lohoffs steht nicht nur in einem so offenkundigen Widerspruch zur Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ und erst recht zur kategorialen Krisentheorie von „Exit“, sondern auch zu seinen eigenen ehemaligen Standpunkten, dass hier jedwede theoretische Glaubwürdigkeit verloren gegangen ist. Norbert Trenkle formulierte in einem 1998 mit Robert Kurz verfassten Text mit dem Titel „Das fiktive Kapital“, der bis heute auch auf der „Krisis“-Homepage zu finden ist, noch folgenden Charakter der fiktiven Kapitalbildung: „Wenn beispielsweise als ‚Guthaben’ verbuchte ausstehende Zins- und Tilgungszahlungen von in Wirklichkeit schon fiktivem Kapital im Vorgriff auf ihren unterstellten zukünftig realen Eingang wieder beliehen und damit Konsum- oder Investitionsgüter eingekauft werden, so sind auch diese doch anscheinend ganz realen Produktionen letztlich ‚ungültig’ (!), weil die dafür verausgabten Gelder nur scheinbar (!) existieren.“[400] Hier ist die „fiktive Kapitalbildung“ inhaltlich bestimmt und klar als ein Fetischismus benannt, der zwar „ganz reale Produkte“ betrifft, aber doch keine „gültige“ Akkumulation initiieren kann. Lohoffs Versatzstücke von Theoriebildung stehen eindeutig gegen diesen ehemaligen Konsens, der die Kreierung einer „tatsächlichen“ Akkumulation aus dem „Realfetisch“ des „fiktiven Kapitals“ ebenso grundsätzlich ausschloss wie die Bestimmung des Geldes als einer „Ware 2ter Ordnung“.
War einst zumindest noch gelegentlich von „abstrakter Arbeit“, „Substanz des Kapitals“ und „innerer Schranke“ die Rede, schwadroniert man heute von „gesellschaftlicher Beziehung“, „tatsächlicher“ Akkumulation „fiktiven Kapitals“ und „Überwindung der Krise“ durch einen neuen „Wachstumsmotor“. Die Farce einer „Krisentheorie“ ist endlich im ersehnten bürgerlichen Heimathafen des volkswirtschaftlichen Hausverstands angekommen und wird als „Krisis“ das wertkritische Publikum fortan mit einer nicht gekannten Paradedisziplin beglücken: der hoffnungsfrohen Verkündung satter Akkumulationsgewinne für die mittel- bis langfristige Zukunftsperspektive. Sich in der frühpostmodernen Aufbruchsstimmung einst noch unter dem Banner einer „kategorialen Krisentheorie“ versammelnd, hängt über dem spätpostmodernen Abrissunternehmen von „Krisis“ heute nur mehr ein abgehalfterter Fetzen, auf dem als neues Motto prangt: Es lebe die „Fehlwahrnehmung des Geldkapitalisten“!
Vergegenwärtigt man/frau sich dieses Scheitern von „Krisis“ an dem eigenen Begründungsanspruch einer auf Marx aufbauenden „Kritik der politischen Ökonomie“, ist es in der Tat sehr erklärungsbedürftig, dass innerhalb des wertkritischen Spektrums im weitesten Sinne noch immer das beharrliche Bedürfnis vorherrscht, „Exit-“ und „Krisis“-Positionen miteinander irgendwie noch zu vermitteln. Dass nach der Spaltung mit der von Roswitha Scholz entwickelten „Abspaltungstheorie“ bei „Exit“ ein ganz anderer Theoriebildungsprozess an Fahrt gewonnen hat, der nicht mehr nur die Wertdimension beleuchtet, sondern mit der „gebrochenen Totalität“ auch die sozialpsychologische, kulturell-symbolische und soziale Ebene in die „kategoriale Kritik“ miteinbezog, womit der Anspruch einer Radikalisierung von Subjekt- und Ideologiekritik erhoben wurde, hätte die Divergenz beider Theoriebildungen eigentlich klar vor Augen führen müssen. Selbst für einen androzentrisch-reduktionistischen Standpunkt müsste mit dem Traktat „Die allgemeine Ware und ihre Mysterien“ nun aber vollends ersichtlich sein, dass es sich hier mittlerweile um zwei gegensätzliche Theorien mit konfligierenden Wahrheitsansprüchen handelt. Wie auch immer man/frau sich dazu positioniert, der Gegensatz als solcher ist nicht mehr vom Tisch zu wischen.
Es ist schon einigermaßen verblüffend, dass den klaren inhaltlichen Differenzen zwischen „Exit“ und „Krisis“ zum Trotz noch immer das Bestreben auszumachen ist, beide Positionen nach der Spaltung wieder miteinander zu verheiraten. So wird die „Exit“-Redaktion immer wieder mit schriftlichen Stellungnahmen traktiert, die andauernd die Ökonomiekritik bemühen, um die gegensätzliche Stellung der „kategorialen Krisentheorie“ zur „Krisis“-Position beständig zurückzunehmen, diese dann wieder zuzugestehen, aber nur, um sie im nächsten Atemzug doch wieder nivellieren zu können. Mit diesen Eingemeindungsversuchen kategorialer Krisentheorie in den identitätslogischen Leerlauf androzentrischer Ökonomiekritik könnten manche Leute gut und gerne ganze Wochenendseminare füllen, während ihnen die Abspaltungstheorie nicht ein Gespräch wert ist. Der sich im wertkritischen Kontext sedimentierende Harmoniezwang ist zweifelsohne eine besonders hartnäckige Ausgeburt androzentrischer Gruppendynamik, die zwecks Rettung des heiligen Werts noch nie um einen inhaltlichen Widerspruch verlegen war, und von „Krisis“-Seite aus fleißig befeuert wird, um die Spaltung als Produkt persönlicher Eskapaden und nicht etwa als die Konsequenz eines inhaltlichen Widerspruchs zu inszenieren.
Diesem androzentrischen Harmoniezwang ist es zu verdanken, dass sich in regelmäßigen Abständen diverse Krisis-Läuse in den Pelz der Wert-Abspaltungs-Kritik verirren. Ihr vornehmstes Unterfangen endet nach allen bisherigen Erfahrungen darin, so lange an ihm zu nagen, bis er in sich zusammenfällt. Die überfallartigen Invasionen der „Krisis“-Läuse richten sich natürlich zuvorderst gegen die „Abspaltungstheorie“, unterhöhlen mit ihr aber zugleich alle anderen tragenden Fäden des Exit-Pelzes: Aufklärungskritik, Subjektkritik und zu guter Letzt, besonders verlässlich, immer auch die Krisentheorie.
Dabei wäre es allerdings zu einseitig, die Diffusität im wertkritischen Spektrum alleine an „Krisis“ festmachen zu wollen. Es ist eine Frage der inhaltlichen Glaubwürdigkeit, wie „Exit“ sich gegenüber diesem androzentrischen Harmoniezwang verhält. So ist es aus meiner Sicht vollkommen unverständlich, dass ein Autor wie Richard Aabromeit, von Teilen der Redaktion und des Vorstands protegiert, nicht nur einen Vorstandsposten von „Exit“ einnehmen, sondern überdies den Text „Geld – ist doch klar oder?“ in einem „Exit“-Heft publizieren konnte, der sich auf allen Ebenen gegen das Werk „Geld ohne Wert“ von Robert Kurz wendet und sich zudem denunziatorische Passagen nicht verkneifen kann.
Diese wirre Pseudo-Polemik gegen Robert Kurz ist bereits erkenntnistheoretisch von der androzentrischen Identitätslogik durchsetzt, eskamotiert den Substanzbegriff, verlegt den Einschnitt der fundamentalen Krise ins 17. Jahrhundert vor und impliziert eine handlungstheoretische Auflösung der Krise durch staatliche Sanktionen. Das liegt voll auf der Linie des Lohoff-Traktats, dessen Verkürzung des Fetischbegriffs auf Besitzverhältnisse auch schon nach dem Staat und dessen Eingriffen in das Eigentum schielt. Insofern ist es nur ebenso konsequent wie peinlich für „Exit“, dass Aabromeit in der Zwischenzeit für „Krisis“ publiziert. Dafür sind wir aber endlich nicht mehr dem nervenaufreibenden Treiben ausgesetzt, uns in periodischer Wiederkehr der revisionistischen Versessenheit widmen zu müssen, die in jedem Text mindestens einen elementaren Bestandteil der „kategorialen Kritik“ so lange ins Unbestimmte zerren und anschließend endgültig entfernen wollte, bis ihr innerer Zusammenhang zur Unkenntlichkeit entstellt ist.
So sehr auch der Zerfallsprozess „warenproduzierend-patriarchaler“ Vergesellschaftung von sich aus dazu drängt, dass „kategoriale Kritik“ in einer gesamtgesellschaftlichen Gegenbewegung Anklang findet, sie wird zum Scheitern verurteilt sein, wenn sie nicht dazu imstande ist, die Distanz zur linken Bewegung auch weiterhin zu wahren. Ihre Bedeutung liegt ausschließlich in ihrem konkreten Inhalt und seinem negativen Wahrheitsanspruch, nicht in der Quantität ihrer Texte, der Verbreitung ihrer Rezeption oder der Verallgemeinerung ihres Bekanntheitsgrades; geht „kategorialer Kritik“ die Eigenständigkeit der Theorie abhanden, wird sie die gedankliche Transzendierung der globalen Krisenbarbarei preisgeben müssen und damit ganz und gar in der Bedeutungslosigkeit versinken. Es mag dies für den auf die unmittelbare Praxis geeichten linken Alltagsverstand, der das Scheitern seines eigenen Wahrheitsanspruchs schon von Vornherein einpreist, viel zu wenig, ja eigentlich nichts sein; vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Wucht des spätpostmodernen Psychologismus und seiner überwältigenden Inhaltsvernichtung steht „kategoriale Kritik“ damit in Wahrheit vor einer Herkulesaufgabe.
[1] Roswitha Scholz, Editorial, in: Exit-Heft 17, 2020.
[2] Roswitha Scholz, Leni Wissen, Herbert Böttcher, Mail an Redaktion und Vorstand vom 01.05.2019.
[3] A.a.O.
[4] A.a.O.
[5] Claus Peter Ortlieb, Mail an die Redaktion vom 03.05.2019.
[6] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 07.06.2019.
[7] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[8] Dieser Artikel wird aus Gründen der Dokumentation der Exit-Spaltung im Anhang zum ersten Mal veröffentlicht.
[9] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[10] Robert Kurz, Die Revolution der Nettigkeit, 2004, auf: https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=30&posnr=442&backtext1=text1.php.
[11] A.a.O.
[12] A.a.O.
[13] Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Studienausgabe in zehn Bänden, 2003, S.98.
[14] A.a.O.
[15] Robert Kurz, Faule Dissidenz, in: Exit-Heft 14, Angermünde, 2017, S.87.
[16] A.a.O.
[17] A.a.O.
[18] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[19] Herbert Böttcher, Mail an den Beirat vom 29.05.2019.
[20] Roswitha Scholz, Die Demokratie frisst immer noch ihre Kinder, in Exit-Heft 16, 2019, S. 56.
[21] Robert Kurz, Die Revolution der Nettigkeit.
[22] Sigmund Freud, Das Unbewusste, in: Studienausgabe in zehn Bänden, 2001, S.160.
[23] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[24] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.88.
[25] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 07.06.2019.
[26] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[27] David Riesman, Die einsame Masse, 1956, S.29.
[28] Roswitha Scholz, ‚Die Demokratie frisst immer noch ihre Kinder’ – heute erst recht!, in: Exit-Heft 16, Springe, 2019.
[29] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.94.
[30] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 29.05.2019.
[31] Patrice Schlauch, Vorgekautes, 2020, auf: https://fractura.online/vorgekautes/.
[32] Herbert Böttcher, Mail an den Beirat vom 29.05.2019
[33] Herbert Böttcher, Mail an den Beirat vom 29.05.2019.
[34] A.a.O.
[35] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 12.06.2019.
[36] Robert Kurz, Die Revolution der Nettigkeit, auf: https://www.exit-online.org/die-revolution-der-nettigkeit/.
[37] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[38] Robert Kurz, Revolution der Nettigkeit.
[39] A.a.O.
[40] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[41] Es stellt sich an dieser Stelle auch die Frage, inwieweit sich dieses Kastrationsproblem auf die weibliche Psyche erstreckt. Dass die Konfliktunfähigkeit auch in ihr ein zentrales Merkmal der Präödipalität abgibt, ist gewiss. Nur wie sie sich herstellt und inwiefern sie überhaupt mit der Kastrationsproblematik zusammenhängt, bedarf einer sorgfältigen Analyse, die erst noch zu leisten wäre.
[42] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[43] Herbert Böttcher, Mail an den Beirat vom 29.05.2019.
[44] Roswitha Scholz, Mail an Heiko Gebauer vom 21.05.2019.
[45] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[46] Roswitha Scholz, Exit – nun sag, wie hältst du’s mit der Religion?- Eine Klarstellung, 2021, auf: https://www.exit-online.org/exit-nun-sag-wie-haeltst-dus-mit-der-religion-eine-klarstellung/.
[47] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.260.
[48] Mail an den Beirat vom 29.05.2019, verfasst von einem langjährigen Mitglied in den internen Gremien von Exit.
[49] Vgl. dazu: Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[50] Von unserer Seite aus muss selbstkritisch vermerkt werden, dass wir damals diesen Text als „Konsens“ mitgetragen haben, um wenigstens ein kleines Gegengewicht gegen „Geld – ist doch klar, oder?“ im Heft unterzubekommen. Die eklektizistische Aneignung unserer Inhalte hätte schon damals mit einer eindeutigen Absage beschieden werden sollen.
[51] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[52] Herbert Böttcher, Mail an den Beirat vom 28.05.2019.
[53] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[54] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[55] Robert Kurz, Die Revolution der Nettigkeit.
[56] A.a.O.
[57] A.a.O.
[58] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 07.06.2019.
[59] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[60] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[61] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[62] Daniel Späth, Zum Scheitern verurteilt, 2019. Dieser Text ist hier ebenfalls aus dokumentarischen Gründen erstmalig publiziert worden.
[63] Dieses Zitat war in der entsprechenden Stellungnahme von Aabromeit nur für die Redaktions- und Vorstandsmitglieder einsehbar.
[64] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 06.07.2019.
[65] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 07.06.2019.
[66] Sigmund Freud, Die Verdrängung, in: Studienausgabe in zehn Bänden, 2001, S.114.
[67] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.260.
[68] https://www.palim-psao.fr/2017/12/wert-abspaltung-geschlecht-und-krise-des-kapitalismus.interview-von-clara-navarro-ruiz-mit-roswitha-scholz.html.
[69] Roswitha Scholz, Interview, 2017, auf: https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=30&posnr=572&backtext1=text1.php, 2017.
[70] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[71] Thomas Meyer, Wertkritik als Mogelpackung, 2020, auf: https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=45&posnr=594&backtext1=text1.php.
[72] Roswitha Scholz, Interview.
[73] Vgl. Daniel Späth, Exit aus der Wert-Abspaltungs-Kritik oder die Zombifizierung radikaler Gesellschaftskritik.
[74] Claus Peter Ortlieb, Mail an Redaktion vom 03.05.2019.
[75] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 15.11.2019.
[76] Leni Wissen, Mail an den Beirat vom 24.05.2019.
[77] A.a.O.
[78] Patrice Schlauch, Vorgekautes.
[79] Roswitha Scholz, Der Kapitalismus, die Krise… die Couch – und der Verfall des kapitalistischen Patriarchats, in: Exit-Heft 17, Springe, 2020, S.72 und S.78.
[80] A.a.O., S.46.
[81] https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=12&posnr=910.
[82] https://www.exit-online.org/link.php?tabelle=autoren&posnr=321.
[83] Roswitha Scholz, Das Ende der Postmoderne und der Aufstieg neuer (Pseudo-)Realismen, in: Exit-Heft 15, Springe, 2018, S.78.
[84] A.a.O., S.76.
[85] Herbert Böttcher, Hilft in der Krise nur noch beten? Zur philosophischen Flucht in paulinischen Messianismus, in: Exit-Heft 16, Springe, 2020, S.92.
[86] A.a.O., S.96.
[87] Alle Zitate A.a.O., S.98.
[88] A.a.O., S.111.
[89] A.a.O., S.114.
[90] A.a.O., S.160.
[91] A.a.O., S.144.
[92] A.a.O., S.147.
[93] A.a.O., S.157.
[94] A.a.O., S.158.
[95] A.a.O., S.118.
[96] Herbert Böttcher, Weltvernichtung als Selbstvernichtung – Was im Anschluss an Walter Benjamin ‚zu denken’ gibt, Exit-Heft 20, Springe, 2023, S.168.
[97] A.a.O., S.196.
[98] A.a.O.
[99] Herbert Böttcher, Hilft in der Krise nur noch beten? Zur philosophischen Flucht in paulinischen Messianismus, S.171/172.
[100] In ihrem Text Intersektionalität und Diversität in der altlinken Sackgasse wird die „Darstellung“ expressis verbis an Roldán Mendivil/Sarbo und Stögner in Kapitel 4.1.1. versetzt, während die „Kritik“ daran im folgenden Kapitel 4.1.2. in bekannter Weise abgehandelt wird. Vgl. dazu: exit-online.org/wp-content/uploads/2025/05/Scholz-Intersktionalismus_final.pdf.
[101] Roswitha Scholz, Das Ende der Postmoderne und der Aufstieg neuer (Pseudo-)Realismen, S.56.
[102] Roswitha Scholz, Der Kapitalismus, die Krise… die Couch – und der Verfall des kapitalistischen Patriarchats, S.77.
[103] A.a.O., S.68.
[104] A.a.O., S.71.
[105] A.a.O., S.46.
[106] A.a.O., S.57.
[107] A.a.O., S.58.
[108] A.a.O., S.57.
[109] A.a.O., S.65.
[110] A.a.O., S.70.
[111] A.a.O., S.71.
[112] A.a.O., S.85.
[113] Roswitha Scholz, Das Ende der Postmoderne und der Aufstieg neuer (Pseudo-)Realismen, S.59f.
[114] https://www.zdf.de/nachrichten/thema/zdf-investigativ-100.html.
[115] https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=0&posnr=769.
[116] A.a.O.
[117] https://exit-online.org/pdf/Meyer_Wirtschaftsdemokratie_11_3_2023_HP.pdf.
[118] https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=119&posnr=801.
[119] https://www.exit-online.org/its-the-class-stupid-deklassierung-degradierung-und-die-renaissance-des-klassenbegriffs/.
[120] https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=45&posnr=659&backtext1=text1.php.
[121] https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=45&posnr=659&backtext1=text1.php.
[122] https://www.exit-online.org/link.php?tabelle=aktuelles&posnr=469#d.
[123] Vgl. den entsprechenden Abschnitt in: Daniel Späth, Dialektik und Geschichte.
[124] Thomas Ebermann, Rainer Trampert, Die Offenbarung der Propheten, Hamburg, 1995.
[125] https://www.exit-online.org/?s=Spende.
[126] Jörg Ulrich, Gott in Gesellschaft der Gesellschaft, in: Exit-Heft 2, Bad Honnef, 2005, S.24.
[127] A.a.O., S.26.
[128] A.a.O., S.48.
[129] A.a.O., S.50
[130] A.a.O.
[131] Gerold Wallner, Die Leute der Geschichte, in: Exit-Heft 3, Bad Honnef, 2006, S.22.
[132] A.a.O., S.35f.
[133] https://www.exit-online.org/wie-es-mit-den-leuten-der-geschichte-weitergeht/.
[134] Gerold Wallner, Die Leute der Geschichte, S.35.
[135] Leopold von Ranke, Über die Epochen der neueren Geschichte, S.9, in: Über die Epochen der Geschichte, Hamburg, 1854.
[136] Daniel Späth, Form- und Ideologiekritik der frühen hegelschen Systeme II, in: Exit-Heft 12, Angermünde, 2014.
[137] Wilhelm Dilthey, Die Entstehung der Hermeneutik, S.55, in: G.Reiß (Hg.), Materialien zur Ideologiegeschichte der deutschen Literaturwissenschaft, Bd 1., Tübingen, 1973.
[138] Wilhelm Dilthey, Einleitung in die Geisteswissenschaften, Stuttgart, 1990, S.104.
[139] Jörg Ulrich, Gott in Gesellschaft der Gesellschaft, S.26.
[140] Gerold Wallner, Die Leute der Geschichte, S.42.
[141] Jörg Ulrich, Gott in Gesellschaft der Gesellschaft, S.24, Fußnote.
[142] https://www.exit-online.org/der-mensch-und-die-leute-und-die-religion-und-der-kapitalismus-und-so-weiter/.
[143] https://www.exit-online.org/geschichte-als-aporie-zweite-folge/.
[144] Jörg Ulrich, Gott in Gesellschaft der Gesellschaft, S.61f.
[145] https://www.exit-online.org/geschichte-als-aporie-dritte-folge/.
[146] Diese Intervention ist aus dokumentarischen Gründen des Exit-Konflikts im Anhang erstmalig publiziert worden.
[147] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, in: Exit-Heft 17, Angermünde, 2017, S.276.
[148] A.a.O., S.246.
[149] A.a.O., S.243.
[150] A.a.O., S.244.
[151] A.a.O., S.243.
[152] A.a.O., S.245.
[153] A.a.O., S.244f.
[154] A.a.O. S.260.
[155] Herbert Böttcher, Weltvernichtung als Selbstvernichtung – Was im Anschluss an Walter Benjamin ‚zu denken’ gibt, in: Exit-Heft 20, Springe, 2023, S.187f.
[156] A.a.O., S.191.
[157] http://archiv.oekumenisches-netz.de/11-07-boettcher.pdf.
[158] Herbert Böttcher, Weltvernichtung als Selbstvernichtung – Was im Anschluss an Walter Benjamin ‚zu denken’ gibt, S.192.
[159] A.a.O., S.191.
[160] A.a.O., S.200.
[161] A.a.O., S.191.
[162] A.a.O., S.200.
[163] A.a.O., S.198.
[164] A.a.O., S.200.
[165] Mail von Roswitha Scholz an den Beirat vom 19.05.2019.
[166] https://www.palim-psao.fr/2017/12/wert-abspaltung-geschlecht-und-krise-des-kapitalismus.interview-von-clara-navarro-ruiz-mit-roswitha-scholz.html.
[167] Robert Kurz, Faule Dissidenz, in: Exit-Heft 14, Angermünde, 2017, S.83.
[168] Herbert Böttcher, Auf dem Weg zur unternehmerischen Kirche, Würzburg, 2022, S.50.
[169] Herbert Böttcher, Hilft in der Krise nur noch beten? Zur philosophischen Flucht in paulinischen Messianismus, S.159.
[170] A.a.O.
[171] Herbert Böttcher, Weltvernichtung als Selbstvernichtung – Was im Anschluss an Walter Benjamin ‚zu denken’ gibt, S.189.
[172] https://www.exit-online.org/der-heilige-josef-seine-verehrung-und-das-arbeitsame-patriarchat-der-neuzeit/.
[173] Roswitha Scholz, Exit – nun sag, wie hältst du’s mit der Religion?- Eine Klarstellung, 2021, auf: https://www.exit-online.org/exit-nun-sag-wie-haeltst-dus-mit-der-religion-eine-klarstellung/. Alle folgenden Zitate sind dem Artikel entnommen.
[174] Roswitha Scholz, Das Ende der Postmoderne, S.74.
[175] A.a.O., S.65.
[176] https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=0&posnr=770.
[177] Herbert Böttcher, Die unternehmerische Kirche, S.121.
[178] A.a.O., S.124.
[179] Herbert Böttcher, Auf dem Weg zu einer ‚unternehmerischen Kirche’ im Anschluss an die abstürzende (Post-)Moderne, in: Exit-Heft 17, Springe, 2020, S.232.
[180] Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main, 2006, S.110.
[181]https://www.exit-online.org/an-corona-und-am-kapitalismus-vorbei-anmerkungen-zu-corona-und-die-kirchen-eine-kritik/.
[182] A.a.O.
[183] Roswitha Scholz, Das Ende der Postmoderne und der Aufstieg neuer (Pseudo-)Realismen, A.a.O., S.89.
[184] A.a.O., S.96.
[185] A.a.O., S.97.
[186] A.a.O., S.96.
[187] A.a.O., S.106.
[188] A.a.O., S.102.
[189] Daniel Späth, Form- und Ideologiekritik der frühen hegelschen Systeme II, in: Exit-Heft 12, Angermünde, 2014.
[190] https://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise/.
[191] Auch der Text Zum Scheitern verurteilt, der im Zuge der Exit-Spaltung seinerseits inhaltlos an der Publikation gehindert wurde, ist im Anhang aus dokumentarischen Gründen publiziert worden.
[192] https://www.krisis.org/wp-content/data/krisis_2_2018-Lohoff-Die_allgemeine_Ware_und_ihre_Mysterien_web.pdf, S.38.
[193] A.a.O., S.7.
[194] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.295.
[195] Vgl. dazu: Daniel Späth, Dialektik und Geschichte.
[196] Tomasz Konicz, Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft, Hamburg, 2016.
[197] A.a.O., S.102, Fußnote.
[198] A.a.O., S.111.
[199] A.a.O., S.119.
[200] A.a.O.
[201] A.a.O.
[202] A.a.O.
[203] A.a.O., S.112.
[204] A.a.O.
[205] Robert Kurz, Geld ohne Wert, Berlin, 2012, S.310.
[206] A.a.O., S.112.
[207] Robert Kurz, Geld ohne Wert, S.309.
[208] Tomasz Konicz, Kapitalkollaps, S.114.
[209] A.a.O., S.39.
[210] A.a.O., S.30.
[211] Tomasz Konicz, Kapitalkollaps, S.102, Fußnote.
[212] https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Marx/mar_k101.html.
[213] A.a.O.
[214] Tomasz Konicz, Kapitalkollaps, S.108.
[215] A.a.O.
[216] Robert Kurz, Geld ohne Wert, S.312.
[217] Tomasz Konicz, Kapitalkollaps, S.111.
[218] A.a.O., S.125.
[219] A.a.O., S.125f.
[220] So heißt es am Ende der Einleitung des Buches: „Ich danke ‚Thomas Meyer’ für all die solidarische Kritik, mit der er die Abfassung dieses Buches begleitet hat“ (A.a.O., S.10).
[221] A.a.O., S.115.
[222] Dieses und das nächste Zitat: A.a.O., S.130.
[223] https://exit-online.org/pdf/Roswitha_Scholz_Marxismus_Feminismus.pdf.
[224] So in besagtem Artikel Querfront allerorten! im Exit-Heft 14 sowie in den Grundrissen zur Kritik des Politikfetischs auf der fractura-Homepage.
[225] Roswitha Scholz, ‚Die Demokratie frisst immer noch ihre Kinder’ – heute erst recht!, in: Exit-Heft 16, Springe, 2019, S.30. Kommasetzung aus dem Original übernommen.
[226] A.a.O., S.51f.
[227] A.a.O., S.52.
[228] A.a.O., S.54.
[229] A.a.O.
[230] A.a.O., S.52.
[231] A.a.O., S.57.
[232] A.a.O., S.54.
[233] Roswitha Scholz, Mail an den Beirat vom 19.05.2019.
[234] https://www.exit-online.org/gesellschaftliche-naturkatastrophen-und-die-neue-klimaschutzbewegung/.
[235] https://www.exit-online.org/zwischen-selbstbezueglichkeit-und-solidaritaet-corona-in-der-leere-des-kapitalismus/.
[236] A.a.O.
[237] Vgl. Daniel Späth, Grundrisse zur Kritik des Politikfetischs auf der fractura-Homepage.
[238] https://www.exit-online.org/druck.php?tabelle=autoren&posnr=602.
[239] Vgl. zum Verhältnis von Legalismus und Legitimismus: Daniel Späth, Grundrisse zur Kritik des Politikfetischs.
[240] https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=39&posnr=742.
[241] https://www.exit-online.org/zur-diskussion-um-corona/.
[242] https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=aktuelles&index=0&posnr=735.
[243] https://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=theoriezeitschrift&index=0&posnr=69.
[244] Robert Kurz, Faule Dissidenz, in: Exit-Heft 14, Angermünde, 2017, S.88.
[245] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.87f.
[246] Siehe: Daniel Späth, Das Regiment der Unbestimmtheit.
[247] Dieses und die folgenden Zitate sind einer Mail von mir an die Redaktion vom 04.05.2019 entnommen.
[248] Richard Aabromeit, Geld- ist doch klar, oder?, in: Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft, Angermünde, 2017, S.248/249.
[249] A.a.O., S.242.
[250] A.a.O., S.249.
[251] Robert Kurz, Blutige Vernunft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte, Bad Honnef, 2014, S.76.
[252] A.a.O.
[253] A.a.O., S.77.
[254] Geld – ist doch klar, oder?, S.241.
[255] A.a.O., S.243.
[256] A.a.O.
[257] A.a.O., S.246.
[258] A.a.O.
[259] A.a.O.
[260] A.a.O.
[261] A.a.O
[262] A.a.O., S.243.
[263] A.a.O., S.244.
[264] Robert Kurz, Geld ohne Wert. Grundrisse zu einer Transformation der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin, 2012, S.301.
[265] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.242.
[266] A.a.O., S.246.
[267] A.a.O., S.248.
[268] A.a.O., S.243.
[269] A.a.O., S.284.
[270] A.a.O., S.283.
[271] A.a.O., S.282.
[272] A.a.O., S.283.
[273] A.a.O., S.243.
[274] A.a.O.
[275] Barbara Tuchmann, Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert, München, 2010, S.372.
[276] A.a.O., Vorwort.
[277] Jürgen Kuczynski, Einige Überlegungen über die Rolle der Natur in der Gesellschaft anlässlich der Lektüre von Abels Buch über Wüstungen, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1963 / III, S. 284-297.
[278] Geld – ist doch klar, oder?, S.248.
[279] A.a.O., S.256.
[280] A.a.O., S.257.
[281] A.a.O., S.268.
[282] A.a.O., S.262.
[283] A.a.O., S.269.
[284] A.a.O., S.262.
[285] A.a.O., S.273.
[286] A.a.O.
[287] A.a.O., S.275.
[288] A.a.O., S.273.
[289] A.a.O., S.272.
[290] A.a.O., S.244f.
[291] A.a.O., S.276.
[292] A.a.O., S.273.
[293] Robert Kurz, Faule Dissidenz. Merkmale eines Syndroms destruktiver Opposition in der kritischen Theorie, in: Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 14, Angermünde, 20017, S.73.
[294] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.273.
[295] A.a.O., S.284.
[296] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.77.
[297] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.293.
[298] A.a.O., S.273.
[299] A.a.O.
[300] vgl. Robert Kurz, Negative Ontologie, in: Blutige Vernunft. Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte.
[301] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.271.
[302] A.a.O., S.281.
[303] A.a.O.
[304] A.a.O., S.263.
[305] A.a.O.
[306] A.a.O. S.260.
[307] A.a.O., S.245.
[308] A.a.O., S.284.
[309] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.79.
[310] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.297.
[311] A.a.O., S.281.
[312] A.a.O., S.283.
[313] Robert Kurz, Faule Dissidenz, S.75.
[314] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.282.
[315] vgl. dazu die Standard-Literatur: Geoffrey Parker, Die militärische Revolution, Frankfurt am Main, 1990; Werner Sombart, Krieg und Kapitalismus, Dresden, 2014; Karl Georg Zinn, Kanonen und Pest, Opladen, 1989.
[316] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.296.
[317] A.a.O., S.294.
[318] A.a.O., S.296f.
[319] A.a.O., S.297.
[320] A.a.O.
[321] Knut Görich, Geld und honor, in: Formen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter (Hg. Gerd Althoff), Stuttgart, 2001, S.178.
[322] A.a.O., S.187.
[323] A.a.O., S.191.
[324] A.a.O., S.179.
[325] A.a.O., S.179f.
[326] A.a.O., S.182.
[327] A.a.O., S.200.
[328] A.a.O., S.186.
[329] A.a.O., S.178.
[330] A.a.O., S.183f.
[331] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.288.
[332] A.a.O., S.295.
[333] A.a.O.
[334] A.a.O.
[335] A.a.O., S.296.
[336] A.a.O.
[337] A.a.O.
[338] A.a.O.
[339] Daniel Späth, Das Elend der Aufklärung, Teil 1: Transzendentalität und Zirkulationssubjektivität, in: Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 8, Berlin 2011.
[340] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.288.
[341] A.a.O., S.240.
[342] A.a.O.
[343] A.a.O.
[344] A.aO.
[345] A.a.O., S.288.
[346] A.a.O., S.288.
[347] A.a.O., S.289.
[348] A.a.O.
[349] A.a.O.
[350] A.a.O., S.290.
[351] A.a.O.
[352] A.a.O.
[353] Robert Kurz, Geld ohne Wert, S.197.
[354] vgl. dazu Daniel Späth, Querfront allerorten, S.101ff., in: Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft 14, Angermünde, 2017.
[355] Karl Marx, Zur Judenfrage, MEW 1, Berlin, 1958, S.369.
[356] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.290.
[357] Robert Kurz, Geld ohne Wert, S.213.
[358] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.297.
[359] A.a.O., S.291.
[360] A.a.O., S.296.
[361] A.a.O.
[362] A.a.O., S.240.
[363] Robert Kurz, Geld ohne Wert, S.193.
[364] A.a.O., S.212.
[365] A.a.O., S.210
[366] A.a.O., S.211.
[367] A.a.O.,S.206.
[368] A.a.O., S.210
[369] A.a.O.
[370] A.a.O.
[371] Richard Aabromeit, Geld – ist doch klar, oder?, S.296.
[372] Vgl. zur postmodern-immanenten Wende auf der Ebene objektivierter Fetischkonstitution wie derjenigen der Ideologiebildung: Daniel Späth, „Querfront allerorten!“, in: Exit Nr.14 (2007).
[373] http://redaktion-bahamas.org/aktuell/2018/09/10/den-ganzen-ballast-einer-missglueckten-geschichte-abwerfen/.
[374] https://www.youtube.com/watch?v=jpJxwUHNWjY, 1,23,30.
[375] https://twitter.com/AlexanderSNeu/status/1075424103547449346.
[376] Clemens Nachtmann, Vom Altern antideutscher Kritik, in: Bahamas 62 (2011), S. 71.
[377] https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081836.handelskrieg-mit-den-usa-kriegsende-in-sichtweite.html.
[378] Vgl. dazu ausführlich: Daniel Späth, „Querfront allerorten!“, in: Exit Nr.14 (2007).
[379] https://www.youtube.com/watch?v=8kNlCoPE6FQ, gleich zu Beginn des Vortrages.
[380] A.a.O., ab: 0,38 Min.
[381] http://www.krisis.org/wp-content/data/krisis_2_2018-Lohoff-Die_allgemeine_Ware_und_ihre_Mysterien_web.pdf, S.21.
[382] A.a.O., S.29.
[383] A.a.O. S.7.
[384] A.a.O., S.39.
[385] A.a.O., S.8.
[386] A.a.O., S.42.
[387] A.a.O., S.24.
[388] A.a.O., S.25.
[389] A.a.O.
[390] A.a.O., S.8.
[391] A.a.O., S.38.
[392] A.a.O., S.8/9.
[393] A.a.O., S.36.
[394] A.a.O., S.7.
[395] A.a.O., S.29f.
[396] A.a.O., S.10.
[397] A.a.O., S.31.
[398] A.a.O., S.38.
[399] Robert Kurz, Faule Dissidenz, in: Exit Nr.14 (2017), S.75.
[400] https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&index=6&posnr=130&backtext1=text1.php.